Wolfbarth

Robert Harsieber • 1 August 2021
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Wer immer einen Menschen beschreibt, erzählt von einer Beziehung. Es wäre sonst bloße Abstraktion. Manchmal, oder für gewöhnlich, ist auch eine dritte Person beteiligt. Wolfbarth bin ich nie wirklich begegnet, ich kenne ihn nur aus der Beschreibung von Lydia, seiner Frau. Nur einmal sahen wir uns aus gebührender Entfernung in die Augen, er wutentbrannt im Auto, ich neben seiner Frau und mit dem Hund an der Leine.

Auch Lydia kannte ich „real“ lange Zeit nicht. Wir waren, was man Facebook-Freunde nennt, waren aufeinander aufmerksam geworden, hatten unsere Posts mitverfolgt, gegebenenfalls geliked und kommentiert. Waren beinahe vertraut geworden. Es kam, wie es kommen musste, es folgte ein Gedankenaustausch per PN, persönlicher Nachrichten. In dieser Form der Kommunikation lernt man einander schneller kennen als im täglichen Leben. Aber darum soll es hier nicht gehen, diese Geschichte wäre zu absurd. Es soll um Wolfbarth gehen, ihren Mann.

Als wir unsere FB-Kommunikation aufnahmen, wollte sich Lydia von ihrem Mann trennen. Was allerdings schwierig war, weil er die letzten drei Jahre krank war und die meiste Zeit im Bett lag. Damit ist eine Trennung auch ein ethisches Problem. Aber er blickte auf eine jahrelange Ehe zurück, die andere nicht als Ehe bezeichnen würden. Er hatte seine Frau nach Strich und Faden ausgenützt, finanziell und emotional. Nie hatte er etwas zum gemeinsamen Haushalt beigetragen, Lydia zahlte alles, auch Benzin, Essen gehen, jeden Urlaub und zum Teil sogar seine Konkursraten. Schon vor der Hochzeit hatte er ihr eine beträchtliche Summe abgenommen. Sie durfte aber nicht darauf zu sprechen kommen. „Hättest du ja nicht machen müssen!“, war dann die Antwort. Drei Jahre Pflege, Behandlung seiner verfaulten Zehen (wegen schwerster Diabeteskrankheit), quittierte er mit derselben Antwort.

Mir war bald klar geworden, er ist ein Prachtexemplar von einem Narzissten. Nur um sich selbst kreisend, empathielos, beziehungsunfähig – was andere als Liebe bezeichnen, existiert für ihn nicht. Zwar spricht er von „Liebe“, meint aber nur Sex, und nicht einmal menschlichen Sex, sondern Inszenierungen aus der Porno-Welt mit mechanischen Hilfsmitteln, die natürlich weit „effizienter“ sind als alles Menschliche. Damit hatte er seine relativ unerfahrene Frau konditioniert und abhängig gemacht. Darüber vergaß sie oder entschuldigte sie, dass er sie außerhalb des Schlafzimmers in obszöner Zuhältersprache beschimpfte, sie runtermachte, wo er nur konnte, sie wie einen Gegenstand behandelte, den man gebraucht und dann in die Ecke wirft. Dazwischen verschwand er einfach und war unerreichbar.

Dies alles erfuhr ich in allen Details in der schriftlichen und später telefonischen Kommunikation mit seiner Frau. Wobei ich uns die Details hier erspare. Als eines Abends, ich lag schon im Bett, das Telefon läutete, erschrak ich zuerst, weil ich dachte, es ist meine Ex-Frau, die denselben Namen, nur etwas anders geschrieben, trägt. Doch es war Lydia, die da ins Telefon heulte, so dass ich kaum etwas verstehen konnte. Es hatte wieder eine Auseinandersetzung gegeben, triefend vor Gemeinheit und Bosheit. Wir redeten – stundenlang – bis sie sich zunehmend beruhigte, und am Ende konnten wir sogar wieder lachen. Diese Situation wiederholte sich unzählige Male – in täglichen stundenlangen Telefonaten. Ich interpretierte ihre Intention als „Ich will da nichts wie weg!“ Doch das war die Rechnung ohne den Narzissten…

Anfang des Jahres eskalierte die Situation. Wofbarth war immer wieder verschwunden – abseits des Schlafzimmers interessierte er sich ja nicht für seine Frau – und war dann natürlich auch telefonisch nicht erreichbar. Diesmal war er, mit einer kurzen Unterbrechung, zwei Monate weg. Er war mit all seinen Sachen ausgezogen, die er in einem wütenden Abgang eingepackt hatte. Als er dann wieder zurückwollte, hörte Lydia auf ihr Bauchgefühl und sagte reflexartig: NEIN! Als er darauf das Tor zu demolieren begann, rief sie die Polizei, es kam zur polizeilichen Wegweisung. Er quittierte mit wochenlangem Psychoterror via Mail, SMS, WhatsApp, Telefon usw. und tauchte immer wieder vor dem Haus auf.

Lydia kam ihre Schwester zu Hilfe, besorgte eine billige Überwachungskamera, die seinen Terror dokumentierte, und eine Freundin empfahl ihr eine gute Anwältin. Eine einvernehmliche Scheidung kam für ihn nicht infrage, er wollte streiten. Auch die Polizisten, die ihn wegwiesen, zeigte er an. Ein Narzisst ist immer im Recht. Erst am letzten Tag vor dem Scheidungstermin schwenkte er um, wahrscheinlich aus Angst, dass er bei einer strittigen Scheidung den Kürzeren ziehen würde. Die Anwältin hatte ja schon gedroht, dass sie ihm alle seine Eheverfehlungen vorhalten würde, und seine Biografie eher die eines Heiratsschwindlers war. So kam es zur Scheidung, und trotzdem er einige Male auszuckte, zu einem Vergleich.

Doch Wolfbarth gab sich nicht geschlagen. Er ignorierte, dass er geschieden ist und bombardierte seine nunmehrige Ex-Frau weiterhin per Mails, SMS, WhatsApp und Telefon. Der Psychoterror ging weiter bis zur völligen Erschöpfung seiner Ex. Dabei ging er mit einer Strategie vor, die einem Alexander dem Großen oder Napoleon alle Ehre gemacht hätte. Er bombardierte sie mit Rosen – natürlich in der Farbe, die ihr ein Gräuel ist. Zwischen unflätigen Beschimpfungen ließ er sich zu poetischen Liebeserklärungen hinreißen. Narzissten sind die besten Schauspieler, wenn es darum geht, das zu erreichen, was sie wollen. Jedem in der näheren und weiteren Umgebung war klar, das ist nichts als Theater. Lydia fiel wieder darauf rein.

Er wollte reden. Damit schaffte er es, den Fuß wieder ins Haus zu setzen. Das Reden dauerte fünf Tage – bis es wieder zum obligaten Streit kam und er wutentbrannt das Weite suchte. Immer dasselbe Muster: Er benimmt sich wie ein Zuhälter seinem Mädchen gegenüber, das er für sich auserkoren hat. Lydia, unterstützt durch regelmäßige Gespräche mit einer Psychologin vom Frauenschutzzentrum, hält ihm vor, was sie nicht mehr tolerieren will. Er explodiert und verschwindet.

Zwei Wochen später ist er wieder da. Diesmal unter dem Vorwand, ihr bei Aufräumarbeiten zu helfen. Sie lässt ihn wieder rein. Diesmal dauert es eine Woche, dann eskaliert ein Streit wegen einer Lappalie, und er wirft ihr wütend und unbeherrscht ein Brecheisen vor die Füße. „Genau das will ich nicht!“ Und er ist schon wieder weg.

Diesmal dauert es nur eine Woche, bis er wieder da ist. „Er hilft mir, ich helfe ihm“, so Lydias „Erklärung“. Wenn es ums Reden ging, wollte sie davor immer die Vergangenheit aufarbeiten. Er wollte sie ignorieren und alles „auf Null stellen“. Inzwischen hat sie auch diesbezüglich nachgegeben und will auch alles vergessen. „Es waren schwierige Zeiten!“ Sie fühle sich wohl, ihre innere Leere sei wieder weg. Der Narzisst hat gewonnen.

Sie war von Wolfbarth dermaßen konditioniert, dass ihr die Scheidung eher passiert ist, aber eigentlich wollte sie nie wirklich weg, nur eine Beziehung „unter anderen Voraussetzungen“. Inzwischen ist auch der Wunsch nach anderen Voraussetzungen gefallen. Zwar habe er sich geändert in manchem – aber Narzissten spielen alles vor, was der andere hören oder sehen will, wenn sie damit das erreichen, was sie selbst wollen.

In den nunmehr fast vier Jahren, die ich diese absurde Geschichte mitverfolge, habe ich nicht bemerkt, dass es nie um eine Trennung ging. Alle meine Tröstungsversuche, stundenlange Telefonate – oft den ganzen Abend bis zwei oder drei Uhr in der Nacht – alles Analysieren, wie Narzissten funktionieren, instrumentalisieren, konditionieren und abhängig machen, ging ins Leere! Lydia kam selbst drauf, was für ein Arschloch er ist – verzeihen Sie den Ausdruck – dass das alles nichts mit Liebe zu tun hat. Nur hatte das alles keinerlei Konsequenzen. „Es ist da ein Gefühl, das ich nicht abstellen kann.“ Was auch stimmt, aber dieses „Gefühl“ kommt aus der Konditionierung und Abhängigkeit und nicht aus Liebe. Liebe kann man vergessen, wenn es keine Gegenliebe gibt, auch wenn das schmerzhaft und ein längerer Prozess ist, die mechanische Kraft der Konditionierung aber bleibt beharrlich, die ist stärker.

Wir leben in einem narzisstischen Zeitalter, sagen manche Psychotherapeuten. Ist die Mechanisierung des Lebens auch so ein Charakteristikum? Für Wolfbarth ist die Ehe ein Vertrag, mit dem er sich gesichert hat, was ihm zusteht. Durch seine perfekte Konditionierung funktioniert das jetzt sogar nach „Trennung“ und ohne Vertrag. Mit ein bisschen mehr Gegenwehr, aber sein Wille geschehe…

Aber angeblich ist jetzt alles anders. Er hat sich („in manchem“) geändert. Von „Wohlfühlen“ ist die Rede, von Liebe nicht mehr…

Und wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis es wieder zum Eklat kommt… Das ist (nur) jedem Außenstehenden klar.

Kommentare (1)

Marcin Lupa

Lieber Herr Harsieber,

vielen Dank für diesen sehr persönlichen Text. Dass ausnahmslos alle Narzissten Arschlöcher sind, ist klar. Dafür brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen. Vielmehr sollten sie das.

Ich war früher von Arschlöchern, respektive Narzissten umgeben. Auch heute noch begegnen sie mir.

Sie beschreiben in Ihrem Text nicht so sehr Wolfbarth, sondern Lydia, die eine perfekte Konarzisstin abgibt. Dass sie sich nicht ein für alle Mal von ihm trennen kann, ist ihr Verhängnis.

Etwas ähnliches habe ich auch durchgemacht, will ich hier aber explizit nicht erläutern.
Einzig will ich hervorheben, dass man sich von diesen Menschen fernhalten muss, denn alles andere ist auf Dauer ungesund. Narzissten machen einen fertig, beerdigen einen, schnappen sich den nächsten. Alles worum es diesen toxischen Monstern geht, ist ihre narzisstische Zufuhr. Sie müssen das Gefühl haben, andere seien von ihnen abhängig, ohne dieses Gefühl fühlen sie sich schlecht. Schließlich wurden sie als Kinder nicht geliebt; die ständige Grundlage für Narzissmus ist die fehlende Liebe in der Kindheit.

Und natürlich ist unsere Gesellschaft voller Narzissten, man muss nur den Fernseher anschalten, allem voran die Sportschau. Es ist doch gerade Olympia, da sehen sie die schönsten Arschlöcher in sämtlichen Farben vorgeführt, einschließlich der Kommentatoren und der Senderegie ...

Nichts für Ungut, ein bisschen Narzissmus steckt in jedem von uns, wir werden alle gezwungen uns zu profilieren. Wenn unser Narzissmus aber jene maligne Form annimmt, die andere verletzt, dann gehen wir zu weit.
Spätestens dann sollte man ein Abführmittel benutzen.

Herzliche Grüße
Marcin Lupa

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