Zarter Viktorianer - ein anderes Bild von Nietzsche

Isabelle Lange • 3 September 2020

„Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit!" Friedrich Nietzsche ist berühmt für diese Art von bombastisch manifesten Sätzen, doch die meisten seiner Werke sind vom Ton her bescheiden, seine Sätze sind immer schlicht, direkt und glockenklar. Nehmen Sie zum Beispiel den gefeierten Angriff auf "Theoretiker" in seinem ersten Buch Die Geburt der Tragödie, das 1872 veröffentlicht wurde. Theoretiker, so Nietzsche, wissen alles, was es über "Weltliteratur" zu wissen gibt - sie können "ihre Epochen und Stile so benennen, wie Adam es mit den Tieren tat". Aber anstatt "in den eisigen Strom des Daseins einzutauchen", begnügen sie sich damit, "nervös am Flussufer auf und ab zu rennen".

 

Lesen Sie diesen Text Wort für Wort und die Bedeutung scheint sich einem unverschlüsselt zu eröffnen. Aber es sieht ganz anders aus, wenn Sie einen Schritt zurückgehen, um das Buch als Ganzes zu betrachten. Nietzsche beginnt Die Geburt der Tragödie, indem er einen ewigen Konflikt zwischen zwei künstlerischen Prinzipien postuliert: Dionysische Wut versus apollinische Kühle. Dann prangert er die philosophische Vernunft als eingeschworenen Feind der gesunden, natürlichen Kreativität an und schließt mit der Feststellung, dass das Heil in der deutschen Musik liegt, angefangen bei Bach und Beethoven bis hin zu Richard Wagner.

Man muss kein philosophisches Genie sein, um zu bemerken, dass etwas Seltsames vor sich geht. Nietzsches große Theorie der Weltkultur ist kaum von seinen eigenen Beschränkungen gegenüber Besserwisser-Theoretikern zu befreien, die aus der Sicherheit des Flussufers heraus kommentieren.

Aber genau darin, so scheint mir, liegt die Faszination Nietzsches. Ständig spielt er seinen Lesern Streiche, lässt Lösungen an einer Schnur vor uns her baumeln bis sie einem letztlich doch vor der Nase weggeschnappt wird. Seine Bücher sind wie eine ständige Partie von Reise nach Jerusalem, bei denen der Leser am Ende immer keinen Platz mehr hat. Andere Philosophen hoffen vielleicht, uns zu trösten, aber Nietzsche bietet nichts als Verwirrung, Scham und Unsicherheit.

Nietzsche hat alles getan, was er konnte, um uns daran zu hindern, seine Werke zu einem stabilen theoretischen Bauwerk zusammenzufügen, und diejenigen, die seine philosophischen Geheimnisse zu entschlüsseln suchen, mussten immer auf sein Leben ebenso schauen wie auf seine Schriften. Es ist üblich geworden, ihn nicht nur als Ikonoklasten, sondern als Auto-Ikonoklasten zu betrachten: als einen philosophischen Heroen, der die Idole seiner Zeit erschüttert und sich dabei selbst zerstört hat.

Dabei wurde er zu dem rhetorisch-kriegerischen Philosophen-Ungetüm stilisiert, als das man ihn heute kennt. Dabei besaß er, das bemerkt man beim Lesen sämtlicher Schriften und biographischen Zeugnissen über ihn, eine zarte, stille Seite, die durch zurückhaltenden Witz glänzte. Nietzsche zog seine eigene Gesellschaft der anderer vor, aber er hatte auch eine seltene Fähigkeit zur Freundschaft. Der erste unter seinen Freunden war Richard Wagner, der eine Zeit lang in Tribschen, nicht weit von Basel, lebte. Wagner arbeitete zu dieser Zeit an seinem gewaltigen Ring-Zyklus, aber er genoss es, den mit angesehnen jungen Professor als Hausgast zu haben, zumindest bis Nietzsche versuchte, ihn mit seinen eigenen musikalischen Kompositionen zu beeindrucken. Danach wandte sich Nietzsche an jemanden in seinem Alter zu: einen deutschen Juden namens Paul Rée, der ihm die Augen öffnete für die Herausforderungen des englischen Utilitarismus, den Reiz des französischen Stils und die Freuden des Lebens in Italien. Rée machte ihn auch mit der furchtlosen jungen russischen Psychoanalytikerin namens Lou Salomé bekannt, der vorschlug, dass die drei als "unheilige Dreifaltigkeit" freier Geister zusammenleben sollten - ein Vorschlag, dem Nietzsche nicht allerdings zustimmte.

Nietzsches philosophische Zeitgenossen neigten dazu, sich selbst als Teilnehmer an einem unpersönlichen, kumulativen Prozess intellektueller Evolution zu sehen, mit der Verpflichtung, das zu artikulieren, was sie für die fortschrittlichsten Ideen ihrer Zeit hielten. Doch dieser Ansatz erschien Nietzsche als verhängnisvoll - servil, konformistisch und heuchlerisch -, und nachdem er Die Geburt der Tragödie beendet hatte, begann er mit einer Reihe von Essays mit dem Titel Unzeitigemäße Betrachtungen, in denen er eine Lanze für heiteren Anachronismus im Gegensatz zur modernen Moderne brach. Die Weisheit sei am besten, sagte er, wenn sie am sprunghaftesten und flüchtigsten sei.

Abgesehen von Lou Salomé war die einzige andere Frau, die Nietzsche nachhaltig beeinflusste, seine Schwester Elisabeth. In seinen frühen Tagen in Basel hielt sie manchmal für ihn den Haushalt, aber schliesslich verabscheute er sie wegen ihres kleinlichen Nationalismus und heftigen Antisemitismus. Nach seinem Zusammenbruch nahm sie es jedoch auf sich, ihm als Krankenschwester zu pflegen, und vor seinem Tod im Jahr 1900 hatte sie in Weimar das groteske Nietzsche-Archiv geschaffen - ein kombiniertes Heiligtum und Bibliothek, in das ihr hilfloser und verständnisloser Bruder zur Befriedigung der Neugierde ihrer Gäste gerollt wurde. Sie brachte auch luxuriöse Ausgaben seiner Werke heraus, einschließlich unveröffentlichter Manuskripte, und verfasste eine lange und tendenziöse Biographie. Ihr krönender Abschluss war 1934 der Besuch von Adolf Hitler, den sie als die Erfüllung der Prophezeiungen ihres Bruders betrachtete.

Wenn jemand noch an eine gewisse Affinität zwischen Nietzsche und dem Nationalsozialismus glaubt, dann wird ihn ein näherer Blick auf Nietzsches Leben enttäuschen. Wer diesem lohnenswerten Unterfangen nachkommt findet hingegen das lebendige Bild von Nietzsche als einem ungewöhnlich milden Mann, der eine Leidenschaft für alpine Wanderungen und Schwimmen in der Natur hatte und allen, die ihm begegneten, als unkompliziert und freundlich erschien. Wie viele Schriftsteller wirkte er oft egozentrisch oder geistesabwesend, aber, wie Prideaux es in ihrer Biographie ausdrückt, "von dem Propheten keine Spur". Er war, wie es scheint, ein perfekter Gentleman, sanftmütig und tadellos gepflegt, schüchtern, aufmerksam und vielleicht ein wenig skurril: kein Dynamit, kurz gesagt, sondern ein weiterer bedeutender Viktorianer.

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