Wird das Denken der Zeit vor 75 Jahren wieder salonfähig?

Daniel Zimmermann • 25 September 2017
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Wird das Denken der Zeit vor 75 Jahren wieder salonfähig?

von: Daniel Zimmermann


 Libert-2_600x600.jpg"Überfremdung" war einer der Begriffe, die in diesem Wahlkampf gefallen sind und eigentlich nicht hätten fallen dürfen. 1929 wurde "Überfremdung" erstmals in den Duden aufgenommen und bereits 1933 von Sprachwissenschaftlern kritisch beurteilt.1933 sprach Joseph Goebbels von der „Überfremdung des deutschen Geisteslebens“, gemeint war: „durch das Judentum“. Und 2017 spricht der Geschichtslehrer und AfD-Politiker Björn Höcke in seinen brandgefährlichen Reden wiederholt von „Überfremdung“.

Nazi-Vergleiche fallen in der Regel auf den zurück, der sie gebraucht. Das Spiel mit Nazi-Vergleichen soll man in jedem Fall vermeiden. Nur ist dies hier kein ‚Spiel‘ mit Vergleichen! Vielmehr handelt es sich bei der AfD um eine Partei, die ganz bewusst, mit Kalkül und somit mit Vorsatz mit dem Gedankengut, mit der Rhetorik und mit den konkreten Ausdrücken des rechtesten Randes der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus operiert: Neben „Überfremdung“ war „Volksverräter“ ein zentraler Kampfbegriff der Ideologie der Nationalsozialisten. Unter dem Vorwurf des „Volksverrats“ schickte Roland Freisler bis 1945 Menschen in den Tod. Ähnlich verhält es sich mit dem Wort „Lügenpresse“, das um 1940 seine Hochkonjunktur erlebte. Dahinter standen laut Gesellschaft für deutsche Sprache immer völkische und nationalistische Anliegen, die die staatlich gelenkte „Lügenpresse“ angeblich zu verschleiern versuchte. Die Liste der nun bald im deutschen Parlament zu hörenden Unworte ließe sich fortsetzen.

Ganz gezielt testet eine Partei hier aus, wie weit sie das Denken der Zeit vor 75 Jahren wieder salonfähig machen kann. Sie tut dies nicht aus Unwissenheit, sondern sehenden Auges, und betont dies auch selbst, wie Frauke Petry erklärt: „Wenn es eine Partei gibt, die sich mit Geschichte auseinandersetzt, dann ist es die AfD. Ich sperre mich dagegen, Wörter zu Unwörtern zu erklären. Mir ist völlig bewusst, dass Wörter Konnotationen haben. Konnotationen können sich ändern, und Konnotationen von vornherein politisch zu belegen, halte ich für falsch.“ So soll nach Petry auch „völkisch“ wieder positiv gesehen werden: „Was ist denn speziell an dem Begriff ‚völkisch‘, wenn er damit zu tun hat, dass es um das Volk geht, was ist daran per se negativ?“

Wenn die Kernaussage Alexander Gaulands zur künftigen Arbeit im Deutschen Bundestag ist ‚Wir treiben die Regierung vor uns her‘, wenn das Programm lautet ‚Wir holen uns unser Deutsches Volk und unsere deutsche Nation zurück‘, dann kann einen nur das Grausen überkommen. Diese dumpfe, kraftstrotzende Rhetorik am Wahlabend war nur möglich, weil jeder siebte Deutsche für diese Partei votiert hat. Unweigerlich muss man, egal in welchem Dialekt, an Max Liebermann denken: „Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte.“

Die Redaktion des Blogs „Nachgehakt“ wird mit ihren bescheidenen Möglichkeiten, aber nach Kräften daran arbeiten, dass nicht 'Fake News' den Diskurs bestimmen, sondern historische Zusammenhänge in Erinnerung bleiben und historische Fakten zu ihrem Recht kommen.


Autor: Daniel Zimmermann ist Geschichtslektor in den Verlagen der WBG-Gruppe Philipp von Zabern, Konrad Theiss und Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

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