WissZeitVG: Die Zukunft der Wissenschaft vs. die Zukunft der Wissenschaftler:innen?

wbg Redaktion • 13 Januar 2021

WissZeitVG: Die Zukunft der Wissenschaft vs. die Zukunft der Wissenschaftler:innen?


Das deutsche Hochschulsystem und die es zum Großteil finanzierenden Fördergeber (wie Stiftungen, Bund und Länder) werden heute von Entscheidungsträger:innen gestaltet, deren eigene Hochschulausbildung noch sehr anders war. Eine durch Grundfinanzierung und volle Mitarbeiter:innenstellen geprägte Universität gibt es nicht mehr: Das Verhältnis von Grund- und Drittmittelfinanzierung hat sich seit Mitte der 1990er Jahre umgekehrt. Projektfinanzierung mit Kurz- und Teilzeitverträgen ist die neue Norm im Wissenschaftsbetrieb – zumindest für den Mittelbau, also die examinierte und graduierte Belegschaft in Forschung und Lehre, die es noch auf keine der raren Lebenszeit-Professuren geschafft hat. Der Mittelbau sitzt fast vollständig auf befristeten Stellen, obwohl er mit Abstand die größte Gruppe im Hochschulwesen ausmacht und vielfach Daueraufgaben leistet. Allein zwischen 2005 und 2015 stieg die Zahl der befristet beschäftigten akademischen Mitarbeiter:innen um knapp 60 Prozent; die Zahl der unbefristet beschäftigten Professor:innen dagegen nur um knapp 18 Prozent. Daher ist die Befristungsquote in der Wissenschaft deutlich höher als in anderen Branchen: 7,4 Prozent in der Wirtschaft stehen der Wissenschaft mit 78 Prozent befristetem Personal gegenüber. Es scheint daher an der Zeit, das diese unangemessenen Befristungspraktiken überhaupt erst ermöglichende Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) einer Revision zu unterziehen. Denn dieses Gesetz gesteht den Universitäten ein Sonderbefristungsrecht zu, das für den Mittelbau schlechte Arbeitsbedingungen provoziert und bis in die Qualität der Forschungsergebnisse wirkt.

Dabei ist eines klar: Kurzzeitverträge stehen nicht nur mit einer nachhaltigen und innovativen Forschung in krassem Konflikt, sondern auch mit einer sozialverträglichen Familienplanung. Bislang fehlte es dem Mittelbau deutscher Hochschulen oft an einer öffentlichkeitswirksamen Kommunikation seiner meist prekären Beschäftigungsverhältnisse. Geändert haben das allerdings die Philosophin Dr. Amrei Bahr (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf), die Literaturwissenschaftlerin PD Dr. Kristin Eichhorn (Universität Paderborn) und der Historiker Dr. Sebastian Kubon (Universität Hamburg). Der von ihnen initiierte Twitter-Hashtag #95vsWissZeitVG trifft den Nerv der Zeit und sorgt für einen Aufschrei in der digitalen Wissenschaftscommunity. Dies zeigt: Der wissenschaftliche Mittelbau hat es offenbar satt, das System zu tragen, das ihn nach spätestens 12 Jahren – so will es das WissZeitVG – vor die Türe setzt.

Die wbg hat mit den drei Forscher:innen über die Lage an deutschen Hochschulen gesprochen; moderiert wird das Gespräch von Dr. Marcus Willand.



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Dr. Amrei Bahr ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und forscht zur Kopierethik und der Ethik der Abfallentsorgung.

 

 

 

2

PD Dr. Kristin Eichhorn ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Paderborn.

 

 

 

3Dr. Sebastian Kubon  ist Mediävist und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Geschichte der Universität Hamburg. Er beschäftigt sich gegenwärtig  mit Public History und forscht über multimediale Geschichtskonstruktionen im Internet.

 

 

1Dr. Marcus Willand, Literaturwissenschaftler an der Universität Heidelberg und Berater für digitale Strategien und Kommunikation.

 

 


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