Wissen teilen? Weiter denken?

Ulrich Weiler • 8 September 2021
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Wissen teilen. Weiter denken. Eine Selbstverständlichkeit, so scheint es. Teilen ist "in", solange es nicht darum geht, sein Brot oder gar sein Hab und Gut zu teilen. Teilen ist "in", solange es darum geht, einen "post" zu teilen, eine Nachricht zu teilen (bezeichnenderweise fehlt das "mit", das nur Sinn macht, wenn es eine konkrete Person gibt, an die das Mitgeteilte sich richtet). Und weiter denken? Jedenfalls scheint dies besser zu sein, als einfach nur zu denken, zumindest, so lange es erlaubt ist und nicht etwa quer steht zum erlaubten Denken.

Unsere Sprache gestattet uns, Wissen ebenso zu teilen wie eine Zahl. Aber ist Wissen überhaupt teilbar? Ein altmodischer Römer behauptet, Wissen sei ein Wagnis (sapere aude), das einzugehen Mut erfordere. Bedeutet dies, dass es ohne zuvor erworbenen und bewährten Mut kein Wissen gibt? Und wenn Mut nicht geteilt werden kann, kann dann Wissen erst recht nicht geteilt werden? Läßt Wissen gar zurückschrecken, und zwar aus Faulheit und Feigheit, wie ein ebenfalls altmodischer Philosoph behauptete?

Jedenfalls empfangen wir Wissen nicht wie eine Mail. Wissen muss erworben werden, oft abgerungen. Und wer das Licht des Wissens schließlich erblickt hat, hat es nicht leicht, sein Wissen mit denen zu teilen, die dieses Licht nicht gesehen haben, weil diese zwar weiter denken (vor der Rechtschreibreform: weiterdenken), aber so, wie sie es gewohnt sind und es ihrer Meinung nach schon immer getan haben - d. h. gar nicht denken (-> Höhlengleichnis).

Aber vielleicht kann Wissen bewahrt werden. Aufbewahrt im Gedächtniss, in einem Text, in einem Buch, verfügbar in einer Buchgesellschaft... Und vielleicht teilt sich dieses Wissen einem Denkenden mit, erweitert seinen Horizont, veranlasst ihn zum Weiter denken und Weiterdenken. Vielleicht in seltenen Fällen. Aber immerhin.

Ein Wissen gibt es, das nicht geteilt und nicht mitgeteilt werden kann: Das Wissen über sich selbst. Dieses Wissen kann nur geschenkt werden. Wie bei jedem Geschenk ohne die Garantie, dass der Beschenkte etwas damit anfangen kann, es auf-heben kann. Geschieht dies aber doch einmal, ist nicht nur der Beschenkte reicher geworden, sondern auch der Schenkende: Er ist fortan mit seinem Wichtigsten aufgehoben.

Kommentare (7)

Marcin Lupa

Mir persönlich fehlt im wbg Slogan der Aspekt des Wissenserwerbs. Tatsächlich muss ich Wissen erst erwerben, bevor ich es teilen kann.
Sei es anhand von Quellstudium (Studium der Wissensquellen: Bücher, Filme, etc.) oder durch Empirie.

Ich würde das Slogan also erweitern: Wissen erwerben. Wissen teilen. Weiter denken. Denn das alles tut man bei der wbg, die über ein enormes Repertoire von Wissensquellen in Printform oder digitaler Form (mitunter diese Community) bereit hält.

Sie haben absolut Recht, dass es ein unteilbares Wissen über einen selbst gibt. Intimes teilt man nur den nahe Stehenden mit. Man sollte weise wählen, wem man sich anvertraut.

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  • Norbert KNOLL

    Hallo Ulrich,
    mir gefällt, wenn du schreibst:

    "Unsere Sprache gestattet uns, Wissen ebenso zu teilen wie eine Zahl. Aber ist Wissen überhaupt teilbar?"

    Ich interpretiere es als einen Hinweis auf den Urgrund, auf dem Wissen und eine (Mit-)Teilbarkeit von Wissen beruht: Die Sprache!

    Wie könnte ein menschliches Individuum Wissen mit einem anderen Individuum teilen, gäbe es da nicht bereits eine gemeinsame, "geteilte" Sprache. Beide müssen ein gemeinsames Verständnis des sprachlich geformten Ausdrucks (sei dies nun phonetische Laute, geschriebene Texte, bildliche Zeichen, sichtbare oder hörbare Gesten ...) und seiner möglichen Interpretationen mitbringen.

    Ich verweise auf eine Stelle bei meinem Lieblingsromanhelden Robinson Crusoe: Robinson verbringt 25 Jahre allein auf der Insel ehe er die Bekanntschaft Freitags (den er rettet) machen kann.

    Was ist jetzt das erste Problem, das die beiden zu lösen haben?

    Sie müssen eine gemeinsame Sprache finden! Im vorliegenden Fall lernt also der Robinson zu Dank verpflichtete Freitag Englisch und macht dabei so gute Fortschritte, dass sie sich bald über Eigenheiten der je eigenen Kultur, Religion etc. unterhalten können.

    Das von mir angesprochene "Teilen" ist ein anderes Teilen als das Teilen einer Zahl oder einer physisch-materiellen Substanz (wie Erde, Geld, Papier, Weinflaschen...).

    Der Werkzeugkasten der Sprache ist wunderbar. Die Werkzeuge nutzen sich nicht ab, lassen sich von mehreren Handwerkern gleichzeitig verwenden, es lassen sich immer neue Werkzeuge für unterschiedliche Anwendungen herstellen. Tja und letztlich verwenden wir diese Werkzeuge um anderen (von uns ausgewählte) Elemente unsers eigenes Wissens zugänglich zu machen. Sie brauchen sich dieses Wissen nur aneignen. Wir haben Wissen (das in unserer Vorstellungswelt liegt) in eine sprachliche Form gebracht und andere interpretieren diesen sprachlichen Ausdruck (um ihn in ihre eigene Vorstellungswelt integrieren zu können).

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  • Marcin Lupa

    Ihre Sprachwerkstatt ist beeindruckend, Herr Knoll. Da ziehe ich meinen Hut. Sie können Dinge präzise ausdrücken und erklären. Ich verstehe Sie. Das gelingt mir nicht bei jedem und nicht immer.

    Ich liebe diejenige Art von Autoren, die den Leser etwas in seiner eigenverschuldeten Unmündigkeit (hier: Unwissenheit) abholen und ihre Bücher so schreiben, dass sie verständlich sind. Klar kommt man bei manchen Themen nicht drum herum, Fachausdrücke zu verwenden. Nach Möglichkeit könnte man sie dennoch erklären oder die Ausarbeitung des Themas so gestalten, dass die Erklärung darin enthalten ist.

    Schreiben Sie Bücher, Herr Knoll?

    Ich will noch Bezug nehmen, auf Ihren Ausspruch, dass der Mensch der Sprache bedarf, um Kommunikation betreiben zu können. Gewiß geschieht Kommunikation mittels Sprache genauer und auch auf einem höherem Niveau wenn man die selbe Sprache benutzt. Allerdings gibt es auch Kommunikationsformen jenseits der Sprache, mittels Handlungen, Bildern, Gesten.

    So ist zum Beispiel die Kommunikation mit Tieren bedingt möglich. Zum Beispiel durch Ausdruck von Emotionen. Auch habe ich mir in meiner Zeit in Mexiko sehr viel abgeschaut und so Handlungsweisen gelernt, zum Beispiel im Fall des Kochens. Die spanischsprachigen Erklärungen habe ich erst nach meinem ersten Sprachkurs angefangen zu begreifen. Trotzdem konnte ich schon recht früh, rudimentäre mexikanische Gerichte zaubern. Und das durch nonverbalen Kommunikation, allein durch den von diversen mexikanischen Gewächsen angetriebenen Bewußtseinsstrom vor meinen Augen.

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  • Norbert KNOLL

    Lieber Herr Lupa,
    Danke für die Blumen, aber leider schreibe ich keine Bücher, mag aber Sprache und nehme Sprache meist sehr ernst.
    Normalerweise begnüge ich mich damit, als gelernter Ökonom Gebrauchstexte (Evalierungsberichte) zu schreiben. Literarische Versuche sind bisher gescheitert. Eine einzige außer-ökonomische Publikation ist mir kürzlich gelungen (siehe https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-32083-6_15).

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  • Marcin Lupa

    Kulturwissenschaften sind bestimmt ein interessantes Metier. Letztendlich betreiben wir sie auf unsere eigene und unprofessionelle Weise allesamt.
    Ich beispielsweise musste in der dritten Klasse eine neue Sprache erlernen, bevor ich überhaupt am Unterricht teilnehmen durfte. Ich kam aus Polen nach Deutschland und lernte auch eine neue Kultur kennen. Heute bin ich mit Mitte 4o natürlich mehr Deutscher als alles andere.

    Schön, dass Sie literarische Versuche unternehmen. Sie haben das Rüstzeug dafür.
    Ich habe es auch mehrmals versucht und bin alleine schon an meiner eigenen Kritik an mir selbst gescheitert, weswegen ich sämtliche Publikationen wieder zurückzog.

    Mein neues Betätigungsfeld ist die wbg, der Schreibwettbewerb und die einzelnen Gruppen. Dort betreibe ich so eine Art intellektuelle Verständnissuche. Ich möchte die Welt verstehen und blicke in Schriften anderer Denker hinein, versuche sie ein wenig zu analysieren, den anderen mitzuteilen. Dazu lerne ich für mich selbst. Demnächst will ich etwas über Pythagoras schreiben.

    Beruflich bin ich Schulbegleiter bei einem Viertklässler. Am Dienstag geht das neue Schuljahr los.

    Ach ja, und Sprache(n) nehme ich auch ausgesprochen ernst. Auch wenn ich ansonsten ein sehr leutseliges Kerlchen bin und mit meiner Frau, sowie Tochter sehr viel zu scherzen pflege.
    Humor ist die Antwort auf die Missverständnisse des Lebens.

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  • Norbert KNOLL

    Die Welt verstehen ist ein hehres Anliegen! Klingt anstrengend und der Lohn ist ungewiss.

    Man muss erst Fragen formulieren und sich dann auf den Weg machen, um geeignete Antworten zu finden. Das muss jeder für sich selbst erledigen. In der Schriften anderer finden sich gelegentlich wertvolle Hinweise, Wegmarken, an denen man sich orientieren kann. Es bleibt aber das Problem, dass ein jeder seine eigenen Fragen auf je eigene Weise stellt.

    Ich habe mich längere Zeit mit den Pragmatismus von Charles Sanders Peirce und George Herbert Mead auseinandergesetzt und vor ein paar Jahren den aus Österreich stammenden - doch hierzulande weitgehend unbeachteten - Soziologen Alfred Schütz entdeckt; genau genommen wiederentdeckt, weil er mir schon während des Studiums unterkam. Mein Ziel für die nächsten Jahre ist es, eine Theorie individuellen und sozialen Handelns zu entwickeln. Hierin vermute ich den Schlüssel zum Verständnis der Welt.

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  • Marcin Lupa

    Da haben Sie erneut Recht. Natürlich muß jeder seine eigenen Erfahrungen machen und dann sein eigenes Leben vor sich selber und seinen Nächsten interpretieren versuchen.

    Die Literaturen, die uns begegnen, bei Ihnen ist es der Crusoe, bei mir DÁrtagnon, geben uns dabei nur Geleit.
    Die großen Philosophen, ich bin gerade selber erst bei Pythagoras, interessiere mich aber auch für Aristoteles, dessen kontroverse Aussagen ich gerne lesen werde, erklären uns dementsprechend nur ihre eigene Sichtweise. Und wir können ihnen nur Hinweise entnehmen. Wie Sie sagten.

    Ihr Vorhaben finde ich Klasse. Das hört sich nach einer großen Philosophischen Abhandlung an.
    Ich werde mir die beiden von ihnen genannten Autoren noch näher betrachten - im Augenblick fehlt mir die Zeit dazu - daher nur kurz: den Schlüssel zum Verständnis der Welt in einer Theorie des individuellen und sozialen Handelns zu suchen, kann nicht verkehrt sein.

    Ich habe für mich so einen Schlüssel bereits gefunden. Er hat mir aber definitiv auch eine Haltung gezeigt, die ein individuelles sehr feinfühliges Handeln ermöglicht hat. Ich habe allerdings nur zwei Mal in meinem Leben mit diesem Schlüssel einige Türen geöffnet. Aus Respekt vor dem Licht, das hinter diesen Türen schien.
    Man sollte sich der Sonne nicht zu sehr nähern, wenn man nicht das Schicksal von Daedalus und Ikarus erleiden möchte.

    Ich meine den Claviceps Purpurae (der purpurnen Schlüssel) und sein Lysergsäure Diethylamid.

    Diese Erlebnisse zu beschreiben ist Literatur. Gesetzmäßigkeiten und Weltanschauungen aus den dabei durchdachten Gedanken zu schöpfen, Philosophie. Ob ich mich je daran setzen werde. Wer weiß?

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