Zum 91. Geburtstag von Michail Gorbatschow

Lara Hitzmann • 2 März 2022
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Zum 91. Geburtstag von Michail Gorbatschow

 

Der russische Politiker Michail Gorbatschow wurde unter anderem von dem mdr zu seinem 90. Geburtstag im letzten Jahr zum »Jahrhundertpolitiker« gekürt. Gorbatschow brachte Frieden nach Europa, er war maßgeblich am Ende des Kalten Krieges beteiligt, ermöglichte den ehemaligen Ländern der UdSSR die Eigenständigkeit und somit die deutsche Einheit. 
So, wie Gorbatschow im Ausland als Friedensbringer verehrt wird, wird er in seinem Heimatland von einigen als »Totengräber der UdSSR« bezeichnet. 


Als Sohn eines russischen Vaters und einer ukrainischen Mutter wuchs Gorbatschow im heutigen Stawropol in einer Bauernfamilie auf. Da Gorbatschow, als er zum Militär gehen wollte, ausgemustert wurde, entschied er sich anstelle dessen für ein Jura-Studium in Moskau. Im Alter von 21 Jahren wurde Gorbatschow Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und entwickelte sich seitdem Schritt für Schritt zu einem der mächtigsten Männer des sog. Ostblocks. 
Ab 1985 bekleidete Gorbatschow das Amt des Generalsekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und konnte in dieser Position jene Probleme angehen, die in der UdSSR zu der Zeit für viel Unzufriedenheit und Kummer gesorgt haben: Die Sowjetunion führte einen Krieg in Afghanistan, den sie nicht gewinnen konnten, die Planwirtschaft war gescheitert und das Wettrüsten mit den USA hatte den Staatshaushalt ruiniert. Mit seinen Reformen brachte Gorbatschow einen neuen Fokus und somit neue Möglichkeiten in den Staat.


Glasnot: Gorbatschow für mehr Offenheit
Anstatt die Entscheidungsgewalt wie zuvor von sehr wenigen hinter verschlossenen Türen zu überlassen, schaffte Gorbatschow einen partiellen Meinungspluralismus. Damit ging auch einher, dass die Bürger:innen nun ihre Meinung verkünden durften, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. 

Perestroika: Gorbatschow strukturiert um
Um die verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen aufzuweichen, beschloss Gorbatschow, die Verwaltung und Politik neu zu strukturieren. Konkret hieß das, dass es nun mehreren Kandidaten gestattet gewesen war, bei Wahlen anzutreten (allerdings erst mal nur aus einer Partei). Außerdem sorgte Gorbatschow für eine Gewaltenteilung zwischen dem Zentralkomitee und dem Parlament.

»Wir brauchen die Demokratie wie die Luft zum Atmen.« 
Michail Gorbatschow


Neben der Abgabe der Kontrolle der Marktwirtschaft gab die Regierung nun auch den Ländern, die Teil der Sowjetunion waren, den Weg in eine eigenständige Existenz frei. Die gut 125 Völker konnten so selbst entscheiden, was für sie die vermeidlich beste Regierungsform war. Es kam vielerorts zu einer friedlichen Ablösung von des Kommunismus. Im August 1989 ergriff Polen als erstes Land diese Chance ein demokratischer Staat zu werden, dicht gefolgt von Ungarn. 
Die Breschnew-Doktrin wurde von der Sinatra-Doktrin (benannt nach dem Sänger Frank Sinatra wegen seines Songs My Way) abgelöst. Damit hatte Gorbatschow zwar nicht den idealen Staat und die ideale Regierungsform geschaffen, aber den Weg für eine demokratische Regierung geebnet. Und gerade in den letzten Jahren, vor allem aber in den letzten Monaten, wurden viele Stimmen laut, die sich so einen Jahrhundertpolitiker wie Gorbatschow zurück an die russische Spitze wünschen.

Der Leitende Welt-Redakteur Geschichte Sven Felix Kellerhoff hat am 01.03.22 in seinem Artikel „Gorbatschow bestreitet energisch, betrogen worden zu sein“ in der Welt über sein Interview mit Osteuropa-Experte Ignaz Lozo geschrieben. Zu dem Artikel gelangen Sie hier.


Leseempfehlungen


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Wenker, Hermann

Die Deutschen und Gorbatschow

Der Gorbatschow-Diskurs im doppelten Deutschland 1985-1991

"Eine Rückkehr zu einem einvernehmlichen Verhältnis zwischen Berlin und Moskau kann es jedoch erst geben, wenn sich die russische Politik darauf besinnt, dass beide Seiten von guten Beziehungen wie zu Beginn der 1990er Jahre profitiert haben." Hermann Wentker zum 90. Geburtstag von Gorbatschow im Tagesspiegel

Kein anderes Volk verfolge den Wandel in der Sowjetunion unter Gorbatschow so aufmerksam wie die Deutschen, so der damalige US-Botschafter in Bonn, Richard Burt. Diese Beobachtung galt gleichermaßen für die West- und die Ostdeutschen. Hermann Wentker, Leiter der Abteilung Berlin des Instituts für Zeitgeschichte München - Berlin, untersucht die Wahrnehmungen des KPdSU-Generalsekretärs und seiner Politik im deutsch-deutschen Kommunikationsraum. Er analysiert den Wandel der Gorbatschow-Bilder im diskursiven Prozess zwischen Medien, Politik, Experten und Öffentlichkeit und fragt nach deren Relevanz für das Denken und Handeln der politischen Akteure. Die Arbeit leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis einer Epoche, in der Deutschland.

Inhaltsübersicht

I. Machtantritt, erste Einschätzungen und erste Begegnungen (1985/86)

II. Die innersowjetische Entwicklung und die sowjetische Außenpolitik 1986 in deutsch-deutscher Perspektiv

III. Durchbruch für Perestroika und Abrüstung 1987

IV. Erfolge und Rückschläge: Außenpolitik und Reformen 1988

V. Die Deutschen und Gorbatschow auf dem Weg zur friedlichen Revolution 1989

VI. Gorbatschow und der langsame Untergang des sowjetischen Imperiums in deutscher Perspektive (1990–1991)

Schlussbetrachtung
 


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Lozo, Ignaz

Gorbatschow

Der Weltveränderer

Michail Gorbatschow - die große politische Biografie zum 90. Geburtstag

Glasnost und Perestroika sind untrennbar mit seiner Person verbunden, ebenso wie das Ende des Kalten Krieges: Der sowjetische bzw. russische Politiker Michail Gorbatschow, der selbst die Deutsche Einheit als eine seiner wichtigsten Taten bezeichnet hat, gilt als einer der größten Reformer des 20. Jahrhunderts. Für sein Engagement erhielt er 1990 den Friedensnobelpreis.

Doch wie weit hatte sich der einst treue Leninist und Kommunist wirklich von der Ideologie und vom Block-Denken gelöst? Stimmt das Bild, dass Gorbatschow bereits während seiner Amtszeit ein westlicher Demokrat gewesen sei? Der Osteuropa-Historiker Ignaz Lozo geht diesen Fragen zum Leben eines beeindruckenden Staatsmannes nach.

  • Die Anfänge eines Jahrhundertreformers: Gorbatschows Kindheit und Jugend im Nordkaukasus
  • Moskauer Intrigengeflecht: Aufstieg ins Politbüro nach Karriereanfang in der Provinz
  • Die deutsch-sowjetischen Beziehungen und die Verhandlungen mit Helmut Kohl, die zur deutschen Einheit führten
  • Perestroika und die deutsche Wiedervereinigung aus sowjetischer und DDR-Sicht
  • Nach Mauerfall und dem Ende der Sowjetunion: der Privatmann Michail Gorbatschow

Präzise, umfassend und empathisch: das Porträt eines großen Reformers

Ignaz Lozo beschäftigt sich seit 1985 auf journalistischer und wissenschaftlicher Ebene mit Michail Gorbatschow. Auf Basis zahlloser russischer Quellen, die teils als Staatsgeheimnis deklariert sind, sowie dank vieler Gespräche und Interviews mit Gorbatschow, seinen Weggefährten und Gegnern, ist ihm eine äußerst differenzierte Politiker-Biografie gelungen. Sie zeichnet den Werdegang des Bauernjungen aus dem Nordkaukasus zum international anerkannten Staatsmann vielseitig und spannend nach - ein genauso persönliches wie hochpolitisches Porträt.


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Zimmerman, William

Russland regieren

Von Lenin bis Putin

Als die Sowjetunion in den 1990er-Jahren zusammenbrach, hofften viele auf einen ›democratic shift‹, auf eine Demokratisierung der russischen Regierung. William Zimmerman verfolgt in diesem Buch die Geschichte der Sowjetunion bzw. des Nachfolgestaats Russland und der herrschenden Regime von der Oktoberrevolution bis heute. Welche Politik machten die Kreml-Herren: Lenin, Stalin, Chruschtschow, Breschnew, Gorbatschow, Jelzin und schließlich Putin? Wie kamen sie an die Macht, wer waren die ›Königsmacher‹? Wie lässt sich das jeweilige Regime beschreiben? Der renommierte Politikwissenschaftler Zimmerman, Doyen der Russlandstudien in den USA, zeigt Unterschiede und Entwicklungslinien in der kommunistischen und nach-sowjetischen Führung. Er analysiert, mit welchen Mechanismen Putin eine ›gelenkte Demokratie‹ mit zunehmend autoritären Zügen ausgebaut und eine deutliche Entdemokratisierung des politischen Systems Russlands herbeigeführt hat.

 

Kommentare (8)

Merchan Agaricus

Liebe Frau Hitzmann,

in Anbetracht der aktuellen Entwicklung haben Sie, Frau Hitzmann, ein sehr gutes Thema gewählt.
Auch gefällt mir die Finte mit dem Zitat von Sven Felix Kellerhof in Bezug auf sein Interview mit Ignaz Lobo. Gorbatschow bestreitet energisch, betrogen worden zu sein.
In dem Buch "Fremde Freunde" spricht Katja Gloger u.a. davon, dass Putin auf eine Bemerkung von Gorbatschow, die ihn kritisierte, geäußert hätte, er solle das Maul halten.

Aus aktuellem Anlass können wir uns also den älteren Herren als Staatschef in Russland nur wünschen. Mit ihm an der Spitze würde Europa ein starkes Staatengeflecht werden, mit Russland an Bord. Und die Europäische Union würde vielleicht ernst genommen werden und nicht nur als Geldgeber mißbraucht.

Ich danke Ihnen für diese Erinnerung.

Mit freundlichen Grüßen
Marcin Lupa

Lara Hitzmann

Ich danke Ihnen, Herr Lupa! Gerade bei solch einem Thema bin ich immer dankbar für die Eindrücke anderer, da ich solche Persönlichkeiten wie Gorbatschow nur von einer großen zeitlichen Distanz versuche zu verstehen.

Merchan Agaricus

Lara Hitzmann, ich kannte Gorbatschow noch als Kind. Natürlich gefiel er mir in meiner kindlichen Naivität damals als "Befreier", ohne dass ich die Hintergründe verstanden hätte.

Ein sehr gutes Interview mit Gorbatschow zeigt Arte in der Mediathek. Darin erklärt Gorbatschow selber, wie die Sachlage in der UDSSR war, als er an die Macht kam: https://www.arte.tv/de/videos/028102-016-A/professor-ferros-geschichtss….

Gabriele Jung

Wieder einmal vielen Dank für diese Empfehlung, Herr Lupa. Schon die ersten Sehminuten machen Lust, sich „festzuschauen“.

Gabriele Jung

Ein sehr bewegender Film. Ich fühlte mich sofort an meine euphorische Weltsicht aus dem Jahr 1990/91 erinnert. Welche Chancen hat die Welt in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vertan. Gorbatschows Vision von einem Russland , das ein Teil des politischen Europas wird, steht mir seit Beginn des Ukraine Krieges ja immer wieder vor Augen.
Werner Herzog hat einen sehr intensiven, auch sehr persönlichen Film gedreht, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Wie immer eine lohnenswerte Empfehlung von Ihnen, lieber Herr Lupa. Danke!

Merchan Agaricus

Gabriele Jung, wir haben gerade im Unterricht mit der Klasse über den Konflikt geredet. Einige Kinder wissen ganz gut Bescheid, andere wiederum kennen noch nicht einmal die Vorzüge der Demokratie.
Bezüglich der Einstellung von Gorbatschow kann ich nur sagen, dass für uns aufgeschlossene Menschen es dazu noch nie eine Alternative gegeben hat. Deshalb spreche ich bei der Politik von Putin (abgesehen von seinen Verbrechen) offen von Rückständigkeit.

Es liegt also noch jede Menge Arbeit vor uns.

Gabriele Jung

Herr Lupa, deswegen ist auch Ihre Arbeit mit den Schülern so wichtig. Solchen pädagogischen Tätigkeiten müsste auch finanziell eine viel höhere Wertschätzung entgegengebracht werden. Aber da sind wir wieder beim Thema „Kapitalismus“ und dieses Thema haben wir bereits an anderer Stelle ausführlich, wenn auch noch nicht abschließend erörtert.


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