Zum 53. Todestag von Theodor Adorno

Lara Hitzmann • 6 August 2022
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Adorno
©Jeremy J. Shapiro

Zum 53. Todestag von Theodor Adorno

 

»Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.«
Adorno

Am 11. September 1903 erblickte Theodor Adorno unter dem Namen Theodor Ludwig Wiesengrund in Frankfurt am Main das Licht der Welt. Als einziges Kind eines jüdischen Weingroßhändlers und einer italienischen Sängerin genoss Adorno wegen der Bemühungen seiner Mutter eine katholische Erziehung. Gemeinsam mit ihr und seiner Tante, die ebenfalls Musikerin war, lernte er bereits früh den Wert von Musik kennen. Aber auch die Philosophie interessierte Adorno sehr: Jeden Samstagnachmittag las er gemeinsam mit seinem Freund Siegfried Kracauer Immanuel Kants »Kritik an der reinen Vernunft«. Später soll dies das Werk gewesen sein, welches ihn am meisten beeinflusste. Es mag kaum verwundert haben, dass sich Adorno seinen beiden Leidenschaften, Musik und Philosophie, auch in der Universität widmen würde. 
1921 begann der spätere Professor sein Studium an der Universität in Frankfurt a. M. in den Fächern Philosophie, Musikwissenschaften, Psychologie und Soziologie. Sein Zubrot verdiente sich Adorno als Musikkritiker.
Bereits nach 4 Jahren beendete Adorno sein Studium erfolgreich mit einer Promotion über Edmund Husserl. Im zweiten Anlauf schaffte er auch seine Habilitation mit einer Arbeit über »Kierkegaard-Konstruktion der Ästhetik«.

Den damals immer lauter werdenden nationalsozialistischen Stimmen in der Gesellschaft stand Adorno zunächst naiv gegenüber. Er nahm sie nicht als Bedrohung wahr, trotz dass seine Freunde ihn dazu drängten, Deutschland zu verlassen. Ab 1934 verbrachte Adorno deshalb einige Jahre in Oxford. Dort war er als Student eingeschrieben, um seine akademische Laufbahn weiter voranzubringen. Als jedoch die Situation so kritisch wurde, dass sich sowohl er als auch seine Frau wegen ihrer jüdischen Herkunft massiv von den Entwicklungen in Deutschland bedroht fühlten, siedelten sie schließlich nach Amerika über. Dort hatte Max Horkheimer Adorno eine Stelle angeboten.
In Amerika führte Adorno sein gesellschaftliches und akademisches Leben rege weiter. Das Ehepaar beteiligte sich an Diskussionen, Vorträgen und Seminaren zur Ergründung des Charakters des Nationalsozialismus. Außerdem schrieb Adorno gemeinsam mit seinem Freund Leo Löwenthal an der »Zeitschrift für Soziologie« und beriet den Schriftsteller Thomas Mann als Musikphilosoph zu Manns Buch »Doktor Faustus«. Zwischendurch zog das Ehepaar mit Horkheimer nach Los Angeles. Dort leitete Adorno 1944 auch eine Forschungsgruppe zum Antisemitismus.

»Der Antisemitismus ist das "Gerücht über die Juden."«
Adorno

Zuletzt arbeitete er als Forschungsdirektor der »Hacker Psychatric Foundation«. Aufgrund von Auseinandersetzungen mit dem Aggressionsforscher Hacker beschloss Adorno 1953 schließlich, nach Deutschland zurückzukehren. Dort hatte er bereits in kurzen Aufenthalten an der Universität Frankfurt gelehrt und diese Lehrtätigkeit gemeinsam mit Horkheimer als Professor für Philosophie und Soziologie wieder aufgenommen. Neben der akademischen Tätigkeit genoss Adorno das Leben, erfreute sich an Kunst, Musik und Literatur und suchte den Austausch mit inspirierenden Zeitgenossen.

In diesen Jahren beschäftigte sich Adorno ausgiebig mit der Industriegesellschaft und dem Spätkapitalismus. 1966 erschien dann auch sein philosophisches Hauptwerk, die »Negative Dialektik«. Die nun weiter ausgearbeiteten »dialektischen Logik«, die er mit Horkheimer bereits in den 1930ern entwickelt hatte, untersucht die kritische Theorie. 

»Es handelt sich um den Entwurf einer Philosophie, die nicht den Begriff der Identität von Sein und Denken voraussetzt und ihn auch nicht terminiert, sondern die gerade das Gegenteil, also das Auseinanderweisen von Begriff und Sache, von Subjekt und Objekt, und ihre Unversöhntheit, artikulieren will.« Adorno über die »Negative Dialektik«


Unter den Studierenden war Adorno wegen seinen kritischen Ansichten sehr beliebt. Einige seiner Studierenden waren aktive Mitglieder der Bewegung APO (außerparlamentarische Organisation) und versuchten auch Adorno dazu zu bewegen, sich dem teils gewalttätigen Aktionismus anzuschließen. Von dem distanzierte sich Adorno jedoch vehement, obgleich er einige der Ansichten dieser Bewegung teilte.

Adorno galt als einer der Väter dieser Studierendenbewegung. Die Energie der Studierenden ging so weit, dass seine Vorlesungen regelmäßig durch Furore gestört wurden und Adorno zuletzt teilweise wegen dieser Aggressivität die Lehrtätigkeit einstellen musste. Zusätzlich übten rechte Politiker immer mehr Druck auf den Professor aus, da sie ihn als maßgeblich beteiligt an der Opposition gegen die Notstandsgesetze sahen. 1969 beendete Adorno seine Lehrtätigkeit und reiste mit seiner Frau in die Schweizer Berge, wie sie es jedes Jahr zu tun pflegten. Dort erlitt Adorno am 06. August einen Herzinfarkt und verschied im Alter von 66 Jahren aus dem Leben.
 


Leseempfehlungen


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Auer, Dirk / Bonacker, Thorsten / Müller-Doohm, Stefan (Hrsg.)

Die Gesellschaftstheorie Adornos

Themen und Grundbegriffe

Das Interesse an den soziologischen Analysen des bedeutenden Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno (1903 – 1969), an seiner Konstruktion von Gesellschaft als System funktionaler Abhängigkeiten und an seinem dialektischen Vernunftkonzept ist bis heute wach geblieben und hat immer wieder zu Auseinandersetzungen über die Aktualität des Adornoschen gesellschafts- und vernunftkritischen Paradigmas geführt. Diese gerade jetzt neu in Gang kommende Debatte aufgreifend führt dieser Sammelband nicht nur in die wesentlichen Begriffe von Adornos Gesellschaftstheorie ein, sondern überprüft zugleich ihre Tragfähigkeit im Lichte der gegenwärtigen sozialwissenschaftlichen Diskussion. Das Spektrum der behandelten Themen umfasst die grundlegenden Aspekte der Kritischen Theorie wie die Kulturindustrie, die Dialektik der Aufklärung und das Ende der Indiviualität, berücksichtigt aber ebenso weniger geläufige Denkfiguren, die sich mit Sprache, Geschlechterbeziehung und Moralphilosophie auseinandersetzen. Alle Beiträge enthalten Hinweise auf die jeweils bedeutsamen Textpassagen im Werk Adornos. Geboten wird also nicht nur eine an den Grundbegriffen orientierte Einführung in einen der bedeutendsten Entwürfe einer Theorie der modernen Gesellschaft, sondern auch die Verortung Adornos im Kontext der Gegenwartssoziologie. Der Band stellt damit das unerlässliche Grundlagenwissen für die jüngste Rezeptionsphase von Adornos Werk zur Verfügung.
 


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Anders, Günther

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Der Band versammelt Günther Anders' bislang unveröffentlichte Briefwechsel mit Philosophen aus ihm nahestehenden Denktraditionen: mit Plessner, einem Hauptvertreter der philosophischen Anthropologie, mit Adorno, Horkheimer und Marcuse, die aus der ersten Generation der Frankfurter Schule stammen, sowie mit Bloch, der wie Anders der Kritischen Theorie zwar nahestand, aber dennoch ein "Outsider" blieb. Diese Zusammenstellung macht einen wichtigen Prozess der intellektuellen Umorientierung nachvollziehbar, der Anders von seiner frühen, eher unpolitischen Anthropologie hin zu einer philosophischen Kultur- und Gesellschaftskritik geführt hat.

Anders teilt mit diesen Denkern nicht nur eine weitreichende biografische Gemeinsamkeit - die historischen Erfahrungen der Vertreibung aus NS-Deutschland, der Entfremdung vom jüdisch-deutschen Milieu und der Shoah. Er teilt mit ihnen auch das Anliegen, als Antwort auf diese Erfahrungen eine konkrete, nicht-akademische und engagierte Philosophie zu entwickeln. Wie umstritten die Verwirklichung dieses Ziels unter den genannten Philosophen ist, dokumentieren ihre Briefe: Gerade im Streitgespräch mit Adorno werden die Bruchlinien zwischen universitärer Theorie und politischer Praxis, zwischen akademischer und eingreifender Philosophie zum Thema. In einem Brief an Marcuse spricht Anders vom Philosophen als dem "grundsätzlich Anstößigen", während er in einem anderen Brief betont: "man kann sich nicht für Widerspruch bezahlen lassen". Von diesen hohen moralischen Ansprüchen an Intellektuelle und Schreibende, dem Gestus der Unnachgiebigkeit und Kompromisslosigkeit in der Sache, zeugen die Briefe in diesem Band. Neben biografischen und zeithistorischen Aspekten machen sie vor allem auch ein Stück Philosophiegeschichte erfahrbar, mithin das Denken und Handeln einer Generation von Intellektuellen, welche die Politik und Kultur Nachkriegseuropas entscheidend prägte.


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Bedorf, Thomas / Gelhard, Andreas (Hrsg.)

Die deutsche Philosophie im 20. Jahrhundert

Ein Autorenhandbuch

Das Handbuch bietet einen umfassenden Überblick über die wichtigsten Autoren der deutschsprachigen Philosophie des 20. Jahrhunderts. Dabei stehen nicht die sich stark voneinander abgrenzenden Schulen und Strömungen, sondern die Autoren selbst im Mittelpunkt. In knapp 100 Einzelbeiträgen werden Parallelen und Zusammenhänge jenseits der üblichen Kategorisierungen aufgezeigt. Den Schwerpunkt der Darstellung bildet dabei die spezifische Entwicklung und Argumentationsstruktur der Werke - nicht biographische Informationen. Unter den Porträtierten rangieren die führenden Köpfe des Jahrhunderts, wie Adorno, Wittgenstein, Heidegger oder Popper, ebenso wie weniger bekannte Wissenschaftler aus Nachbardisziplinen, deren Theorien für die Entwicklung der Geistesgeschichte bedeutsam waren. Alle Denker werden von ausgewiesenen Experten und auf dem aktuellen Stand der Forschung dargestellt. Eine ausführliche Bibliographie, sowie ein Personen- und Sachregister machen dieses Handbuch zu einem wichtigen Grundlagenwerk und Arbeitsinstrument.

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