Werte & Handlungsorientierung als soziales Phänomen

Norbert KNOLL • 14 November 2021
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Wer etwas über Werte sagen will, kommt nicht umhin, menschliches Handeln dabei mitzudenken und Werte nicht nur als individuelles sondern auch als soziales Phänomen zu behandeln.

Einerseits gehört es zum Wesen von Werten, dem Tun oder Unterlassen eines Menschen eine Ausrichtung zu geben. Es sind verinnerlichte (aus eigenen Erfahrungen abgeleitete, von anderen Mitmenschen oder gar von früheren Generationen übernommene oder auf sonstige Weise erlernte) Wertvorstellungen, an denen wir uns selbst orientieren, wenn wir etwas auf eine bestimmte Art und Weise tun nicht aber auf eine andere.

Andererseits dienen Werte nicht nur der Orientierung des eigenen Handelns von Individuen sondern auch des Handelns anderer Individuen eines Kollektivs. Wir zeigen ja den anderen woran wir selbst uns orientieren und tragen so auch in gewisser Weise zu ihrer Handlungsorientierung bei. Werte werden somit auf zweierlei Weise wirksam, für uns selbst und für andere Individuen unserer sozialen Mitwelt. 

Für das eigene Handeln fungieren Werte demzufolge als Wegmarken und Prüfsteine, die unsere in die Zukunft gerichteten Handlungsentwürfe anleiten und uns helfen, durch Gebrauch der eigenen Vernunft – mit allerlei Abstufungen – Entscheidungen zwischen „wertvollen“ und „wertlosen“ Handlungen zu treffen. Das ist nicht ganz trivial, weil Wertvorstellungen im Plural und damit häufig in Widerspruch zueinander auftreten, was die Konstruktion einer Hierarchie von Werten - die jeweils Vorrang oder Nachrang haben - erforderlich macht.

Als Beobachter der Handlungen anderer Individuen unserer sozialen Mitwelt versuchen wir, deren Wertvorstellungen zu ergründen oder zu rekonstruieren, um einerseits ihr Handeln zu verstehen und andererseits die eigenen Folgehandlungen auf die Handlungen der Anderen abzustimmen, damit wir als soziale Wesen wirksam werden können. 

Wir nutzen dazu die (an uns selbst als gültig erwiesene und für uns "gewisse") Tatsache, dass die Orientierung eines Individuums an bestimmten Werten in seinem Handeln einen konkreten (und beobachtbaren) Ausdruck findet. Werte hinterlassen ihre Spuren in Handlungen; die Handlungen selbst geben uns Indikationen für Werte. Diese Spuren sind tiefer als die Lippenbekenntnisse zu Werten in Worten / Darstellungen / Inszenierungen / Moralpredigten / Sonntagsreden..., die ja nicht selten bloß auf eine opportunistische oder gar manipulative Verstellung abzielen. 

Im alltäglichen sozialen Miteinander versuchen wir, aus den Handlungen anderer - unabhängig vom bloß Gesagten - herauszulesen, an welchen Wertvorstellungen sich diese Anderen tatsächlich orientieren.

Man beachte: Es geht keineswegs darum, dass wir alle dieselben Werte vertreten, wie es uns Heerscharen religiös-moralisierender Eiferer oder die Evangelisten des modernen Kapitalismus missionarisch ohne Unterlass verkündigen. Natürlich wäre alles leichter, folgten alle Menschen den gleichen Werten so wie genetisch-instinktivisch gelenkte Tiere oder mechanisch gesteuerte Maschinen. Aber um welchen Preis würde der Mensch diese durch Gleichschaltung erzeugte Transparenz erkaufen?

Wesentlich ist etwas ganz anderes: nur soweit es uns gelingt, die handlungsrelevanten Orientierungsmarken anderer Individuen - ihre handlungsleitenden Werthaltungen also - einigermaßen greifbar zu machen und zu identifizieren, können wir auch für das eigene Handeln erforderliche und „halbwegs gültige“ vernünftige Erwartungen in das aktuelle und zukünftige Handeln dieser Anderen bilden, um eigene Impulse durch Folgehandlungen zu setzen.

Wir müssen keine Propheten sein, aber spätestens wenn wir zu Erwachsenen herangewachsen sind, sollten wir halbwegs gültige Erwartungen in die Handlungen unserer Mitmenschen entwickeln können, um selbst im Umgang mit ihnen handlungsfähig zu bleiben. Darin liegt wohl die Wurzel eines Problems, das wir insbesondere im Umgang mit dem uns Fremden zu lösen haben und das gelegentlich sogar politisch brisant wird - etwa wenn Austausch und Kommunikation über kulturelle Grenzen hinweg sich als schwierig gleichzeitig aber als unbedingt erforderlich erweisen, um widerstreitende Interessen und Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Authentizität & Identifizierbarkeit gelebter Werte unserer Mitmenschen sind Grundvoraussetzung für jedes funktionierende Gemeinwesen, das weiß schon das christliche Gebot nicht zu lügen. Eine Gesellschaft, dessen soziale Ordnung auf Lüge & Verstellung gebaut wäre oder dessen Mitglieder einander fremd blieben, sodass die Menschen einander niemals verstünden, weil die Orientierung der Mitmenschen undurchschaubar bliebe, könnte nur als dystopisches Gefängnis Bestand haben, wie es totalitäre Regime immer wieder eindrucksvoll-erschreckend vorführen.  

Wir sollten uns den Kopf weniger über - zugegebenermaßen durchaus beachtenswerte - Themen zerbrechen, die etwa darum kreisen, 

- dass in Gesellschaften ein Wertewandel stattfindet,

- dass Gruppen oder Mitglieder einer Gesellschaft (die wir etwas spätmittelalterlich-frühneuzeitlich nach wie vor über Territorialstaaten definieren) unterschiedliche Werte leben oder

- dass die Legitimierung von Werten über mythologische Überlieferungen oder religiöse Traditionen nur noch bedingt Anerkennung findet, weil sie eher die Auslöser - denn Lösungen - gesellschaftlicher Spannungen bilden.

Was uns wirklich Kopfzerbrechen machen sollte und worauf wir unsere Energie verwenden sollten, ist vielmehr, die Suche nach einer für uns selbst geeigneten Antwort auf die grundsätzliche Frage, welche Werte – nicht zu predigen, sondern – zu leben es lohnt, um einer individuellen oder kollektiven Orientierungslosigkeit zu entgehen. Hier liegt das zentrale Problem an dem ausdifferenzierte Gesellschaften - wie die unsrige - kranken.

Gesprächsbereitschaft, Ehrlichkeit, die Bereitschaft auf andere zuzugehen und eine Extraportion Toleranz sind dabei "wertvolle" - ja, ich meine sogar unverzichtbare - Tugenden.

Kommentare (6)

Marcin Lupa

Sehr geehrter Herr Knoll,

Sie referieren sehr schön über Werte und über die Situation in der wir Menschen, Werte rekurrierend, leben.

Ich finde mich in Ihrem Text wieder. Ehrlich mir mir selbst, versuche ich mir eine authentische Klarheit über meine eigenen Werte zu verschaffen. Wenn ich sie vor mir postuliere, handle ich nach ihnen. Dieses Handeln wird mir zur Maxime. An meinem Verhalten werde ich erkannt, und andere können Erwartungen an ein antizipiertes Verhalten von mir stellen. Umgekehrt lese ich in meinen Gegenüber und verschaffe mir Klarheit über ihre Werte, wäge ab, ob ich mit ihnen verweilen will, weil ich ein überschaubares, moderates, freundliches Verhalten von ihnen erwarte oder eben nicht. In diesem Fall lohnt sich kein weiterer Umgang, da ich darunter leiden würde. Insofern habe ich es selber in meiner Hand, ob ich mir Schmerz zufügen lasse oder nicht. Ebenso, ob ich und der andere, gemeinsam wachsen wollen, Früchte treiben, im Gespräch. So wie an zahlreichen Stellen hier in der Community geschehen.

Und natürlich bestimmen diese Werte entsprechenden Verhaltensweisen unsere Gesellschaft. Das stellen Sie schön heraus.

Ein Aspekt, der mir an ihren Aufsatz sehr gefällt ist auch die Besinnung auf humanistische Werte, die sie materiellen Werten entgegenhalten. Sicherlich ist es nicht verkehrt, nicht zu verhungern, ein Dach überm Kopf zu haben, anständige Kleider, eine Bibliothek (wobei das schon intellektuelle Werte wären) zu besitzen und auch Ausflugsziele, doch vor allem geht es um die Gesinnungsethik hinter unseren Handlungen und darum in Gemeinschaft zu leben, dem anderen hilfreich die Hände zu reichen und gemeinsam zu gehen. Was helfen uns fünf Maseratis und etliche Limousinen in unseren Domizilen, wenn uns die Gesellschaft bescheinigt, ein Egozentriker zu sein? Dann verhalte ich mich eher anders, und strebe keinerlei solchen materiellen Gewinne an, stattdessen humanistische Wertvorstellungen und gemeinschaftliches Schaffen. Für mich ist das die Nische.

Urteilen wird ohnehin ein anderer über mich, vielleicht die Jugend, oder eine weise Entität, die mich entweder lobt oder tadelt. Dann kann ich immer noch reagieren.
Daher danke ich Ihnen für Ihren Beitrag, er war sehr erhellend und auch bekräftigend.

Ich bin übrigens einer Anregung von Ihnen gefolgt und habe mir die Mythologie der Griechen von Karle Kerenyi zugelegt. Darin lese ich gerne. Vielleicht kommt jetzt auch mal eine kleine Zusammenfassung auf der Timeline.

Herzliche Grüße
Marcin Lupa

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  • Norbert KNOLL

    Sie kennen meine Vorliebe für einige griechische Mythen, für Robinson Crusoe und Gullivers Reisen. Mittlerweile ist noch etwas anderes dazugekommen: Der Prototyp der Literarischen Utopie, "Utopia" von Thomas Morus. Könnten Sie auch als anregend empfinden, obwohl Morus ein doppeltes Spiel spielt, bei dem man nie sicher sein kann, was der Autor nun ernst meint und wo er sich selbst verleugnet oder ironische Pointen setzt, um nicht als Ketzer oder Staatskritiker auf dem Schafott zu landen.

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  • Frank Zarrentin

    Lieber Herr Knoll, ein ganz großes Dankeschön für Ihren Beitrag, absolute Hochachtung. Und um nicht in die "Ich weiß es NOCH besser" Schiene geschoben zu werden, aber zu der vollkommen zutreffenden Nennung der Tugenden würde ich persönlich eine hinzufügen: Dankbarkeit.

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  • Norbert KNOLL

    Lieber Herr Zarrentin, mit Dankbarkeit sprechen Sie etwas an, das dem Zusammenleben in einem Gemeinwesen außerordentlich zuträglich ist.

    Dankbarkeit bedeutet ja, dass ein Individuum über sich hinaus zu denken vermag und sich dessen bewusst ist, dass auch andere Beiträge leisten bzw. geleistet haben; Dankbarkeit zu zeigen, heißt immer auch Anderen Anerkennung zukommen zu lassen. Damit legt Dankbarkeit die Schienen für ein zukünftig kooperatives Miteinander oder für religiöse Überzeugungen, die ein Verhältnis zu Gottheiten oder zur Natur begründen.

    Im Gegensatz zu Schuldhaftigkeit - die quasi eine Verpflichtung zum Begleichen einer Schuld beinhaltet - beruht Dankbarkeit auf absoluter Freiwilligkeit und Ungebundenheit (Freiheit) für künftiges Handeln. Wer wird schon gerne an eine Schuld (oder an Schulden) erinnert, die er noch nicht beglichen hat oder die er von einem anderen einzutreiben gedenkt? Sowohl ein Begleichen als auch ein Eintreiben von Schulden ist mit Handlungszwängen verbunden.

    Man darf bei der Dankbarkeit - so wie bei allen anderen Tugenden auch - eines aber nicht vergessen: Es gilt das richtige Maß zu finden! Durch ein "zu viel" oder "zu wenig" verkehrt sich die Tugend zum Laster. Ich kann jetzt leider nicht zuordnen, welche Philosophen diese Position bereits in der Antike vertreten haben, aber sie erscheint mir schlüssig.

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  • Marcin Lupa

    [~6726], mit Dankbarkeit habe ich so meine Probleme. Ich wäre gerne dankbar, aus Prinzip. Wenn das Leben einen beschenkt, mit Gesundheit und einem warmen familiären Umfeld fühle ich mich dankbar, auch über meine Mitarbeiter und Kollegen bin ich sehr froh. Doch geschieht auch viel, wofür dankbar zu sein, nur zynisch sein kann. Vielleicht sogar masochistisch.

    Läuft das Leben - und damit meine ich nicht, einen überragend tollen Zustand -, dann kann man durchaus dankbar sein. Das auf jeden Fall.

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