Zwischen Krisen, Ängsten und Katastrophen

wbg Redaktion • 20 März 2020

Liebe Community,

in Zeiten wie diesen schauen wir in einer Mischung aus Unsicherheit, Angst und Hoffnung in die Zukunft. Doch wir wollen hier einen Blick wagen auf Bücher zu den allgegenwärtigen Themen und würden uns insbesondere über Ihre weiteren Empfehlungen und eine rege Diskussion hier auf der Plattform freuen.

Herzliche Grüße und bleiben Sie gesund

Ihre wbg Redaktion


 

1_0.jpegPest! Eine Spurensuche

Was ist die Pest? Wo liegen die ältesten Nachweise? Mit diesen Fragen beginnt eine Reise durch die faszinierende Geschichte der Seuche. Sie führt über die frühesten archäogenetischen Nachweise in der Steinzeit über den ersten gut überlieferten Ausbruch in der Spätantike zunächst bis zum berüchtigten ›Schwarzen Tod‹ des Spätmittelalters, dem ein großer Teil der europäischen Bevölkerung zum Opfer fiel. Im 18. Jahrhundert verschwand die Pest weitgehend aus Europa, um kurz vor 1900 nun weltweit Angst und Schrecken zu verbreiten.

Wie gingen die Menschen mit dieser existenziellen Krise um? Welche Folgen hatte die Seuche für vormoderne Gesellschaften? Das tödliche Potenzial der Pest ist noch immer vorhanden - doch wie würde man heute auf einen erneuten Ausbruch reagieren?

Anhand von zahlreichen Essays renommierter Autoren und rund 300 archäologischen und kulturgeschichtlichen Objekten präsentiert der Katalog ein einzigartiges Panorama der Pest in Geschichte und Gegenwart.


2

Boccaccio, Giovanni: Das Dekameron

In Florenz wütet der Tod. Boccaccios ›Dekameron‹ feiert das Leben. 10 junge Adelige fliehen vor der Pest aufs Land, um an 10 Tagen je 10 Novellen vorzutragen. Im Mittelpunkt der 100 Erzählungen steht die Liebe in ihren vielfältigen Formen. Boccaccio versteht sich als Sachwalter des sinnlichen Vergnügens. Sein erotisches Universum ist komisch und tragisch, humorvoll und heiter, edel und derb zugleich. Werner Klemke hat die meisterhaften Novellen in kongenialen Holzstichen eingefangen und das muntere Treiben lebhaft in Szene gesetzt. Der große Illustrator beherrschte die Holzstichtechnik souverän und setzte sie gekonnt für die Zeichnung der Figuren wie für die dekorative Gestaltung der Buchseiten ein. Die Strenge der gerahmten Holzstiche wird aufgebrochen durch verspielte Girlanden. Herzförmige Embleme zieren die Kolumnen. Die Schrift leuchtet rot in der Farbe der Liebe. Buchkunst und Dichtung sind in dieser exklusiven Ausgabe zu einer bibliophilen Einheit verschmolzen.


 

3

Gronemeyer, Marianne: Das Leben als letzte Gelegenheit

Marianne Gronemeyer sieht den Beginn der Moderne im 14. Jh. und somit in der Zeit der großen Pestepidemien. Der Tod zeigte sein lebensverneinendes Gesicht, wurde als unabänderliche Naturgewalt erfahren. Er verlor angesichts des Grauens seine heilsgeschichtliche Bedeutung und forderte seine Bekämpfung heraus. Die Anstrengung des modernen Menschen hat seitdem drei Stoßrichtungen: Das Leben muss sicherer werden, es muss schneller werden und das Fremde muss getilgt werden.

Die große Presseresonanz und die hohen Verkaufszahlen dieses Buches zeigen, wie sehr die Autorin einen empfindlichen Nerv unserer Zeit trifft. Am Beginn der Moderne, so schreibt sie, wird das Leben als biologische Lebensspanne konstituiert. Es wird buchstäblich zur einzigen und letzten Gelegenheit; nicht für die Rettung der Seele, sondern für die Anhäufung von Lebenskapital. Das Leben gerät unter das Gesetz der Akkumulation. Es wird panisch. Neben den Tod tritt ein anderer, beinahe noch ärgerer Widersacher des Lebens: das Versäumnis.


4

Wickham, Chris: Das Mittelalter

Zwischen dem Zusammenbruch des weströmischen Reichs und der Reformation liegt eine 1000-jährige Periode gewaltiger Umwälzungen. In einer elegant geschriebenen, umfassenden Darstellung präsentiert Chris Wickham das europäische Mittelalter als eine Epoche gewaltigen Tatendrangs und tiefgreifenden Wandels. Stilsicher und klar erklärt er die wichtigsten Veränderungen in den einzelnen Jahrhunderten, zu denen so zentrale Krisen und Ereignisse wie der Untergang des weströmischen Reichs, die Reformen Karls des Großen, die feudale Revolution, die Zerstörung des byzantinischen Reichs, und das entsetzliche Wüten der Pest gehören. Mit erhellenden Momentaufnahmen unterstreicht Wickham, wie sich die verändernden sozialen, ökonomischen und politischen Umstände auf das Alltagsleben der Menschen und auf internationale Ereignisse auswirkten. Der Autor bietet sowohl eine neue Interpretation des europäischen Mittelalters als auch eine provokative neue These, inwiefern und warum das Mittelalter bis in unsere Gegenwart hineinwirkt. Eine der fesselndsten Darstellungen des mittelalterlichen Europa seit Jahrzehnten und ein intellektuelles Abenteuer.


5

Nussbaum, Martha: Königreich der Angst

Die aktuelle Stimmung in der westlichen Welt ist gekennzeichnet durch eine scharfe gesellschaftliche Spaltung, eine Rhetorik der Ausgrenzung und die Unfähigkeit der gesellschaftlichen Lager, miteinander zu kommunizieren. Martha Nussbaum nimmt den Kern des Problems in den Blick, der in vielen Analysen zu kurz kommt: Das Politische ist immer auch emotional. Die Globalisierung hat bei zahlreichen Bürgern und Bürgerinnen der westlichen Gesellschaften ein Gefühl der Machtlosigkeit hervorgerufen, das zu Ressentiments und Schuldzuweisungen führt: Schuld an der Misere sollen wahlweise die Immigranten sein, die Muslime, andere ›Rassen‹, die kulturellen Eliten ...

Nussbaum zeigt, dass diese Mechanismen auf allen Seiten des politischen Spektrums am Werk sind - links ebenso wie rechts - und stellt Überlegungen an, wie gespaltene und polarisierte Gesellschaften wieder zusammenfinden könnten.


7_0.jpgWood, Gillen D'Arcy: Vulkanwinter 1816

Die Explosion des Tambora im Jahre 1815, auf einer kleinen indonesischen Insel gelegen, löschte nicht nur die Inselkultur aus, sondern führte weltweit zu Wetterextremen. Durch die globale Klimaabkühlung folgte 1816 das berühmte „Jahr ohne Sommer“. Erstmals beleuchtet der Autor die ganze Dimension der Auswirkungen des heftigsten Vulkanausbruchs der Neuzeit: Überschwemmungen, Fröste im Sommer und Stürme führten zu Missernten, Hungersnöte trieben die Menschen in die Verzweiflung und lösten soziale Aufstände aus, die USA wurden in die erste wirtschaftliche Depression gestoßen, aber auch die erste Cholera-Pandemie war eine Folge des Ausbruchs.

Verständlich und anschaulich erklärt der Autor die sensible Abhängigkeit der menschlichen Gesellschaft vom Klima. Das Buch macht uns bewusst, dass ein Klimawandel, wie er uns heute wieder droht, in ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Sicht eine Gefahr für uns alle darstellt.


 

8Vasold, Manfred: Die Spanische Grippe. Die Seuche und der Erste Weltkrieg

"Niemals seit dem Schwarzen Tod ist eine solche Seuche über die Erde hinweggefegt."
London Times, 18. Dezember 1918

Die verheerende Grippepandemie, die seit der Jahresmitte 1918 um den Erdball fegte, forderte binnen weniger Monate 20-30 Millionen Opfer – mehr als der Erste Weltkrieg in über vier Jahren. Ausgebrochen war die Spanische Grippe im März 1918 in Kansas, USA, von wo sie sich rasend schnell ausbreitete. Amerikanische Truppen tragen den Erreger über den Atlantik auf den europäischen Kriegsschauplatz. Die Grippe überspringt die Schützengräben und wütet seit Ende Juni 1918 auch östlich des Rheins im Deutschen Reich. Die Grippesterblichkeit erreicht hier in den Tagen nach dem 20. Oktober 1918 ihren Höhepunkt. Nur wenige Tage später verdichtet sich der Widerstand gegen die Weiterführung des Krieges, als in Kiel die Matrosen meutern.

Manfred Vasold erzählt in diesem Band nicht nur die globale Geschichte der Spanischen Grippe, sondern analysiert immer wieder die Wechselwirkung von Krieg und Seuche.


 

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Fouquet, Gerhard / Zeilinger, Gabriel: Katastrophen im Spätmittelalter

Katastrophen gehören zur „condition humana“: Schon immer war der Mensch Ereignissen ausgeliefert, die seine Vorstellungskraft übersteigen und seine Existenz bedrohen. Gerade das Spätmittelalter ist geprägt durch solche Erfahrungen, durch Seuchen, Schiffsunglücke, aber auch schon durch Finanzkrisen. Gerhard Fouquet und Gabriel Zeilinger stellen in ihrem Band umfassend die mittelalterlichen Katastrophenerfahrungen dar und erzählen und analysieren sie anhand von Quellenzeugnissen. Ein weit greifendes Standardwerk.

Kommentare (2)

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