Das Wissen zur modernen Hölle - Kurzessay

Norbert KNOLL • 7 September 2021
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Das Wissen zur modernen Hölle

Kurzessay von Norbert G. Knoll

Wer von der Hölle spricht, will Unglaubliches zum Ausdruck bringen, uns einen lebensfeindlichen Ort vor das geistige Auge führen, an dem das Denken und Fühlen unentrinnbar Gefangener zur dauerhaft quälend wirksamen Wirklichkeit geworden ist. Damit wäre alles gesagt, was sich über die Hölle ohne weitschweifige Spekulation sagen lässt, gäbe es nicht unzählige Weisen des Leidens, welche Menschen für das Leben zu imaginieren imstande sind, und hätten sich nicht in diesen Vorstellungen wurzelnde, detailreiche Ausführungen zur Hölle in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt.

Groß ist die Verlockung, einen in der Kunst verewigten mythischen Ort als Sinnbild der Hölle zu begreifen. Das von Daidalos für den Minotauros entworfene Labyrinth beispielsweise erfüllt alle Anforderungen einer modernen Hölle.

Unterirdisch soll dieses Labyrinth gewesen sein, damit kein Lichtstrahl von Sonne und Mond einzudringen vermochte, Tag und Nacht ununterscheidbar ineinander verschmolzen. Ein einziger Weg – der längste geometrisch mögliche Weg – füllt den ganzen durch das Labyrinth umbauten Raum. Unzähligen Wendungen folgt der Gang von der äußeren Grenze zur Mitte, sodass mit dem Vordringen in die Tiefe unweigerlich ein vollkommener Verlust der Orientierung einhergehen muss.

Welch geniale Hölle! Der Architekt Daidalos hat ein Bauwerk konstruiert, das sich vorzüglich dazu eignet, einen wie den Minotauros vor den Augen der Welt zu verstecken und in Isolationshaft zu nehmen, welche für den der Freiheit Beraubten mit Orientierungsverlust in Raum und Zeit sowie immerwährender Eintönigkeit einhergehen muss. Damit aber nicht genug: Die Konstruktion des Weges negiert zudem die Huldigungen des modernen Menschen an das Prokrustesbett der euklidischen Gerade, welche uns die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten anzeigt.

Die Hölle ist und bleibt nicht mehr als ein von Menschen erfundenes Konstrukt, solange uns keiner begegnet, der diesen Ort aufgesucht hat und uns ernsthaft und wahrhaftig berichten wollte, wie er selbst in die Hölle hinabgestiegen oder in die Hölle geworfen worden ist, was er während seines Aufenthalts in der Hölle erlebt hat und wie es ihm letztlich gelang, diesen unheilvollen Ort wieder zu verlassen. 

Nur Mythen und religiöse Überlieferungen berufen sich auf Augenzeugen der Hölle wie den in den Tartaros hinabgestiegenen Herkules, zu dessen Mission es gehörte, den verloren geglaubten Theseus auf die Erde zurückzubringen, damit dieser nicht in Untätigkeit erstarrt vielmehr – wie es sich für einen richtigen Helden gehört – wirksam bliebe in der Welt der Menschen.

Allein, welchen Wert hat das überlieferte Zeugnis eines Halbgotts, dessen Wirken in dieser einen Welt, in der wir selbst leben, nicht mehr und nicht weniger denn als willkommene Anregung für die Künste gilt, die ihr Publikum unterhalten und zum Staunen bringen wollen?

Nein, Helden wie Herkules taugen nicht als Zeugen der Hölle, geben sie doch nur Zeugnis von menschlicher Vorstellungskraft und künstlerischer Ausdrucksfähigkeit, die weit über das Hier und Jetzt des gelebten Lebens hinausreichen – ja sich nicht selten zu jenen kollektiv geteilten Mythen verbinden, die uns modernen, eifrig forschenden Menschen als maßlose Übertreibungen erscheinen müssen, weil sich ein Mythos nicht auf dieselbe geistlose Weise beforschen lässt wie die Tiefen des Meeres und die Weiten des Weltalls.

Wollen wir mehr über die Hölle in Erfahrung bringen, ohne gleich ausschweifend spekulativ zu werden, so müssen wir in einem ersten Schritt in uns selbst hineinhorchen. Wenn es sich bei der Hölle tatsächlich um einen Ort übersteigerten unerträglichen und dauerhaften Leidens handeln sollte, dann kommen allerlei selbst erlebte Leiden als anschauliche Vorbilder für Höllenqualen in Frage:

Hunger und Durst, Hitze und Kälte, Lärm und Stille, Schmerz und Erschöpfung, Isolation und Sprachlosigkeit, unstillbare Sehnsüchte und unerfüllbare Anforderungen, Verlust der Freiheit oder der Wirksamkeit in der Welt, ja und weiß der Teufel, was es da sonst noch gibt, das in richtiger Dosierung als Folterinstrument taugt und dessen Anwendung Folterknechte und Gefolterte auf je eigene Weise ihrer Menschenwürde beraubt. Hölle – feinste Zutaten der Hölle, wenn sie nur ohne Aussicht auf Linderung in einem von uns unbeeinflussbaren Rhythmus wiederkehren oder anhalten!

Wollen wir noch mehr über die Hölle erfahren, so müssen wir aus uns heraustreten und uns gedanklich in den Lebens- und Vorstellungswelten jener einnisten, die uns glauben machen wollen, Experten der Hölle mit einem privilegierten Zugang zu unserem Alltagswissen überlegenen Quellen zu sein. 

Solcherlei Experten braucht es, um das Konstrukt der Hölle auf die Welt zu bringen und ihr Feuer auch in Zukunft zu nähren. Solcherlei Experten finden sich – entgegen eines weit verbreiteten Irrglaubens – auch heutzutage recht häufig, wenngleich sie darauf verzichten, in einfachen Mönchskutten oder prachtvoll verzierten Priestergewändern aufzutreten, sodass wir nicht in der Lage sind, sie an ihrer Kleidung zu erkennen.

Die modernen Expertinnen und Experten der Hölle verraten sich einzig durch ihre Rede, die in einem Amalgam von Verheißungen, Mahnungen und Drohungen Unglaubliches zum Ausdruck bringt und darauf abzielt, uns eine Entscheidung zwischen Himmel und Hölle abzuringen. Auch bieten sie uns ihren Schutz und ihre besondere Fürsprache an, um – nachgerade selbstlos – die unserer eigenen Unmündigkeit geschuldeten Schwächen auszugleichen; jenen aus guter, alter christlicher Tradition überlieferten Teufeln ähneln sie, wenn sie nur geringen Lohn für ihre Leistung nehmen, sich mit Kleingeld oder einem unbedachten Zeichen der Zustimmung auf einem blütenweißen Blatt Papier – das uns nicht den Eindruck eines Schuldscheins macht – zufriedengeben.

 

 

Kommentare (2)

Marcin Lupa

Lieber Herr Knoll,

vielen Dank für den Ausflug in Ihr Wissen über die Hölle. Es deckt sich sogar mit meinem. Einzig empfinde ich die Hölle nicht wie die alten Griechen oder auch die Juden, Christen, Muslime als einen Ort, sondern vielmehr als Seelenzustand.

Die Frage, die sich mir stellt ist, ob es ein frei Sein davon überhaupt gibt. Aldous Huxley lehrte mich mit seiner Schrift, dass man sich stets zwischen Himmel und Hölle befindet; wohl nicht nur auf einem Meskalintrip. Das ganze Leben spielt sich wie ein Drahtseilakt bei dem man zwischen diesen beiden Extremen balanciert ab. Mal gelingt es einem besser, mal weniger gut. So neigt man zwischenzeitlich zu den beiden Extremen. Ein schöner und unterhaltsamer Abend mit Freunden an dem man dem alten Bachs frönt und kräftig bechert, mag für den einen oder anderen ein Aufenthalt im Himmel sein, während der Kater am nächsten Morgen bereits den Abstieg in das von Ihnen geschilderte Labyrinth bedeutet. Und Minotaurus wartet mit dem Paracetamol auf uns, erkundigt sich, ob er uns diesen Ariadnefaden reichen soll, damit wir wieder hinausfinden, an die frische Luft.

So einen Aufenthalt in der Hölle beschreibt der französische Dichter Artur Rimbaud in seinen jugendlichen Werken. Bei ihm ruft ihn womöglich der dauerhafte Konsum des Haschisch hervor, oder sein Leiden an seiner besonderen Erziehung. Wer weiß das schon.

Und schließlich sagte noch Jean Paul Sartre, die Hölle seien ihm die Anderen.
So muss man immer wieder aufpassen, mit wem man sich einläßt und wie man selber zu den anderen ist.

Ich möchte niemanden in die Hölle stürzen, der nicht schon dort ist. Viel eher geleite ich ihn da raus, damit er wieder aufs Drahtseil kommt und pendelt zwischen den Extremen. Die Buddhisten machen es uns seit Jahrtausenden vor. Nehmen wir uns ein Beispiel an ihnen.

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  • Marcin Lupa

    Lieber Herr Knoll,

    besser hätten Sie es mir nicht erklären können. Vielen Dank. Ich habe Ihre Intention auch verstanden, von Anfang an. Jene Rattenfänger, die sie ansprechen, sind Demagogen, die mit Halbwissen die Leute hinters Licht führen.

    In der Administration Trump gab es deren viele, weil der Fisch bekanntlich vom Kopf her stinkt, in der Regierung Putin oder Orban und auch bei uns in Deutschland unter Schröder, wer weiß?!!
    Oder wenn Sie auf dem Gebiet des Glaubens bleiben wollen, jener metaphysischen Ebene zu der es keinen wahren Zugang gibt, offenbar nur einen Ausgang ins Jenseits und auf nimmer Wiedersehen, dann gehe ich mit Ihnen auch konform, da möchten einige die Legitimation für sich beanspruchen, mir freien und unbefangenen Geist etwas verbindliches zu erzählen. Klar, dass auch mir sich dabei die Nackenhaare sträuben. Denn wenn mir jemand mahnend von der Hölle kund tun will oder meinetwegen auch vom Paradies, dann bitte mit einem freundlichen, behutsamen Lächeln, einer zugänglichen Art und einem Gemüt, dass keine falsche Absicht kennt, gewiss aber ohne gleichzeitig die Hand zu öffnen und einen Obolus oder eine Unterschrift von mir zu verlangen - denn solche Rattenfänger sind bereits die Vorboten jener Höllenfürsten, die Ort oder Seelenzustand einerlei (Afghanistan wird für einen liberalen Menschen heute die Hölle auf Erden sein), auf mich warten werden, wenn ich mich an sie verkaufe.

    Wohlan füttern wir unsere Phantasie mit weiteren geschichtlichen Tatsachen, mit Berichten aus der gesamten Welt und mit Spekulationen, gleichzeitig werden wir die Augen offen halten und unsere Erfahrungen sammeln. Denn es wird eine Mischung sein, aus Wissenserwerb durch Quellen und Erfahrung.

    Es ist mir eine Freude in Ihnen einen Dialogpartner gefunden zu haben, der offenbar nicht nur viel Wissen erworben hat, sondern der es auch gerne erklärend teilt, die Geduld dafür hat und der auch weiter denkt, als bis zum Tellerrand.

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