Zum 37. Todestag von Heinrich Böll

Lara Hitzmann • 16 Juli 2022
Blogbeitrag in der Gruppe Geschichte
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Böll
Bundesarchiv, B 145 Bild-F062164-0004 / Hoffmann, Harald / CC-BY-SA 3.0

Zum 37. Todestag von Heinrich Böll


Kaum ein Autor repräsentiert die deutsche Nachkriegsliteratur so wie Heinrich Böll. Mit seinen Romanen, Kurzgeschichten und Essays kritisierte er nicht nur die neugegründete Bundesrepublik, sondern geriet auch mit der BILD-Zeitung aneinander. 

Böll war Mitglied in der namhaften Schriftstellervereinigung Gruppe 47 und wurde für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Literaturnobelpreis. Schließlich war es sein übermäßiger Tabakkonsum, welcher ihn am 16. Juli 1985 das Leben kostete. 
 

Der am 21. Dezember 1917 geborene Heinrich Böll war das achte Kind einer Schreinerfamilie in Köln und wuchs dort katholisch auf. Zu der Zeit fand der Nationalsozialismus in Deutschland immer mehr Zuwachs, wurde aber von der Familie Böll abgelehnt. Wegen der 1923 aufkommenden Inflation war die Familie von Armut bedroht und gezwungen, die Geschäfte aufzugeben und schließlich in ein ärmliches Wohnviertel zu ziehen. Dennoch erlangte Böll 1937 sein Abitur und begann im Anschluss daran mit der Ausbildung zum Buchhändler. Während dieser Zeit versuchte sich Böll auch das erste Mal an der Schriftstellerei. 

Nach Abbruch seiner Ausbildung wurde Böll 1938 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Im Jahr darauf konnte er diesen wieder beenden und nahm ein Studium der klassischen Philologie und der Germanistik auf, welches er jedoch durch den Einzug in die Wehrmacht einige Monate danach bereits pausieren musste. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete Böll zunächst als Übersetzer und verfasste in dieser Zeit primär Briefe, die in dem Werk »Briefe aus dem Krieg 1939-1945« publiziert wurden. Zum Ende des Krieges gelangte Böll in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Kurz zuvor konnte Böll jedoch noch Annemarie Böll heiraten, die nach dem Krieg die Familie als Lehrerin und Übersetzerin finanzierte, während Böll sein Studium wieder aufnahm und sich währenddessen der Belletristik zuwandte. 

Im Juli 1946 schuf Böll mit dem Buch »Kreuz ohne Liebe« seinen ersten Nachkriegsroman. Im Anschluss daran summierten sich seine Zeitschriftenpublikationen, in denen sich der Autor vermehrt mit seinen Kriegstraumata und der seiner Meinung nach problematischen Entwicklung Deutschlands nach 1945 auseinandersetze. 

Im Jahr 1951 wurde Heinrich Böll Mitglied der Gruppe 47, an der auch andere große Nachkriegsautor:innen dieser Zeit, beispielsweise Ilse Aichinger und Günther Grass, partizipierten. Dort gewann er mit seiner Satire »Die schwarzen Schaf« den Preis der Gruppe und wurde schließlich von dem Verlag Kiepenheuer & Witsch durch einen Autorenvertrag unterstützt. 


»Einmischung ist die einzige Möglichkeit, realistisch zu bleiben.«
Heinrich Böll


Die anschließenden Jahre gelten als die schriftstellerische Blütezeit des Autors. In dieser Zeit entwickelte Böll nicht nur Nachkriegs- und Kriegstrümmerliteratur, sondern thematisierte die soziale Ungerechtigkeit und andere politische Themen in seinen Werken, ganz voran Kritik an der Nachkriegspolitik der Bundesregierung. Nach der Publikation eines Essays über die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof begann eine mediale Hetzjagd auf Böll. Die BILD-Zeitung legte seine Aussagen so aus, als würde er mit den Terroristen sympathisieren. Wegen der Verleumdung und Stimmungsmache gegen Böll durch den Springer-Verlag kam es sogar zu Hausdurchsuchungen. Aber trotz der Diffamierung in der BILD-Zeitung erhielt Böll 1972 den Literaturnobelpreis.


Aus dieser Erfahrung heraus entwickelte er den Roman »Die verlorene Ehre der Katharina Blum«, welcher heute noch sein bekanntestes Werk darstellt. Der Roman handelt von einer jungen und ordentlichen Frau namens Katharina Blum, die als Haushälterin arbeitet. Katharina verliebt sich in einen Verbrecher, der polizeilich gesucht wird. Natürlich hilft Katharina ihrem Liebsten bei der Flucht und wird daraufhin von der Polizei verhört. In den Medien wird Katharina daraufhin zerrissen. Diese Hetzkampagne geht so weit, dass Katharina den Hauptverantwortlichen der Zeitung, den sie für all das verantwortlich macht, tötet. Gleich zu Beginn dieser im essayistischen Stil gehaltenen literarischen Dokumentation stellt Böll klar, dass er hier seine eigene Hetze in der rechtskonservativen Springerpresse verarbeitet und darüber aufklärt, wie Zeitschriften (wie BILD) arbeiten. 


»Inzwischen ist die Bild-Zeitung ja fast schon das regierungsamtliche Blatt.« —  Heinrich Böll, Buch Ansichten eines Clowns


Das Buch führte zu massiven Protesten, da es sowohl die BILD als auch die Bundesregierung hart angriff. Das Resultat war jedoch, dass Bölls »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« jahrelang ein fester Bestandteil des deutschen Schulunterrichtes bildete und in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde.

Neben seiner Arbeit als Schriftsteller war Böll politisch aktiv und förderte auch soziale Projekte im Ausland. In Bolivien war Böll maßgeblich an dem Aufbau einer Frauenbewegung beteiligt und in Cap Anamur unterstütze der Autor die Entstehung der Deutschen Notärzte. Außerdem nahm Böll aktiv an der Bewegung gegen die Aufrüstung der NATO teil und blockierte mit vielen anderen beispielsweise Raketenlieferungen auf der Mutlanger Heide.

Schließlich war es Bölls Laster, welches ihn am 16. Juli 1985 umbrachte: Durch seinen Tabakkonsum litt er an einer Gefäßerkrankung, die zu seinem Tod führte. 
 


Leseempfehlungen


Buch
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Schubert, Jochen

Heinrich Böll

Heinrich Böll hat die Deutschen immer wieder mit ihrer jüngsten Vergangenheit konfrontiert. Bereits zu Lebzeiten galt der Autor von »Wo warst du, Adam?«, »Ansichten eines Clowns« und »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« als moralische Instanz. Böll selbst wehrte sich vehement gegen die Rolle als Gewissen der Nation. Grund genug, Bölls Motiven, Themen und Leidenschaften erneut nachzuspüren und die komplexe Beziehung zwischen literarischer Arbeit und gesellschaftlichem Engagement zu durchleuchten. Jochen Schubert hatte erstmals uneingeschränkten Zugriff auf den Nachlass. Er entfaltet das Porträt eines widerständigen Künstlers und engagierten Intellektuellen. Bölls Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, seine Kritik an den restaurativen Tendenzen der Nachkriegszeit, aber auch sein Engagement in der Friedensbewegung zeigen den Nobelpreisträger an den Wendepunkten bundesrepublikanischer Kultur- und Gesellschaftsgeschichte.


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Heinrich Böll

Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Heinrich Bölls Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann sorgte bei ihrem Erscheinen im Jahr 1974, das von einem Vorabdruck im Spiegel flankiert wurde, für eine heftige Auseinandersetzung um die Methoden des Boulevardjournalismus.
Die Hauswirtschafterin Katharina Blum, die nebenbei bei Empfängen und Festlichkeiten die kalten Buffets besorgt und sich davon eine Appartementwohnung und einen Volkswagen leisten kann, gerät zufällig in den Mittelpunkt der Sensationsmache und Polithetze einer großen Boulevardzeitung. Bei einer Karnevalsparty verliebt sie sich in einen jungen Mann, der von der Polizei als radikaler Rechtsbrecher gesucht und allgemein »Bandit« genannt wird. Von da an ist ihr ein Sensationsjournalist auf den Fersen, der ihr Privatleben durchleuchtet und öffentlich macht. Die Folge der Hetze und der Verletzung der Intimität durch die Presse steht am Anfang der Erzählung: Katharina Blum hat den Journalisten erschossen, und ein ebenfalls beteiligter Pressefotograf ist von einer unerkannten Frau erschossen worden. Damit ist der schockierende Akzent gesetzt, der nach Interpretation und Aufklärung verlangt.
Das Muster der Moritat von der verlorenen Frauenehre ist hier emanzipatorisch und aggressiv gewendet: Die in der öffentlichen Meinung gefallene Frau weiß sich nach anfänglicher Erschütterung zu wehren, notfalls mit Gewalt.
 


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Klaus Schröter

Heinrich Böll

Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten

Der Schriftsteller Heinrich Böll (1917–1985) wurde mit seinen literarischen Werken, aber auch mit seinen politischen Aktivitäten zu einer moralischen Instanz der frühen Bundesrepublik. Sein internationaler Rang wurde 1972 durch die Verleihung des Nobelpreises für Literatur dokumentiert.

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