Wert der humanen Werte

Jürgen Germann • 15 November 2021
29 Kommentare
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Wert der humanen Werte

 

Ohne gelebt zu werden,

bleiben humane Werte nur Worte.

 

Verpflichtend gemacht,

werden Werte zu Fesseln.

 

Ohne von vielen freiwillig gelebte Werte

kommen Gemeinwesen auf den Hund.

 

Kriminalität, Korruption und Verfall gedeihen

inmitten eines Meers von Kultur und Gesetzen

auf den Gräbern von Wahrheit und Werten.

––––––––––––

Das ist meine Zusammenfassung aus einem Essay, der zehnmal so viele Wörter hatte. Daraus nur die Grundsätze (ohne kurze Erläuterungen) :

GrundSätze

Im Unterschied zu ökonomisch-materiellen Werten und Anlagen sind „humane Werte“ im geistigen und ethischen Sinn Anliegen, die für jemanden | mich | persönlich erstrebenswerte Ziele darstellen und um deren Verwirklichung man sich selbst und freiwillig bemüht.

Meine persönlichen 5 höchsten (sowie ihnen zugeordnete) Werte sind ...

Würde | Wahrheit (Gerechtigkeit, Wertschätzung) | Freundschaft | Liebe | Verantwortung (Gemeinsinn)

 

Kommentare (29)

Wolfgang Hammer

Dilemma: Werte sind immer relativ (wie der Rest des Lebens auch).
Und dann: Wert für mich, für andere, für sich.
Jeder Wert kann zum Unwert interpretiert werden.
Eine Wertediskussion ist ein Spiel im Abstrakten,
Was ein Wert ist, bestimmt die Macht und Gewalt, die hinter ihm steht und die in ver- WERTET,
Bruderliebe: Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.
Das ist das Dilemma.

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  • Marcin Lupa

    Dass Werte subjektiv sind, ist zweifelsfrei richtig. Dennoch können wir unseren subjektiven Werten Nachdruck in Bezug auf uns selbst verleihen. Und das tut Herr Germann in meinen Augen. Die Werte, die er vor sich selber hoch hält, sind auch die Werte vieler Gleichgesinnter, und so kommen schon die Richtigen zusammen.
    Es wird nicht ohne Dialog (opositionelle Anschauungen) stattfinden, doch bildet man hoffentlich immer eine Synthese (angestrebt durch die Dialektik, wie sie mir gelehrt wurde).

    Vielen Dank für Ihren Beitrag, Herr Germann.

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  • Ulrich Schröder

    Ulrich Schröder
    Die Werte, zu denen sich Jürgen Germann bekennt, sind in unserer Gesellschaft in hohem Maße konsensfähig. Und dieser gesellschftliche Konsens kann allein über ihre Gültigkeit entscheiden. Aber wie sich Gesellschaften verändern, unterliegen auch ethische Modelle einem Wandel. Aber ist nicht die Goldene Regel ("Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem Anderen zu") ein über alle Zeiten gültiger Grundsatz? Ich persönlich kann mich zu Jürgen Germanns Werten uneingeschränkt bekennen.

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrter Herr Germann

    „gelebte humane Werte“:
    Nicht nur „humane“ Werte, was auch immer „human“ heißen mag, sind, wenn sie nicht gelebt werden, und also das Handeln und Verhalten nicht orientieren, kaum mehr als Schallwellen. Die Empirie zeigt, daß Werte gemeinhin in Achtung und Ansehen stehen, konkret aber mal gelt, mal nicht gelten – je nach Gusto und Interessenlage. Ein besonders volatiler Wert: Verantwortung!

    „verpflichtende Werte mutieren zur Fessel“:
    Wenn gilt, daß Werte, zur Verpflichtung gesetzt, zu Fesseln mutieren, fundieren Sie Werte und deren Geltung im Gusto der Subjektivität.
    Frage: Gilt dieser subjektiv konnotierte Wert dann auch nur für dieses Bewußtsein – fernab jeder Allgemeinverbindlichkeit? Und wie verbindlich für dieses Bewußtsein?
    Wobei darüber hinaus die süffisante Frage aufkommt: was dieser Weise das Attribut „human“ konkret noch auszusagen vermag?

    „ … kommt Gemeinwesen auf den Hund.“:
    Wenn diese Aussage gilt, fordern Sie jetzt, was Sie zuvor negierten: die allgemeine Gültigkeit! Und dann auch noch im Anspruche, den subjektiv konnotierten Gusto, den Sie zuvor als Grundlegung setzten, daraufhin zu verpflichten, die Werte zu leben! - Also doch: Fesseln?
    Allerdings verhindert Ihre Aussage die so elementare wie fundamentale Frage, ob nicht der von Ihnen angezeigte Fortgang des Gemeinwesens, „auf den Hund zu kommen“, konsequent aus den subjektiv konnotierten und darum volatil geltenden Werten her resultiert?
    Selbstverständlich nicht Ihre „humanen Werte“; aber darum dennoch nicht weniger Werte und nicht weniger „gelebte Werte“!

    „ … Verfall gedeiht … auf den Gräbern von Wahrheit und Werten.“
    Das weite Gräberfeld der Wahrheit und Ihrer „humanen Werte“: d’accord!
    Doch Werte überhaupt ‚zu Grabe getragen‘? Wohl kaum; empirisch belegt: Welch ein Ethos oder Werte werden in der Kriminalität, insbesondere der organisierten, den berüchtigten Clans, der Mafia …, wie ebenso in der Sphäre der Korruption konkret und bis hin zur Gloriole der Heiligkeit gelebt! Insbesondere ziemlich effektiv!

    Was Sie für sich als Ihre „humanen Werte“ reklamieren, fundiert sich – wie jeder Wert – im subjektiven Gusto; mal mehr, mal weniger ernst empfunden und mal mehr, mal weniger in Geltung gewahrt; eben je nach Umständen (Peachum singt hierzu ein herrlich sarkastisches und, leider, recht realistisches Lied). Jeder geltende Wert, wie immer er auch bestimmt sein mag, wird in concreto gelebt: ob persönlich goutiert; ob von außen her ‚angeraten‘, und also gemäß Ihrer Rede: Fessel; ob mal locker vom Hocker beiseite gesetzt … und dennoch, wie volatil auch immer, kein bloßes Wort!
    Die nähere Bestimmtheit des Attributes „human“ dürfte, wiederum in der Empirie bestens belegt, so volatil bestimmt sein, wie Subjektivität eo ipso verfaßt ist! Was Sie ja auch selbst im einleitenden Satze zu Ihren Grund-Sätzen clare et distincte aussprechen – und dabei, umgangssprachlich gesagt: klammheimlich, die von Ihnen als „humane Werte“ goutierten Werte zum Kriterium von Wert und von 'wertem' Gemeinwesen überhaupt setzen!
    Ein – innerlogisch stringent – nicht aufhebbares Dilemma aller Moral, aller Werte, aller Wertungen, aller Werte-Hierarchien! Wovon, wie immer, die Geschichte in hinreichend epischer Breite erzählt – insbesondere von den Konsequenzen!

    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Jürgen Germann

    Den vier Autoren der Kommentare danke ich sehr für Ihre Entgegnungen. Sie können, wie ich hoffe, zur Fortsetzung der Werte-Diskussion beitragen und dienen.
    Akzeptiert: wir bewegen uns hier noch im "Abstrakten", aber ganz wirklich auf der Ebene der Worte, Gedanken und Einstellungen, die ernsthaft auch Folgen für unser jeweiliges persönliches Tun haben (können | werden).
    Das "Dilemma" entsteht durch zwei Eingriffe: erstens wird unzutreffenderweise mit "Werten" bezeichnet, was von politischer Seite als Ziele, Regeln, Rahmen, Anforderungen, Loyalität und Gesetze vorgegeben und verfügt wird, also zur P f l i c h t gemacht und rüde sanktioniert wird. Dagegen halte ich enger zuordnend "Werte" nur für das aus eigener Subjektivität und freiem Willen Erstrebens-Werte, das man niemandem aufdrängt, aber freimütig mitteilt (und sich über ähnlich Denkende und Mitwirkende freut).
    Dem mag jeder andere zustimmen oder (kritisch) andere Werte entgegenhalten.
    Und genau damit fängt für manche das (falsche, aufgenötigte) Dilemma an. Denn ich bekenne zwar als "jedermann" | Mensch meine Werte, setze sie aber sowohl der Beurteilung wie auch der Bewertung anderer aus. Wenn es sinnvolle Maßstäbe für "Werte" gibt, kann man sie sowohl im jeweiligen Begriff suchen (welche Art und Maß von Freiheiten sind denn "lebenswert"? – Welchen Wert hat (mein) "Erfolg" für mich - und für andere Menschen? - Wie weit darf "Ehrgeiz" gehen? ) als auch im Nutzen für Mitmenschen. Dies zu prüfen kann | dürfte (!) aber n i c h t von oben oder außen verfügt werden wie die üblichen geforderten Bekenntnisse zur "Loyalität zum Staat" | zur Demokratie | zum Marxismus-Leninismus | zur Marktwirtschaft | zu den westlichen Werten als angeblich "beste" Lehre für das Volk.
    Und genau da sitzt die Diskussion der Begriffsverwechslung und -vermengung auf. Was Clans, Cliquen und Seilschaften, Parteien, Eliten und "Nomenklaturas" ,,, an Werten, gar "Ethik" für sich in Anspruch nehmen, ist nur ein (Herrschaft- und Geltung-)Anspruch, noch keine erwiesene nützliche Leistung oder "gute Einsicht und Weltanschauung".
    Tatsächlich beschränke ich mich auf ein Bekenntnis zu bestimmten Werten, ohne sie zu "fordern", ohne sie anderen hierarchisch aufzunötigen und abzuverlangen.
    Und ich behaupte – und zwar nicht entgegen aller Empirie und Historie – dass bei aller "Schlechtigkeit und Unvollkommenheit der Menschen und Welt" gelebte humane Werte unser Dasein erträglich und für uns persönlich wertvoll machen können.
    Und was ist "human"? Indem man auf seine Mitmenschen schaut, ihre Stärken, Bedürfnisse und Schwächen (er-)kennt (dazu benötig man sehr den Verstand und Wahrheit) und darauf eingehend sie begleitet, einbezieht, fördert, unterstützt, beschenkt,
    wenn möglich auf Gegenseitigkeit.
    Mit freundlichem Gruß
    JG

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  • Marcin Lupa

    Lieber Herr Germann,

    Ihre Antwort auf unsere Kommentare haben sie sehr gut und weise verfasst. Ich kann Ihnen in allen Punkten nur zustimmen. Besonders gilt für all jene die mit Werten hantieren, nicht Wasser zu predigen und selber Wein zu trinken.

    "Tatsächlich beschränke ich mich auf ein Bekenntnis zu bestimmten Werten, ohne sie zu "fordern", ohne sie anderen hierarchisch aufzunötigen und abzuverlangen."

    Das wird leider unter der Ägide einer religiöse Gemeinschaft oder auch nur einer Wertegemeinschaft getan, tatsächlich aber geht es vor allem um Machtansprüche gegenüber allen Mitgliedern dieser Abspaltung. Und das ist sehr traurig, denn so geht man mit einer immer mehr schwindenden Hoffnung durch die Welt.

    Viele Grüße
    Marcin Lupa

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  • Jürgen Germann

    Lieber Herr Lupa,
    danke für Ihren weiteren Kommentar. Es ist geradezu denk-notwendig, auf diesen Anspruch von organisierten Gemeinschaften zu sprechen zu kommen.
    Einfach gesagt, doch schwer zu denken und zu praktizieren: wer "Glauben" ehrlich meint und ernsthaft weiter denkt, sollte bei der Einsicht ankommen, dass es das Angemessene ist, Glauben zu bekennen - und nicht(s) mehr als dies, zu diesem ganz auf sich gestellt zu stehen, ohne Überlegenheitsanspruch und Durchsetzungswillen. Das schadet(e) keinem einzigen Andersdenkenden (auf Gegenseitigkeit). Das wäre aller Gläubigen würdig und zuträglich und ausreichend für Koexistenz, Respekt und Toleranz. Alles Weitergehende ist - leider historisch belegt und üblich - das typische Gebaren von (beliebigen) Organisationen, die a. mächtig werden, b. sich mit Überlegenheitsanspruch durchsetzen oder dominieren wollen, weil | indem c. ihre Führung die Gläubigen und Mitglieder ihrer Organisation als Instrument von | ihrer Macht benützen - und leider auch Mitglieder ihre Macht auf solche Weise fühlen und ausüben wollen (als geschlossene Gruppe sind wir | bin auch ich stark).
    Aber muss deshalb unser | vieler Leben traurig(er) werden? Wer und was kann dazu zwingen? – wenn man nicht ohne Hoffnung und Mitstreiter oder nach falschen Versprechungen und Erpressung nachgibt?
    JG

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  • Wolfgang Hammer

    Sehr geehrter Herr Germann, sehr geehrte Kollegen Kommentatoren,
    "Schlechtigkeit und Unvollkommenheit der Menschen und Welt" zeigt sich unverblümt in den Zahlen der Toten, die mit der Legitimation im Namen der "Gerechtigkeit", aus "VaterlandsLiebe", aus "Königstreue", aus "Pflichtgefühl" (was ja auch mal in Deutschland ein hoher Wert und ein hohes Gut war) umgebracht wurden.
    Die humanen Werte der Menschen zeigen sich in der Hilfe für Hilfsbedürftige, in der "Teilung" des Besitzes, in der Herstellung eines Sicherheits- und Geborgenheitsgefühls, in der Pflege von Individualität, Gemeinschaft, Kultur ...
    Wie die zuerst genannten Werte hergestellt werden und funktionieren, kann man wunderbar in Geschichtsbüchern erfahren. Kein "Wert" war zu schade als Begründung für Mord und Totschlag.
    Die "gelebten" Werte des "humanen" Verhaltens bleiben im "Schatten", sie erreichen nur selten die Ebene ,die von der Groß-Werte-Diskussion der Werteproduzenten und -agenten in der Öffentlickeit besetzt wird.
    Wer Gutes tut, redet nicht darüber.
    Das ist ein weiteres Dilemma.

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  • Jürgen Germann

    Sehr geehrter Herr Hammer,
    Sie weisen auf die negativen Seiten des Brauchs, Machtansprüche und Regeln und "Wertbekenntnisse" – unter bloßen Anspruch auf "die (bessere | einzige) Wahrheit und Recht auf Durchsetzung zu haben" – als Waffe zu legitimieren und zu miss-gebrauchen.
    Sie kommen aber auch auf den anderen, positiven Gebrauch von humanen Werten zu sprechen: wenn sie menschlich würdig mit anderen tätig geteilt werden. Wie schön, dass wir uns darüber (hoffentlich nicht nur hier) so verständigen können – und ich stimme Ihnen zu.
    JG

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  • Marcin Lupa

    Lieber Herren Germann und Hammer,

    ich finde Ihre Argumentation wichtig. Beide finden Sie klare Worte gegen den Missbrauch von Werten und positive Worte für "humane Werte" nach denen es sich lohnt, sich auszurichten, zu leben und die Hoffnung, dass Gutes gelingen möge, zu bewahren.

    Ich möchte auf gar keinen Fall aufgeben und möchte weiterhin nachhaltig gewissenhaft, redlich, rechtschaffen sein. Ohne einen religiösen Überbau zu beanspruchen. Ich beanspruche auch keine Spiritualität und rekurriere auch auf kein bestimmtes philosophisches System, obwohl ich natürlich auf die christlichen Glaubenssätze geprägt, konditioniert bin. Diese sind aber nicht das Problem, sie stören mich nicht in meinem Erleben und Verhalten.

    Herr Hammer macht zurecht darauf aufmerksam, dass Menschen, die nach inneren humanen Werte leben, sich nach ihnen ausrichten und davon abgeleitet Maximen oder auch Prinzipien befolgen, sich damit auf gar keinen Fall brüsten wollen. Auch wollen sie dafür keine Auszeichnungen bekommen, noch im Gespräch als Wohltäter genannt werden. All dies wäre wieder die falsche Beschaulichkeit und ein tückischen Aufwerten der eigenen Person mit skurrilen Lorbeeren und fadenscheinigen Schmuck.
    Menschen, die humanen Werten verpflichtet sind, leben zurückhaltend, bescheiden, wollen nicht auffallen und sind feinfühlig darin, anderen die guten Werte zu vermitteln, in erster Linie, weil sie gar nicht anders zu Verfahren vermögen. Denn sie befolgen primär einen Anspruch an sich selbst. Alleine schon, weil sie diese Werte leben und ihnen entsprechend handeln.
    Da hat Herr Hammer auch Recht, wenn er es als Dilemma sieht, darüber sprechen zu sollen, weil es das Thema dieses Wettbewerbs vorgibt, es aber als nicht richtig zu erachten, zu viel Lärm um das Vornehme zu machen, damit es vornehm bleibt.

    Dem Grundsatz folgend, man selbst sein zu wollen, will ich erörtern, WIE ich sein will. Und da antworte ich mir, dass ich human sein will.

    Ich danke Ihnen für Ihre Kommentare.

    Freundlichen Grüße
    Marcin Lupa

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  • Wolfgang Hammer

    Liebe Kommentatoren,
    nur mit aller Kraft vermeide ich es, erneut ein Dilemma aufzutischen. Eine ungute Situation mag ich es nennen:

    Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
    Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
    Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
    Ich muß es anders übersetzen,
    Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
    Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
    Bedenke wohl die erste Zeile,
    Daß deine Feder sich nicht übereile!
    Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
    Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
    Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
    Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
    Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
    Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

    Wer ist Herr im Haus? Der Körper, der Geist, die Seele? Handeln wir spontan und erklären erst nach der Handlung wort- und wertereich unser Tun?
    Oder ist es ganz einfach. Lebewesen wollen leben. Sind Lebenserhaltung und Lebensrettung die Urwerte?
    Bescheiden klingen sie, , unspektakulär, aber human sind sie allemal.

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  • Marcin Lupa

    Eigentlich sollte man dem nichts mehr hinzufügen.

    Doch ich muß eindeutig widersprechen: "sind Lebenserhaltung und Lebensrettung die Urwerte". In unzähligen Situationen ziehe ich den Tod dem Leben vor, mit der großen Hoffnung, mit dem großen Wunsch, es möge danach NICHTS mehr kommen. Genug der Trauerspiele und der Possen noch dazu.
    Ein Beispiel: würde ich im Nationalsozialismus leben, ginge ich in den Widerstand und hätte in Kürze mein Leben verloren. Dieses erschiene mir aber nicht lebenswert, weil andere grundlegende Werte in der NS-Zeit nicht erlebbar waren.
    Natürlich können Sie jetzt einlenken, dass ich das aus meiner hohen Warte aus schreibe, in einer viel sichereren Welt. Doch auch in unserer Welt geschehen Dinge, die untragbar sind. Was zum Beispiel derzeit im Amazonas geschieht, verlangt nach einer kritischen Distanz zur Politik der brasilianischen Regierung. Dabei begebe ich mich nicht in Lebensgefahr. Das ist klar.

    Ihr Gedicht ist allerdings wunderschön und regt zum tieferen Nachdenken an, sowie daran verweilen an.

    Ob mein Leben lebenswert gewesen ist, entscheidet kein Dämon und auch kein Teufel. Schon eher der gute Geschmack.

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  • Jürgen Germann

    Sie erweitern das Thema-Feld um Ebenen des "(Über-)Lebenswillens" als – nicht notwendig mit Werten zu begründendes – starkes M o t i v fast jedes Menschen, das als "Rettung" altruistisch wirkt. Daran schließen die ethischen Fragen des Maßes und der Grenzen an: wer übernimmt die Verantwortung für (z.B.) die Hinnahme von Kriegsverbrechen, Umweltzerstörungen, Menschenrechtsverletzungen in Nachbarländern oder anderswo in der Welt? Oder "Lebenserhaltung": Leben ohne Krankheiten mit Hilfe von Genom-Eingriffen?
    Was Goethe kunstvoll dem Faust naiv-sicher zu beantworten unterschiebt: die alte und immer wieder gestellte Frage auch der Religionen und Philosophen ( "was zuerst da war" und was Ur-Sache (in) der Schöpfung wie unseres Tuns sei), das können Sie auch auf die sogenannten Ur-Werte anzuwenden versuchen, wobei fraglich ist, ob dies "Werte" in der von uns gemeinten Bedeutung und Anwendung sind. Aber humanes Gewicht haben sie.

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  • Jürgen Germann

    Wie sich so ein fruchtbarer Dialog ent-wickelt und entfaltet: als Spirale weitet und zur Kugel aufbaut und abgerundet abschließt – oder auch zurückkehrt zu übergangenen Fragen und Einwänden und weiter geführt werden kann ... jedenfalls als Klärung in Worten hier
    und als Bewährung in Handeln | im Leben an anderer Stelle ...

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  • Norbert KNOLL

    Sehr geehrter Herr Germann,
    Sie haben da wieder einmal eine interessante Diskussion angestoßen. Die von Herrn Hammer gemachte Aussage "Lebewesen wollen leben", erinnert mich nicht nur an den von Henri Bergson geprägten Begriff des "élan vital", sondern ich halte sie auch für einen sehr guten Ausgangspunkt zur Weiterführung einer Diskussion über die von Ihnen eingangs genannten Werte.

    Es ist schwer sich eine dauerhafte Existenz von Lebewesen vorzustellen, die es durch ein bestimmtes Verhalten darauf anlegen würden, ihr Leben vorzeitig selbst zu beenden. Wenn Menschen ein Verhalten an den Tag legen, das zur Beendigung des eigenen Lebens führt, dann lässt sich dies in der weit überwiegenden Mehrheit der Fälle mit Unwissenheit über die Konsequenzen gewählter Verhaltensweisen, Fahrlässigkeit und Unterschätzung lebensgefährlicher Situationen erklären.

    Selbstmordhandlungen hingegen sind in den meisten Gesellschaften eher ein Minderheitenprogramm und nur unter sehr spezifischen Umständen auftretender Ausnahmefall. Wir erklären uns Selbstmordhandlungen zumeist über körperliche oder seelische Schmerzen des Betreffenden. Egal, welche Motive hinter einem Selbstmord stehen mögen, letztlich haben sie sowohl bei Menschen als auch bei Tieren Seltenheitswert.

    Eine empirisch fundierte Theorie, die der Ansicht "Menschen wollen leben" widerspricht, müsste demzufolge erklären können, warum Selbstmord ein insgesamt so selten auftretendes Phänomen darstellt und Selbstmörder zumeist bereits eine mehrere Dezennien dauernde Lebensspanne hinter sich gebracht haben, ehe sie endlich diesen Selbstmord begehen.

    Ich glaube nicht, dass es ausreicht, fehlende Mittel zur Durchführung eines Selbstmordes oder erzieherisch-sozialisierend wirkende Maßnahmen der sozialen Mitwelt (inkl. spezifisch religiös geprägter Einstellung zum Leben oder zum "Wert des eigenen diesseitigen oder jenseitigen Lebens" - ein Thema dem sich u.a. der Soziologe Emile Durkheim ausführlich gewidmet hat) als Begründung dafür anzuführen, dass die weit überwiegende Mehrzahl der Menschen ein ganzes Leben lang nicht Selbstmord begeht.

    Was ich damit sagen will: Ich hätte gerne eine empirisch fundierte Theorie dafür, warum weitaus mehr Menschen verhungern oder bei nicht selbst verschuldeten Verkehrsunfällen oder an Herz-Kreislauferkrankungen sterben als durch Selbstmord, der sich – was man so hört - über postadoleszente Identitätskrisen, Depressionen oder religiösen Fanatismus erklären lässt. Solange es dazu keine überzeugende Theorie gibt, halte ich es für ein durch sozialwissenschaftliche Methoden empirisch jederzeit für Menschen nachweisbares Faktum, dass "Lebewesen leben wollen".

    Ich möchte es aber nicht dabei belassen, sondern dieses Faktum mit einer eigenen Überzeugung verknüpfen, die ich aus der Lektüre von Robinson Crusoe gewonnen habe: Ich halte die ANGEWIESENHEIT AUF ANDERE für eine EXISTENZBEDINGUNG MENSCHLICHER INDIVIDUEN.
    Diese Existenzbedingung besteht ab dem ersten Geburtsschrei eines Kindes. Oder wie könnte dieses Kind sonst einen einzigen Tag lang oder gar für eine Woche überleben? Dieses Kind könnte außerhalb eines Kollektivs und ohne die Hilfe seiner sozialen Mitwelt niemals das Alter eines großen Kindes erreichen. Selbst wenn das Kind die Metamorphose zu einem sogenannten Erwachsenen vollzieht – was auch immer man unter erwachsen verstehen mag, es wird sich wohl am Lebensalter bemessen lassen – wird dieses große Kind nur bei gut funktionierenden Austauschbeziehungen & in Arbeitsteilung mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft leben und überleben können.

    Man denke an so einfache Austauschbeziehungen, wie den täglichen Einkauf von Brot und Käse im Supermarkt um die Ecke. Wir erleben in Pandemiezeiten ja recht eindrücklich, wie es ist, wenn Lieferketten unterbrochen werden und mir fiele – selbst wenn ich länger darüber nachdenken könnte – niemand ein, der all jene Vorarbeiten vom Füttern einer Kuh und dem Anbau von Getreide, der vorangegangenen Erzeugung von allerlei dafür erforderlichen Werkzeugen und Maschinen bis hin zum gedeckten Frühstückstisch selbst und alleine auszuführen vermag, ohne vorher längst verhungert zu sein.

    Wer ernsthaft glaubt - so wie Defoe es uns vormacht, mit der Figur des Robinson, der 25 Jahre allein und ohne jeglichen Kontakt zu anderen Menschen durchhält und überlebt - selbst & allein auf dieser Welt überleben zu können, der überschätzt auf recht erwachsen-kindliche Weise seine Kenntnisse & Fähigkeiten. Selbst ein ambitionierter Aussteiger, der dieses Kunststück auf einer Karibikinsel im Selbstversuch nachmachen wollte, könnte nicht darauf verzichten, diverse „einem Kollektiv entstammende“ Artefakte (wie z.B. ein Taschenmesser, Getreidesamen, Angelhacken, Kleidung, ...) mitzunehmen, um zumindest ein paar Monate durchzuhalten.

    Wenn wir also den "Lebenswillen des Individuums" und einen "kooperativen Austausch des Individuums mit Anderen in Kollektiven als Voraussetzung für das je eigene Überleben" zusammenzählen, dann hat das Implikationen für die Wertfrage.

    Auf recht pragmatisch-rationale Weise (ohne Hoffnungen auf altruistisches Verhalten bemühen zu müssen) lassen sich jene Werte zur Handlungsorientierung des Einzelnen begründen und in ihrer Bedeutung „hervorheben“, die unbedingt (praktisch) gelebt werden müssen, sollen weder die Voraussetzungen des Fortbestands des Individuums noch jene für den Fortbestand des Kollektivs gefährdet werden. [Nebenbei bemerkt: Diese Logik ist meines Erachtens im Zusammenhang mit der politischen Behandlung von global warming von besonderer Relevanz]

    Wenn Sie also Herr Herrmann ihre Wertfavoriten - Würde | Wahrheit (Gerechtigkeit, Wertschätzung) | Freundschaft | Liebe | Verantwortung (Gemeinsinn) - nennen, dann handelt es sich dabei um Werte, die durchaus kompatibel mit meinen zwei Annahmen sind, weil diese Werte letztlich auf ein nachhaltiges & konfliktfreies Miteinander in Kollektiven abzielen, gänzlich ohne Reibungsverluste, ohne Kriege (durch die wertvolle Ressourcen vergeudet werden), ohne despotische Zwänge und ohne die Notwendigkeit emanzipativ ausgerichteter Revolutionen gegen von Menschen erdachte und praktizierte gesellschaftliche Ordnungen, in denen Teile der Gesellschaft auf recht wundersame Weise mit Vorrechten und andere Teile mit Minderrechten ausgestattet sind.
    Bitte das nicht als Kritik zu verstehen, aber vielleicht wollen Sie noch eine Ergänzung der fünf um die Gleichheit in Erwägung ziehen!

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  • Jürgen Germann

    Sehr geehrter Herr Knoll,
    Ihre Fortsetzung der Überlegungen zum Thema beginnt auf einer anderen praktischen Ebene. Aber Sie schaffen eine eigene Verbindung zu "Werten", indem Sie die faktische Voraussetzung und Wünschbarkeit des "Fortbestands des Individuums [wie] jene für den Fortbestand des Kollektivs" aufgreifen und mit den Werten verbinden, die "letztlich auf ein nachhaltiges & konfliktfreies Miteinander in Kollektiven abzielen, gänzlich [oder möglichst?] ohne Reibungsverluste, ohne Kriege (durch die wertvolle Ressourcen vergeudet werden), ohne despotische Zwänge und ohne die Notwendigkeit emanzipativ ausgerichteter Revolutionen gegen von Menschen erdachte und praktizierte gesellschaftliche Ordnungen", wie Sie schreiben.
    Ja, einverstanden!
    Und Ihre Frage nach dem zusätzlichen Wert "Gleichheit"? Der Begriff ist, auf menschliche Belange angewendet, fast immer mit einer Maß(vor)gabe und einem Sollen – oder mit Vergleichbarkeit im faktischen Sinn und statistisch – verbunden. Das kann ich mit meiner "erstrebenswert"-Definition | Einordnung ohne Forderung | Pflicht | Regel | Gesetz nicht in Einklang bringen und verknüpfen. Aber: in allen "Werten", zu denen sich jemand bekennt, steckt der innere Anspruch, dass sie jeweils (wenn praktisch gelebt) auch anderen Menschen zugute kommen, also nicht nur dem "Vertreter" der Werte. Konkret: unter vielen anderen enthalten Respekt und Würde sowie Wertschätzung anderer Menschen etwas von der von Ihnen gemeinten "Gleichheit": auf Gegenseitigkeit, und angewendet im Umgang mit anderen.
    JG

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  • Norbert KNOLL

    Sehr geehrter Herr Germann, obwohl es längst für mich Zeit ist, schlafen zu gehen, kann ich schwer widerstehen, einen von Ihnen gelieferten Ansatzpunkt für die Weiterführung der Diskussion aufzugreifen.

    Sie schreiben: >>Aber: in allen "Werten", zu denen sich jemand bekennt, steckt der innere Anspruch, dass sie jeweils (wenn praktisch gelebt) auch anderen Menschen zugute kommen, also nicht nur dem "Vertreter" der Werte.<<

    Das erinnert mich an den Moralphilosophen Adam Smith, der gerne von einem der zahlreichen und neuerdings in Mode gekommenen Stämme (oder Schulen) der Ökonomie gerne in vereinfachter Form zitiert wird.

    Der neoliberale Stamm schätzt an Smith, dass er angeblich gezeigt hätte, dass Egoismus eine so schlechte Sache nicht sein könne, weil dabei auch für den Rest der Gesellschaft ein paar zusätzliche Brösel abfallen. Das sind vermutlich Leute, die die ersten drei Kapitel des "Wohlstands der Nationen" aus Zeitnot - oder irgendwelchen sonstigen Gründen - nicht richtig gelesen oder verstanden haben und damit die Bedeutung dieses Werks auf den ideologisch nicht uninteressanten Nebenaspekt einer gerne überschätzten Bedeutung von Marktmechanismen reduzieren.

    In den ersten drei Kapiteln geht Smith auf Formen und Konsequenzen von "Arbeitsteilung und Spezialisierung" auf unterschiedlichen Ebenen (Individuen, Organisationen wie insbesondere Unternehmen sowie Nationen) ein.

    Wenn jeder das macht, was er am besten kann und in einen Austausch tritt mit jenen, die etwas anderes am besten können, dann werden alle davon profitieren. [Marx hat dazu später die etwas ketzerische Frage gestellt, wie denn nun die solcherart zusätzlich gewonnenen Vorteile und Erträgnisse am besten (also auf halbwegs gerechte Weise) unter den Tauschpartnern aufzuteilen wären und dass wohl ein paar kleinere Änderungen im Aufteilungsschlüssel angebracht wären.]

    Ich bin in meinem obigen Beitrag noch einen Schritt weiter gegangen als Smith oder Sie bereit wären und habe zu argumentieren versucht, dass Kollektive nicht einfach nur ein paar zusätzliche Vorteile (Profite oder Nutzen) für ihre Mitglieder bringen, sondern unabdingbare Voraussetzung des Lebens/Überlebens der Individuen sind. Eine Bewertung von Werten dürfte sich demzufolge niemals in der Perspektive des Individuums erschöpfen, sondern müsste jedenfalls das Kollektiv (von kleinen Gruppen bis zur Weltgesellschaft) mitdenken. Man könnte das auch als Gebot zur Auflösung von Widersprüchen zwischen individueller Vernunft und kollektiver Vernunft bezeichnen.

    Wenn Sie meine Forderung nach Gleichheit der Menschen mit dem elegant formulierten Hinweis auf (jedem Menschen gleichermaßen zukommende) Würde beantworten, dann ist das für mich gut nachvollziehbar. Letztlich geht es ja nur darum, dass Menschen zueinander als "Elemente einer sozialen Mitwelt" ein anderes Verhältnis gewinnen als zu Steinen, Bergen, Fischen, Werkzeugen oder sonstigen Dingen und Phänomenen der physisch-materiellen Umwelt.

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  • Jürgen Germann

    Sehr geehrter Herr Knoll,
    dem, was Sie im vorletzten Absatz explizit zu Ihrem Vor-Beitrag erläutern, kann ich ganz zustimmen.–
    Und zur Rezeption von Smith: sie ist zu oft eng und eigensinnig auf einen unzureichend geklärten und nur negativ oder verkürzt positiv gedachten Egoismus- und Nutzen-Begriff gestellt.
    Dasselbe gilt für einen gedankenlos verwendeten Freiheits-Begriff, besonders wo er rücksichtslos gegenüber anderen nur individualistisch propagiert oder ideologisch verpackt wird.
    Deshalb lohnt es sich, über Freiheit e n und ihre Graduierung sowie ihre Begründung und Folgen nachzudenken und danach – in Ihrem Sinne des letzten Satzes des vorletzten Absatzes – zu handeln. Daraus folgt, weiter denkend, im besten Verständnis des Zusammenhangs von Leben: Denken und Handeln, dass man von praktischen Problemen und geistigen Fragen zu Analysen und Begriffen, zu Einsichten und Urteilen, zu ethischen Grundsätzen und dann zu gesellschaftlichen Feldern und Praktiken kommt, die politisch sind - und auch ökonomische Folgen zu berücksichtigen haben. Und Ökonomie kann inhuman ausarten, wenn grundlegende menschliche Bedürfnisse – auch ethische, psychologische, kulturelle und weltanschauliche wie (öko)logische – ausgeblendet oder missachtet werden.
    Wirtschaften dient der Lebenserhaltung und -gestaltung, aber es gibt eine Reihe von konkreten Wirtschaftspraktiken und -ordnungen, die inhuman und zerstörerisch wirken. Das bewirken Menschen "oben und unten" zusammen ... systemisch aneinander klammernd.
    Dass solche Dialogthemen und -beiträge "fesseln" können, empfinde auch ich. Positiv.
    JG

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  • Marcin Lupa

    Werte Herren Knoll und Germann,

    es ist ein Vergnügen Ihrer Konversation zu lauschen. Bezüglich der marxschen Kritik an der Verteilung der Erträge, denke ich ebenso, dass noch sehr viel Spielraum nach Oben, bzw. in die Breite bestünde. An vielen Stellen, wo Kapital generiert wird - innerhalb aller Wertschöpfungsketten und ihrer Glieder - werden die Gewinne sicherlich nicht gerecht verteilt. Das beobachtet man immer wieder, nur spricht man es vielleicht aus Ermangelung der Vorstellung von ernsthaften Alternativen nicht gerne an.

    Bezüglich des Einschubs mit Adam Smith möchte ich mich bedanken, denn so wird der oft zitierte "Wohlstand der Nationen" für mich immer interessanter und vielleicht bekomme ich im Zuge meines weiteren Lebens noch die Gelegenheit ihn zu lesen. Lohnenswert scheint es allzumal.

    Eine individuelle Wertesetzung sollte natürlich auch auf Kollektive abzielen. Nicht das vortreffliche Individuum ist das Ziel des menschlichen Zusammenlebens, sondern die Gesellschaft selbst. Diese sollte sich so verhalten, dass einzelne Individuen nicht mehr die Leidtragenden sind und einzelne andere die Nutznießer. Eine Verteilung des Vermögens nach der Formel 70% des Vermögens für 2% der Menschheit und 30% des Vermögens für 98% der Menschheit, erscheint mir ganz schön unausgeglichen schräg. Da sinkt doch das Boot, wenn so viel Gewicht auf nur einer Seite vorhanden ist. Und genau auf diesen Verteilungsschlüssel bewegen wir uns als menschliche Weltgesellschaft zu.
    Nicht vergessen darf man, dass die Spitzen jegliche Relation zum Wohlstand verlieren und große Massen am Hungertuch nagen, bzw. tatsächlich bereits verhungern.
    Eine Gesellschaft, die sich humane Werte auf die Fahnen schreibt, sollte alles Erdenkliche dafür tun, dass wenigstens im ersten Schritt die Armut, vor allem aber der tatsächliche Hunger beseitigt wird.

    Bleiben wir in unseren Kollektiven auf der Stufe der Nationen haften, müsste man die ersten Schritte innerhalb dieser Nationalstaaten einführen, so dass innerhalb ihrer Gesellschaften niemand gänzlich den Anschluß verliert.
    Wenn das Gute uns antreibt, das einige Philosophen in der Antike als ihren Antrieb, auch den Antrieb der Menschheit von dem sie gerne sprachen, ausgaben, dann gibt es nichts zwingenderes als Armutsbekämpfung. Denn mit Armut und Hunger zu leben, während einige wenige Individuen unvorstellbaren Reichtum akkumulieren, kann schlichtweg niemals gut sein. Folglich treibt es uns nicht an, genügt uns nicht, ist nicht unser Ziel.

    Ich genieße den Gedanken sehr, dass Herr Knoll in Aussicht stellt, mal eine Sozialgeschichte von ihm zu lesen. Zu dieser Arbeit würde ich Sie, Herr Knoll, gerne motivieren, denn Ihre Argumentationen halte ich für äußerst geistreich, ihr Wissensschatz ist immens. Und ich kann Ihnen immer gut folgen, auch wenn mich in gleicher Zeit vier Katzen und zwei weibliche Familienmitglieder aus der Konzentration bringen (Mittlerweile sitze ich mit Schallschutzkopfhörern am Computer).

    Bezüglich der Migrationsfrage und der Rolle des Staates als Akteur innerhalb seiner Politik, jedoch abgegrenzt zur Philosophie der Menschenrechte möchte ich Ihnen eine Empfehlung aussprechen, insofern Sie Zeit dazu erübrigen können. Es loht sich: https://www.srf.ch/play/tv/redirect/detail/74d96a66-5f5c-43c6-8a1f-2be3….

    Einen schönen Abend Ihnen beiden und allen anderen, die mitlesen

    Marcin Lupa

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrter Herr Germann
    Was Sie als „humane Werte“ anerkennen, zur Orientierung Ihres Handelns und Verhaltens sich setzen und als Anstoß für eine allgemeinen Anerkennung avisieren, damit kann, besser gesagt: müßte!, jeder so verständlich wie vernünftig d’accord gehen: Eine wahrhaft ‚Lebens-Werte‘ Welt!
    Die Realität zeigt, leider, ein Anderes; zumeist sogar ein kontradiktorisch Anderes. Bedenken wir das Andere der Realität, so zeigt sich, daß dieses nicht weniger, insbesondere nicht weniger ‚im Ernste‘ anerkannte und zum Maße des Handelns und Verhaltens bis hin zum Anspruche auf „human“ sich gesetzte Werte sind: im Ernste der jeweilen sich Werte setzenden Subjektivität! – Die von Ihnen der Wert-Schätzung und Wert-Setzung zum Grunde gelegte Subjektivität begründet sowohl Ihre Werte wie ebenso sehr kontradiktorisch entgegengesetzt terminierte Werte.
    Zum Terminus Ihrer Werte und deren Wert-Schätzung gehört – Grund-legend – das Moment der Diskretion. Ein anderes Bewußtsein terminiert seine – in gleicher Weise wie Sie die Ihren – ernst genommenen und ebenfalls in demselben Ernste mit dem Attribut „human“ versehenen Werte kontradiktorisch zu Ihnen zur absoluten Position: ein innerlogisch stringent resultierendes Dilemma der Subjektivität überhaupt und der subjektiv zur Geltung gesetzten Werte im Besonderen.
    Ihre Werte, fundiert in einer ‚diskreten‘ Subjektivität, und jene anderen Werte, fundiert
    in einer ‚gläubigen‘ (plakativ gesagt: fundamentalistischen) Subjektivität, verbunden mit dem Anspruche auf absolute Gültigkeit, bestimmen sich, obwohl kontradiktorisch terminiert, darin identisch, subjektive Setzungen zu sein!
    Auf diesen Grund der Werte, die Subjektivität und deren Bekenntnis zu jeweilen ‚ihren‘ Werten, legen Sie ausdrücklich ‚Wert‘! Die Konsequenzen dieser Differenz bestimmen sich – aus ein und demselben Grunde, der Subjektivität, her fundiert – zum kontradiktorischen Widerspruche!
    Meine These: der Widerspruch, Werte in der Subjektivität zu fundieren, ist nicht aufhebbar! Insofern Werte und deren Hierarchie – innerlogisch stringent – in der Subjektivität und nur in der Subjektivität sich begründen, gehört dieser angezeigte Widerspruch zum Begriffe „Wert – Wert-Schätzung – Wert-Setzung – werten“! Daher hat also nicht nur ein „Kampf der Kulturen“ statt, sondern dieser Kampf hat in concreto im „Kampfe der Werte“ statt.
    Der ehemalige Ost-West-Konflikt wurde damals ganz richtig als „Kampf der Werte / Werte-Gemeinschaft“ genannt; und der gegenwärtige Konflikt zwischen den USA und China wird, wie die Medien berichten, von Biden genau so genannt und auch intendiert, um einen militärischen Konflikt auszuschließen. – Andere Subjektivitäten setzen andere Werte, und also andere Intentionen, aus denen her andere Konflikte bis hin zu Krieg und Terror resultieren!
    Subjektivität charakterisiert sich in ihrer Volatilität und gewährt daher auch ganz konsequent keine Gewähr! Wenn der Grund einer Sache, z.B. die Subjektivität, sich als volatil bestimmt, dann auch alles, was dieser Grund begründet, z.B. Werte!
    Résumé, etwas umgangssprachlich salopp formuliert: Werte sind nicht der Weisheit letzter Schluß!
    Was dann anstatt der Werte?
    Meine These: die triviale, im Bedenken der Sache in kritischer Distanz und daher innerlogisch stringent im Argument und der Falsifikation fundierte, Zweckmäßigkeit!
    Anmerkung: Allem, was Sie als Ihre Werte anzeigen und mit dem Attribut „human“ versehen, wird kein ‚vernünftiges‘ Bewußtsein die Anerkennung versagen können; doch eine Allgemeinverbindlichkeit kann auch diese Anerkennung nicht fundieren! Vor der Folie dieses Dilemmas aller Subjektivität und der Zustimmung zu Ihren Werten und deren Attribut „human“ eröffnete meine These der Zweckmäßigkeit ein argumentatives oder von der Logik der Sache her terminiertes Fundament.
    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Jürgen Germann

    Sehr geehrter Herr Böhle,
    gerne setze ich mit Ihnen den Dialog unter etwas anderen Vorzeichen fort.
    Was Sie als „müsste“ „jeder“ ... „d’accord ... gehen“ bejahen, v e r l a n g e ich keineswegs. Es handelt sich um (begründbare) Vorschläge, persönliche Entscheidungen, zu denen ich mich bekenne und zu denen ich stehe. Niemand m u s s das ebenso sehen und dem folgen.
    Was Sie als „Die Realität ... zeigt ein Anderes“ verbal ohne Ausnahme darstellen, sehe ich als „In mancher Realität gibt es auch Anderes.“ Der Verallgemeinerung Ihrer Befunde stimme ich nicht zu.

    Während Sie die gemeinsame Wurzel aller Werte(Wertungen) in der Setzung durch das menschliche Subjekt bzw. durch Kollektive betonen, legte ich das Augenmerk, Gewicht und die Logik auf die fundamentalen qualitativen U n t e r s c h i e d e. Ich halte Werte mitnichten für verpflichtend, ich unterstelle keinem Wert Allgemeingültigkeit und fordere diese auch nicht, was Ihnen nicht entgehen kann, wenn Sie meine Sätze genau lesen. Anspruch auf Allgemeingültigkeit und „Annahme“: als Aufforderung und Pflicht zur Bejahung können Sie mir allenfalls und zu Unrecht unterstellen. Das entspricht eher dem Anspruch rationaler Systemdenker, die oft der bloß logischen Stringenz und einem System meist den Vorrang zusprechen, statt qualitative Unterscheidungen vernünftiger Gedankenentwicklung und maßvoller Aussagen wahrzunehmen.

    Beispiel: ich | man vertrete den Wert „Liebe“ jederzeit, verlange aber von niemandem, jemand m ü s s e sich diesen Wert aneignen: anerkennen und praktisch übernehmen, auch nicht „Freundschaft“. „Logisches und dialektisches Denken“ und „Wahrheit“: man kann dafür gute Gründe anführen und beides praktizieren. Aber man kann eine Minder- oder Mehrheit von Menschen nicht dazu zwingen oder verbal verpflichten, so zu denken. – Wenn aber „Verantwortung“ verbal „allgemein anerkannt" (und gefordert) wird, kann man von verantwortlich Entscheidenden und Handelnden Rechenschaft verlangen.

    Desgleichen: „naturwissenschaftliches“ Weltbild und seine wissenschaftlichen Methoden sowie Technologie-Kultur werden als „praktische Werte“ weitgehend freiwillig von zig-Millionen Menschen akzeptiert, ohne dass man sie dazu zwingen muss. Aber ob diese „Werte“ auch Bestand haben, wenn man sie gründlich auf ihre Auswirkungen prüft? – wird sich noch zeigen. Umgekehrt gilt für Weltanschauungen und Ideologien: es wäre vermutlich besser für viele Menschen, man machte Theorie- und Glaubens-Sätze nicht zu verpflichtenden Dogmen (mit allen üblen Konsequenzen).

    Ich nehme positiv an, dass Sie Ihre These („in kritischer Distanz und daher innerlogisch stringent im Argument und der Falsifikation fundierte Z w e c k m ä ß i g k e i t“) weder dogmatisch noch allgemeinverbindlich als „der Weisheit l e t z t e n Schluss“, sondern dies metaphorisch gebrauchen und als Gegenvorschlag verstanden wissen möchten.
    Wenn Sie allerdings Werte bzw. (richtiges, gutes, sinnvolles?) Handeln auf Zweckmäßigkeit „fundieren“, könnte | wird es passieren, dass solche „Werte“ (?) bzw. G r u n d s ä t z e ungewollt zu Mitteln und Werkzeugen mutieren, nämlich sachlich und logisch stringent wegen der Orientierung am Z w e c k – Erfolg und Nutzen für den Handelnden – oder meinen Sie, das wirke auch oder primär für den "Empfänger"?
    Sie räumen dem egoistischen (Zweck-)Denken und der Instrumentalisierung des Handelns einen entscheidenden Einfluss ein. Und setzen Freiheit der Menschen (als eigenwertige und würdebegabte Subjekte) und Altruismus hintan. Oder verstehen Sie unter "Zweckmäßigkeit" etwas Anderes, das zu erläutern wäre?

    Mit freundlichem Gruß
    JG

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    [~358]
    Sehr geehrter Herr Germann
    Gleich vorweg: ich habe mich wohl mißverständlich ausgedrückt!
    Ich bezeichnete Ihr ‚Bekenntnis‘ zu Ihren Werten als „diskret“ eben darum, weil Sie für Ihre Werte gerade nicht eine allgemeine Gültigkeit einfordern, sondern diese „diskret“ bei sich belassen und Ihren Anspruch des „human“ als Anregung, über Ihre Ansicht von Werten nachzudenken, nur avisieren. Ich fügte hinzu, daß jeder, der Ihre Werte bedenkt, ganz vernünftiger Weise zu dem Schlusse kommen „müßte“, und also Konjunktiv, diese anzuerkennen. Darum auch ganz richtig deren Attribut: human! – und immer vor der Folie unserer Kultur; doch ohne Global-Anspruch.
    Ihre Anmerkung, daß „niemand … das ebenso sehen und dem folgen [m u s s]“, nimmt Ihrer Rede ‚den Wert‘ eines Argumentes! Einem Sachgehalt, der mit dem ‚wertenden‘ Attribut „human“ ausgezeichnet wird, (und dieses Attribut inhaltlich auch noch belegen kann) zerfällt gemäß Ihrer betonenden Anmerkung zur Beliebigkeit: das kann’s doch wohl nicht sein! Ihre nachfolgende Rede widerspricht dieser betonten Ablehnung des „muß“! – und auch ganz richtig!
    Wenn Sie in Ihrer Rede das „muß“ nicht intendieren, sondern verwerfen und so Ihrer Rede die Dignität des Argumentes entziehen, überlassen Sie mit Ihrer Rede dem Gegenteil bis hin zum Kontradiktorischen, und also dem Attribut „inhuman“ nicht nur ‚ein weites Feld‘, sondern das ganze Feld! Und dieses Feld fundiert das Handeln und Verhalten innerhalb einer Sozialität wie gegenüber anderen Sozialitäten!
    Frage: „inhuman“ tritt argumentativ auf; auch wenn die Argumente nicht tragen, so haben diese dennoch Bestand, so lange „human“ nicht sich in den Argumenten vorträgt, die tragen und „inhuman“ an sich selbst zum Grunde gehen lassen! (Athena entsteigt dem Haupte des Zeus in voller Rüstung mit Gorgo-verzierter Ägis und wurfbereitem Speere! Ansonsten taugt ein Argument nicht! – und bei „inhuman“ steht das Leben auf dem Spiele!)

    Verallgemeinerung:
    Meine Rede: „Die Realität zeigt, leider, ein Anderes; zumeist sogar ein kontradiktorisch Anderes.“ Wenn meine Rede so ‚daneben‘ wäre, wie Sie es anzeigen, dann sähe es in der Welt – cum grano salis gesagt – etwas anders aus! Zudem leitet dieser Satz zum Bedenken der Sache ‚von Grunde auf‘ ein: Werte entspringen der Setzung oder der Willkür, und also dem subjektiv konditionierten Gusto – bis hin zu dessen bewußtlos anerkannter Tradition und Institutionalisierung; darum aber nicht weniger im Anspruche auf wahr, gut, human! – Darf diesem Anspruche nicht ‚auf den Zahn gefühlt‘ werden?
    Während Sie sagen: „niemand m u s s das ebenso sehen und dem folgen“ wie Sie, und hinzufügen: „In mancher Realität gibt es auch Anderes“, dann überlassen Sie jenen Reden – nicht nur ohne Einwand, sondern von Ihnen her gerechtfertigt – das ganze Feld des „Inhumanen“! – Das kann’s doch wohl nicht sein!
    Meiner Verallgemeinerung stimmen sie betonter Weise nicht zu; dem Anspruche dessen, was es sohin „in mancher Realität …Anderes [gibt]“ eröffnen Sie eben jene Verallgemeinerung in Geltung zu setzen: was ja auch so manche Realität ziemlich tatkräftig durchführt – weil „human“, wie Sie es für sich reklamieren, sich aus diesem Konflikt argumentativ zurückhält: „niemand m u s s das ebenso sehen und dem folgen“! Inhuman tritt da anders, spezifisch: folgerichtiger auf! Ist Ihr „human“ argumentativ so schwach? – Meine These: Nein! Begründung: Ihr „human“ ist argumentativ in sich schlüssig; „inhuman“ argumentativ widersprüchlich – weshalb „inhuman“ immer der Gewalt bedarf, um sich in Geltung zu bringen und sich in Geltung zu halten! – Gewalt resultiert aus argumentativer Schwäche bis hin zur selbstbestimmten Nichtigkeit.
    Frage; und bitte, nur eine Frage an Sie: könnte es vielleicht in der Welt, spezifisch „in mancher Realität“ darum so inhuman zugehen, weil Ihr „human“ das Moment „niemand m u s s das ebenso sehen und dem folgen“ zum Grunde legt! Immerhin kostet dieses Moment weltweit ziemlich viele Menschenleben und verbreitet ‚Leid ohne Ende‘!

    „fundamentalen qualitativen Unterschiede[n]“, die Sie ansprechen, sprechen sie ab, was Sie Werten – gemäß Ihrer eigenen Aussage, daß Ihrem Maße der Werte nicht zugestimmt und nicht nachgefolgt werden müsse – also gar nicht absprechen können – außer Sie setzen doch Ihr Verständnis, dem niemand, wie Sie selbst sagen, folgen muß, zum Maße aller Werte! Sie „halte[n] Werte mitnichten für verpflichtend“, Sie „unterstelle keinem Wert Allgemeingültigkeit und fordere diese auch nicht“; und also: Sie; und Ihnen soll doch niemand zustimmen oder folgen! Also widerspricht es Ihnen so ganz und gar nicht, wenn Andere sehr wohl für ihre – und gemeinhin kontradiktorischen – Werte und deren Hierarchie nicht nur clare et distincte die Allgemeingültigkeit beanspruchen, sondern die absolute Position – samt der hierzu für notwendig erachteten Gewalt.

    Sie beanspruchen, „das Augenmerk, Gewicht und die Logik auf die fundamentalen qualitativen U n t e r s c h i e d e“ zu legen; Frage: auch auf diese fundamentalen qualitativen U n t e r s c h i e d e und deren Logik, wenn, da „in mancher Realität … es auch Anderes [gibt].“? Anderes, das clare et distincte das kontradiktorische Gegenteil an „fundamentalen qualitativen U n t e r s c h i e d e“ von Wert, Werten und deren Hierarchie beansprucht? wie ebenso unmißverständlich die Subsumption einfordert – bis hin zur existentiellen Bedrohung?, so daß das Wort „zur Pflicht gesetzt“ wie Hohn klingt? – Ist Ihr „human“ so schwach?
    Meine These: da macht die Logik nicht mit!
    Eine weiter These: das Attribut „human“ ohne das Moment der Pflicht in seinem Begriffe kann für sich beanspruchen, eine grammatisch richtige Buchstabenabfolge zu sein; mehr aber auch nicht! – Da ist „der Anspruch rationaler Systemdenker“ und deren Anspruch der „bloß logischen Stringenz“ doch ein gehöriges Stück weiter – schon seit den Sieben Weisen und gewiß seit den Vorsokratikern!
    Wenn je „qualitative Unterscheidungen vernünftiger Gedankenentwicklung und maßvoller Aussagen“ problematisiert und in der Arbeit des Geistes, einen Sachgehalt in kritischer Distanz – insbesondere dabei seiner selbst – zu bedenken, ‚auf den Begriff gebracht‘ wurde, dann, so erzählt es die Geschichte des Geistes jene Systemdenker rund 3000 Jahren in der Spannweite von Muse, Mythos, Dichtung, Theater, Kunst und Philosophie! – In diesen Horizont fällt auch „Liebe“ und „Freundschaft“, die beide auf Erkenntnis aufruhen; gemeinhin jedoch auf der Stufe des Gefühles, und also ‚von Grunde auf‘ so subjektiv wie volatil verortet werden – wie alle Werte! (Rickert erörtert die Logik der Sache auf das Feinste! Und hieran rüttelt auch, bei allem Einwande, auch kein Lask! – Das ist schon mal was!)
    Ein weites, gegenwärtig ein ‚zu weites‘ Feld!
    Logik, Dialektik, Wahrheit: es ist, verzeihen Sie diesen trivialen Hinweis, ein ‚uralter Hut‘ seit wir irgendwelche Kunde zu dieser Problematik historisch festmachen können, großzügig geschätzt seit 10 000 Jahren, daß das Denken nur sich selbst bewegt und bestimmt; äußerlich kann nur irgendetwas, wenn es dem Bewußtsein auffällt, das Denken dazu anstoßen: mehr aber auch nicht! Daher ist auch das, was Sie „Verantwortung“ nennen, nur im Alltage und in juristischer Reduktion auf der Stufe von Rechenschaft einforderbar; hier hat auch ganz richtig das Geschick statt, Verantwortung zu delegieren, abzulehnen, auf Andere abzuschieben. Der Begriff der Verantwortung hat hier keinen Ort! – Auch diese Thematik gegenwärtig ‚ein weites Feld‘, das wir in unserem Zusammenhange ruhen lassen sollten!

    „Weltanschauungen, Ideologien, Theorie- und Glaubenssätze“: wenn Solches zum Wert hypostasiert wird, dann gilt auch hier, wenn Sie Ihre Worte ernst nehmen, Ihr Verdikt: „In mancher Realität gibt es auch Anderes.“ Und also kann Solches exakt in Ihrem Sinne von Wert genau so terminiert werden, wie Sie es hier entgegen Ihren eigenen Worten ablehnen! – Wobei Ihre Analyse der Sache sehr wohl zutrifft! Die subjektive Fundierung allerdings bringt nun mal Solches und mal Solches hervor: gleichberechtigt!

    „Zweckmäßigkeit“: kein Dogma, sondern schlichte Logik! – und in jedem Augenblicke ihres Fortganges in der Empirie konkret nachprüfbar, und also falsifizierbar! Auf diese Weise der Beleg für die Allgemeinverbindlichkeit schlechthin – fernab aller Subjektivität! Wer die Zweckmäßigkeit erkennt und beachtet, löst seine Intention so stringent wie effektiv ein; wer die Zweckmäßigkeit ignoriert, scheitert!
    Die Krux der Sache sei sofort hinzugefügt: Denken und kritische Distanz gegenüber sich selbst! Borniertheit macht bekanntlicher Weise von dieser Krux ausgiebig Gebrauch und verortet die Schuld des Scheiterns stets bei Anderen!

    Zweckmäßigkeit „der Weisheit letzter Schluß“?
    Wäre, was so die Alltäglichkeit und deren Aufgabe, die materiale Vergewisserung des Lebens überhaupt, der Sozialität und des Menschen im Besonderen zu leisten, ziemlich effektiv!
    Alle gegenwärtig so virulente Problematik wäre erst gar nicht entstanden: soziale und kulturelle Dissonanzen; soziale Schere, Wohnungsnot, Pandemieverwerfungen bis hin zur Impfresistenz, Corona-Leugnung und Verschwörungslegenden; ökologische Desaster in der Spannweite von CO2 über Gülle und Pestizide bis Regenwaldrodung und Monokulturen: Resultate ‚wertekonditionierten‘ Handelns und Verhaltens!
    Zweckmäßigkeit ist kein Gegenvorschlag, sondern ein Anstoß, eine gegenwärtig als relevant erachtete Sachlage ‚von Grunde auf‘ zu bedenken und das Wahre sich zum Bewußtsein bringen! (Heidegger übersetzt „aletheia“: das Verborgene zu lichten!)
    Die logische Stufe der Zweckmäßigkeit gelingt dem Bedenken in kritischer Distanz – vorzüglich seiner selbst, ob der Zweck, der einstens dem Handeln und Verhalten das Maß setzte, in realitate eingelöst wurde!
    Meine These einer Antwort auf die Frage, ob die Intention eingelöst wurde: Nein!
    Begründung meiner These: Das Bedenken der Sache auf der Stufe der Zweckmäßigkeit offenbart in allen Desastern, daß nicht die Logik der Sache, sondern die Restriktion subjektiver Konnotationen den Fortgang diktierte. Intendiert wurde eine prosperierende Zukunft; eingelöst wurde die Bedrohung des Lebens überhaupt und des Menschen im Besonderen in einer desaströsen Zukunft.
    Ergo: nicht zweckmäßig!

    Ihre These von der möglichen „Mutation der Zweckmäßigkeit“:
    Zweckmäßigkeit vollzieht, was „als prosperierende Zukunft“ intendiert wird: eine prosperierende, und also die gegenwärtige Sachlage von Welt steigernde Zukunft! Solches schließt den Vorteil auf Kosten Anderer kontradiktorisch aus: der Vorteil auf Kosten Anderer resultiert der Grund-legenden Anerkennung oder absolut-Setzung von Werten, nicht aber der Zweckmäßigkeit! Die gemeine Redeweise spricht es so plastisch wie zutreffend aus: Hast Du was, bist Du was!
    Daher widersprechen egoistische, und also gegen Andere gerichtete, Zwecke kontradiktorisch dem Begriffe der Zweckmäßigkeit, eine prosperierende Zukunft zu eröffnen. Egoistische oder wertekonditionierte Zwecke intendieren den Vorteil auf Kosten anderer, und also die Gegenwart auf eine rudimentierte Zukunft hin zu verändern. Zweckmäßigkeit erweist sich daher als Kriterium, vor dem kein egoistisch oder sonst wie konnotiertes Intendieren eines Vorteiles auf Kosten Anderer sich wahren kann; auch kein wertekonnotiertes: Werte, wie historisch, sittliche, tradiert auch immer terminiert, beanspruchen die Präferenz vor Anderem; insbesondere vor dem Menschen. (Auch z.B. die UNO-Menschenrechtskonvention subsumiert den Menschen, den sie doch zu wahren beansprucht, unter ihre Werte. Soweit ich Verfassungen kenne, wahrt nur unser GG im Artikel 1 den Menschen und das Leben auf der logischen Stufe, Zweck an sich selbst zu sein! Unser GG ist eine Sternstunde der Verfassungsgeschichte! – Doch Solches sei en passant bemerkt.)
    Der Freiheit des Menschen entspringt das egoistisch konnotierte Intendieren ebenso wie das Intendieren einer prosperierenden Zukunft für das Leben überhaupt und dem Leben des Menschen im Besonderen.
    Ebenso entspringt der Freiheit des Menschen, vor der näheren bis globalen Sozialität sich zu verantworten bzw. kontradiktorisch solches Verantworten zu vermeiden – bis hin zur Anwendung von Gewalt!
    Ich räume daher „dem egoistischen (Zweck-)Denken und der Instrumentalisierung des Handelns“ gerade nicht „einen entscheidenden Einfluß ein“, sondern das je einzelne Bewußtsein oder jeder Mensch ist, in der Freiheit verortet, der Ursprung aller Zwecke, aller Intentionen – und also aller Verantwortung!
    Der Menschen ist kein „eigenwertige[s] und würdebegabte[s] Subjekt“, sondern diesen Attributen von Werten ordnet der Mensch sich zu und subsumiert sich somit Grund-legend oder dieser Weise sich selbst rudimentierend deren Verdikten: Freiheit ist, sich stellen unter ein Gesetz; und also auch unter das Gesetz von Werten. Damit allemal: subsumiert! Gemäß dieser prädeterminierten, seiner Freiheit, die er an und für sich ist, entsprungenen Subsumption rudimentiert der Mensch sich selbst – so Grund-legend wie ‚aus freien Stücken‘!
    Der Mensch, das geistige Lebewesen oder der existierende Begriff, hebt sich selbst radikal oder auf der Stufe seines Begriffes, Zweck an sich selbst zu sein, dieses an sich wertorientiert verneinend, zur Nichtigkeit auf – fundiert in der ihm elementar eigenen Freiheit!
    En passant: „die Menschen (als eigenwertige und würdebegabte Subjekte)“ wirft bei mir die Frage an Sie auf, ob Sie die Geschichte, darin das Selbstverständnis, das Handeln und Verhalten der Menschen aufgehoben ist und zur Sprache kommt, kennen? Ob Sie die spezifische Geschichte der Kulturen, der Religionen und deren konkrete Gestalten des Glaubens kennen? Ob Sie die Geschichte, den Menschen qua „eigenwertige[s] und würdebegabte[s] Subjekt“ zu terminieren, kennen?
    Hinweis auf gemeinhin in unserer Kultur Bekanntes: „Ich bin der Herr, Dein Gott … „ und also zuerst der Herr und dann der Gott! Anschließend eine hinreichende Liste des Sollens, worin das „eigenwertige und würdebegabte Subjekt“ terminiert wird!
    Ein weiterer Hinweis aus unserer Kultur: „Der Mensch ist Zweck an sich selbst.“ „Der Mensch ist der existierende Begriff.“ „Handle so, daß Du die Menschheit sowohl in Deiner Person als in der Person eines jeden Anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“
    Sätze von System-Denkern, denen Sie nicht allzu viel Einsicht in die Dinge der konkreten Welt zutrauen!

    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Jürgen Germann

    [~615]
    Sehr geehrter Herr Böhle,

    Ihren Kommentar vom 23.11. habe ich dreimal studiert und Anmerkungen dazu notiert. Aber das gehört der Problematik und des Umfangs wegen nicht an diese Stelle. Hier also nur eine kürzere Entgegnung.

    Ihre W i d e r l e g u n gsversuche zu meinen Erläuterungen haben mich nicht überzeugt. Ihre Kritik an den von mir vorgestellten Werten und deren Nichtverpflichtung, deren angeblich kontradiktorische Negationen und Verantwortung für Desaster halte ich für unberechtigt, weil missverstanden oder übertrieben.
    Zwei Ihrer eigenen Thesen samt Argumenten kann ich bejahen.

    Auf einen inhaltlichen Aspekt von Ihnen möchte ich gleichwohl argumentativ eingehen.

    Ihr Kriterium der rationalen und nur logisch zu verifizierenden Zweckmäßigkeit war zunächst nicht bis zu einem logischen wie praktischen Ende ausgeführt. Denn ohne ein vorangehendes
    B e w e r t e n , was denn nun „gut“ zweckmäßig oder „nicht gut | schlecht | schädlich“ zweckmäßig sei, können Sie überhaupt nicht postum das bewerten, was Sie als Ergebnis von Zwecksetzungen erwarten.
    Das ist der Grund, warum mir Ihr Konzept und Begriff der logischen „Zweckmäßigkeit“ o h n e humane Wertezuordnung zu kurz gedacht erschien. Konsequent geprüft auf den Nutzen von solcher Zweckmäßigkeit, könnte man alle D i k t a t u r e n und sogar alle Geheimdienstapparate der Welt, all ihre Methoden, alle A u f r ü s t u n g, alle Waffen und Kriege wie auch Wirtschaftskriege als zweckmäßige V e r t e i d i g u n gsanstrengungen rechtfertigen, wie ihre Nutzer es tun. Sie werden immer zweck-mäßig organisiert, begründet und gerechtfertigt: „Sicherheit“ (des Landes, des Staates, seiner Leistungen und Amtsträger), „Schutz“ (der Bevölkerung, ihres Lebens, Eigentums und der Kultur), Verteidigung der „Souveränität“, Unabhängigkeit eines Landes ... usw. – alles vorgeblich edle Zwecke.
    Aber die Mittel? – und die Folgen | Auswirkungen | Schäden? – werden zunächst schön- oder kleingeredet oder ausgeblendet.

    Nun die dem widersprechende Bezugstelle in Ihrem Kommentar:
    Sie liefern hier nämlich – im offenen Widerspruch zu Ihrer Kritik an meiner Werte-Auffassung –
    nun doch s e l b s t ein Bewerten mit folgender Formulierung nach: „eine p r o s p e r i e r e n d e Zukunft“ zu eröffnen. Und gleich darauf abermals Ihre Bewertung: „Zweckmäßigkeit erweist sich daher als Kriterium, vor dem kein egoistisch oder sonst wie konnotiertes Intendieren eines V o r t e i l e s auf Kosten Anderer sich wahren kann...“
    Ihre Werte lauten: „niemand darf sich egoistisch auf Kosten anderer einen Vorteil verschaffen“, „niemand darf die Zukunft aufs Spiel setzen | gefährden | unmöglich machen | verderben“.
    W e r t e sind das allemal. Aber man kann sie jedoch kaum verpflichtend machen, ohne allen Egoismus zu verdammen und Initiatoren und Unternehmungslustige zu lähmen oder zu verpönen, dass es z.B. unterschiedlich Begabte und Befähigte und unterschiedlich (Erfolg-)Reiche und Wagemutige bis Fortschritts-Optimisten gibt. Das ist ein Grund, warum „Gleichheit“ als Wert so heikel ist, obwohl das Wort beliebtes Schlagwort ist.

    Ihre grundsätzlich formulierte Bemängelung an meinem „Werte-Verständnis“ wendet sich damit logisch und in der Sache eher in eine Bestätigung meiner ausdrücklichen Darlegungen und meiner Ablehnung, Werte anerkennen zu m ü s s e n oder verpflichtend zu machen.

    Ich befürworte, dass ein gebildetes Publikum (wie Kant es für Aufklärung und Öffentlichkeit erhoffte) – z.B. diese wbg-community – ein eigenes Urteil über unsere Beiträge und Argumente bildet und dies bei Bedarf in Kommentaren mitteilt. Natürlich können sich auch professionelle Denkerinnen und Denker (Philosophen, Wissenschaftler und Publizisten) dazu äußern, wenn sie das Thema und den Diskurs für bedeutungsvoll halten. Auch sie werden sich einem gebildeten Publikum stellen – wie Sie und ich.
    JG

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  • Wolfgang Hammer

    Hallo, Herr Germann und andere Kommentatoren,
    es sind die Ausgangstexte ja dann nützlich, wenn sie Anregungen zu Meinungsäußerungen geben und der Orientierung dienen. Ihr Anfangsgedicht ist dazu sehr geeignet.
    „Ohne gelebt zu werden,
    bleiben humane Werte nur Worte.“
    Sind in der bisherigen Diskussion nur Worte geäußert worden? Ja, doch, sehr viele.
    Wo bleibt das Leben der Worte und Werte?
    Wo bleiben die Situationen, in denen Menschen handeln?
    Die Wahrheit ist konkret.
    Wo ist die Wahrheit von Werten, also ihre Wirklichkeit?

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  • Jürgen Germann

    Lieber Herr Hammer,
    richtig! Einverstanden! Sie wünschen Auskunft und Belege für gelebte Werte.
    Meine Erfahrungen und Kenntnisse kann ich Ihnen nur verbal mitteilen. Aber immerhin:
    - ob und wie i c h meine Werte "lebe", müssen andere erfahren, beurteilen und davon Kunde geben. Ich will das nicht selbst übernehmen. Immerhin kann ich erkennen, wann ich sie verfehlt habe. Und man kann mir das auch mitteilen.
    - in der Familie, unter Freunden, Bekannten erlebe ich so oft werte-geleitetes Handeln, das anderen g u t t u t , dass ich v e r s i c h e r n kann, es lässt sich so nicht nur mehr schlecht als recht, sondern zufrieden und zuweilen auch glücklich leben. Alles Negative ist zu ertragen bzw. abzuwehren oder Stellung dagegen zu beziehen. Auch eine Aufgabe.
    - in Begegnungen in der Nachbarschaft und in der Öffentlichkeit erlebe ich überwiegend positives Verhalten, was zuweilen erkennbar auf Werte zurückgeht, wenn sich MitMenschen und Mitbürger besonders um andere bemühen. Das sind meist ethische Werte, angefangen von Ehrlichkeit, Wertschätzung, Pflichtgefühl, Verantwortungsbewusstsein, Zuwendung und Hilfsbereitschaft. Manches bleibt auch unausgesprochen dennoch wirksam, z.B. Fairness und Würde.
    - im "Rest der Welt" scheint es, so viel ich lesend und hörend und sehend (aber dies nur medial aufbereitet und bewertet) mitbekomme, überwiegend "gesittet" und friedlich, auch meist gerecht zuzugehen. Wie stark man die negativen und Ausfallerscheinungen und Schäden bemerkt und bewertet, bleibt so jedem Einzelnen überlassen. Mir scheint, es ist in 3 von 4 Fällen erträglich oder besser, in der Hälfte der Fälle anständig, gerecht und gut um gelebte Werte bestellt. Das müssen Sie nicht genauso sehen und beurteilen.
    - all die Gewalt, Ungerechtigkeiten und bösen wie schädlichen Verhaltensweisen beruhen auf einem Mangel an Werten und ihrer Erfüllung mit und im Leben, auf der "Abwesenheit des Guten" aus Unkenntnis, Egoismus oder schlechter Gewohnheit und Erziehung – und sie überleben auch aufgrund von Duldung durch die Betroffenen bzw. "Verantwortliche".

    Sie haben selbst moniert, dass vieles im Allgemeinen gesagt wird, aber wenige konkrete Aussagen und Belege über die eigenen Werte und das Leben der Werte in dem Verhalten von Menschen.
    Aber mehr weiß ich nicht zu sagen. Und doch es ist viel weniger als das, was ich r e a l erfahren habe und schätze.
    JG

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  • Wolfgang Hammer

    Lieber Herr Germann,
    Sie haben Recht, persönliche Beispiele für das Leben von Werten zu veröffentlichen könnte peinlich wirken. Es geht mir darum, anhand einer Situation den tatsächlichen Umgang mit Werten zu reflektieren. So gebe ich ein objektives Beispiel, das Lehrern wohlbekannt ist.
    Der Schüler Müller X hat in zwei Arbeiten im Fach Y in diesem Schuljahr eine 6 und eine 5 bekommen. Die dritte Arbeit war höchstens wieder eine 5. Der Lehrer gab eine 4, weil der Schüler aus einer Krise in der Familie langsam herausgefunden hatte.
    Der Pädagoge folgte dem Wert der pädagogisch-psychologischen Förderung eines problembelasteten Schüler. Damit verletzte er die Werte Gerechtigkeit, Pflichterfüllung, Vertrauen der Eltern und der anderen Schüler in die Objektivität der Benotung und damit der Lebenschancen.
    Dieses Beispiel zeigt, dass man bei einer wertehaltigen Lebensführung Werte anderer Menschen verletzt. Alle Betroffenen haben ein Wertesystem, das mit dem eigenen kollidiert. Man braucht also eine Wertehierarchie. Verursacht man beim Leben nach eigenen Werten Kollateralschäden? Wer bewertet letzten Endes mein/unser wertehaltiges Verhalten?
    Und wenn man die positive Wertschätzung der Gruppe um Stauffenberg denkt, ist Tyrannenmord ein hoher Wert?
    Aus einem Wertegestrüpp die herzlichsten Grüße
    Hammer

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  • Jürgen Germann

    Danke für Ihre Antwort und Anregung.
    Ihr „objektives Beispiel“ erfordert aus meiner Sicht einige klärende Erläuterungen. Was es "zeigt", beurteile ich anders als Sie.

    In einem realen Fall hätte der Pädagoge die ganze Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Dazu würde ich mich nur persönlich ihm oder ihr gegenüber, nicht öffentlich äußern. Und ich möchte auch nicht über einen gedachten, konstruierten oder exemplarischen Fall nur urteilen.

    Als exemplarischen Fall sehe ich diese Sache aber a n a l y t i s c h anders.
    In aller Kürze:
    (1) Es liegt eine undifferenzierte Vermischung der Intention „pädagogisch-psychologischer Förderung“ und gutachterlicher Notengebung vor. Letztere ist eine formalisierte und professionelle, sachlich belegbare Leistungsb e u r t e i l u n g und hat an sich nichts mit „Förderung“ zu tun.
    (2) Wer aus 6 (ungenügend) – 5 (mangelhaft) und erneuter mangelhafter Leistung ein „ausreichend“ ableitet, trügt und t ä u s c h t eine nicht vorhandene Leistung vor. Täuschung des Schülers über seine Leistung ist ebenso unzulässig wie Falschangabe (bei der Bewertung) – das scheint mir offensichtlich und einleuchtend und muss nicht erst extra damit begründet werden, dass Unwahrheit kein guter Wert ist – weil sie den einen nützt, während sie anderen schadet (Stichwort „Gerechtigkeit“).
    (3) Der Fall und sein Protagonist unterstellt, dass es keine andere gute, sinn- und | oder wertvolle Lösung gibt. Das trifft aber hier nicht zu. Denn es gibt
    (a) die Möglichkeit, sich mit anderen (Experten) zu beraten und eventuelle vorschnelle, kurzschlüssige oder unbedachte Lösungen kritisch zu prüfen und Alternativen zu f i n d e n;
    (b) das ausdrückliche Lob und die Anerkennung für „soziale“ Krisenbewältigung und Stärke;
    (c) für eine gefährdete Versetzung gibt es die Optionen der "Versetzung auf Probe" und
    (d) der Aussetzung der Versetzungsentscheidung ... mit späterer Prüfung und Versetzung;
    (e) die sinnvolle Wiederholung einer Klasse, um versäumte und unverstandene Inhalte, Stoffe, Methoden bzw. Lücken und Mängel mit realer E i g e n a r b e i t und Leistungen zu beheben, da ohne dieses Nachholen im folgenden Bildungsjahr das Versäumte und nicht Beherrschte als B a s i s f e h l e n und kaum nachholbar sein wird und ein weiteres Ungenügen und Scheitern abzusehen ist.

    Gründliches (und weitergehendes) Denken kann also einen (falschen, weil nicht zwingenden) Wertekonflikt vermeiden. Nicht einmal eine Wertehierarchie und fremde Bewertungen der Werte sind nötig, wenn man | jeder sich frühzeitig überlegt, was wirklich ist und als wahre Beurteilung gelten soll, was nötig und persönlich zu verantworten ist.
    JG

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  • Wolfgang Hammer

    [~358] Lieber Herr Germann!
    Vielen Dank für Ihre so ausführliche wie präzise Antwort. Und, wie so oft, gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede.
    Das Argument, dass man seine persönlichen Werteentscheidungen „nicht öffentlich äußern“ möchte, deutet zwar auf Bescheidenheit hin, vermindert aber die Möglichkeit des Lernens am Modell.
    Mein Beispiel für eine konkrete Situation will andeuten, dass in einem Fall viele Werte betroffen sind. Leider ist es als Fallbesprechung viel zu kurz.
    „In einem realen Fall hätte der Pädagoge die ganze Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Dazu würde ich mich nur persönlich ihm oder ihr gegenüber nicht öffentlich äußern.“
    Genau dieses Gespräch wäre für eine Erdung einer theoretischen Diskussion nötig, damit gezeigt wird, welche lebenspraktische Bedeutungen die Wertephilosophie hat. Dazu sollte mein Beispiel dienen.
    „Ohne gelebt zu werden,
    bleiben humane Werte nur Worte.“
    Da frage ich nun wieder: Wie lebt/en man /Sie welche Werte? Wie macht man das Lesern anschaulich? Lässt man Leser im Stich?
    Zu Ihrer Fallanalyse.
    Zuerst zu einem Missverständnis: Das „ausreichend“ ist eine Klausurnote, keine Zeugnisnote, wie Sie meinen. Die Treffsicherheit der Notengebung ist nachgewiesen anfällig für Schwankungen, sodass eine solche kleine Verbesserung zu tolerieren ist.
    „Als exemplarischen Fall sehe ich diese Sache aber a n a l y t i s c h anders.
    In aller Kürze:
    (1) Es liegt eine undifferenzierte Vermischung der Intention „pädagogisch-psychologischer Förderung“ und gutachterlicher Notengebung vor. Letztere ist eine formalisierte und professionelle, sachlich belegbare Leistungsb e u r t e i l u n g und hat an sich nichts mit „Förderung“ zu tun.“
    Die Schule hat einen Lehr- und Erziehungsauftrag, die sich ergänzen, aber sich auch gegenseitig bekämpfen. So ist gerade die ganzheitliche Betrachtung von gutachterlicher Beurteilung und „pädagogisch-psychologischer Förderung“ von Schülern notwendig, wenn man der Schule einen Bildungsauftrag zuteilt.
    Alle Ihre Überlegungen gehen davon aus, dass dieser Protagonist diese schulbürokratischen Rituale nicht kennen würde. Aber nehmen wir an, dass er sie sehr genau kennt, ihre Wirksamkeit und Angemessenheit in diesem Fall nicht für angezeigt hält. Diese „pädagogische Note“ ist nur ein Mittel neben anderen. Ich sehe schon, dass mehr Informationen kommen müssten. Dafür ist hier vielleicht nicht der richtige Ort (s.o.).
    Aber Sie, Herr Germann, haben sehr schön geschildert, wie Schüler bei Lernschwierigkeiten unterstützt werden können. In diesem Bildungswertenetz finden manche angemessene Behandlung, andere fallen heraus.
    In der Behandlung dieser Menschen, nicht nur der Schüler, zeigen sich die wahren Werte einer Gesellschaft und eines Menschen. Wahre Freunde erkennt man erst in der Not.
    Im warmen Wohnzimmer über Werte zu reden, das ist etwas anderes als im Flüchtlingslager.
    Die Werteverwaltung im Wohlstand unterscheidet sich von der in Krisenzeiten, Dann werden „ewige Werte“ schnell obsolet.
    Herr Lupa hat die Werteproblematik durch ein klares Bekenntnis gelöst.
    „Ich versuche die Frage persönlich zu beantworten, nicht was mir die Weisheit anderer Männer darüber sagt. Für mich ist der Mord an einem Tyrannen legitim, insbesondere wenn dieser schon paar Millionen Kinder umgebracht hat. Daher drücke ich Herrn Stauffenberg beim nächsten Anschlag auf Hitler die Daumen. Möge er gelingen.“

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  • Marcin Lupa

    Sehr geehrter Herr Hammer,

    ich versuche die Frage persönlich zu beantworten, nicht was mir die Weisheit anderer Männer darüber sagt. Für mich ist der Mord an einem Tyrannen legitim, insbesondere wenn dieser schon paar Millionen Kinder umgebracht hat. Daher drücke ich Herrn Stauffenberg beim nächsten Anschlag auf Hitler die Daumen. Möge er gelingen. Die Zukunft lächelt bereits voller Vorfreude, die nächsten Stauffenbergs und Hitlers sind schon unter uns.
    Wobei Stauffenberg natürlich kein Unschuldlämmchen gewesen ist und ob es bei einem erfolgreichen Anschlag für Deutschland und die Welt besser ginge, kann man sich nur kontrafaktisch vorstellen.

    Viele Grüße
    Marcin Lupa

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