Ziemlich beste Freunde

Konstantin Sakkas • 16 Februar 2021

Ziemlich beste Freunde

Vor 150 Jahren entstand im Krieg mit Frankreich das moderne Deutschland. Heute ist die Freundschaft beider Länder das Herzstück der Europäischen Union

von Konstantin Sakkas, Januar 2021


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Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer mit dem französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle in Bonn (4.-5.9.1962) / Bundesarchiv, B 145 Bild-F013859-0009 / CC-BY-SA 3.0

 


Bismarck, sagte der große sozialdemokratische Bundespräsident Gustav Heinemann in seiner Rede zu hundert Jahren Reichsgründung 1971, habe die deutsche Einheit mit Blut und Eisen erzwungen, aber „er gehöre nicht in die schwarz-rot-goldene Ahnenreihe derer, die mit der Einheit zugleich die Freiheit“ wollten. 

Diese Worte setzten den Ton für das Urteil von Politik und Geschichtswissenschaft in den kommenden, von „Achtundsechzig“ und der Bielefelder Schule geprägten, Jahrzehnten. Wer wie der Autor in den Neunziger Jahren zur Schule ging und in den Nullerjahren studierte, wurde mit einem denkbar kritischen, ja: negativen Blick auf Bismarck und die Reichseinigung sozialisiert. 
Seit etwa zehn Jahren kann man eine Wandlung des öffentlichen Bildes der Reichseinigungszeit feststellen. Das schlägt sich in der musealen und städtebaulichen (Berliner Stadtschloss) Preußenrenaissance nieder, aber auch in der wissenschaftlichen Literatur. Des Rechtskonservatismus unverdächtige Historikerinnen und Historiker wie Christoph Nonn, Christoph Jahr oder Hedwig Richter zeichneten zuletzt ein spürbar ausgewogenes, nuanciertes Bild von der Reichseinigung, das etwa den politischen Stil Otto von Bismarcks in den zeitgenössischen Kontext rückt oder auch die parlamentarische Beteiligung am Einigungsprozess betont.

Das bezieht sich jedoch vorrangig eben auf diesen Prozess der Einigung, der politisch zwischen Herbst 1870 und Frühjahr 1871 stattfand. Der Krieg gegen Frankreich, in dessen Windschatten dieser Prozess stattfand, bleibt im kollektiven Gedächtnis weitgehend unbeachtet. Wenn jemals eine deutsche-französische Vergangenheit zu „bewältigen“ war, dann wird diese Vergangenheit zwischen den beiden Weltkriegen verortet, aber nicht zwischen der Schlacht bei Weißenburg am 4. August 1870, dem ersten großen Waffengang des deutsch-französischen Krieges, und dem Friedensschluss von Frankfurt am 10. Mai 1871, der dem nunmehrigen Deutschen Reich neben den Provinzen Lothringen und Elsass eine Kriegsentschädigung von astronomischen fünf Milliarden Francs einbrachte.

In Frankreich dagegen ist die Erinnerung an 70/71 ungleich präsenter als in Deutschland, was auch daran liegt, dass mit dem Sturz Kaiser Napoleons III. 1870 zugleich die Monarchie in Frankreich dauerhaft abgeschafft wurde. Als Geburtsstunde der dritten Republik markiert 1870 für Frankreich also einen vergleichbaren Wendepunkt wie die Novemberrevolution 1918 für Deutschland. Die Demütigung durch Deutschland befreite Frankreich zugleich von den Schlacken des Bonapartismus und führte zum Entstehen des Frankreichs von heute. Das Land deprovinzialisierte sich im Inneren, die Dialekte verschwanden, der Laizismus wurde 1905 Gesetz.

Seine Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert, die 2019 erschien, lässt der Historiker Matthias Waechter 1870 beginnen, also tief im 19. Jahrhundert. Er folgt damit einem geschichtswissenschaftlichen Trend, der in Umkehrung des lange dominanten Narrativs vom „langen 19.“ und „kurzen 20. Jahrhundert“ ein langes 20. Jahrhundert annimmt, das  – jedenfalls für West- und Mitteleuropa – politisch, technologisch und soziologisch bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begonnen habe.

Für Deutschland überzeugt diese These weniger, was auch mit den spezifischen Gegebenheiten deutschen politischen Gedenkens zu tun hat, das alles Militärische, Triumphalistische tunlichst vermeidet. Für Frankreich war 70/71 nur ein Stolperstein auf dem Weg zur Wiederherstellung als europäische Groß- und mediterrane Regionalmacht, die es selbst heute, auch nach der Dekolonisierung der 1950er und 60er, in Teilen (siehe Françafrique und Naher Osten) immer noch ist. In Deutschland hingegen wird der Triumph von 1870 vorwiegend nicht als der Modernisierungsstartschuss gelesen – der er aber eben auch, wenn nicht noch in viel größerem Maße war –, sondern als Beginn eines Irrwegs, der in die „Urkatastrophe“ (George F. Kennan) des Ersten und den „Zivilisationsbruch“ (Dan Diner) des Zweiten Weltkrieges mit einem Völkermord an sechs Millionen europäischen Juden führte. 

Dieses als Sonderwegsthese bekannte antibismarcksche Geschichtsbild gilt zwar in Fachkreisen mittlerweile als überholt. Dennoch fällt es Deutschland immer noch schwer, an den Krieg mit Frankreich und die Proklamation des Kaiserreichs im Spiegelsaal zu Versailles unter Fahnenrauschen und Kanonendonner einigermaßen entspannt zu erinnern. Otto von Bismarck, der eigentlich grobschlächtige, aber gerissene und, wo es sein musste, auch geschmeidige Pommersche Junker, der raubeinige norddeutsche Corpsstudent, hatte auf die Einigung Deutschlands hingearbeitet, seit er im September 1862 zum preußischen Ministerpräsidenten berufen worden war. Diese Einigung war eine der offenen Fragen, die der Sieg über Napoleon I. und der Wiener Kongress 1815 hinterlassen hatten, und ihre Beantwortung eine Frage der Zeit. Man kann nicht sagen, dass Bismarck der Welt seine – royalistische, reaktionäre – Antwort auf diese Frage der Welt aufgedrängt hätte; die liberale Revolution von 1848, aus bundesrepublikanischer Sicht die eigentliche, wenn auch unvollendete Geburtsstunde des modernen Deutschlands, war gescheitert, in allen deutschen Staaten hatte die Reaktion gesiegt. Mit seinem Sieg im „Bruderkampf“ über Österreich 1866 hatte Bismarck immerhin auch einige allzu gestrig regierte deutsche Mittelstaaten beseitigt und der preußischen Krone einverleibt, nämlich Hannover, Hessen-Kassel und Nassau. Der logische nächste Schritt war der Zusammenschluss des neu errichteten Norddeutschen Bundes (dessen Gründungsdatum, der 1. Juli 1867 ist übrigens das Gründungsdatum des heutigen Deutschland als Völkerrechtssubjekt) mit den vier bündnisfrei gebliebenen süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen (-Darmstadt).

Die Errichtung eines einigen Deutschland wäre freilich gegen außenpolitische Widerstände kaum zu stemmen gewesen. Das wusste Bismarck, das wissen auch wir heute, und es zu wissen, aber nicht auszusprechen ist der vielleicht blinde Fleck der deutschen Geschichtspolitik heute. Der Krieg mit Frankreich, dessen Kaiser Napoleon III. nach vielen außenpolitischen Abenteuern vor einem drohenden innenpolitischen Bankrott stand, war wahrscheinlich unabwendbar; Bismarck diabolisches Verdienst liegt darin, diesen Krieg von Anfang an heimlich betrieben und ihn militärisch, diplomatisch und wirtschaftlich klug vorbereitet zu haben. 

Willkommener Anlass war die Vakanz des spanischen Thrones, für den der preußische Ministerpräsident durch seinen Gesandten in Madrid den Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen ins Spiel brachte. Leopold war katholisch, verheiratet mit einer portugiesischen Prinzessin und hatte, immerhin, zwei französische Großmütter, eine Murat und eine Beauharnais. Dennoch: ein Hohenzollernprinz, der familienrechtlich dem König von Preußen in Berlin unterstellt war, auf dem spanischen Königsthron: das, so viel stand fest, würde Frankreich niemals akzeptieren können. Der Albtraum der Einkreisung Frankreichs durch das System Karls V. – im Osten Deutschland, im Süden Spanien – tauchte am Horizont auf. 

Die Raffinesse, mit der Bismarck erst seinen Kandidaten Leopold ins Spiel brachte, um dessen Wahl dann (so hat es wenigstens den Anschein) durch ein inszeniertes diplomatisches Missgeschick zu verhindern – denn ein gewählter König Leopold von Spanien hätte Fakten geschaffen und damit den Kriegsgrund zwischen Frankreich und Preußen aus der Welt geschafft –, gehört zu den Meisterstücken der Geheimdiplomatie. Der anschließende Krieg dauerte im Vergleich zu den Massenabschlachtungen des 20. Jahrhunderts zwar kurz, war darum aber kaum weniger blutig. Feuerwaffen und Artillerie hatten sich im technischen 19. Jahrhundert ungemein weiterentwickelt, und so forderten Infanterieangriffe weit mehr Opfer als früher. Weißenburg, Wörth, Spichern, Nouilly-Colombey, Vionville-Mars-la-Tour, Saint-Privat-Gravelotte, Sedan, Metz, Beaune-la-Rolande, Montbéliard und Belfort – noch vor hundert Jahren waren diese Namen jedem deutschen Schulkind ein Begriff, noch heute finden sich zahlreiche Straßennamen in Deutschland, die an sie erinnern – im öffentlichen Gedächtnis sind sie verblasst.

Und das nicht zu Unrecht, wurde der Krieg doch nicht nur auf dem Schlachtfeld geführt, sondern vermehrt auch gegen die Zivilbevölkerung, deren legitimer, aber nicht legaler Widerstand unter den deutschen Befehlshabern die Franktireurpsychose auslöste, die zu willkürlichen Erschießungen von Nonkombattanten und zum Niederbrennen von Ortschaften führte. Der entgrenzte totale Krieg des 20. Jahrhunderts warf hier seinen Schatten voraus, aber auch in der Nutzbarmachung moderner Technologien für die Kriegführung, wie Eisenbahnen, Telegrafie und Fesselballons.

„70/71“ ist Geschichte. Der politischen Kultur in Deutschland hat der „Siebzigerkrieg“ nichts mehr zu sagen, aber – und das ist vielleicht das Wesentliche – auch nicht der außenpolitischen Selbstverortung. Dabei ist es vielleicht die größte Merkwürdigkeit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, dass Deutschland es schaffte, die triumphale Errungenschaft von 70/71 durch zwei Niederlagen, von denen die letztere total und katastrophisch war, hindurchzuretten. 1918 wie 1945 gab es alliierte Pläne, die deutsche Einheit aufzulösen und das Reich wieder in seine Einzelteile zu zerlegen, womöglich unter Anschluss an den jeweiligen Nachbar. Hannover an die Niederlande, Schleswig-Holstein an Dänemark, Ostelbien an Polen, Bayern an Österreich usw. Merkwürdigerweise aber war man auf allierter Seite trotz allen Größenwahns und selbst trotz der Menschheitsverbrechen Hitlers zu sehr von der Notwendigkeit eines einigen Deutschlands in der Mitte Europas überzeugt, als dass man sich auf die Phantasie des Dismemberments ernsthaft eingelassen hätte. 

Stattdessen beließ man Deutschland, wenn auch in immer wieder reduzierten Grenzen, als Ganzes und gab ihm so die Chance, die Straße des Fortschritts und des Triumphs, die es 1815 nach der Befreiung von Napoleon eingeschlagen hatte, weiterzuwandeln – aber nun auf leisen, friedlichen Sohlen und nicht mehr in Kürassierstiefeln. Die deutsch-französische Erbfeindschaft, die 1870 besiegelt wurde, war die erste Hypothek, die nach 1949 konsequent aus dem Weg geräumt wurde (teilweise wurden, horribile dictu, die Wurzeln für die spätere Versöhnung bereits 1940/44 in der Zeit von Vichy und Collaboration gelegt).

Wer heute durch Berlin-Mitte geht, findet am Tiergarten eine sonderbare Konstellation. Am Großen Stern erinnert die Siegessäule, flankiert von den martialischen Statuen Moltkes, Roons und Bismarcks, an die Schlachtensiege Preußen-Deutschlands in den drei Einigungskriegen, allen voran an die Demütigung Frankreichs. Siebenhundert Meter weiter aber, an der Ecke Klingelhöferstraße / Tiergartenstraße, hat die dort ansässige Konrad-Adenauer-Stiftung eine Plakette angebracht, die in den Worten Charles de Gaulles an den Erzbischof von Reims an die symbolische Versöhnung Frankreichs und Deutschland am 17. Juli 1962 erinnert: „Exzellenz, Bundeskanzler Adenauer und ich kommen in Ihre Kathedrale, um die Versöhnung Frankreichs mit Deutschland zu besiegeln.“

Hier schließt sich der Kreis. Fast sechzig Jahre liegen nun zwischen der Versöhnung von Reims und heute, mehr als 35 Jahre zwischen dem historischen Händehalten Mitterands und Kohls über den Schlachtäckern von Verdun 1984. Frankreich und Deutschland, einst die Erbfeinde par excellence: heute sind sie das Zwillingspaar, das die Europäische Union am Leben erhält, eine Union des Friedens, des Freihandels und der Menschenrechte. Gäbe es Liebesgeschichten zwischen Ländern: der Weg, den Frankreich und Deutschland 1870 bis 2020 gegen- und dann miteinander gegangen sind, wäre eine der größten politischen Romanzen überhaupt. 

Quelle: Dieser Beitrag erschien in gekürzter Fassung zuerst bei "a tempo – Das Lebensmagazin" Jan./2021 >>> www.a-tempo.de

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