Zwischen Eule und Sphinx: Ein Ausflug in den philosophischen Tiergarten

Michael Goldhammer • 5 September 2020

Üblicherweise rechnet man die Philosophie wohl nicht zu den menschlichen Errungenschaften, die dafür bekannt sind, symbolträchtige oder gar glanzvolle Bilderwelten hervorzubringen. Wer sich länger mit ihr befasst, ahnt, dass das eine falsche Einschätzung sein könnte. Aber es gibt das Vorurteil der trockenen Philosophie, in der das malerischste, dem man begegnet, ein leidlich ausgefallenes Gedankenexperiment ist – oder ein Venn-Diagramm.

Ohne den Nutzen von Gedankenexperimenten und Venn-Diagrammen bestreiten zu wollen, glaube ich, dass die beiden Autoren, deren Geburtst- beziehungsweise Todestag Anlass für diesen Wettbewerb sind, in Sachen Symbolik mehr zu bieten haben. Ich möchte in diesem Zusammenhang zwei Stellen bemühen, die mutmaßlich recht wenig mit Hegels Dialektik oder Nietzsches Willensphilosophie zu tun haben, die aber um nichts weniger programmatisch sind und geradezu fabulös daherkommen.

Die erste Stelle stammt aus dem Ende des Vorworts von Hegels Grundlinien der Philosophie des Rechts:

 

„[D]ie Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“

Selten ist Hegel so literarisch und selten tritt sein Verständnis von Philosophie in so deutlicher Tragik hervor, wie hier. Die Eule, das klassische Symboltier der Weisheit und damit der Philosophie, beginnt ihre Aktivität erst, wenn die Arbeit eigentlich schon verrichtet ist. Am Tage, zur Zeit der Aktivität, zur Zeit der Veränderung, ist sie gezwungen, zuzusehen und nichts beitragen zu können. Fliegen und sich einen Überblick verschaffen – also mit den Mitteln der Vernunft Erkenntnis gewinnen– kann sie erst im Nachhinein, wenn schon längst alle schlafen. Hegel zeichnet so ein Bild der Philosophie als Wissenschaft, die immer zu spät kommt: Für Hegel ist der Zug schon abgefahren.

Die zweite Stelle findet sich im ersten Aphorismus in Jenseits von gut und Böse:

 

„Wer von uns ist hier Ödipus? Wer Sphinx?“

Auch Nietzsche geht hier in die Vollen und gibt uns etwas über sein Philosophieverständnis preis. Ihm zufolge stellt die Sphinx dem mythischen Helden Ödipus das Rätsel, was und wer er ist. Nur lässt es Nietzsche offen, welche dieser beiden Sprecherrollen nun der Philosophie zukommt: Ödipus oder Sphinx oder vielleicht beide? Nietzsches Vorstellung, was es heißt, zu philosophieren und die Wahrheit finden zu wollen bezieht sich damit unübersehbar auf den sokratischen Wahlspruch: Erkenne dich selbst! Nur dass die Person, die nun so über sich selbst rätselt, Gefahr läuft, vom Rätsel selbst verschlungen zu werden. Philosophieren heißt für Nietzsche, den Kopf in das Maul des Löwen zu packen.

Man muss weder Nietzsche mögen noch Hegel. Viele ihrer Auffassungen sind angesichts des titanenhaften Status, der ihnen zugeschrieben wird, enttäuschend holzschnitthaft und undifferenziert. So haben etwa beide Ansichten über Geschlechterrollen, die unhaltbar zu nennen schon beinahe ein Euphemismus ist, um nur ein Beispiel zu nennen. Aber trotz solcher unbestreitbaren Mängel gelten ihre Werke als Pfeiler in der Geschichte der Philosophie. Der Grund dafür könnte sein, dass sich zwischen ihnen beiden – zwischen Eule und Sphinx – das Spannungsfeld auftut, in dem sich die moderne Philosophie, ja vielleicht die moderne Gesellschaft überhaupt bewegt: Zu spät Kommen oder verschlungen Werden. Wofür entscheiden wir uns?

Kommentare (2)

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