Wissen teilen- weiter denken

Andrea Valenzuela • 19 Oktober 2021
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Wissen teilen- weiter denken

„Teilen“ bedeutet in der deutschen Sprache „etwas abgeben“, von dem, was ich habe. Wenn ich teile, gebe ich anderen etwas ab. In der Welt von Social Media wird das Wort „teilen“ als direkte Übersetzung des englischen Wortes „to share“ genutzt. Das Wort „to share“ bedeutet allerdings „etwas preisgeben“ über mich, über das, was ich denke oder was mich bewegt.

Wahrscheinlich wird das Wissen um die eigentliche Bedeutung des Wortes „teilen“ im Deutschen verlorengehen.

Dafür nimmt es eine zusätzliche Bedeutung an, nämlich „etwas weiterreichen, weitergeben, vervielfältigen“.

Wissen teilen? Gebe ich etwas von meinem Wissen an andere ab? Oder gebe ich etwas von meinem Wissen preis? Oder gebe ich mein Wissen weiter? Damit jemand anderer damit weiter denken kann? Kann ich mein Wissen dadurch auf viele Menschen übertragen und es damit vervielfältigen?

Wissen teilen…hmmm

Kommentare (7)

Marcin Lupa

Interessant in diesem Zusammenhang vielleicht der Aspekt, dass "teilen" an sich noch nichts mit Weitergabe zu tun haben muss. Wenn ich z.B. eine Ration Verpflegung auf Morgens-Mittags-Abends aufteile, weil ich eine Tageswanderung durch den Schwarzwald mache, teile ich noch lange nicht mit einem anderen. Ich teile mir nur meine eigenen Vorräte für mich ein. Die Weitergabe des Geteilten, ist ein weiterer Schritt, der erst unternommen werden muss, bevor z.B. auch Wissen weiter gedacht werden kann.

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrte Frau Valenzuela
    Sie stellen da ja einige ‚böse‘, das ‚Selbstverständnis fundamental ruinierende‘, Fragen! – Grandios!
    Das Wort „teilen“ verweist, wie Sie sagen, auf ein spezifisches Handeln: „etwas abgeben“ - woraufhin und wozu auch immer. „teilen“ verweist an sich auf ein – ursprünglich – Ganzes zurück, das in mehr oder weniger große Stücke, intentionseinlösend, geteilt wird. Von diesen Teilen eines Ganzen werden ein oder mehrere Teile getrennt oder weggenommen und an Andere, an Anderes abgegeben. Die abgegebenen Teile sind also dem – ursprünglichen – Ganzen entzogen und dort nicht mehr vorhanden und das – jetzt reduzierte – Ganze ist zwar immer noch ein Ganzes, aber gegenüber dem ursprünglichen Ganzen reduziert.
    Sie fragen daher ganz richtig: „Wissen teilen? Gebe ich etwas von meinem Wissen an andere ab? …“ Ich erweitere Ihre Frage: „und ist das abgegebene Wissen dann in meinem Wissen nicht mehr vorhanden?“ – Wir empfinden unmittelbar: absurd!
    Die Formulierung „Wissen teilen“ zeigt sich mit Ihrer Frage als eine sprachlich nicht zutreffende Formulierung: Wissen läßt sich nicht teilen und teilweise abgeben wie ein Kuchen! Wie soll auch Wissen geteilt werden können? Wissen widerspricht dem „teilen“ kontradiktorisch: wenn jemand einen Teil seines Wissens an Andere gibt, dann ist dieser Teil seines Wissen bei ihm noch sehr wohl vorhanden und nicht weggenommen und nun abhanden.
    Die sprachlich korrekte Formulierung: „Wissen mitteilen“.
    Wissen Anderen mitteilen, bedeutet daher auch nicht, zumindest nicht so ganz, das Wissen „preisgeben“. „preisgeben“ hat an sich das Moment des Verrates. Wissen mitteilen, widerspricht einem Verrat am Wissen.
    Schon näher bestimmt sich „preisgeben“ mit der Problematik, Wissen mitzuteilen, im Moment des Verrates nicht ‚am‘, sondern ‚des‘ Wissens; und also den Schutz, die Wahrung dem Wissen zu entziehen und so das Wissen der Willkür Anderer zu überlassen. Insofern Francis Bacon gilt: Wissen ist Macht, und, auf Macht qua politisches Wirken bezogen, gilt Jacob Burckhardt: Macht ist an sich böse!
    Konkret trifft Ihre Frage, ob Wissen an Andere mitzuteilen, bedeutet, „ich (gebe) etwas von meinem Wissen preis“, einen dubiosen Punkt in der Sache des Wissens: Atomwissensverrat durch Klaus Fuchs; Werkspionage … die Gewinnsteigerung der Sozialen Medien per 'WissensPREISgabe' ...
    Vor dieser Folie breitet sich das weite Feld einer doppelten Problematik aus, Wissen an Andere oder allgemein hin mitzuteilen – wenn „Wissen ist Macht!“ nicht auf die Verantwortung hin resultiert, sondern zum Zwecke der Domination über Menschen instrumentalisiert wird. Dann bleibt zwar noch immer das Wissen qua seiner selbst samt seinem Anwendungshorizont unproblematisch; qua Dominationsinstrument allerdings verweist die Mitteilung von Wissen an Andere sehr wohl in der Anzahl möglicher Anwender auf einen, dem Wissen an und für sich kontradiktorischen, Widerspruche hin: die Mitteilung von Wissen mutiert nicht nur zum Verrat ‚des‘ Wissens, sondern insbesondere zum Verrat ‚am‘ Wissen, und also an der Verantwortung!
    Das Problem des Verrates ‚am‘ Wissen entspringt nicht dem Wissen und nicht der Mitteilung des Wissens an Andere, sondern der Intention, und also dem Bewußtsein dessen, dem Wissen mitgeteilt wird: Wissen eröffnet Instrumentalisierungshorizonte zu Zwecken; Solches ist dem Wissen das innerlogisch Ureigenste! Nicht das Wissen selbst bestimmt sich also vor dieser Folie als problematisch, sondern die Zwecke oder Intentionen, zu deren Einlösung das Wissen, seinem Begriffe vollendet gemäß, die funktional effektiven Mittel bereitstellt.
    Diese Problematik eignet – kontradiktorisch – nicht dem Wissen, wie eo iso keinem Werkzeug, sondern der Intention und deren Fundament: der Setzungscharakter. Das Problem in der Sache resultiert nicht aus dem Wissen her, sondern dem – subjektiv konnotierten – Bewußtsein, und also dem Menschen.
    Wissen an und für sich oder auf der Stufe seines Begriffes fordert, wie jedes Resultat der Arbeit des Geistes, das wir gemeinhin „Gedanke“ nennen, die Mitteilung an Andere: „ein Gespräch wir sind und hören voneinander“! Na ja, Solches spricht die Stufe des Geistes oder des Menschen qua existierendem Begriffe aus und dürfte in realitate nicht so wirklich auf das konkret erfahrbare Handeln und Verhalten der Menschen zutreffen: und genau DAS ist das Problem!
    Eine weitere elementare Fragen stellen Sie: „gebe ich mein Wissen weiter? Damit jemand anderer damit weiter denken kann?“ – Was denn sonst? Wissen sagt: „ich weiß, wie’s geht!“, also braucht niemand das Rad noch einmal zu erfinden. Das Rad ist erfunden; ist da; steht zum Gebrauche zur Verfügung! – also nimm’s und erfreue Dich an seiner Effektivität! Insbesondere: gehe in kritischer Distanz mit dem Rade um, prüfe die Tauglichkeit seines aktuellen Status und mach’s dann besser!
    Damit beantwortet sich auch Ihre letzte Frage: „Kann ich mein Wissen dadurch auf viele Menschen übertragen und es damit vervielfältigen?“ Es sei wiederholt: was denn auch sonst? Weiter als bis zu dem Wissen, das Sie sich in der Arbeit Ihres Geistes eruierten, sind Sie nicht gekommen oder: zu mehr hat’s bei der Arbeit Ihres Geistes nicht gelangt, also intendiert Ihre Mitteilung Ihres Wissens an Andere, den Anstoß für die Arbeit des Geistes der Anderen zu bewirken, damit ein mehr und darüber hinausreichendes Wissen eruiert werde! In der Vervielfältigung Ihres Wissens in dessen Mitteilung an Andere ereignet sich eine vervielfältigte Anstößigkeit; und also die Steigerung der Chancen, daß dabei etwas Weiteres und darum Ihr Wissen Transzendierendes dabei – auch zu Ihrem Vorteile – herausspringe!
    Wissenschaft ist so ganz für sich und selbstverständlich – wenn die Bornierung per Drittmittelforschung nicht ein Schweigen verordnet – eine exorbitante Plaudertasche: weil jeder eo ipso weiter kommen möchte, als er es bis dato selbst geschafft hat!

    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Lara Hitzmann

    Liebe Frau Valenzuela,

    vielen Dank für diesen spannenden Beitrag! Ich muss zugeben, dass ich bereits seitdem ich Ihren Beitrag das erste Mal gelesen habe darüber nachdenke, ob wir beim teilen unserer Posts in den Sozialen Medien tatsächlich etwas teilen, um einen Denkanstoß o. ä. zu geben als vielmehr Anerkennung für unsere Leistung, unser Aussehen etc. zu erlangen.

    »Wissen teilen? Gebe ich etwas von meinem Wissen an andere ab? Oder gebe ich etwas von meinem Wissen preis? Oder gebe ich mein Wissen weiter? Damit jemand anderer damit weiter denken kann? Kann ich mein Wissen dadurch auf viele Menschen übertragen und es damit vervielfältigen?«

    Das sind viele Fragen, deren Antwort ich weder geben kann noch möchte, was sie umso wichtiger machen. Wir nehmen rund um die Uhr Informationen auf. In Bezug auf die Sozialen Medien muss man sich gar vor der Fülle an signifikanten und des Öfteren komplett irrelevanten Informationen schützen. Auf meiner Startseite gehen die relevanten Postings eh immer unter und alles ist voller belangloser Beiträge, aber das soll nicht Thema dieses Kommentars sein.

    Ich nehme aus Ihrem Beitrag mit, inwiefern ich mein Wissen teilen kann und mich aber gleichzeitig schützen kann vor Ausnutzung und der Verausgabung meiner Energie durch unnötige Wissensweitergabe. Vielen Dank für diesen Denkanstoß!

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  • Marcin Lupa

    Liebe Frau Hitzmann,

    bei Social Media fällt mir auf, dass es sozial zugehen sollte. Ob all die unnützen Informationen, das Bombardement mit ihnen, sozial ist, sei mal dahingestellt. Aber die Informationsweitergabe sollte primär einem sozialen Zweck genügen. Da geht es nicht per se um Wissensweitergabe, sondern das Zusammenkommen, die Gemeinschaft und die Gemeinsamkeiten. Daher denke ich schon, dass der Zweck der Wissensweitergabe in sozialen Medien, primär das Teilen und Mitteilen der Information ist, nicht so sehr der Wissenstransfer im Sinne von Informationshandel.

    Das nur meine Meinung dazu.

    Bei Facebook z.b. fällt mir auf, dass es für gänzlich andere Zwecke missbraucht wird, als Werbeplattform mit der etliche Unternehmen einfach Geld machen, aber auch als sprachlich-kommunikativer Boxsack, in den viele Nutzer ihren Frust reinpfeffern.

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  • Norbert KNOLL

    Sehr geehrte Frau Valenzuela, Sie eröffnen interessante Fragen zum deutschen Ausdruck "Wissen teilen", die mit der metaphorischen Übertragung und dem ursprünglichen Herkunfts- und Anwendungsbereich das Wortes "teilen" bei Gegenständen der physisch-materiellen Welt zusammenhängen.

    Wenn ein Schüler mit einem anderen sein Jausenbrot teilt und ein jeder die Hälfte bekommt, können die beiden nicht gleichzeitig dasselbe, ganze Jausenbrot essen. Jeder bekommt seine Hälfte!

    Wenn ein Schüler mit einem anderen die Lösung zu einer Prüfungsfrage teilt, dann können beide dieselbe Lösung ins Hausübungsheft schreiben.

    Es ist sogar möglich, die Lösung noch mit beliebig vielen weiteren Schülern der Klasse zu teilen. Ja es wäre sogar möglich, dass diese Lösung von allen Schülerinnen und Schülern der Klasse ins Hausübungsheft geschrieben wird, ohne dass sich das "Wissen um die Lösung verkleinert oder verbraucht". Dieselbe Vorgangsweise beim Jausenbrot würde bedeuten, dass alle nur noch ein paar Krümel bekommen.

    Ich möchte hier aber noch auf eine Eigenart von Wissen hinweisen. Nicht jedes Wissen lässt sich in Sprache gießen und explizit formulieren, sodass wir es anderen mitteilen können.

    Ich könnte Ihnen jetzt ein Kochrezept für eine Kirsch-Sahne-Torte schicken und Sie wären mit etwas Geschick in der Lage, bei sich zu Hause eine Torte zu backen. Das Wissen zum Herstellen dieser Torte ließe sich recht einfach an andere Menschen weitergeben, weil wir mit der Sprache über ein Werkzeug verfügen, das für allerlei Vorgänge "ausführliche Beschreibungen" ermöglicht, die tatsächlich von anderen Menschen auf eine eindeutige Weise interpretiert werden können.

    Wir müssen nur dasselbe darunter verstehen, wenn ich sage: "Legen Sie jetzt den Mixer weg und heben Sie den eben geschlagenen Eischnee mit einer Teigspachtel unter die Teigmasse!"

    Wenn wir die Sprache teilen - und ich hier keine Ihnen unbekannten Austriazismen verwendet habe - dann würden Sie auch diesen Arbeitsschritt auf dem Weg zu einer schmackhaften Kirschtorte bestens erledigen können.

    Ich will Ihnen jetzt nur noch ein Beispiel dafür geben, dass das Teilen von Wissen nicht immer so gut funktioniert.

    Stellen Sie sich vor, Sie müssten mir erklären, wie man mit einem Fahrrad fährt, obwohl ich noch nie mit einem Fahrrad gefahren bin. Selbst wenn sie präzise Beschreibungen vornehmen und diese vielleicht noch noch durch ein Schulungsvideo ergänzen könnten, wäre mir damit nicht wirklich geholfen. Sie können das notwendige Wissen nicht einfach mit mir teilen. Vielmehr wäre ich darauf angewiesen, es selbst Stunden lang auszuprobieren, jeden Tag aufs Neue, bis mein Gleichgewichtssinn und meine motorischen Fähigkeiten ausreichend entwickelt sind um mich gefahrlos auf der Straße zu bewegen.

    Mein Resümee: Voraussetzung für das "Teilen von Wissen" ist ein Teilen von Sprache, wobei die Regeln der Erzeugung sprachlicher Ausdrücke und die Regeln der Interpretation dieser Ausdrücke den Teilungswilligen bekannt sind und in gleicher Weise angewendet werden. Bedauerlicherweise lässt sich nicht alles so einfach in Sprache gießen wie ein Rezept für eine Kirsch-Sahnetorte!

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  • Marcin Lupa

    Schöne Vergleiche, Herr Knoll. Auch sehr lehrreich. Danke Ihnen dafür.

    Ich hätte da an Faustkeile am Anfang der Altsteinzeit gedacht. Irgendjemand entwickelte sie und teilte sein Wissen darüber mit anderen, dass virulent wurde, so dass Permutationen an Wissensweitergabe stattfanden und bald die ganze Menschheit über den Globus verteilt, diese Techniken besaß.

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