Werte - Einige Erwägungen zu einem unklaren Begriff (8. Versuch)

Erich Arnold • 7 Januar 2022
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Werte - Einige Erwägungen zu einem unklaren Begriff (8. Versuch)

Es ist wohl so: Im öffentlichen, zumal "politischen", Diskurs wird in letzter Zeit besondere Betonung auf "Werte" gelegt - selbst dann, wenn das Wort nicht explizit verwendet wird. Sollte dieser Eindruck wirklich nicht trügen, dann ist womöglich eine der meinen ähnliche Beunruhigung darüber auch der "Wissenschaftlichen Buchgemeinschaft" Anlaß geworden für die Wahl dieses "Begriffs Werte" zum Thema für einen Schreibwettbewerb. Und trifft diese meine Vermutung zu, dann geschah das sicher seinerseits auf "Basis" bestimmter, benennbarer Werte: solche, die der wbg seit 1949 handlungsleitend sind. Dass sie u.a. durch die Faschisten verbrannte Literatur wieder zugänglich machen wollte, weist in diese Richtung.

Es ist zum Verzweifeln kompliziert, wenigstens etwas genauer zu sagen, was gemeint ist, wenn von Werten gesprochen wird. Liest man z.B. in der von H.J. Sandkühler herausgegebenen "Enzyklopädie Philosophie" im Meiner-Verlag, was unter den Stichworten "Wert/Werte" und "Werturteil/Werturteilsstreit" Aufschluß zu geben verspricht, wird man kompakt mit gut 9 Seiten kleingedruckter Auseinandersetzung über beide Begriffe konfrontiert, denen nachzugehen einem Laien praktisch unmöglich ist. -
Gibt man das Wort "wertebasiert" in eine Suchmaschine ein - hier: Ecosia und nicht Google: meine werte-induzierte Entscheidung; denn: was "suchen" solche Maschinen eigentlich anderes als das, was sie "schon vorher wissen"? Und da gilt es, vorsichtig zu sein; denn: von wem wissen sie und warum Dieses und nicht Anderes...?; man tippt also "wertebasiert" ein, und kann so erfahren, u.a. dass Organisationen, Kommunikation, Ziele, Führung "wertebasiert" sein können; und für eine "werte-orientierte Führung" wird sogar eine Definition angeboten - als gäbe es hier tatsächlich im Bereich des Sollen/Dürfen/Wollen ein genus proximum und eine differentia specifica, wie es - für diesen Zusammenhang paradigmatisch - der Schimmel als "weißes Pferd" ist.
Aber Werte gehört, will mir scheinen - wie auch z.B. Wahrheit (Rafael Ferber, Philosophische Grundbegriffe. Eine Einführung. beck´sche reihe 1999; S.104f, spricht von Supervenienz) - zu jenen schlecht eingrenzbaren ("zu greifenden") Ausdrücken; kein gegen Anderes "ausgrenzendes Umschließen" ("definitio est negatio") erweist sich im Inneren als weit genug, alle wesentlichen Aspekte zu umfassen. Wenn also, anders gesagt, über einen Bereich von Bestimmtem stets ein Rest von Unbestimmbarem gleichsam "hinausragt", ist es klüger, sich dem Ausdruck mit einigen vorsichtigen Erwägungen zu nähern, anstatt mit fruchtlosen Definitionsbemühungen.

Man kann auch hören, dieses oder jenes Computerspiel sei "wertebasiert", oder "vermittle" Werte, weil es sich darum dreht, gemeinsam mit anderen usern per internet ein fantasy-land aufzubauen.
Natürlich will ich in Fällen dieser Art nicht infrage stellen, dass es überhaupt berechtigt sein kann, eine "Wertebasiertheit" zu behaupten. Fraglich dagegen ist, was konkret man uns durch solche Urteile sagen möchte - über ein mittels dieses Werturteils verklausuliertes individuelles Urteil wie etwa "find ich geil" hinaus, das auf diese Weise gewissermaßen Allgemeingültigkeit beanspruchen will. Denn: allein die Verwendung des Wortes Werte gibt uns keine Auskunft darüber, welche Werte angeblich "beachtet" würden, selbst dann, wenn man es dabei tatsächlich im moralisch-ethischen Sinne verstanden wissen will.
Die sogenannten ego-shooter-games sind mit Sicherheit auf Basis bestimmter Werte programmiert worden (wenigstens im "Spiel" darf man der Stärkere, Unbesiegbare sein und sich durchsetzen - und damit, als verschwiegener '"Wert 2" sozusagen, "naiv spielerisch" dem Hersteller und/oder Betreiber Profit generieren). Auch ein Unterricht kann als "wertebasiert" beurteilt werden - unabhängig davon, ob etwa auf die Einhaltung des "Beutelsbacher Konsenses" geachtet, oder ob in ihm Kindern eingepaukt wird, sie gehörten zur "Herrenrasse".

Ich habe den Eindruck - und das macht einen Teil der eingangs erwähnten Beunruhigung aus - dass ein wichtiger Unterschied innerhalb der Bedeutungsfelder von Werten oft unheilvoll verwischt wird; jene Bedeutungsfelder im naturwissenschaftlichen, statistischen, ökonomischen (vergl.: Meßwerte, statistische Werte...) usw. Sinne einerseits, und andererseits denen, die in moralisch-ethisch bestimmten Aussagen aufgerufen werden. Die Aufrufung (soll man sagen: Anrufung?) solcher Wort-Konglomerate wie "Liberal-freiheitliche Werte", "Werte-Union", "unser Wertekanon", "die Werte freiheitlicher Gesellschaften", "Wertekonkurrenz der Systeme"; auch von "Religiösen Werten" ist die Rede: mit Gott und ohne... gründet auf der Unterstellung, jeder gutwillige Mensch wisse doch sofort, was gemeint sein ist. Auf diese Weise wird - das war eben mit "verwischen" gemeint - objektiv der Eindruck erzeugt, der Bedeutungsgehalt von Werten im moralisch-ethischen Sinne sei letztlich auch nicht anders zu verstehen als der Zusammenhang von Werten im naturhaft, empirisch-objektivierbaren Zusammenhang, und es reiche ein emphatisches persönliches "Bekenntnis" zu Werten, um sich im moralisch-ethischen Diskurs unanzweifelbar und standfest zu verorten; als handle es sich um ein Geständnis, das eine unwiderstehliche "natürliche" Vorliebe zu einer Sache preisgibt. Die Inanspruchnahme von Werten wird wie die eines Dinges präsentiert, gleichsam als Merzedes-Stern der Integrität. Dieses dinghaft-utilitaristische Verständnis von Werten, das einer solchen Kennzeichnung eigener Handlungen, "Haltungen", "Orientierungen" usw. zugrunde liegt, ist nicht ausschließlich Ausdruck der Eigenart einzelner Individuen. Wäre es so, könnte der gewünschte Effekt der Eingliederung in die Allgemeinheit, der letztlich angezielt ist, ja gar nicht eintreten. Vielmehr ist das Wort Werte gerade im Alltagsverständnis nicht "leer". Es sind durchaus positive Vorstellungen damit verbunden, welche genau auch immer, die im großen und ganzen Allgemeingut sind; wenn auch wohl gesagt werden muß, dass Werte, allein für sich genommen, eigentlich doch ein "leeres Wort" ist. Werte, heißt es, seien "Ergebnisse einer Bewertung" (Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie; Hrsg.von Jürgen Mittelstraß; Sonderausgabe J.B. Metzler; Stichwort: "Wert (moralisch)"); d.h. Ergebnisse eines Handelns, in dem andere Handlungen, Verhaltensweisen, Einstellungen usw. gegeneinander abgewogen werden. Die Frage nach dem Grund dieses Abwägens=Wertens=Werte-setzens scheint kaum beantwortbar, weil sie gewissermaßen in eine "unendliche "Abfolge von Gründen und abermals deren Gründen führt. "Schwach metaphysisch" gesprochen, führt sie in die "Tiefen" der Menschwerdung. (Thomas Mann spricht am Anfang seines Romans "Josef und seine Brüder" sehr plastisch vom "Brunnen der Geschichte").
"Wertend" zu handeln ist etwas anderes als rein praktisch-instrumentell etwas vor etwas anderem bevorzugen; und solche Bevorzugungen (und ihr Gegenteil) als "Maßstäbe", d.h. Werte, gedanklich reflektierend, sprachlich zu formulieren, ein weiterer Schritt. Und so existiert offenbar ein historisch durch gesellschaftliche Arbeit (auch "am Begriff") entstandener "Fundus", oder thesaurus, an grundsätzlichen oder grund-setzenden "Bevorzugungen", d.h. Maßstäben für ein gedeihliches - oder "überhaupt ein" - Zusammenleben all derer, die "Menschenantlitz tragen", die aus den "Tiefen unserer Menschwerdung" zu stammen scheinen - vielleicht mit dieser fast gleichzusetzen sind. Diese "Maßstäbe" entstehen nicht erst in den jeweiligen aktuellen Situationen, Zusammenhängen, Handlungsanforderungen usw., sie "gehen" ihnen "voraus". Dieses "Vorausgehende" ist nichts, was sich objektiv als Naturphänomen oder Austauschverhältnis (Ware) empirisch feststellen ließe: man kann nicht darauf zeigen und sagen Sieh, da ist es. Es ist nicht - oder vielmehr nur dann, wenn es aktual stets neu "ergriffen" wird - und es kann "ergriffen" werden, weil es eben als gesellschaftlicher "Schatz" latent vorhanden ist im Speicher menschlicher Kulturentwicklung, herausgebildet im Laufe der Geschichte; in zunächst vor allem wohl religiösen Diskursen und Praktiken, materialisiert und gefestigt. - Gewiß gibt es glücklichere Formulierungen; ich denke da z.B. an Jürgen Habermas, Axel Honneth, auch an Robert N. Bellah, u.a. Und gibt es nicht eine beeindruckende Tradition der Bearbeitung dieses Komplexes? Schlugen sich nicht z.B. Sokrates nach Plato, Aristoteles, bedeutende Rabbiner, Spinoza, Kierkegaard ("Entweder-Oder"), Kant, Fichte, Hegel, Schelling, Marx jeweils auf ihre Weise, mit der Frage nach der Herkunft moralisch-ethischer "Maßstäbe" herum? Wer wollte sich da einreihen! Aber für den bescheidenen Versuch einer Abwägung über Zusammenhänge rund um den Ausdruck Werte mag das Gesagte wohl ausreichend plausibel sein. (Dabei will ich mich nicht dahinter verstecken, dass all die großartigen Versuche zu keinem "abschließenden Ergebnis" geführt zu haben scheinen...) -
Die im Großen und Ganzen positiven Reaktionen, mit denen rechnen kann, wer sich - vielleicht je unbestimmter, desto mehr - auf Werte beruft, könnte aus diesem historischen Herkommen erwachsen, unbewußt ein uraltes "Prinzip Hoffnung" wahren und weitertragen... Und daraus, dass man als Mensch ein durch und durch "wertendes", d.h. "bevorzugendes", Wesen ist. Man könnte wohl holzschnittartig sagen: Menschsein heißt nicht nur (nach Friedrich Schiller:) spielen, sondern ebenso auch werten. Das könnte womöglich der Grund sein, warum sich von den so verstandenen Werten Einzelne nicht separieren lassen: sie kommen überhaupt nur im Plural vor. Wer z.B. von Gerechtigkeit spricht, spricht im gleichen Atemzug auch von Gleichheit, selbst wenn dieses Wort nicht fällt. Sie sind sich gegenseitig Grund und Folge zugleich. Schon Kleinkinder, so hört man, haben ein ausgeprägtes "Gerechtigkeitsgefühl" - gleich Verteilung von Zärtlichkeiten, so auch von Dingen scheint ihnen Werte zu sein. (Vergl. etwa Gertrud Nunner-Winkler: Wissen und Wollen. Ein Beitrag zur frühkindlichen Moralentwicklung; in: Zwischenbetrachtungen. Im Prozeß der Aufklärgung; A.Honneth u.a (Hrsg.) Suhrkamp 1989). Natürlich läßt sich diese Grundanlage bis zur Kampfbereitschaft pervertieren, z.B. indem Kinder von klein auf zu Soldaten erzogen werden. Das anzustrebende "Gerechte"/ "Gute" ist dann die Eliminierung einer anderen Volksgruppe, die jenes angeblich störe; und die Kinder laufen, kaum den Windeln entwachsen, mit Schnellfeuergewehren herum. Ihre Gnadenlosigkeit ist sprichwörtlich, und es gibt, wie man hört, kaum Möglichkeiten, sie "umzupolen" - aber Menschenrechtsorganisationen "nutzen die Chance, die sie nicht haben" dennoch und bisweilen sogar mit Erfolg.

Spätestens hier müssen wohl Wörter wie Gewissen, Verantwortungsgefühl u.ä. fallen. Ein "böses Gewissen" kann einen Menschen quälen, er hat das Gefühl, sich - wie man sagt - "nicht im Spiegel wiedererkennen" zu können: "Mit dem, der das tut/ unterläßt, will ich nicht leben." Man gerät mit sich selber in Zwiespalt: nimmt für sich in Anspruch, gerecht zu sein, freundlich, empathisch, hilfsbereit, wahrheitsliebend usw. (wenn das keine Werte sind!) und stellt fest. man habe sich abscheulich verhalten. Kälter formuliert: Man hat von sich stets gedacht und gesagt, es seien einem bestimmte (grundlegende) Werte im Zusammenleben mit Anderen unverzichtbar (wären sie sonst denn solche?- auch ohne sie als Merzedes-Stern seiner Moralität vor sich herzutragen), stellt nun nachträglich oder auch noch während des Handelns fest, dass man durchaus bereit ist, genau diese "zu vergessen", wenn/ weil es aktuell "in den Kram paßte". Dieser Selbstwiderspruch - von dem meinte Kant wohl, man könne nicht in ihn geraten - ist nicht ausschließlich als individueller zu betrachten. Wenn weiter oben in leicht pathetischem Ton davon gesprochen wurde, Werte im moralisch-ethischen Sinne seien ein thesaurus oder Fundus, der uns (will sagen: jeder und jedem Einzelnen von uns) gewissermaßen mitgegeben ist, wenn auch aktualer Ergreifung bedürftig, sollte also nicht behauptet werden, es sei ebenso unmöglich, gegen sie zu verstoßen wie es etwa unmöglich ist, durch die Luft zu fliegen wie ein Vogel, allein, indem man die Arme ausbreitet und springt (dieses Beispiel stammt von Stanislav Lem).
Eigentlich ist es eher erstaunlich, dass Menschen überall auf der Erde sich im Großen und Ganzen emphatisch, gerecht, freundlich... also "gut", verhalten und dass Verstöße, so unglaublich entsetzlich sie oft sind, alles in allem doch die Ausnahmen zu sein scheinen. Dennoch kann man sich wohl im inner-staatlichen und inter-staatlichen Zusammenleben nicht auf die Integrität der Menschen verlassen. Und - hier darf und muss man wohl Kantianer sein - nur Gesetze führen aus diesem "Naturzustand" heraus. (Mit Marx: Wo kein Recht ist, da ist Gewalt.)

Gemeint sind jene Bemühungen, bestimmte Werte möglichst genau in juristische Sprache zu übersetzen und etwa als Pakte, Konventionen, Grundrechte etc. im Staats- und Völkerrechtskorpus zu kodifizieren. Solche Kodifizierungensbemühungen, so scheint mir, setzen die (auch "ehrlich gemeinten") Bekenntnisse zu Werten gleichsam "unter Streß", weil - salopp gesagt - "Ross und Reiter" oder auch "Hammer und Amboss" zur Sprache gebracht werden müssen. Will sagen: Die juristische Umformulierung moralisch-ethischer "Vorstellungen" besteht in einer möglichst genauen Bestimmung der auf diese Weise zu regelnden Sachverhalte; einige Verhandlungsprozesse dauern Jahre, bis - so Nicole Deitelhoff in einem Aufsatztitel - "Inseln der Überzeugungen im vermachteten Alltagsgeschäft internationalen Regierens" geschaffen sind. (Nicole Deitelhoff; in: Anarchie der kommunikativen Freiheit, Jürgen Habermas und die Theorie der internationalen Politik; Peter Niesen, Benjamin Herborth Hrsg.; stw 1820).
Dieser Umstand zeigt, dass die behauptete "Wertebasiertheit" (staatlichen) Handelns dann defizitär ist, wenn es sich darin erschöpft, sich hoch-offiziell zu "Werten" zu bekennen. Man muss es vielleicht gar nicht beispielhaft anführen (Vorgänge dieser Art dürften zu der Wahl des Themas der wbg beigetragen haben); - dennoch: der Bruch jeglicher menschen- und migrationsrechtlichen Bestimmungen z.B. an den Außengrenzen der EU-Staaten Ungarn und Polen, oder auf dem Mittelmeer vor den Küsten der EU-Staaten Spanien, Italien, Griechenland durch push-backs, sind aktuelle Beispiele solchen Defizits. (Und dass Deutschland, das stets fein raus war - im wörtlichen Sinne, da es keine EU-Außengrenzen hat - entweder schwieg oder "werte-induzierte" Vorwürfe formulierte, gehört natürlich auch in diesen Zusammenhang: Hier wurde dem Merzedes-Stern noch eine besonders grelle Beleuchtung zuteil.) Weniger offensichtlich und weitgehend unbeachtet von Teilen der Öffentlichkeit, ist die Tatsache, dass die EU durch ihre Grenzorganisation EUROSUR (European Border Surveillance System) die Migrationsbewegungen im Sub-Sahara-Raum per Drohnen überwachen läßt, dort den Bau von Grenzen bezahlt, gewachsene kleine Alltags-Handelsstrukturen, aber auch mühsam aufgebaute Freihandelszonen (West-)Afrikas auf diese Weise zerstört und damit selbst Migrationsgründe erzeugt. (Christian Jakob/ Simone Schlindwein; Diktatoren als Türsteher Europas. Wie die EU ihre Grenzen nach Afrika verlagert. bpb Band 10185; 2018; S. 194). All diese Dinge und noch viel mehr davon als skandalös zu empfinden, ist wiederum "werte-basiert".

Ich hoffe, ich habe bisher schon deutlich machen können, dass es Werte als solche, auf die man sich, von genauerer Bestimmung ab-strahierend (=abziehend), berufen könnte, nicht gibt. Dagegen bringt eine deklaratorische Berufung auf genau benannte (was nicht das selbe ist wie "definierte") eine moralisch/ ethisch motivierte Wertschätzung von etwas zum Ausdruck, auch wenn das Wort Werte explizit gar nicht fällt.
"Die Würde des Menschen ist unantastbar." Dieser Satz 1 des Art.1 unseres Grundgesetzes ist weder zufällig der erste Satz nach der Präambel, noch ist es eine Selbstverständlichkeit, dass er überhaupt so formuliert wurde. Sowohl in der Paulskirchen-Verfassung von 1849, als auch in der Weimarer Verfassung von 1919 ist ein solches explizites Bekenntnis zu Menschenwürde nicht formuliert. (Vergl.Volker Epping; Grundrechte. In Zusammenarbeit mit Sebastian Lenz und Philipp Leydecker; Springer-Verlag; 2007; hier S. 247f.) Wir wissen natürlich alle, dass die "Würde des Menschen" unablässig "angetastet" wird; aber es versteckt sich in der affirmativ formulierten Behauptung ein Sollen: die Würde des Menschen soll nicht/ darf nicht angetastet werden. Was derart als unantastbares (Rechts-)Gut (versteht sich: auch außerhalb des deutschen Grundgesetzes) deklariert wird, hat einen hohen Stellenwert bei allen Überlegungen/ Handlungen/ Unterlassungen etc., welche die Stellung des Staates zu den StaatsbürgerInnen betreffen; so auch das (Rechts-)Verhältnis (sog. "mittelbare Drittwirkung") der Menschen zu anderen Menschen, und (endlich auch im modernen Völkerrecht) der Menschen im Staatengefüge. Sollen kann als Imperativ zur Realisierung jener als Werte ausgedrückten Handlungserwartungen einer Gesellschaft bezeichnet werden; und bereits die Verwendung des Wortes "Würde" ist Ausdruck eines solchen wertorientierten Handelns. "Würde" kann man nämlich nicht auf die selbe Weise "haben" wie man eine Nase hat, sie wird dem Menschen von Menschen durch eine wertende Handlung "zugesprochen". (Vergl.etwa: Paul Tiedemann; Menschenwürde als Rechtsbegriff. Eine philosophische Klärung; BWV - Berliner Wissenschafts-Verlag; 2007) Diese Handlung ist Teil der Anerkennung dessen, was "Menschsein" ausmacht; davon ist die Formulierung "Die Würde des Menschen ist unantastbar" ein möglicher Ausdruck.
Die immer wieder bekräftigte Unantastbarkeit des Existenzrechts des Staates Israel als deutsche "Staatsraison" ist von ähnlichem Charakter. (Eine Aussage übrigens, die das komplizierte Verhältnis sowohl des Staates Israel als auch der Deutschen zu der palästinensischen Bevölkerung im Nahen Osten systematisch mit beinhaltet.) Wie die Formulierung des Art.1 Satz 1 GG, als auch diese Aussage zu den Essentials der menschenrechlichen Positionierung des deutschen Staates (bis 1989 leider nur des westdeutschen), haben als historischen Background ihrer expliziten Formulierung den Zivilisationsbruch, der von Deutschen an Millionen von Menschen, besonders am jüdischen Volk in der Shoah, begangen wurde: von Menschen - ganz konkreten Individuen, nicht abstrakt vom "deutschen Volk" - denen diese Werte bekannt waren. "Bekannt" ist im doppelten Sinne zu verstehen: Menschen in der von ihnen trotzdem nicht ohne Recht gerne "zivilisiert" genannten "Welt" wußten von ihnen, und: sie hatten sich zu ihnen "bekannt". Umso entsetzlicher war die Erkenntnis - sicher auch bei den nachdenklicheren der TäterInnen und MitläuferInnen selbst - dass solche Werte, wenn man nicht - sogar spitz-findig, wenn es sein muß - aufpaßt, zur Begründung des Entsetzlichsten legitimieren können. Die "Umdrehung" (nicht "Entwertung" wie Nietzsche meinte) aller Werte ist dann möglich, wenn sie unbestimmt bleiben - billige Münzen im (Heim-)Zahlungsverkehr von Talkshow- und Socialmedia- Statements.

Man kann sicher die Beschäftigung mit dem Phänomen Werte als "heikel" empfinden - aber nicht ausschließlich, weil das "Thema" so ausgeprochen komplex ist und man vom Hundersten ins Tausendste kommt. "Heikel" ist auch, dass die Gefahr droht, ungewollt infrage zu stellen, was in diesem Wort inhaltlich ausgesprochen werden soll - gerade dann, wenn die gemeinte Bedeutung nicht im Vagen gelassen wird. Als historisch "gewachsen" teilt Werte offenbar das Schicksal aller historischer Phänomene: Logisch-argumentative Gründe, warum sie so und nicht anders sind als sie sind, lassen sich seriöserweise nicht anführen. Für moralische Werte hat das zur Folge, dass sich nicht "begründen" läßt, warum man sich an den ethisch-moralisch verstandenen Werten orientieren sollte. Natürlich, doch ja! Man soll es! Aber was heißt "man soll"? Und warum/ mit welchem Recht kann das von mir verlangt werden. Immerhin: In dem Falle, dass sie in (juristischen) Normen fixiert wurden, sind sie "gesetzt", d.h. genau betrachtet: von Menschen formuliert und festgelegt - von Menschen, deren Legitimität dazu immerhin auch bezweifelt werden kann; und bezweifelt wird. Beispielsweise wurde 1990 in Kairo auf einer Konferenz von Vertretern islamischer Staaten die "Kairoer Erklärung der Menschenrechte" verabschiedet - als Entwurf gegen die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" (AEMR) von 1948. Die Begründung: Die AEMR sei, als Ausdruck ihrer zu "materialistischen" Wertordnung, nicht in der Lage, die Menschheitsprobleme zu lösen; das könne nur auf Basis eines Menschenrechts-Bildes geschehen, das auf der shari´a beruhe. Nun, andererseits kann man erstens fragen: welche der vielen, kulturell bedingt unterschiedlichen Ausprägungen "der" shari´a ist hier gemeint?; zweitens läßt sich durchaus gut begründen, warum diese nur "unter der Voraussetzung zeitgemäßer Revision ihrer Dogmen" einen Beitrag dazu leisten kann. (Siehe z.B. Gudrun Krämer, Islam, Menschenrechte und Demokratie: Anmerkungen zu einem schwierigen Verhältnis. Überarbeitete Beiträge zur Bertha Benz-Vorlesung, 10.Juli 2003. Berta Benz-Vorlesung 20) Das heißt aber wiederum nicht, dass hier lediglich "zwei Meinungen aufeinanderprallen". Die Argumente für das eine oder das andere sind unterschiedlich strukturiert; überschlägig gesagt: das muslimische Menschenbild (um dabei zu bleiben und in großer Vereinfachung, denn auch das ist Gegenstand heftigster Auseinandersetzungen) wird sozusagen top-down begründet, denn alles kommt von Gott und Gottes Wort ist entscheidend. (Die Frage, wie Menschen überhaupt so genau wissen können, was Gott will, ist natürlich auch dort, wie im Judentum und Christentum, umstritten, wird aber wiederum wie in einem ewigen Zirkel, "mit Gottes Wort" bearbeitet.) "Der Westen" hingegen hat sich im Laufe von mindestens zwei Jahrtausenden, unter durchaus tatkräftiger Hilfe der Jüdischen und der arabischen Philosophie, dazu hingearbeitet, sein Menschenbild eher bottom-up zu sehen. Der Mensch als eigenständiges, zur freien Entscheidung fähiges, jeweils einzigartiges "Wesen" steht im Mittelpunkt (theoretisch! dem Anspruch nach! als Ideal!) Der sogenannte "Universalitätsanspruch" der "westlichen" Werteordnung, der auf dieser Grundannahme fußt, schließt nämlich die Anwendung von Normen, die aus muslimisch geprägten Traditionen stammen, per se genauso wenig aus wie etwa die aus jüdisch geprägter Tradition - solange sie nicht gegen die Notwendigkeit der "Anerkennung des Anderen" (J.Habermas) als Anderen (nicht: obwohl er/ sie "anders" ist) nicht ausschließen. Das wäre immerhin das Mindeste, was man grundsätzlich von Grundwerten erwarten kann - auch von religiös oder anders metaphysisch geprägten - und schließt Gerechtigkeit, Gleichheit, Freiheit usw. mit ein.

Hinzu kommt: es kann in Zweifel stehen, ob die Werte adäquat in ein Normenkonvolut "übersetzt" worden sind. Ein ganz aktuelles Beispiel: Wie übersetzt man die moralisch-ethischen Vorstellungen von Ärzt/Innen, von Patient/Innen, diesem Teil/ jenem Teil der Gesellschaft, in einen Gesetzestext, der ethisch regeln soll, wie in Triage-Situationen legal zu handeln ist? Mir schien es so, als habe große Hoffnung "in Politik" und "in der Gesellschaft" bestanden, das Bundesverfassungsgericht würde einen solchen Text aus dem Talarärmel schütteln, damit ihnen selber eine solche Entscheidung erspart bleibt. Aber - ich frage als Nicht-Jurist - ist es nicht so, dass das BVerfG (trotz seiner Selbstbeschreibung in BVerfGE 1, 184: "Status-Denkschrift" 1952) eben doch ein solches ist: ein Gericht, und damit Bestandteil der Judikative? Gesetze aber muss die Legislative, groß geschrieben: das Parlament, erlassen. Den gewählten VertreterInnen des Volkes bleibt es nicht erspart, abzuwägen, wie das Bekenntnis zum Wert menschlichen Lebens mit dem zum Wert gerechter Verteilung der verfügbaren Ressourcen, dem Wert der körperlichen Unversehrtheit u.v.m. zu vereinbaren sind. Die Frage mag erlaubt sein, ob das überhaupt möglich ist. Bleibt nicht - auch für die Zukunft gesprochen - stets der einzelne Mensch als gesellschaftliches Wesen, mit seiner moralischen Integrität, seinem Verantwortungsbewußtsein, als letztendlich Handelnder übrig? Die oft zu hörende Beschwörung, "Es kann nicht sein", dass der einzelne Menschen in so schwerer Entscheidung "allein gelassen" wird, hat etwas von einer Ausweichbewegung. Es kann nämlich sehr wohl, zynisch gesagt: das lehrt die Empirie, und natürlich nicht ausschließlich im angesprochenen Falle der triage. Richtig ist: "Es darf nicht sein". Dieser Ersatz des einen Modalverbs durch ein anderes (darf nicht gegen kann nicht) hier und in vielen anderen Zusammenhängen, ist mitbeteiligt an der Entstehung jener eingangs eingestandenen Berunruhigung. Darf nicht fordert immerhin zur Veränderung des Ist-Zustandes auf, unabhängig davon, ob die Schaffung von Gesetzen immer der richtige Weg ist. Was aber soll kann nicht sein eigentlich sagen - wenn das Gemeinte doch ist und deshalb so offensichtlich "sein kann". Kapitulation vor dem, was ist durch dessen Verleugnung?

"Beunruhigend" habe ich es zu Anfang genannt, dass (meiner Meinung nach) zu beobachten ist, im öffentlichen, zumal "politischen", Diskurs werde in letzter Zeit besondere Betonung auf "Werte" gelegt. Es konnte wohl der Eindruck entstanden sein, diese Bezugnahme selber sei ausnahmslos nur Anlaß zur Kritik, als sei sie nicht gerechtfertigt, in meinen Augen grundsätzlich rhetorische Trickserei. Das stimmt wohl auch in vielen Fällen. Aber das ist eben nur eine Seite; die andere das Bedürfnis "der Menschen draußen im Lande" (PolitikerInnen-Ausdruck) nach Einhaltung eben jener Werte - so unkonkret dieses Bedürfnis auch sein mag. Es wurde auch schon genannt der Buch-Titel von Ernst Bloch: "Das Prinzip Hoffnung" als Ausdruck dessen, was die Bezugnahme auf Werte so attraktiv macht. Sie scheinen umstandslos wie "feste Größen" dazustehen, an die sich orientieren zu wollen einem versprochen wird.
Also: Weder dieses Bedürfnis "nach Halt", noch die Versuche, diesem Bedürfnis im (z.B. politischen) Handeln zu entsprechen, ist kritikwürdig. Gegenstand von Beunruhigung und Kritik ist eher das Gegenteil: das verbale Ausweichen in floskelhafte Bezugnahme auf abstrakte Werte, wo es sachlich um die Beachtung eben jener tatsächlich halbwegs "festen Größen" gehen muss. Gemeint sind die juristisch formulierten Normen, i.e. das Grundgesetz, die völkerrechtlichen Pakte, das AEMR, die Europaverträge, die Genfer Flüchtlingskonvention... Im Laufe der Jahrzehnte nach dem Zivilisationsbruch durch die deutschen Faschisten sind komplexe Geflechte von Regelungen geschaffen worden, die eben jene "Bevorzugungen", deren Gesamtheit Werte genannt werden, in nachvollziehbare, zum Teil per Sanktionen (z.B. durch den Internationalen Strafgerichtshof) erzwingbare Handlungsnormen anbieten. Sich mehr um deren Nachachtung zu kümmern, weniger abstrakt von Werten zu schwadronieren, wenn es "nichts kostet", würde auch den Werten - den Ausdruck verstanden in dem Sinne, wie wir versucht haben, ihn inhaltlich zu erwägen - ihre für das Zusammenleben Aller wichtige Funktion zurückgeben. Daher scheint mir die Diskussion über ihre eher "metaphysischen" Grundlagen nicht trotz, sondern wegen Allem, unverzichtbar - auch in, oder gerade in "nachmetaphysischen" Zeiten.
Allerdings muss das Verständnis dessen, was Werte sein könnten, entlastet sein: sowohl von quasi imperativischen Funktionen, die ihnen gerne in religiös-, politisch-, esoterisch-autoritären Kreisen auferlegt werden; und es muß verschont werden von der Stellung der Werte als moralische Lückenbüßer - in Stellung gebracht, wenn die Sachlage nicht zur Sprache gebracht werden soll, um die es angeblich geht.

(04.01.2022)

Kommentare (5)

Marcin Lupa

Lieber Herr Arnold,

zunächst möchte ich Sie zu Ihrem 8. Versuch sich der Wertediskussion hier in der Community anzunehmen, beglückwünschen. Sie haben es auf eine sehr eindringliche und anschauliche Art und Weise getan.
Vieles von dem Sie sprechen kann ich nachvollziehen. So muss man nicht unbedingt nach Afrika gehen, um Kindersoldaten als Kontrast zu Kindern, die mit humanen Werten aufgewachsen sind, heranzuziehen. Es reicht schon im Kreis unserer Bekannten, die ausfindig zu machen, die beispielsweise eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickelt haben und zu beobachten, wie sie ihre Kinder erziehen, wie diese Kinder auf unsere Kinder reagieren und wie schnell wir uns dazu entschließen, sie nicht mehr gemeinsam spielen zu lassen. Egoismus und Egozentrik werden nämlich in manchen Familien groß geschrieben und man behauptet tatsächlich eine harte Vorgehensweise gegenüber unseren Mitmenschen führe zum Erfolg, bilde konkurrenzfähige Führungskräfte aus, die alle zu sensiblen Mimosen ausstechen werden - denn schließlich ginge es darum in der Wirtschaft, also im Leben selbst.
Dass diese Einstellungen irrtümlich sind, müssen wir hier gar nicht erörtern.

Ich möchte Ihnen vielmals danken, für Ihren sehr schönen Beitrag zum Thema Wert/Werte. Ich werde ihn mir noch einmal durchlesen und mir Zeit zum Sinieren nehmen.

An dieser Stelle mache ich gerne noch auf das Computerspiel "Ultima IV - the Quest of the Avatar" aufmerksam. Weil Sie ja das Computerspiel Segment in ihre gelungene Erörterung - es ist gewiss ein grandioser Essay - einbeziehen. In diesem Computer-Rollenspiel macht sich der Spieler auf die Suche nach den acht Tugenden. Im Zentrum von diesen Tugenden stehen die Kardinaltugenden: Liebe, Wahrheit und Mut. Damit möchte ich nur aufmerksam machen, dass sich auch Spieleentwickler mit den schönen Themen "Werte - Tugenden" schon in spielbarer Weise auseinandergesetzt haben und ich über solche Produkte, im Zuge meines Erwachsenwerdens lieber gestolpert bin, als über besagte Ego-shooter. Angeregt ist dieses Rollenspiel übrigens durch die "Herr der Ringe - Trilogie" bei der ich zum Thema Werte auch einige konzeptuelle Handlungen finde. Die filmische Trilogie blendet zum Beispiel auch eine der für mich interessantesten literarischen Quellen von ihnen aus, die Beziehung von Tom Bombadil zum Ringträger und natürlich das Leben dieses Geschöpfs der Vorstellungskraft eines englischen Philologieprofessors zu seiner Goldbeere. So wie Goldbeere und Tom zusammenspielen, stelle ich mir eine gelungene und wertebasierende Partnerschaft/Ehe vor, und wer weiß, ob Tolkien nicht in Tom und Goldbeere seine eigene Ehe verarbeitet hat.

Als Pole empfinde ich es als beschämend, dass Frontex ein System zur Migrationsabwehr entwickelt und in Gang gesetzt hat, wo doch die Werte unserer christlichen Nation bereits durch den NS zur Genüge getestet wurden. Zugleich bin ich ein Mensch, zu dem Gott niemals spricht und auch niemals gesprochen hat, weswegen ich säkulare und auf Humanismus basierende Werte, der Sharia stets vorziehe, da ich denke, sie ist nur ein Produkt der Kontrollbestrebungen von herrschenden Eliten, die die beherrschten Massen einzuschränken wissen. Eben durch Glauben und religiös-liturgische Strukturen.

Sie haben in vielem Recht und auch damit, wenn Sie in Ihrem Essay die grundsätzlichen Annahmen über Werte, zum Gegenstand von Betrachtungsweisen machen.

Ich grüße Sie besonders!
Marcin Lupa

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  • Norbert KNOLL

    Lieber Herr Arnold, bitte entschuldigen Sie, aber ich habe leider nicht verstanden, worauf Sie hinauswollen.

    Vielleicht können Sie noch einmal präzisieren, auf welche Frage Ihr recht umfangreicher und mit zahlreichen Literaturstellen - und Verweisen auf Autoren, die mir nicht ganz unbekannt sind - gefüllter Text eine Antwort zu geben versucht!

    Das heißt nicht, dass ich mit einzelnen Äußerungen nichts anfangen könnte. Nehmen wir beispielsweise:

    >>Diese "Maßstäbe" entstehen nicht erst in den jeweiligen aktuellen Situationen, Zusammenhängen, Handlungsanforderungen usw., sie "gehen" ihnen "voraus". Dieses "Vorausgehende" ist nichts, was sich objektiv als Naturphänomen oder Austauschverhältnis (Ware) empirisch feststellen ließe: man kann nicht darauf zeigen und sagen Sieh, da ist es. Es ist nicht - oder vielmehr nur dann, wenn es aktual stets neu "ergriffen" wird - und es kann "ergriffen" werden, weil es eben als gesellschaftlicher "Schatz" latent vorhanden ist im Speicher menschlicher Kulturentwicklung, herausgebildet im Laufe der Geschichte; in zunächst vor allem wohl religiösen Diskursen und Praktiken, materialisiert und gefestigt.<<

    Hier hätte ich am Anfang des Textes erwartet, dass Sie auf Prozesse der Sozialisation von Individuen Bezug nehmen wollen. Aber nein, es endet mit einer recht allgemeinen Wendung zu "Kulturentwicklung", "religiösen Diskursen und Praktiken".

    Ähnlich geht es mir mit Ihren Ausführungen zur Würde des Menschen. Da schreiben Sie:

    >> "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Dieser Satz 1 des Art.1 unseres Grundgesetzes ist weder zufällig der erste Satz nach der Präambel, noch ist es eine Selbstverständlichkeit, dass er überhaupt so formuliert wurde. Sowohl in der Paulskirchen-Verfassung von 1849, als auch in der Weimarer Verfassung von 1919 ist ein solches explizites Bekenntnis zu Menschenwürde nicht formuliert. (Vergl.Volker Epping; Grundrechte. In Zusammenarbeit mit Sebastian Lenz und Philipp Leydecker; Springer-Verlag; 2007; hier S. 247f.) Wir wissen natürlich alle, dass die "Würde des Menschen" unablässig "angetastet" wird; aber es versteckt sich in der affirmativ formulierten Behauptung ein Sollen: die Würde des Menschen soll nicht/ darf nicht angetastet werden. Was derart als unantastbares (Rechts-)Gut (versteht sich: auch außerhalb des deutschen Grundgesetzes) deklariert wird, hat einen hohen Stellenwert bei allen Überlegungen/ Handlungen/ Unterlassungen etc., welche die Stellung des Staates zu den StaatsbürgerInnen betreffen; so auch das (Rechts-)Verhältnis (sog. "mittelbare Drittwirkung") der Menschen zu anderen Menschen, und (endlich auch im modernen Völkerrecht) der Menschen im Staatengefüge. Sollen kann als Imperativ zur Realisierung jener als Werte ausgedrückten Handlungserwartungen einer Gesellschaft bezeichnet werden; und bereits die Verwendung des Wortes "Würde" ist Ausdruck eines solchen wertorientierten Handelns. "Würde" kann man nämlich nicht auf die selbe Weise "haben" wie man eine Nase hat, sie wird dem Menschen von Menschen durch eine wertende Handlung "zugesprochen". (Vergl.etwa: Paul Tiedemann; Menschenwürde als Rechtsbegriff. Eine philosophische Klärung; BWV - Berliner Wissenschafts-Verlag; 2007) Diese Handlung ist Teil der Anerkennung dessen, was "Menschsein" ausmacht; davon ist die Formulierung "Die Würde des Menschen ist unantastbar" ein möglicher Ausdruck.<<

    Auch hier ist für mich nicht nachvollziehbar, worauf Sie hinauswollen. Selbst der Schlusssatz ("...ist Teil der Anerkennung dessen, was "Menschsein" ausmacht; davon ist ...") bringt für mich keine befriedigende Auflösung. Was bitte soll Menschsein ausmache? Erklären Sie es mir bitte. Ein Verständnis von "Würde des Menschen" hat meiner Meinung nach wenig mit einem abstrakten Menschsein zu tun als vielmehr mit dem Umgang von Menschen mit anderen Menschen. Der Mensch wird eben nicht mit Bergen, Fischen, Spielzeugen, Werkzeugen und Variablen einer Gleichung in einen Topf geworfen.

    Sorry, aber ich habe den Text mit wenig Gewinn gelesen und ich möchte so ehrlich sein, das auch zum Ausdruck zu bringen.

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  • Erich Arnold

    Sehr geehrter Herr Knoll,
    ich freue mich, dass Sie meine "Erwägungen" ernst genug nehmen, um sie zu hinterfragen. Sie legen den Finger tatsächlich auf wunde Punkte - oder: eigentlich ist es in beiden von Ihnen angesprochenen Fällen die selbe Schwachstelle. Wo Sie offenbar "konkretere" Aussagen soziologischer, psychologischer, pädagogischer Art erwarten... kommt Arnold mit "allgemeinen Wendungen". Da gibt es nichts schönzureden; der in Klammern gesetzte Zusatz im Titel "(8. Versuch)" ist kein rhetorischer Trick, sondern schlichte Tatsache: in den "Versionen" davor hab ich mich mit Manchem herumgeschlagen, was dann wieder gestrichen wurde.
    Alles in Allem aber wollte ich in den "Erwägungen" überhaupt keine "Antwort zu geben versuchen"; mein Schwerpunkt lag eher darauf, meiner Intuition zu folgen, dass in letzter Zeit (für mein Empfinden: wenn man erst einmal auf etwas gestoßen ist, begegnet es einem "gefühlt" unentwegt) in allen möglichen Zusammenhängen von "Werten" gesprochen wird, und gleichzeitig die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Ich bekam zu Weihnachten ein Buch aus dem wbg-Verlag geschenkt, öffnete die darauf angegebene website, traf auf die Rubrik "Schreibwettbewerb" und wunderte mich deshalb nicht im Geringsten, dass das Thema dafür "Werte" sein sollte - eben darum, weil es mir auch immer wieder "aufstieß". So bekam ich Lust, mich zum Thema zu äußern. Soviel zu dem Anlass meines Textes. - Natürlich muß Sie das nicht interessieren: der Text ist so zu behandeln wie er dasteht.

    Ich verstehe Ihre Kritik so, dass Sie die von Ihnen zitierten Stellen als eine Art "Ausweichmanöver" empfinden. Ich versuche also, noch ein wenig "präziser" zu werden, ohne langatmig zu sein. (Dieses ist der 4.Versuch dazu...)
    Sie werden sicher kaum von mir erwarten, dass ich "Menschsein" schlicht und bündig ("ohne Umschweife") "erkläre". Dazu habe ich selbstverständlich kein "letztes Wort zum Sonntag" - wohl aber Vorstellungen, mit deren Hilfe man sich mit anderen darüber verständigen kann, was man sagen könnte zu dieser merkwüdigen Existenz als "Mensch"... oder eben auch nicht.
    Darum, im Ernst: Eben weil ich mit Ihnen der Auffassung bin, dass "der Mensch" nicht "mit Bergen, Fischen, Spielzeugen, Werkzeugen und Variablen einer Gleichung in einen Topf geworfen" werden kann, gibt es auch hier wohl keine "Definition". (Auf Werkzeuge kamen Sie vermuteterweise wegen meines Ausdrucks "ergreifen". Mathematische Variablen sind für Sie Dinge wie Berge?; aber das nur nebenbei gefragt.) Rückfrage an Sie: wo hätte ich das getan? Meine Vermutung ist, dass Sie sich auf die Formulierung im von Ihnen angezogenen Zitat beziehen, das, was ich "Maßstäbe" nenne, läge als "Schatz" oder "thesaurus" vor, gehe den "jeweiligen aktuellen Situationen, Zusammenhängen, Handlungsaufforderungen usw. voraus..."? "Schatz" in diesem Zusammenhang wäre also von mir als ein "Ding" unter vielen, wie Berge, Fische etc., behauptet worden? Wie vereinbaren Sie das mit meinen, gerade den von Ihnen geäußerten Verdacht abweisenden, Aussagen, man könne nicht sagen: Sieh, da ist es? Und dieses "Vorausgehende" sei nichts, was sich "objektiv als Naturphänomen" (also z.B. Berg oder Fisch) "oder Austauschverhältnis (Ware) empirisch feststellen ließe". (Was von Ihren Beispielen - außer den Variablen vielleicht - ja wohl gesagt werden muss.) Ich bestreite nicht, dass es womöglich bessere Formulierungen gäbe als die von mir gefundenen. Aber mit der Aussage, dieser "Schatz" sei "materialisiert und gefestigt" worden, wollte ich sagen, dass er nicht allein "rein geistig, im Kopf" existiert - gleichzeitig aber auch nicht ein "Ding" unter anderen beliebigen Dingen sei. Diese sind "da", unabhängig davon, ob ein Mensch sie zur Kenntnis nimmt oder nicht. Wenn ich aber sage, dass Menschen den "thesaurus" "ergreifen" können, dann heißt das gleichzeitig, dass sie es auch müssen, damit er überhaupt aktuell "entstehen" kann. Vielleicht hilft ein Goethe-Zitat: "Was du ererbt (...), erwirb es, um es zu besitzen." Was ich in der Klammer ausgelassen habe, würden wir wohl beide wörtlich so nicht unterschreiben: "von deinen Vätern"; sagen wir also lieber: aus der Gemeinschaft mit dieser und jener Historie, in die du hineingeboren wurdest. Kommt Ihnen das entgegen?
    Die Frage ist natürlich: was ist denn das "Ererbte"? Sie werden nicht von mir erwarten, dass ich in einer handvoll Sätzen zusammenfasse, wozu Generationen von Theologen, Philosophen, Anthropologen usw. Biotheken gefüllt haben. Ich sage also einfach: "Grundmuster" einigermaßen friedlichen Zusammenlebens aller "die Menschenantlitz tragen", und eben jeweils bereits vorhandener (zu "erbender") "Maßstäbe", an denen die jeweils aktuellen Handlungen/ Einstellungen/ Zielsetzungen usw. "gemessen" - oder von mir aus: "bewertet", werden (können). Sie sind aber nur dann wirksam, wenn sie angewendet werden - ohne das sie "Werkzeuge" wären... "Alle die Menschenantlitz tragen" könnte - auch wieder sehr verkürzt gesagt - m.E. eine Umschreibung dessen sein, was "Würde des Menschen" genannt wird. So ist es gemeint: Diese "Würde" von Menschen zugesprochen bekommen heißt, als Mensch anerkannt zu werden; Fichtes Erkenntnis: dieser Prozeß (er spricht allerdings von "Vernunft") ist ein reziproker; Anerkanntwerden setzt einen Anerkennenden voraus und Anerkennen setzt ein Anerkanntsein voraus. Gestatten Sie bitte nun doch ein Zitatt: "Der Mensch (so alle endlichen Wesen überhaupt) wird nur unter Menschen ein Mensch (...) sollen überhaupt Menschen sein, so müssen mehrere sein." (J.G.Fichte; Grundlage des Naturrechts; Meiner-Verlag1979 book on demand; S.39)

    Alles in Allem habe ich den Eindruck, wir argumentieren auf verschiedenen Ebenen: Sie möchten wohl (pädagogische, entwicklungstheoretische...) Methoden diskutieren: für die verweise ich lieber auf die entsprechende Fachliteratur (wenn Sie sie nicht ohnehin kennen) etwa zu Methodiken gegen Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, zur Menschenrechtsbildung etc. (z.B. im Wochenschau-Verlag). Meine Intension im Rahmen der Themenstellung "Werte" richtete sich aber eher auf die Frage nach dem Herkommen von "Werten", und der Berechtigung dafür, sich auf sie zu berufen. Wenn Sie so wollen, ist das eine eher philosophische Fragestellung in Auseinandersetzung mit Kant, Fichte, Hegel, Habermas, Honneth, Rawls usw.

    Vermutlich befriedigt Sie diese Antwort auch nicht sehr. Aber was soll man machen: einen weiteren längeren Text erstellen? Jedenfalls haben mich Ihre Einwände/ Rückfragen veranlasst, noch einmal weiterzudenken - auch wenn das Ergebnis hier wiedermal nur in Bruchstücken auftaucht.
    Dennoch: vielleicht konnte ich doch nachträglich einen "Mehr-Gewinn" beim Lesen meines - gewiss nicht perfekten - Wettbewerb-Beitrags erreichen.
    Mit freundlichen Grüssen und nochmaligen Dank für Ihr Interesse,
    Erich Arnold; Bremen

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  • Marcin Lupa

    Es entspinnt sich eine sehr interessante Diskussion, die mich in ehrfürchtiges Staunen versetzt und der ich gerne lausche. Danke an dieser Stelle, Ihnen beiden, Herr Arnold und Herr Knoll.

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  • Norbert KNOLL

    Sehr geehrter Herr Arnold, es freut mich, dass Sie mit meinem etwas ruppig formulierten Kommentar gut umzugehen verstehen. Ist mir einfach rausgerutscht, weil mich beim Lesen von Texten leicht eine Ungeduld befällt, wenn ich das Anliegen eines Autors nicht sofort verstehe.

    Ja, und Sie haben Recht, es nervt mich ungemein, wenn Zitate und Verweise auf hochdekorierte geistige Kapazunder in meiner – durchs viele Rauchen verdorbenen – Nase den Geruch eines "Ausweichmanövers" erzeugen.

    Da befällt mich allzu leicht und ungewollt ein Mißtrauen, erstmals empfunden in den geheiligen Hallen des Wissenschaftsbetriebs. Dort gehört es mehr und mehr zur gängigen Praxis, wohlklingende Namen in der eigenen Literaturliste akademischer Fingerübungen anzuführen und sich auf Publikationen weithin bekannter "geistiger Autoritäten" – nicht nur des Gehalts ihrer Erkenntnisse wegen – zu beziehen, sondern allein des damit bei der Leserschaft erzeugbaren Anscheins wegen. Namedropping nennt man das auf Neudeutsch und Soziologinnen und Soziologen sehen einen Zusammenhang mit dem „Matthäus-Effekt" der neuerdings durch einen "Matilda-Effekt“ ergänzt wurde.

    Bitte entschuldigen Sie, wenn ich geneigt war, Ihnen hier falsche Absichten zu unterstellen. Meine Ungeduld und mein schlechter Geruchssinn haben mich dazu verleitet.

    Hier nur zwei kurze Anmerkungen zu Ihrer Replik.

    1) Sie schreiben:
    >>Darum, im Ernst: Eben weil ich mit Ihnen der Auffassung bin, dass "der Mensch" nicht "mit Bergen, Fischen, Spielzeugen, Werkzeugen und Variablen einer Gleichung in einen Topf geworfen" werden kann, gibt es auch hier wohl keine "Definition". (Auf Werkzeuge kamen Sie vermuteterweise wegen meines Ausdrucks "ergreifen". Mathematische Variablen sind für Sie Dinge wie Berge?; aber das nur nebenbei gefragt.) Rückfrage an Sie: wo hätte ich das getan? <<

    Hier wollen wir die Übereinstimmung unserer Auffassungen nicht durch Spitzfindigkeiten oder Missverständnisse gefährden. Ich werde mich – so wie Sie – davor hüten das „Menschsein“ zu klären oder gar definieren zu wollen; sollen sich andere – die sich dieser Aufgabe besser gewachsen sehen – daran heranwagen.

    Meine vielleicht „arbiträr & trivial“ erscheinende Auswahl aus "Bergen, Fischen, Spielzeugen, Werkzeugen und Variablen" verweist auf Gegenstände, denen ein Menschsein & Würde ganz offensichtlich nur in – sagen wir – „fragwürdigen“ Theorien zugesprochen würde.

    Meine Auswahl war aber nicht gänzlich zufällig. Da finden sich Gegenstände der physisch-materiellen Umwelt wie Fische und Berge, die unschwer von Menschen zu unterscheiden sind. Da folgen Spielzeuge und Werkzeuge, die dazu da sind, von Menschen (von wem sonst?) zum Spielen oder als Hilfsmittel/Instrumente „benutzt“ zu werden. Tja und zum Schluss verweise ich auf recht abstrakte Gegenstände, die in einer formalen Theoriewelt der Mathematik aber auch zur Beschreibung von Gegenständen der Naturwissenschaften gern Verwendung finden; Sie werden mir zustimmen, dass sich Menschen auch von diesen Variablen klar unterscheiden lassen.

    So sieht mein jämmerlich gescheiterter Versuch aus, mich dem Menschsein und der Würde des Menschen anzunähern, ohne gleich die Bürde auf mich nehmen zu müssen, eine Klärung vorzunehmen.

    Meine Antwort zu Ihrer Rückfrage also: Sie haben das gar nicht getan! Sie haben lediglich für meinen Text eine Lesart gefunden, derzufolge ich Ihnen unterstellen möchte, etwas getan zu haben, von dem ich hier behaupte, dass Sie es gar nicht getan haben.

    2) Ihr Eindruck, dass wir auf verschiedenen Ebenen diskutieren.

    Da würde ich zustimmen, dass eben unterschiedliche Fragestellungen und Themen für uns interessant oder relevant sind und wir konsequenterweise auch auf verschiedene Wissensquellen zurückgreifen.

    Was mich betrifft, so spielt aber die Pädagogik gar keine Rolle und Theorien zur psychischen und moralischen Entwicklung nur am Rande.

    Sie sollten aber nicht vergessen, dass Erziehung bereits beim Humanisten Morus und erst recht bei den Philosophen der Aufklärung eine gewaltige Rolle spielte. Auch der Soziologe (und Philosoph!) Emile Durkheim (der ein Konzept der Sozialisation entwickelt hat), der pragmatistische Philosoph Dewey, ja und selbst der von Ihnen erwähnte Jürgen Habermas (und sein langjähriger Weggefährte Karl-Otto Apel) haben Erziehung, Moral und Entwicklung nicht einfach ignoriert oder nur isoliert betrachtet.

    Weil Sie Habermas erwähnen. Um seine Theorie kommunikativen Handelns halbwegs zu verstehen kommt man an Theorien und Modellen zur kognitiven Entwicklung (Piaget), zur moralischen Entwicklung (Kohlberg) und zur Sozialpsychologie (G.H. Mead) nicht vorbei.

    Für einen Mehrgewinn darf ich mich heute höflich bei Ihnen bedanken. Für ein erhellendes Fichte-Zitat!

    Mit freundlichen Grüßen und Dank für Ihre Nachsicht zu meiner Ungeduld und meinem trügerischen Geruchsinn, Norbert Knoll, Wien.

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