"Wer war der schlechteste Golfer aller Zeiten…?" Interview mit dem Autor Gavriel Rosenfeld zu seinem Buch „Hi Hitler!"

Daniel Zimmermann • 12 März 2021

Wer war der schlechteste Golfer aller Zeiten…?

Interview mit dem Autor Gavriel Rosenfeld zu seinem Buch „Hi Hitler!"


D. Zimmermann: Lieber Herr Rosenfeld, als Andy Warhol in den 60er Jahren begann, Marilyn Monroe, Elvis Presley, James Dean oder Liz Taylor in Siebdrucken popkulturell zu portraitieren, da war es undenkbar, dass Warhole Hitler verfremden würde. Warum war dies damals nicht denkbar?

Gavriel Rosenfeld: In den 1960er Jahren wurde Hitler in der westlichen Welt noch weitgehend aus einer sehr moralistischen Perspektive betrachtet. Er war zu einem solchen Symbol des ultimativen Bösen geworden, dass eine respektlose Darstellung einen scharfen Tadel hervorgerufen hätte. Eine solche künstlerische Geste hätte definitiv gegen das damalige Moralempfinden verstoßen.

D. Zimmermann: Heute ist dies radikal anders: das Netz ist voll von Hitler-Comics, Memes, ja von popart-Versionen von Hitler im Geiste Warhols. Wann hat diese Entwicklung eingesetzt, dass es keinerlei Tabu mehr gibt, mit Hitler zu spielen?

1Gavriel Rosenfeld: Während des Zweiten Weltkriegs war es durchaus üblich, sich über Hitler lustig zu machen, aber nach der Enthüllung der entsetzlichen Verbrechen des Nazi-Regimes, insbesondere des Holocausts, wurde der Spott durch Dämonisierung ersetzt, die nicht infrage gestellt werden durfte. Dieser Trend begann in der Protestkultur der 1960er-Jahre etwas abzuebben, aber erst nach der Jahrtausendwende schlug das Pendel deutlich in die andere Richtung aus.

D. Zimmermann: Ist diese Entwicklung schlimm? Letztlich geht es ja darum, wie wir mit unliebsamen Erinnerungen umgehen: Sollen wir sie verdrängen, oder ans Licht ziehen und verarbeiten? Was aber bedeutet es, wenn wir über „Adi“ lachen?

Gavriel Rosenfeld: Das Brechen moralischer Tabus - ich nenne dies, auch im englischen Titel meines Buches, normalization, "Normalisierung" - ist generell schwierig zu beurteilen. Einerseits können wir Hitler besser verstehen, wenn wir ihn nicht in schlichten schwarz-weißen Begriffen beschreiben. Wir können ihn besser verstehen, wenn wir ihn als menschliches Wesen statt als Alien, als außerirdischen Dämon. Andererseits kann eine nicht moralisierende Sichtweise ihm auch Türen zu Darstellungen öffnen, die ihm die Aura des Bösen nehmen und ihn so möglicherweise zugänglicher, ja ansprechender machen. Angesichts der heutigen Aktivitäten der Rechten ist das natürlich ein absolutes Problem.

D. Zimmermann: Hannes Stein schrieb in der ‚Jüdischen Allgemeinen‘: „Wieso sollte ausgerechnet der Dreckskerl aus Braunau ungeschoren davonkommen?“ Und er fährt fort: „Die Frage ist nicht, ob man über Hitler Witze machen darf, sondern wie gut diese Witze sind.“ Sehen Sie dies genauso?

Gavriel Rosenfeld: Es kommt darauf an, wer die Witze macht und mit welchen Absichten. Juden oder anderen Menschen, die als Gruppe oder ganz persönlich vom Nationalsozialismus betroffen waren, wird mehr Freiraum eingeräumt als Menschen, die keine direkten Verbindungen zur NS-Zeit haben. Auch die Motive spielen eine Rolle. Wir wissen, dass Humor auch verwendet werden kann, um zu erniedrigen und zu entmenschlichen; dies ist der Fall bei vielen der rechten Memes, die Hitler für antisemitische oder rassistische Zwecke verwenden.

D. Zimmermann: Gibt es, lieber Herr Rosenfeld, einen grundsätzlichen Unterschied im postmodernen Umgang mit dem Nationalsozialismus in den USA und in Deutschland?

Gavriel Rosenfeld: Ich würde behaupten, dass Deutsche traditionell zurückhaltender sind als Angloamerikaner, wenn es darum geht, Witze über Hitler zu machen. Diese Zurückhaltung spiegelt natürlich die deutsche Angst wider, falsch interpretiert zu werden oder auf der "falschen Seite" dieses sensiblen historischen Erbes zu stehen.

D. Zimmermann: Ihr Lieblingswitz über Hitler?

Gavriel Rosenfeld: Ich mag die Judenwitze, wie sie etwa in Filmen beispielsweise von Ernst Lubitsch auftauchten. In Lubitschs „To Be Or Not to Be“, steigert sich der Schauspieler Bronski hinreißend in seine Hitler-Rolle hinein. Zum Missfallen des Produzenten weitet er sie noch aus: Auf diverse „Heil Hitler!“-Rufe antwortet er mit „Heil Myself!“ Das ist ein großartiges Beispiel für die Verwendung von Humor, um Machtansprüche zu untergraben.

D. Zimmermann:  Ich mag: „Wer war der schlechteste Golfer aller Zeiten? Ist doch klar: Adolf Hitler. Der ist nie mehr aus dem Bunker rausgekommen!“

Gavriel Rosenfeld: Good one!

D. Zimmermann: Ich danke Ihnen, lieber Herr Rosenfeld, ganz herzlich für dieses Gespräch!


Gavriel RosenfeldGavriel D. Rosenfeld ist Professor für Geschichte an der Fairfield University. Seine Forschungsschwerpunkte sind das nationalsozialistische Deutschland und der Holocaust. Des Weiteren wird er international als versierter Experte der kontrafaktischen Geschichtsschreibung geschätzt.

 

 

 


Zimmermann_bearbeitet5d4bee1bd6aa6.jpgDaniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Programmmanager im wbg-Lektorat Geschichte. Dort ist er zuständig für die Programme wbg Theiss, wbg Edition, wbg Academic und wbg Zabern.

 

 

 

 

 

 


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Rosenfeld, Gavriel D.

Hi Hitler!
Der Nationalsozialismus in der Populärkultur

Beschreibung

"Hitler ist everywhere. It's impossible to escape him!" (Richard J. Evans)

Jan Böhmermann tritt als 'Adi' Hitler auf - wäre dies im vorigen Jahrhundert möglich gewesen? Wohl kaum. Heute sind Hitler und Nazis als Witzfiguren und Parodien salonfähig geworden, bevölkern Hitler-Katzen, Hitler-memes oder Walter Moers 'bonker' das Internet. Ist dies legitim? Und wenn ja: Was sagt dies über unseren Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit aus?

Erscheinungsdatum 15.03.2021

Kommentare (1)

Lili Albrecht

Ich finde es richtig und gut, dass man Humor auch gerade in Bezug auf jene dunklen Zeiten anwendet, doch natürlich ist dies ein schmaler Grad.

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