Winkler, Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte

Luca Rosenboom • 10 Oktober 2021
5 Kommentare
2 gefällt

Heinrich August Winkler ist einer der renommiertesten Historiker Deutschlands und zählt überdies auch international zur Elite. Sein Buch „Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte“ geht inhaltlich gegen Geschichts-Instrumentalisierungen, sei es von links, sei es von rechts, vor. Es gliedert sich in drei Teile, wobei der erste, nämlich „Deutschland vor 1918“, sich mit der Geschichtsentwicklung hin zu einem Nationalstaat auseinandersetzt. Primär wird der damit einhergehende Nationalismus beschrieben, der allerdings keine deutsche Besonderheit war. Immer wieder werden Brücken geschlagen zum Nationalsozialismus, der „den Nationalismus auch bei einem großen Teil derjenigen Schichten desavouiert, die geholfen haben, ihn an die Macht zu bringen.“ Treffender kann man es nicht auf den Punkt bringen. Noch heute folgt man der negativen Konnotation des Begriffs Nationalismus, denn in Lehrplänen wird gegen eine Herausbildung eines positiven Nationalbewusstseins gearbeitet, der eine Anti-Nationalerziehung zur Folge hat. Dass dies nicht immer zum Positiven gereicht, dürfte klar sein. Schließlich werden Menschen, die eine klare Identität besitzen, sich aus innerer Überzeugung für das Gemeinwesen einsetzen, sofern sie sich – mit Johann Gottlieb Fichtes Worten – unter das Ganze unterordnen, was nur freiwillig geleistet werden kann.

Was bei den Ausführungen auffällt: Winkler gibt klare und auch gute Vorstellungen von den „Wandlungen des Nationalismus“, liefert aber keine genaue Definition von „Nationalismus“ per se, die seine Punkte verständlicher gemacht hätten, denn ob ein Anhänger des Nationalismus nun – im heutigen Sinne – verfassungstreu bzw. ein nationalbewusster Bürger ist oder ein Verfassungsfeind, hängt immer vom konkreten Einzelfall ab. Das mag aber der Verfassungszeit (1979) und historischen Umständen geschuldet sein.

Auch oder gerade die Wirtschaft – wer hätte es gedacht? – spiele eine gewichtige Rolle für den (negativen), da in aggressiv ausartenden, Nationalismus. So ziele er darauf ab, „wirtschaftliche Rückständigkeit zu überwinden“. Ein exemplarisches Beispiel wäre hier Hitler, der die prekäre wirtschaftliche Situation, die der Schwarze Donnerstag 1929 verursachte, zu entschärfen gedachte.

Im zweiten Teil wie dritten Teil folgen Essays verschiedener Art, die hier ob ihrer Menge und des teilweisen sehr spezifischen Inhaltes nicht vorgestellt werden können. Behandelt werden zum einen Themen zu der Zeit zwischen den Weltkriegen, zum anderen zum geteilten Deutschland. Ziele dieses Buches waren es jedenfalls, brisante Fragen zu erhellen („Wie konnte Hitler an die Macht kommen? Gab es einen deutschen Sonderweg?) und gegen Instrumentalisierungen der Geschichte vorzugehen (Ernst Nolte und der Historikerstreit samt seinen Auswüchsen; „Wider die Verharmlosung Hitlers von Links“) – und das ist ihm mit Bravour gelungen. Facettenreich schildert er überdies, wie Hitler von Stalin (in-)direkt unterstützt wurde, die Macht zu ergreifen und wie Hitler der Unterstützung der Bauern sicher sein konnte.

Da dieses Buch aber primär analysierend aufgebaut ist, spreche ich nur eine Empfehlung aus, wenn man schon etwas mit der deutschen Geschichte vertraut ist – wenn man eher an der Deutschen Geschichte selbst interessiert ist, sollte man zu etwas Anderem greifen. Die teilweise sehr speziellen Beiträge haben überdies (das wusste ich vorher allerdings auch nicht) den Nachteil, dass sie älteren Entstehungsdatums sind. Damit verlieren sie jedoch nicht an Geltungskraft.

Kommentare (5)

Marcin Lupa

Hervorragende Rezension, Luca. Vielen lieben Dank.

Winkler ist mir natürlich sehr vertraut und ich möchte sozusagen alles von ihm lesen, da ich seine Art die Geschichte zu interpretieren aber auch zu schildern, für durchdrungen mit einer starken Klarheit und für einen Laien wie mich unwiderlegbar halte. Mit anderen Worten, es ist mir eine Freude von Winkler zu lernen. Und ich vertraue in seine Angaben, Erklärungen, sein ganzes Narrativ und genieße sehr den sprachlichen Fluß seiner Erzählung.

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Luca Rosenboom

    Ähnlich ergeht es mir, auch wenn ich sein Magnum Opus „Werte und Mächte“ nur in Teilen und kursorisch gelesen habe, weil die Menge schlicht erdrückend ist. Jedenfalls gedenke ich noch sein Werk „Auf ewig in Hitlers Schatten?“ zu lesen, wovon ich mir viel verspreche. Dazu werde ich aber vermutlich erst nächstes Jahr kommen.

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Lara Hitzmann

    Lieber Herr Rosenboom, vielen Dank für diese kritische Rezension! Herr Winkler gehört auch meiner Meinung nach zu den bedeutendsten Historikern unserer Zeit. Ich habe das Buch zugegebenermaßen noch nicht gelesen, bin aber neugierig: Wenn einige Texte älter sind (ich meine der älteste stammt aus den 70er Jahren), inwiefern lässt sich in diesen 50 Jahren ein Wandel in Winklers eigenen Ansichten ausmachen?

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Luca Rosenboom

    Liebe Frau Hitzmann, wenn ich die Frage richtig verstehe, wollen Sie wissen, ob Winkler seine eigenen Ansichten z.B. der 1970er kommentiert, überarbeitet oder gar revidiert hat (?) – wenn dies der Fall sein sollte, so kann ich einer Antwort leider nicht nachkommen. Die Beiträge selbst sind nämlich teilweise ihrerseits, wie er selbst schreibt, „Teil der deutschen Geschichte geworden“. Vielleicht gibt es neue(ere) Publikationen, in denen er die Aufsätze aufgreift und neu verfasst/aktualisiert. Jedenfalls lassen sich in Teilen Bezüge zu heute herstellen (wie oben erwähnt).

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können