Zum 73. Geburtstag von Slavoj Žižek

Lara Hitzmann • 21 März 2022
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Zum 73. Geburtstag von Slavoj Žižek


Von der Foreign Policy ist er zu einem der 100 führenden Denker gekürt worden. Er gilt gleichermaßen als „prominent“ wie auch „gefährlich“. Kein anderer Philosoph ist so präsent in den internationalen Medien wie er und spricht dort über die Philosophie, Wirtschaft und Politik.

Die Philosophie sei, so Žižek, ein Eingreifen in die Welt, welches die Verhältnisse zum Tanzen bringe. 

Oder an anderer Stelle: "Die Philosophie findet keine Lösungen, sie stellt Fragen. Ihre Hauptaufgabe ist es, die Fragen zu korrigieren."


Geboren wurde Žižek 1949 im slowenischen Ljubljana. Als Student lernte Žižek unter dem Philosophen Božidar Debenjak, der sich primär mit der marxistischen Philosophie beschäftigte, an der Universität in Ljubljana. 1975 schloss Žižek seine Masterarbeit zum französischen Strukturalismus ab, geriet dadurch aber unter politische Beobachtung, weshalb er keine Anstellung an der Universität bekam und sich bis 1977 mit dem Übersetzen deutscher Philosophen durchschlug und den Wehrdienst absolvierte. Trotz, dass sein Status als politischer Verdächtiger nicht eingestellt wurde, erhielt Žižek ab 1977 eine Anstellung als Protokollant am Zentralkomitee der slawischen Kommunisten und verfasste währenddessen Reden für hochrangige Kommunisten.

Darauf folgte dann endlich eine Forschungsstelle an der Universität Ljubljana, wo Žižek 1981 im Fach Philosophie promivierte. Nach Abschluss der Promotion zog es Žižek nach Paris.Dort war er bis 1985 Student in der Psychoanalyse bei dem Lacan-Schüler Jacques-Alain Miller, bei dem er promovierte. 


Schließlich publizierte Žižek seine erste englischsprachige Abhandlung unter dem Titel „The Sublime Object of Ideology“, welches ihm internationale Aufmerksamkeit einbrachte. Žižek selbst ist zwar der Meinung, bislang kein Hauptwerk verfasst zu haben, "The Sublime Object of Ideology" wird aber häufig als dieses angesehen.

Inzwischen verfasste Žižek über 70 Werke, die in über 20 Sprachen übersetzt wurden. Seine anfänglichen Werke waren in lacanischer Lesart verfasst, in letzter Zeit dominieren jedoch eher die politiktheoretische Themen in seinen Schriften. Im Übrigen tritt Žižek nicht nur regelmäßig in Talkshows auf und ist auf YouTube aktiv, sondern schreibt regelmäßig an einer Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und verfasst darüber hinaus auch immer wieder Artikel für Die Welt, Die Zeit und die Neue Züricher Zeitung


Žižek ist mittlerweile fest an den Universitäten etabliert. Neben seinem Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Ljubljana ist Žižek seit 2007 der internationale Direktor des Birkbeck Institute for the Humanities an der University of London und Professor für Philosophie und Psychoanalyse an der European Graduate School sowie der Global Distinguished Professor für Germanistik an der New York University


Seine philosophischen und psychoanalytischen Forschungsgebiete erstrecken sich von dem Marxismus, dem Hegelianismus, der Kulturwissenschaft über die Politische Theorie hin zur Film- und Kunstkritik und orientiert sich in dort primär an Lacan, Hegel und Marx. 


Seit den 1980er Jahren ist Žižek neben seiner philosophischen und psychoanalytischen Arbeit auch politisch aktiv. Lange Zeit war Zizek als kritischer Kommunist in verschiedenen slowenischen Parteien und hat dort 1990 als Präsident kandidiert. Inzwischen ist Žižek Mitglied der „Bewegung Demokratie in Europa 2025“. 

 

Was ist Ideologie?
Žižek hat im Laufe seines akademischen Lebens viele Theorien von Marx, Lacan und Hegel weiterentwickelt. Im Zentrum seiner philosophischen Ideen steht die Ideologie. Der Begriff Ideologie hat viele Bedeutungen. Für Žižek aber ist die Ideologie die Bedingung unserer Existenz.

Seine These lautet: Das Unbewusste lässt uns die Welt als Tatsachenwelt erscheinen. Damit dies möglich ist, bedienen wir uns unterbewusst der Ideologie. Diese ist somit also fast überall und der Mensch ist ein ideologisches Wesen. Ideologie ist also kein falsches Weltbild, sondern die Bedingung unserer Existenz.

Mit dieser Erkenntnis ist es laut Žižek notwendig, die Ideologie immer wieder zu kritisieren und zu hinterfragen Zwecks der Ontologie. Die Welt nicht zu hinterfragen, wäre rückschlüssig also eine Ideologie in Reinform. 


Seine schwer verständlichen Thesen erläutert Žižek anhand von simplen Beispielen, meistens aus dem Film, um sie für diejenigen, die sich nicht mit der Philosophie auskennen, zugänglich zu machen. 


Und an so einem Beispiel möchte ich kurz erläutern, was Žižek eigentlich meint. (In der Philosophie wird gern mit Geld diskutiert und diesem Beispiel möchte ich mich nun auch bedienen.) Wir alle kennen Geld, nutzen Geld und akzeptieren Geld als Tauschmittel, ohne dieses System groß zu hinterfragen. Ein bedrucktes Stück Papier soll einen höheren Wert haben als etwas zu Essen, einem Apfel zum Beispiel. Und das obwohl der Apfel essbar ist, lecker schmeckt und einen direkten Nutzen für uns hat. Geld hat aber einen symbolischen Wert und dieser symbolische Wert ist unterbewusst. Das Geld erhält somit also einen empirischen Wert, ohne empirisch zu sein, weil es sich an sich nur um einen Gedanken handelt. Und dieses Unterbewusste ist Ideologie. Andere Beispiele sind beispielsweise Gesetzessysteme. Wir können zwar ohne diese anzuerkennen leben, aber ein Leben in der Gesellschaft wäre damit unvereinbar. Gerade im Bezug auf die Ideologie zeigt sich der Bezug zu Lacan – und der zu Marx, der der Meinung ist, Ideologie maskiert die Dinge der Wirklichkeit. 


Bei Žižek geht es zudem um den Gegensatz des Wissens und des Handelns. Wir wissen zwar, dass Fleisch essen nur durch Tierleid möglich und zudem schädlich für die Umwelt ist, aber wir essen dennoch Fleisch, als ob wir das nicht wüssten. Und Žižek erklärt, wir würden dies machen, weil es einerseits bequem ist und andererseits, weil wir uns an anderen orientieren. Wir handeln, als ob. Und dadurch, so Žižek, entstehen Widersprüche. Wir wissen, aber wir handeln anders. Wir leben in einem Rahmen von Widersprüchen. (Sie sehen hier also auch den Bezug auf Hegel.)

Žižeks Weiterentwicklung Hegels, Lacons und Marxs konnte ich an dieser Stelle nur einleitend andeuten, aber falls Sie sich selbst ein Bild zu diesem interessanten und gleichsam eigenartigen Denker machen möchten, finden Sie hier paar Leseempfehlungen zusammengestellt.

Die Ideologie ist bei Žižek zwar ein grundlegendes Thema, aber er thematisiert und kritisiert in seinen Arbeiten auch den Kapitalismus, die Linken und erklärt, warum unsere Strategien zur Lösung von Rassismus und sozialer Ungleichheit nicht funktioniert.

Alles Gute zum 73. Geburtstag Slavoj Žižek!

Bildnachweis: Slavoj Zizek in Liverpool, Andy Miah, Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0


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Folgen Sie den brillanten Ausführungen von Slavoj Žižek und nehmen Sie mit diesem Buch teil an einem einzigartigen Gedankenexperiment!

»Žižek ist der Superstar der Kapitalismuskritik.« DIE ZEIT

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Kommentare (1)

Merchan Agaricus

Liebe Frau Hitzmann,

gerne las ich Ihre Würdigung von Zizeks Lebenswerk.
Seine Konstruktionen bezüglich der menschlichen Neigung zur Ideologie sind interessant. Diesbezüglich halte ich persönlich es lieber mit dem Glauben, einer Melange an traditionellen philosophischen Wissen, buddhistischen Überzeugungen, empirischen Erfahrungen und eigenen Interpretationen des Lebens. Tausenderlei fließt zu einem großen Ganzen: das Universum scheint bestrebt darum zu sein Disparität zu überwinden und sich mit sich selber einig zu werden. Ich glaube, das Nichts ist das Ende jeglichen Unrechts und somit jeglicher Disparität. Die absolute Dekonstruktion das Ziel jeglichen wirkens. Alles was begonnen hat erliegt der fundamentalen Entropie.

Daher ist für mich das Gedeihen, ein Streben nach Tod. Um zu sterben, muss man reifen. Der Tod hingegen ist ein Neubeginn. Was zwischen den Geburten erfolgt ist das Wunder des Lebens, darin sei Platz für Ideologie, Rechte und Pflichten, das ehrenvolle Gesetz, Raum für den ewigen Kampf von gut und Böse, den das Gute schlussendlich gewinnt.

Sie sehen, ich bestätige Ihre Gedanken.

Mit Lenin wäre ich allerdings sehr vorsichtig (10 Millionen ermordete Menschen allein als Folge seiner Revolution, ein Erbe, dass er Stalin übergab).

Herzliche Grüße
Marcin Lupa


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