Zurück zu geistigen Ursprüngen

Luca Rosenboom • 10 September 2021
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Man mag manchmal kaum glauben, dass uns von der Antike etwa 2800-1500 Jahre trennen (Beginn der Schriftlichkeit/Ende weströmisches Reich als Maßstäbe). Bedenkt man die gewichtige zeitliche Differenz, die eigentlich nicht so sehr der Faktor ist, sondern vielmehr die kulturelle Diskontinuität, die sich aus ihr speist, dann wird erkenntlich, warum uns ‚die Antike‘ teilweise so befremdlich erscheint. Das ist erst einmal überhaupt nicht wertend gemeint. Denn: Die Rückbesinnung auf die Antike (und vieler ihrer Charakteristika) kann uns – wie die Humanisten des Mittelalters beweisen – lehrreiche Anleitungen zum Handeln geben. Als Beispiel kann hier das normative Verhalten herangezogen werden, welches die Gesellschaft regulierte und bei dem eine Pflicht gegenüber den Vorfahren, den maiores, manifestiert war. Eine Abkehr von den Vorfahren hat eine genuine Schuld auf sich geladen und war somit derb verpönt.

Das Wissen um die Taten der vergangenen Menschen war angesichts ihrer traditionsgesellschaftlichen Struktur insofern für jeden Einzelnen wichtig, als dass mit diesen Taten Maßstäbe gesetzt wurden, die es (meist) in militärischer Hinsicht zu erreichen oder gar zu übertreffen galt. Dieses kompetitive Verhalten führte zu einer Agonalität, die ihresgleichen sucht. Das kompetitive Verhalten bemaß sich wohl an dem mos maiorum (Brauch der Vorfahren), unter dem vielerlei Tugenden subsumiert gewesen sein dürften, die uns alle (Treue, Zuverlässigkeit, Pflicht: der Begriff fides wie auch die pietas (Pflichtgefühl, Frömmigkeit) haben z.B. verschiedene Konnotationen in persönlicher, wirtschaftlicher oder militärischer Hinsicht. Hier könnte man gar eine eigene Hausarbeit zu schreiben) zu einer eminent wichtigen Aufgabe führen: Dankbarkeit. Rückbesinnung auf alteingeführte Tugenden ehren die Vorfahren und erinnern an sie – also das Ziel eines Ruhm (gloria) erheischenden Adeligen (nobilis). Wer sich ebenjener entzieht, der ist, wie Seneca formulierte, „Unterhalb von allem“, da „alle Übel vom Undankbaren entstammen, ohne den kaum jemals ein großes Verbrechen herbeikam.“[1] Wer nicht um die Errungenschaften seiner Vorfahren weiß, für den ist alles nichts. Hier sorgen Haltepunkte für eine sinnstiftende <<Gemeinschaft>>, eine Abstammungsgemeinschaft, die sich eben Ereignisse oder glorreiche Gründungsväter in Erinnerung rufen. Doch was haben wir, mag sich einer fragen, überhaupt zu verdanken?

Da es hier primär um „Wissen teilen. Weiter denken“ geht, möchte ich ein, zwei Punkte anschneiden, die dies verdeutlichen (dabei werde ich viele Dinge nicht ansprechen, um nicht zu sehr abzuschweifen). Ein genuiner Aspekt ist die Wissenschaft: Die Griechen und die philhellenistisch gewordenen Römer schufen bzw. erhielten die Wissenschaften, die bis heute im Denken eines jeden Bürgers verankert sind (Mathematik, Philosophie, Physik, Grammatik, Rhetorik, usw.). Aber: Wissenschaft bedeutet nicht nur bloßes Wissen. Dazu gehört das Systematisieren, das Kanonisieren wie das Bewahren. Diese Kategorisierungen sorgten dafür, dass das Wissen in einer gewissen Logik – auch der Begriff entstammt von den Griechen – tradiert werden konnte. Überdies spielt auch das Interesse für andere, fremde Kulturen eine Rolle. Im Sinne des Diktums von Thomas Aquin – die neue wbg-Postzeitschrift hat mich zu diesem Zitat veranlasst (wenngleich sie hier ein wenig aus dem Kontext gerissen wird) – „das Staunen ist eine Sehnsucht nach Wissen“ verdanken wir es der griechischen Kultur, dass wir überhaupt irgendetwas von anderen Kulturen wissen. Denn sie war es, die andere Kulturen beleuchtete. Alle anderen Völker achteten „nur auf sich selbst, auf ihre Königsburgen, Tempel und Götter“[2] – so Jacob Burckhardt, den selbst Nietzsche als größten Lehrer würdigte.

Nun habe ich generell zwei Hochkulturen angesprochen, denen wir viel zu verdanken haben. Damit müssen keineswegs „die biologischen Vorfahren“ gemeint sein, sondern diejenigen „deren kulturelles und soziales Erbe man antritt“,[3] wie Egon Flaig es formulierte. In diesem Sinne plädiere ich auch dafür – ein kleines Abschlussplädoyer meinerseits –, dass die beiden Sprachen (oder zumindest eine) an Gymnasien als Pflichtfächer/ -fach eingeführt werden sollten, durch welche wir schließlich viel Wissen akkumulieren konnten und somit heute verwenden können, Stichwort Wissensvermittlung.

 

[1] Seneca, De beneficiis, 1,10,4: infra omnia ista ingratus estnisi quod omnia ista ab ingrato suntsine quo vix ullum magnum facinus adcrevit.

[2] Burckhardt, J., Gesammelte Werke 5 (Griech. Kulturgeschichte 1), S. 12.

[3] Flaig, E., Die Niederlage der politischen Vernunft, S. 400.

Kommentare (4)

Marcin Lupa

Von Herrn Rosenboom kann man viel lernen. Nicht nur inhaltlich, sondern auch Methodik, Duktus, Sprachfluß. Ich lese seine Texte gern. Er ist mir eine Institution des Schreibwettbewerbs geworden. So freute ich mich auch über diesen Einschub.

Ich halte natürlich auch meine Altvorderen in Ehren, wobei ich zugeben muss, dass ich wenig über sie und ihre kulturellen Eigenheiten weiß.

Mit der Antike setze ich mich erst seit kurzem und dank dem geteilten Wissen der wbg auseinander. Grundlagen bildete der gymnasiale Kulturunterricht.

Schöner Text, vielen Dank, Herr Rosenboom.

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  • Luca Rosenboom

    Vielen herzlichen Dank. Man bekommt schon vor Scham rote Wangen, so ein Lob zu erhalten - ich nehme es demütig entgegen.

    Der Beitrag sollte auch nicht speziell nur auf die Vorfahren biologischer Art zielen, sondern im gesamteuropäischen Kontext stehen, eben von Menschen, "deren kulturelles und soziales Erbe" wir antreten. Es ist aber ebenso wichtig, dass man seine Eltern, Großeltern etc. Respekt zollt. So habe ich neulich mit einem eine Diskussion darüber geführt, dass er nicht stolz darauf sei, Deutscher zu sein, zumal sein Opa im Zweiten Weltkrieg agierte. Nun, das Argument beschränkte sich lediglich auf den Zweiten Weltkrieg und dessen Gräueltaten, die natürlich ihres Gleichen suchen.
    Aber die deutsche Geschichte hat doch so viel mehr zu bieten. Besehen wir doch nur einmal die langersehnte Reichsgründung, die im Zusammenhang mit den Napoleonischen Kriegen gefordert war, die Zeit um 1848/1849 mit der Paulskirchenverfassung, für die viele Menschen ("unsere Vorfahren" im direkten oder metaphorischen Sinne) gestorben sind oder die Nachkriegszeit (bestes Beispiel wären die Trümmerfrauen). Sollten wir diese Aspekte der Geschichte außer Acht lassen und es lediglich auf die Kriegszeit reduzieren? Mitnichten.
    Auch andere Kulturen haben ihre Geschichte, wie z.B., da wir es vor einiger Zeit mal thematisiert haben, die Polnische samt ihrer Reichsteilungen, wobei ich zugeben muss, dass ich hier nur über Grundwissen verfüge, also nicht so tief in die Materie gehen kann. Gerne lasse ich mich hier belehren von einem Fachkundigen deiner Art.

    Die Antike hat so viel zu bieten und ist (für mich) so voll von Ereignissen, Geschehnissen oder Prinzipien, die sich auch aufs heutige Leben anwenden lassen. Beispielsweise fällt mir hier zugleich das "Jovialitätsprinzip" (geht auf Martin Jehne zurück) ein, das besagt, dass man sich als 'Ranghöherer' (je nach dem, wie man es semantisch kategorisiert - z.B. hoher Politiker vs. 'normaler' Bürger) eben nicht als 'Ranghöherer' gerieren darf, sondern sich eben human, demütig, dankbar, bescheiden verhält. Das ist auf den ersten Blick einleuchtend, viele aber scheinen davon nichts zu wissen.

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  • Marcin Lupa

    Jede Nation hat ihre schwarzen Stunden. Die Deutschen hatten ihre und haben aus ihnen gelernt. Die AfD dürfte im Bundestag niemals in eine Regierungskoalition kommen, ebenso nicht die Linke. Diese Parteien sind einfach zu radikal und verfassungswidrig.
    Ohnehin bewegen wir uns auf ein vereintes Europa zu. Das ist zwar noch nicht Söders Traum von einem vereinten Weltball unter seiner Ägide und einem Abflug in Richtung Proximus Zentaur. Doch schon ein beachtlicher Schritt nach vorn.

    Sorge bereiten uns nun die Syrer und die Afghanen. Anarchie oder ein islamisches Kalifat, das keinen König hat, nur eine Riege von Kriegsverbrechern und Kinderschändern, die im Namen des islamischen Recht, sich alles zu erlauben glauben. Ihr Opium mag ganz gut sein, doch nach dem Erwachen aus dem süßen Schlaf, muss man eine Kuh melken können. Und was sollen afghanische Rinder essen, Sand und Dreck? - Respektive allen dortigen Ziegen und Schafen. Ihre Milch will ich nicht, da bleibe ich beim Milchsaft des Schlafmohns und packe sie an ihren Ziegenbärtchen, Schritt für Schritt.

    Dass bereits in den Schriften Antiker Philosophen geregelt wurde, wie sich ein Ranghörer gegenüber einem Untergebenen verhält wußte ich nicht, vielleicht habe ich es geahnt, da ich ohnehin davon ausgehe, dass die griechischen Senate viel zu debattieren hatten. Das Jovialitätsprinzip kannte ich noch nicht, allerdings habe ich mich immer danach verhalten und es vorausgesetzt. Auch wenn meine Vorgesetzten, gänzlich andere Leute sind, als irgendwelche grimmigen - bitte verzeih mir den Ausdruck - Schwanzlutscher, die beim Sesselpfurzen mit den Seelen ihrer Untergeben Handel treiben oder beim Käffchenkranz mit Politikern und Lobbyisten darüber befinden, wer welche Zuwendung kriegt. Ich wäre schon froh, wenn diese Herren es zu Stande brächten, mir mein Existenzminimum zu garantieren, bevor wir um den Mindestlohn feilschen können. Bisher überlebe ich nur, dank Mutters Brust und den auch finanziellen Zuwendungen meiner hochverehrten Frau, die ich stets liebe und in Ehren halte. Wohlwissend, dass sie eine Arbeit leistet, die andere weit in den Schatten stellt (kühl dort im Schatten, ich weiß).

    Jovial will ich bleiben, gegenüber all denen, die etwas weniger gut können als ich. Zum Beispiel meine wahren Vorgesetzten, denen ich auf Geheiß Folge leiste, sobald sie mich adressieren, die Kinder. Und über ihnen die Säuglinge, sie sind Götter mir. Das ist meine oberste Direktive und meine oberste Moral. Das geht so weit, dass ich sie aus den Särgen hole, in meiner Phantasie jedenfalls, und mit ihnen einen schönen Reigen tanze, sollte ihnen etwas böses, schlechtes, unvorteilhaftes widerfahren. Chuckie´s Mördertruppe grüßt schelmisch vom Friedhof der Kuscheltiere. Meine Kohorte war nicht an allem Schuld, was in den letzten 45 Jahren geschehen ist, einige von uns haben ganz gut gekämpft und starke Monster beseitigt. Mal sehen wie es weitergeht. Jovial auch mit den wahren Untergebenen zu sein, gelingt mir weniger gut. Die Alten haben es noch nie leicht gehabt mit mir. Aber auch ihnen räume ich immer wieder Chancen ein, zu punkten. Vor ein paar Jahren besiegte mich ein alter Herr im Tennis. Wahrscheinlich steht er ihm bis heute, wenn er daran denkt. Er faselte etwas davon, dass er mit Jogi Löw öfters zum Golfen geht. Ja und, ich verhandle mit Jerome Boateng unlängst seine Eier. Mal sehen, was länger dauert, seine Golfpartie oder unser unscheinbarer Krieg? - Wie ich schon in einer privaten Nachricht an Dich geschrieben habe, hätte er mich mindestens beleidigt. Herausgefordert habe ich ihn. Mal sehen, wie gut er kämpfen kann. Als Fußballspieler ist er ganz passabel, denke ich. Ob er auch so gut Tennis spielt oder die Kardiologen liest. Wie wäre es mit den Onkologen, die an seinen Hoden mindestens so interessiert sind, wie an seinem Rückenmark? Und dann wären da noch ein paar Psychiater, die sich gerne um den ältesten Teil an seiner Person kümmern. Hat er nicht schon mit seinem Bruder, dem ghanesischen Prinzen in seiner Jugend zu viele Joints gedreht?

    Nicht weiter als ein bisschen Literatur, lieber Luca. Mache Dir keine Sorgen um mich. Und um Dich brauchst Du Dir auch keine Sorgen machen, so lange Du gut und fair bleibst und jovial mit uns Alten bist, mit denen Du ja gerne so viel kommunizierst. Und ich spiele jetzt mit den Katzen und werde dann wieder zu den Vorsokratikern pilgern und lasse mich von ihnen überraschen. Vielleicht haben sie noch ein paar knifflige Denktricks auf Lager, die ich noch nicht antizipiert habe. Von Mathematik habe ich zum Beispiel keinen blassen Schimmer. Da war ich eine echte Niete. Ich kann gerade mal simple Rechnungen, das Leben ist mir eine ewige Addition. Wozu die Mühe mit dem Minusrechnen, wenn es doch nicht der Wahrheit entspricht. Und schon sind wieder ein paar Minuten vergangen. Das große Plus, es glänzt.

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  • Luca Rosenboom

    Vielen Dank für deinen Beitrag.

    Ich denke es geht vielen so, dass sie sich weder der Linken noch der Rechten hingeben würden. Allerdings gibt es Tendenzen, wie z.B. die CDU in den letzten Jahren, die einen Linksschwenk aufweisen, weshalb sich viele der CDU nicht mehr angehörig fühlten und entweder ‚noch weiter rechts‘ (ist die CDU denn überhaupt noch konservativ heute?) abdrifteten oder sich umorientierten. Jedenfalls hat die Mitgliederzahl der CDU unter der Ära Merkel von etwa 600.00 auf knapp 400.000. Die parteiinterne Stimmung bringt süffisant Peter Tauber zum Ausdruck: „Wer nicht für Merkel ist, ist ein Arschloch“ https://www.welt.de/politik/deutschland/article158467201/Wer-nicht-fuer…
    Dies dürfte vielleicht auch der Grund sein, warum Söder etwas ins Hintertreffen geraten ist; vielleicht gab er nicht so sehr dem Konformitätsdruck nach, wie andere es taten. Das ist aber nur meine Meinung.
    Was die Politik generell angeht, so kann ich größtenteils nur zustimmen. Doch nicht nur das. Laut einer Studie des Exzellenzcluster Religion und Politik aus dem Jahre 2012 grassiert unter den benannten Einwanderern ein erheblicher religiöser Fundamentalismus, der von der 1. Generation bei 57%, bis zur 2. und 3. Generation bei 36% reicht, die die Scharia über das Grundgesetz stellen. 30% aller Muslime stimmten gar für eine Rückkehr zu einer Gesellschaftsordnung wie zu Zeiten des Propheten Mohammed.
    Auf das Jovialitätsprinzip kam ich nur, weil ich in jüngster Zeit etwas dazu gelesen hatte. Das Verhalten selbst sollte normalerweise – wie herausgestellt – eine Voraussetzung für eine respektvolle Kommunikation sein, sofern man im Rang etwas höher angesiedelt ist.
    Nun zwingt die Zeit mich ob des ewigen Kreislaufes zum Schlafen...

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