Wendepunkt

Gwendolin Simper • 5 März 2022
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Der letzte Morgen des alten Lebens
Jetzt saß Amalia noch in ihrem Zimmer auf dem Bett und versuchte wach zu werden, ab morgen würde für sie aber alles anders sein. Der Unfall würde ihr Leben in zwei Hälften teilen. Obwohl sie äußerlich noch immer Amalia sein würde, würde es sich für sie komplett anders anfühlen. Obwohl sie noch immer dieselben langen Haare haben würde, deren Spitzen so leicht Spliss bekamen. Obwohl sie noch immer dieselben strahlendblauen Augen haben würde, für die ihre Freunde sie immer beneideten. Obwohl sie noch immer jeden Morgen zügig zur Schule eilen würde. Nach dem Unfall würde alles anders sein.
Es gab solche Punkte nicht so häufig im Leben. Hinterher fragt man sich meist, ob man es hätte verhindern können. Wie man es hätte verhindern können. Wer es hätte verhindern können. Warum es nicht verhindert worden war. Wer schuld war. Aber all diese Gedanken würden diesen Wendepunkt im Leben nicht rückgängig machen können. Sie würde weiterhin Spliss in den Haaren haben. Sie würde weiterhin zur Schule gehen. Aber ihre Augen würden nicht mehr so blitzen.

Doch davon wusste sie noch nichts. Amalia stand auf, stand leicht schwankend vor ihrem Kleiderschrank und versuchte die Müdigkeit und den Schwindel vom zu schnellen Aufstehen abzustreifen. Sie schlüpfte in ihre Jeans und streifte sich ein frisches T-Shirt über. Dann kam das Frühstücken, es gab Knuspermüsli mit kalter Milch. Sie mochte nur entweder das oder warme Milch mit Haferflocken. Eine andere Kombination oder gar Joghurt waren keine Option. Sie löffelte ihr Müsli langsam und bedächtig. In der Zwischenzeit brachte sie sich mit dem Handy auf den aktuellen Stand, was ihre Freunde und das Weltgeschehen anging. Dann schnell ins Bad, Zähneputzen, Schminken und los zur Schule. Das passte, aber sie hätte sich keine Minute länger Zeit lassen dürfen.

Sie hätte es nicht verhindern können. Deswegen war es einer dieser besonderen Wendepunkte im Leben. Einer derer, die alles verändern, die man sich aber nie herbeigewünscht hatte, nie gewünscht hätte.
Es sei denn, sie wäre nicht in das Auto gestiegen. Wenn sie nicht in das Auto gestiegen wäre, dann wäre sie nicht bei dem Unfall dabei gewesen. Dann hätte sie es verhindern können. Aber das ist pure Spekulation.
Sie hätte auch andere Freunde haben können. Der Fahrer hätte aufmerksam sein können.
Aber Amalia wäre nicht Amalia gewesen, hätte sie die Schuld bei jemand anderem als sich selbst gesucht.

Noch war sie zu Fuß auf dem Weg in die Schule. Bald würde der Wagen mit ihren Freunden neben ihr am Straßenrand halten. Und dann würde es nicht mehr lange bis zum Unfall dauern.

Die erste Zeit des neuen Lebens
Von da an war alles verschwommen in ihrer Erinnerung. Das Einzige, was herausstach, das waren die Schmerzen. Aber sie hatte sich ja auch ihren Arm gebrochen. Da waren Schmerzen doch normal.
Sie verbrachte die Tage danach im Bett, auf dem Sofa, eingehüllt in Decken und mit ihrem Arm irgendwo dazwischen, vorsichtig hochgelagert, sorgsam gekühlt.
So ein verdammter Unfall. Es war niemand anderem etwas Schlimmes passiert. Nur sie hatte sich was gebrochen. Jeder hatte sich schonmal was gebrochen. Es war nicht der Rede wert. Amalia schluckte Schmerzmittel und schluckte die Schmerzen herunter. Ibuprofen half nicht, Paracetamol auch nicht.

Amalia versuchte, zur Schule zu gehen. Sie weigerte sich, in das Auto ihrer Eltern zu steigen. Zum Glück war es nicht weit zur Schule. Aber die Hand tat so weh. Sie übte, mit links zu schreiben.
Damals hatte sie es noch nicht begriffen, dass das Leben, wie sie es kannte, endgültig vorbei war. Damals saß sie noch der Illusion auf, dass sie sich bloß den Arm gebrochen hatte, dass der Bruch heilen würde und dass dann alles gut sein würde.

Die Hand wurde ziemlich schnell sehr blau. Schon am Tag nach der Operation überzog das Hämatom jede freie Stelle ihrer Hand, reichte bis in die Finger. Alles war blau und geschwollen. In der Notaufnahme bogen sie den Spaltgips ein wenig auf, sagten, sie solle die Finger viel bewegen und schickten sie wieder nach Hause. Es hatte ein wenig geholfen.
Amalias Schlaf war durchlöchert von schmerzhaften Wachphasen, es half nichts und dann ging sie auch noch zur Schule. Es dauerte nicht lange, ihr Haar war matt geworden und glänzte nicht mehr im goldenen Herbstlicht, es dauerte nicht lange, bis sie fast zusammenbrach. Aber was sollte man machen? Amalia musste erstmal nicht zur Schule gehen, eine Freundin brachte die Aufgaben vorbei.

Als nach sechs Wochen der Gips abkam, war der Knochen wieder zusammengewachsen, aber Arm und Hand fühlten sich so instabil und schutzlos ohne die Hülle. Das erste Mal konnte Amalia nun ihre Hände im Vergleich ansehen. Die rechte Hand war geschwollen, dunkle Haare wuchsen auf ihrem Handrücken und sie konnte weder Finger noch Handgelenk richtig bewegen. Sie verabscheute die Hand dafür, wie sie aussah, dafür, wie sie sich verhielt, dafür, wie sie schmerzte. Amalia bekam Therapien, aber es war kaum möglich, die Hand zu berühren. Es war überhaupt kaum etwas möglich. Wasser brannte wie Feuer, die Hand abzutrocknen war auch nicht machbar, weil das flauschige Handtuch sich wie Schmirgelpapier anfühlte. Es war der Horror. Die Ärzte sagten, sie sollte endlich die rechte Hand wieder benutzen, sonst würde sie große Probleme bekommen.

Die Probleme waren schon lange da. Aber niemand schien Amalia richtig ernst zu nehmen. Sie war alleine mit ihrer Hand, war alleine mit den Schmerzen.

Endlich gingen Amalias Eltern mit ihr zu einem anderen Arzt. Der sah ihre Hände im Vergleich an und schlug seine Hände fast über dem Kopf zusammen. Sie bekam eine Diagnose, CRPS, das komplexe regionale Schmerzsyndrom, Prognose unklar, bei Kindern aber besser als bei Erwachsenen. War sie noch Kind? Sie würde bald Abi machen. Zumindest war das der Plan gewesen.

Nur eine Hand
So zog sich die Zeit und das CRPS blieb. Sie ging zu den Therapien. Sie versuchte, sich in der Schule nicht völlig abhängen zu lassen. Sie versuchte das permanente Brennen oder Stechen in ihrer Hand zu ignorieren, ohne die Hand zu ignorieren. Wie sollte das überhaupt gehen? Es ging nicht. Es wurde Winter, es wurde Frühling und schließlich begann der Mai.

Es war einer dieser grauen Tage, an denen sich die nasse Luft wie eine ungewollte Umarmung anfühlte. Der frühe Sommer hatte sich vom schlechten Wetter wieder verdrängen lassen, was ganz zu Amalias Stimmung passte. Sie war auf dem Weg nach Hause. Sie hätte mit dem Bus fahren können, aber seit dem Tag ging sie immer zu Fuß.
Das Mädchen sah nur hinunter auf den Fußweg, ihre Umgebung nahm sie kaum war. In den Gedanken hörte sie die vorwurfsvolle Stimme ihrer Mutter, sie solle doch mal wieder etwas malen oder sich mit ihren Freunden treffen. Ihre Freunde fragten sie auch immer, ob sie nicht mitkommen wolle. Sie lehnte jedes Mal dankend ab.
Dieses zähe Gefühl in ihr, wenn sie eine Ausrede aussprach – nicht weil sie ihre Freunde nicht mehr mochte, sondern weil sie nicht mehr dieselbe war. Sie konnte einfach nicht mehr. So sehr sie es hasste ihre Familie und ihre Freunde zu enttäuschen, so sehr verabscheute sie ihr Versagen. Es machte keinen Spaß auf einmal kaum mehr etwas so gut zu können wie früher. Das fing beim Schließen des BHs an und endete noch lange nicht beim Schnüren der Schleifen ihrer Schuhe.
Amalia hing in ihren Gedanken fest wie in einem Spinnennetz. Erst als sie in ihre Straße eingebogen war, die am Rande des kleinen Ortes lag, stieß sie mit ihrem linken Fuß gegen einen Stein und stieß ihn unabsichtlich einige Meter weiter. Ihre Zehenspitze tat fast etwas weh von der Wucht. Das holte sie aus ihren Gedanken zurück. Der Stein war auf eine sehr eigenartige Art und Weise weggerollt. Als sie ihn mit ein paar Schritten eingeholt hatte, sah sie, dass er die fast perfekte Form eines Eis hatte und zudem eine interessante Maserung, die in der Feuchtigkeit leicht glänzte.
Amalia hob den Stein auf und rieb ihn trocken. Jetzt sah das Ei mehr wie ein gewöhnlicher grauer Stein aus. Aber wegen der Form behielt sie den Stein in ihrer Hand und steckte ihn schließlich in ihre Jackentasche. Sie hatte gerne etwas zum Herumspielen in ihren Taschen. In ihrer linken Tasche, ihr rechter Arm war ja unbrauchbar geworden.

Die Tage vergingen und Amalia hielt eisern an ihren Routinen fest. Aufstehen, anziehen, essen, Bad, Schule. So konnte sie das Gefühl, auch der letzte Rest ihres Lebens würde sich auflösen, ein wenig in Schach halten. Aber sie malte nicht mehr. Natürlich hatte ihre Mutter recht, sie müsste umtrainieren auf die andere Hand. Aber es tat so weh, plötzlich nicht mehr genauso gut malen zu können. Aquarellbilder beispielsweise sahen zwar oft wie nebenbei dahin gemalt aus, es waren jedoch feinste Pinselstriche, die nur willkürlich wirken sollten. Oft schon hatte sie Stunden nach dem perfekten Pinselstrich gesucht, aber sie hatte sich immer auf ihre rechte dominante Hand verlassen können. Das war jetzt vorbei. Ihre Mutter wollte nicht begreifen, dass das nicht dasselbe war wie eine neue Hand zu trainieren. Es war vollkommen anders.
Es gab kaum mehr Momente, wo sie sich nicht zurückgeworfen fühlte. Und so verbrachte Amalia immer mehr Zeit damit, auf dem Bett zu sitzen, mit Kopfhörern Musik zu hören und die Welt auszublenden. Zu Hause in ihrem Zimmer auf dem Bett hatte sie auch noch keine der Panikattacken gehabt. Und nachts half die Musik, die Träume abzuwehren.

Amalias Mutter kaufte ihr neue Farben und drängte sie dazu, zu malen oder zu basteln oder raus zu gehen. Amalia hielt das nicht aus. Es tat viel zu sehr weh, die Dinge nicht mehr so tun zu können wie vorher. Wenn sie ihr das erzählte, brachte sie ihre Mutter zum Weinen. Amalia fühlte sich dann so kalt und tot und das übertrug sie dann auf ihre Mutter. Dabei wollte sie alles andere als sie mutlos zu machen. Sie wollte ihr gar keine Probleme machen. Sie hatte schon genug Stress bei der Arbeit. Amalia fühlte sich wie eine undankbare Tochter. Sie war auch keine gute Schülerin mehr. Und die Hand wurde kaum besser. Trotz Physiotherapie. Trotz Ergotherapie.

Ein Ei
Und dann kam der Tag, an dem Amalia auf dem Weg zur Schule einen Riss in dem Stein bemerkte. Es war ein gewöhnlicher Morgen, ein wenig grau und mit etwas Wind. Amalia hatte den Kragen ihrer Jacke hochgeschlagen und ihre linke Hand in der Jackentasche, um sie zu wärmen. Rechts trug sie einen Handschuh, den die Hand geradeso tolerierte. Ihre Finger fuhren immer wieder über die Glätte des Steins, bis sie die neue Kante ertastete. Vorsichtig fühlte sie genauer. Schließlich holte sie den Stein heraus und besah ihn im Licht. Der feine Riss reichte halb um den Stein herum. Ansonsten sah er noch genauso aus wie immer. Dann steckte Amalia den Stein wieder ein.
In der Schule bekam sie die Deutschklausur wieder, eine Interpretation, und sie konnte den Blick ihres Lehrers kaum ertragen. Gute Ansätze, Amalia, aber so reicht es nicht aus. Er reichte ihr ihre Arbeit und sie steckte die Zettel ungesehen in ihre Tasche. Ich weiß, dachte sie, und sie ignorierte Tara und Katharina, die sie nach ihrer Note fragten. Früher war sie mal die beste der drei gewesen.
Nach der Schule waren da noch mehr Risse, die die Oberfläche des Steins überzogen wie ein feines Netz. Verwundert nahm Amalia den Stein mit in ihr Zimmer nach oben.
Und irgendwann begriff sie, dass es kein eiförmiger Stein war, sondern ein steinartiges Ei. Von diesem Moment an behielt Amalia das Ei im Blick.

Es war zwei oder drei Tage, nachdem Amalia die ersten Risse bemerkt hatte. Es war ein gewöhnlicher Samstag, oder das was für Amalia ein gewöhnlicher Samstag geworden war, ein Tag auf dem Bett mit Kopfhörern, um die Welt auszusperren. Und so war es Zufall, dass das Ei genau in dem Moment begann aufgesprengt zu werden, als sie mal keine Musik hörte.
Sie hörte ein leises Knistern und ein Klack, als ein Splitter der harten Schale auf ihr Parkett fiel. Sofort stand Amalia auf und starrte gebannt auf das Ei. Sie konnte etwas Rotes erkennen und Flüssigkeit, die ihre Schreibtischunterlage durchnässte. Sie holte ein Taschentuch und dann half sie dem Wesen auf die Welt, so gut sie es mit einer Hand konnte. War es ein Vogel?
Eigentlich hatte es mehr von einem geflügelten Eichhörnchen – nur dass es Schuppen hatte. Amalia hielt das winzige Wesen vorsichtig auf ihrer Handfläche, es begann mit seiner Zunge die rostroten Schuppen zu lecken. Es war ganz kalt und bewegte sich nur langsam. Sie musste es aufwärmen… Amalia wickelte das Wesen in ein Handtuch und legte es vorsichtig auf die Heizung. Dann setzte sie sich daneben. Das Wesen putzte sich weiter, es kam mit seiner langen Zunge sogar auf seinen eigenen hellroten Kopf. Dann rollte es sich ein und blieb unbeweglich liegen. Als Amalia es vorsichtig anstupsen wollte, schnellte die Zunge hervor und sie spürte, dass sie rau war und ein klein wenig feucht.
Sie versuchte, zu googeln, was das Wesen denn überhaupt sein könnte. Von einem Eichhörnchen unterschied es sich nicht nur durch die Flügel und das fehlende Fell, der Schwanz war auch nicht buschig, sondern lief spitz zu und war mit harten, sehr dunklen Schuppen besetzt. Aber die Kopfform war der eines Eichhörnchens täuschend ähnlich und es hatte dieselben schwarzen riesigen Augen, mit denen es Amalias Bewegungen verfolgte. Es war kein Vogel, das war klar. Es hatte auch keine Federn.
Auf einmal richtete das Wesen sich auf, spreizte die Flügel, wie um sich Amalia genauer zu zeigen. Jetzt fiel ihr auf, dass es wirklich nur Flügel statt Vorderbeinen hatte. Es hatte an den Enden der Flügel allerdings kleine Haken, mit denen es greifen zu können schien.
Als wäre es neugierig, befreite es sich aus dem Handtuch und lief auf der Heizung entlang. Atemlos hielt Amalia ihre rechte Hand neben das Wesen, damit es nicht hinunterfallen konnte. Nein, es war weder Vogel, noch Eichhörnchen, am ehesten war es ein Drache. Amalia lachte bei dem Gedanken, aber etwas Besseres fiel ihr nicht ein. Sie kannte sich mit solchen Wesen nicht aus.

Ein Drache?
Er fraß Fliegen. Aber er mochte auch Kochschinken und Käse. Brot fraß er nicht. Amalia musste ihm alles ganz klein schneiden, er fraß direkt mit seinem Maul, er benutzte seine Krallen an den Flügelenden nicht zum Fressen. Ja, es waren Krallen, sie hatte ihn ein bisschen untersucht. Je länger er auf der warmen Heizung war, desto lebendiger wurde er. Wechselwarm. Waren Drachen wechselwarm?
Google wusste auch nicht, was Drachen fraßen, sie musste es ausprobieren. Hoffentlich schadete ihm nichts, kleine Kinder durften ja auch noch keinen Honig essen, Amalia wusste nicht, ob es solche Tabu-Lebensmittel auch für Drachen gab. Sie war sich ziemlich sicher, dass er ein Drache war. Deswegen passte der Name Dwingo auch irgendwie, fand sie. Sein Geschlecht hatte sie einfach mal beschlossen, in Ermangelung besseren Wissens.

Was Amalia nicht wusste, Dwingo war tatsächlich ein männlicher Sceada, zu erkennen an dem kleinen Penis, der unter einer Schuppentasche am Bach versteckt war. Aber das wusste das Mädchen nicht. Für sie war er ein Drache. Sie wusste auch nicht, dass Dwingo eine besondere Begabung hatte.

Jeder Drache hatte eine besondere Begabung. Es gab Feuerdrachen, die tatsächlich sehr unempfindlich gegen Hitze waren und außerdem wie der Bombardierkäfer ein chemisches Gemisch aus Hydrochinon und Wasserstoffperoxid in ihrem Hinterleib mischen und auf potentielle Feinde schießen konnten. Dann gab es Gesteinsdrachen, die mit unglaublicher Kraft unterirdische Gänge ins Gestein graben konnten. Es gab Wasserdrachen, die schnell und wendig schwimmen und tauchen konnten. Es gab Pflanzendrachen, deren Name ein wenig irreführend war, weil sie giftige Beeren und andere Pflanzenteile fressen konnten und das Gift speicherten, um es zur Verteidigung zu nutzen. Diese Drachen lebten gerne in Wäldern, was zu ihrer Namensgebung geführt hatte. Und schließlich gab es Drachen wie Dwingo, die die Fähigkeit zur Elektrorezeption hatten. Mit seinem Elektroplax am Hals war er in der Lage elektrische Spannung zu erzeugen und abzugeben. Damit konnte er seine Beute oder Feinde angreifen. Aber auch zur Kommunikation konnte er elektrische Entladungen nutzen.
Drachen waren soziale Wesen, normalerweise lebten in Gruppen zusammen, schliefen wie Fledermäuse in Höhlen, (manchmal auch neben ihnen) oder in hohen Bäumen und in alten, leerstehenden Gebäuden. Normalerweise mieden sie Menschen.
Es kam trotzdem von Zeit zu Zeit vor, dass sich ein Drachenweibchen in zivilisiertere Gebiete verirrte, wenn es auf der Suche nach einem geeigneten Platz für die Eiablage war. Die Weibchen legten die Eier an einen warmen Ort, dann verschwanden sie wieder. Die Entwicklung der Drachen hing stark von der Umgebungstemperatur ab. Unter ungünstigen Bedingungen konnte ein Drache auch mal erst Jahre später schlüpfen.

Solange Dwingo noch so klein war, konnte sie ihn mit in die Schule nehmen, sie zog einfach einen Pullover mit Taschen an. Aber Amalia hatte das Gefühl, er würde ziemlich schnell wachsen. Sie hatte niemandem von ihm erzählt. Sie konnte auch niemandem von ihm erzählen, wer sollte ihr das auch glauben und wer weiß was dann mit Dwingo passieren würde. Das konnte sie ihm nicht antun. Er hatte begriffen, dass er still sein musste und sich nicht bewegen durfte, wenn er in Amalias Pullover saß. Erstaunlich, eigentlich.
Zu Hause übte er fliegen. Er spreizte seine Flügel, wenn er auf der Heizung stand, begann zu flattern und zu hüpfen. Aber er traute sich noch nicht zu fliegen. Amalia hatte schon überlegt, ihm mal einen kleinen Schubs zu geben. Aber sie traute mich nicht, nachher verletzte er sich noch. Er würde schon wissen, wann er so weit war.

Und dann flog Dwingo! Er flog von der Heizung zum Bett. Amalias Mutter akzeptierte es, dass sie ihr Zimmer seit neustem abschloss, sie sagte, Privatsphäre dürfte jeder haben. Amalia ging mit Dwingo spazieren, wenn sie im Park waren, dann ließ sie ihn raus. Bei dem Wetter waren nicht viele unterwegs. Er kam aber immer schnell wieder zu Amalia zurück, auch wegen der Wärme. Es war ein komisches Gefühl, wenn so kleine Krallen auf der Hand landen. Ein gutes Gefühl. Es konnte richtig fliegen! Er konnte kaum mehr damit aufhören. Und er hatte gar keine Hände und kam trotzdem gut zurecht. Manchmal beobachtete Amalia ihn fasziniert, wie er fraß, sich putzte, wie er ohne Pfoten sein Leben lebte. Er schien alles kompensieren zu können.
Amalia wusste nicht, wie er das anstellte, aber Dwingo konnte auch im Dunkeln fliegen. Er musste irgendeine Fähigkeit haben, von der sie nichts wusste. Einmal hatte er ihr auch einen Stromschlag verpasst, da war sie sich ziemlich sicher. Es war schon dunkel, sie lag im Bett und er kam von der Heizung zu Amalia geflogen. Es war mehr ein leises Kribbeln, aber sie war sich sicher, dass es von ihm kam. Es gab so viel, was sie noch nicht verstand über Dwingo!
Aber im Internet hatte sie eine mögliche Quelle gefunden. Eine Internetseite, die alle möglichen Informationen über Drachen zusammengestellt hatte, auf Englisch. Es waren Drachengebiete auf einer Landkarte eingezeichnet. Amalias Stadt zählt nicht dazu. Aber die Region in den Bergen, wo die Schwester ihrer Mutter, Isabella, lebte.

Drachen
Das Schuljahr konnte Amalia vergessen. Am nächsten Tag würde es ein Elterngespräch geben. Es würde wohl alles darauf hinauslaufen, dass sie das Jahr wiederholen musste. Vielleicht würde die Hand bis dahin ja wieder besser. Sie müsste lernen, damit zu leben, sagte der Arzt. Sie wollte aber nicht damit leben. Sie wollte auch nicht zu diesem Elterngespräch und über ihr Scheitern reden. Reichte es nicht aus, dass sie alles nicht mehr konnte?

Amalias Psychotherapeut bestärkte sie darin, zu ihrer Tante Isabella zu fahren. Dabei wusste er noch nicht mal etwas von Dwingo. Psychotherapeuten waren seltsame Menschen. Ihr Psychotherapeut fand die Idee auf jeden Fall gut, weil sie damit die Initiative ergriff und etwas selbst tat. Das hatte sie lange nicht. Sie hatte ihr Leben an sich vorbeiziehen lassen, weil sie es nicht mehr ertrug. Weil das Leben so extrem in ihre Planung eingegriffen hatte. Weil sie die Hand hatte, die nicht mehr funktionierte und weil sie nichts tun wollte, was eh nichts wurde. Und jetzt traute sie sich, Dwingo sei Dank, wieder einen kleinen Plan zu. Auch ihre Mutter hatte es eingesehen und das Schuljahr für ihre Tochter aufgegeben. Deswegen durfte sie über Ostern zu ihrer Tante Isabella hinfahren.

Ein Unfall kann ein Wendepunkt im Leben darstellen. Aber Menschen können sich auch sehr verändern, wird ein Drache in ihrem Haus geboren. Es kommt ganz darauf an, was für eine Art Drachen es ist. Manche gewinnen zwar einen kleinen rothäutigen Freund, verlieren jedoch ihr gesamtes Hab und Gut in den Flammen. Drachen mit einer besonderen Begabung für Feuer sprengen ihr Ei nämlich durch eine riesige Hitze, deren Entstehung noch nicht klar ist. Man kann nicht mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit die Begabung des Drachenbabys voraussagen, es gibt ein dickes Buch mit einer Art Rechenschieber um es zu berechnen. Die wenigsten Leute wissen davon. Die wenigsten Leute wissen überhaupt von Drachen. Natürlich kennt jeder Drachenzähmen leicht gemacht und eine gewisse Ähnlichkeit haben diese Drachen mit den echten Drachen. Aber wenn die Weibchen ihre Eier legen, dann ziehen sie sich zurück. Selten verirren sie sich in menschliche Gegenden. Passiert es dennoch, hat es meist große Auswirkungen auf das Leben dieser Menschen.
Es war also höchst unwahrscheinlich, dass Amalia noch einmal in ihrem Leben solch einen Wendepunkt erleben würde. Und wohingegen Unfälle meist negative Auswirkungen auf das Leben haben, so können Drachen manchmal alles ins Positive wenden.

Amalia schrieb in ihr Tagebuch, ungelenk und mit der falschen Hand. Aber sie schrieb:
Ich glaube, ich habe andere Drachen gefunden heute Nacht, oder es waren Fledermäuse. Zum Glück findet Tante Bella es nicht komisch, dass ich mich so früh morgens draußen herumtreibe.
Dwingo war ganz aufgeregt. Ich muss ihn unter meine Jacke stecken, um ihn an Tante Bella vorbei zu schummeln. Er wird erschreckend selbstständig hier, fängt sich Insekten und kommt nur noch sehr selten zu mir zurück, wenn wir spazieren sind. Er scheint sich wohl zu fühlen. Sollte ich ihn hierlassen?
Das ist schwer zu entscheiden, ich werde versuchen, ihn mit den anderen Drachen zu vergesellschaften. Er ist heute Mittag schon in ihre Nistbäume geflogen, aber niemand war da. Wir müssen abends wiederkommen. Vielleicht treffen wir sie dann ja.
Ich muss Dwingo einfach machen lassen. Vielleicht will er ja auch nichts mit ihnen zu tun haben.

Seitdem ich hier bin, ist es mit dem Schlafen auch besser geworden. Ich träume nicht mehr jede einzelne verdammte Nacht, ich habe auch mal ein oder zwei Nächte Pause.
Es ist komisch, aber mir geht es hier wirklich besser als vorher. Manchmal helfe ich Tante Bella sogar beim Kochen. Das ist schwer mit einer Hand, aber irgendwie sind wir ein gutes Team. Vielleicht kann ich ja zu Hause auch mit meiner Mutter zusammen kochen.

Ich habe Dwingo heute Abend draußen gelassen. Morgen schaue ich, wie es ihm geht. Wenn alles in Ordnung ist, dann lasse ich ihn hier. Wenn sie ihn in ihre Mitte aufgenommen haben. Ich hoffe es sehr für ihn, obwohl es schade ist…
Jetzt stehe ich am offenen Fenster, obwohl es draußen schon noch sehr frisch ist. Wenn es ihm nicht gut geht, wird er dann nach hier zurückfinden? Natürlich kennt er den Weg. Oder? Ich glaube, dass es ihm gut geht, sonst wäre er schon lange wieder da.
Wenn er hierbleiben möchte, dann gibt es Grund genug Tante Bella besuchen zu kommen. Hoffentlich erkennt er mich wieder, wenn ich ihn besuchen komme. Tante Bella sagt, dass ich gerne wiederkommen kann.

Danach
Es würde nie mehr sein wie zuvor. Manche Ergebnisse waren endgültig und etwas würde fühlbar und merklich für immer anders sein.
Sie hätte es nicht verhindern können. Deswegen war es einer dieser besonderen Wendepunkte im Leben. Einer derer, die alles verändern, die man sich aber nie herbeigewünscht hatte, nie gewünscht hätte.
Aber es war wieder passiert. Es gab noch einen Wendepunkt in ihrem Leben, dicht hinter dem ersten. Erst der Unfall und das CRPS, dann Dwingo. Es war selten, dass es zwei solche Ereignisse so kurz hintereinander gab. Aber vielleicht hatten Drachen auch ein Gefühl dafür, wann sie gebraucht wurden. Drachen haben die Eigenschaft, ihre Menschenbekanntschaften stärker zu machen, selbstbewusster. Vielleicht, weil sie etwas wussten, was den meisten Menschen verwehrt war. Vielleicht kam Dwingo wegen des Unfalls zu ihr, vielleicht gab es doch so etwas wie ein Schicksal. Dwingo, der Amalia gezeigt hatte, dass man keine Hände brauchte, der sie dazu gebracht hatte, ihr Leben wieder selbst etwas mehr anzugehen.
Aber ein positiver Wendepunkt bedeutet noch lange nicht, dass sich immer alles von alleine verbessert, du musst dich ändern lassen. Du musst dich aus dir heraus verändern, so weh es tut. Nur dann kann es einen Schritt nach vorne geben.

Es war eine sternenklare Neumondnacht. Die Luft war kalt. Vom Horizont lösten sich dunkle Schemen, flogen fast lautlos durch die Nacht. Der letzte unter ihnen blieb ein wenig zurück, aber der Abstand zum Rest der Gruppe wurde jede Nacht ein wenig geringer.

Man hätte sie fast für Drachen halten können, wie sie da so durch die Nacht flogen.

Kommentare (9)

Merchan Agaricus

Liebe Frau Simper,

das ist eine wunderschöne Geschichte. Der Schreibwettbewerb wird, was die Variationen der Texte angeht, immer vielfältiger und meines Erachtens besser. - Ihre Geschichte ist literarisch wertvoll, in einer sehr schönen, fließenden Sprache verfasst. Es macht Freude sie zu lesen. Ob der beiden Wendungen ist sie auch fesselnd. Gute Voraussetzungen also für Literatur.

Inhaltlich ist sie bewegend, rührend, bringt mich sogar dazu emotional zu werden und von einer Ungerechtigkeit zu sprechen. Wieso passiert das einer Abiturientin? - das kann das Leben doch unmöglich wollen. Und dann kommt die zweite, erfreuliche Wendung. Hervorragend. Das Herz des Lesers lacht auf.

Sie haben eine schöne Geschichte geschrieben, die mich auch an meine eigene Stieftochter erinnert. Sie ist zwar erst zwölf Jahre alt, liebt Drachen aber über alles. Insgeheim sind sie ihre Freunde und in ihrer gemalten Phantasie läßt sie diese Drachen auch lebendig werden. Und dann trägt sie auch einen sehr ähnlichen Namen, wie Ihre Protagonistin.

Vielen Dank für diese Erfrischung. Zugleich schätze ich es hoch und freue mich darüber, dass wir in unserem Haushalt an den Armen und Händen unversehrt sind, dass wir sie voll einsetzen können, zugleich bin ich auch froh, über unsere Phantasie. Wie wertvoll sind diese Fähigkeiten. Wie wertvoll ist Gesundheit.

Herzliche Grüße
Marcin Lupa

Gwendolin Simper

Sehr geehrter Herr Lupa,

vielen Dank für das Lob! Es freut mich sehr, wenn ich andere Menschen berühren kann.
Vielen Dank auch für die persönlichen Einblicke und viele Grüße an Ihre Stieftochter. Drachen sind faszinierende (Fabel-)Wesen.

Die Gesundheit ist wirklich ein sehr wertvolles Gut. Auch ich habe nie darüber nachgedacht, habe es als selbstverständlich empfunden, dass es mir gesundheitlich so ging wie den Gleichaltrigen.
Als ich dann im Alter von 25 Jahren selbst an CRPS erkrankte, änderte sich auch mein Leben von heute auf morgen. Seitdem ich etwas besser mit der Diagnose zurechtkomme, versuche ich für mehr Bewusstsein für diese seltene und schwerwiegende Erkrankung zu werben, das Schreiben von Geschichten hilft mir dabei.
Ich wollte eine Geschichte schaffen, die zwar das CRPS als Thema hat, aber nicht zu pessimistisch ausgerichtet ist - einfach, damit der Leser mal mit dem Wort CRPS in Berührung kam und eine gewisse Vorstellung davon bekommt.

Viele Grüße
Gwendolin Simper

Merchan Agaricus

Liebe Frau Simper,

das ist Ihnen alles geglückt und ich werde mich mit dem Thema CRPS auseinandersetzen.

Herzliche Grüße
Marcin Lupa

Carolin Philippsen

Liebe Gwendolin,

Deine Geschichte ist etwas besonderes, wie du es schaffst das der Leser emotional eintaucht und mit der Protagonisten mitfühlt.

Mit einer solchen Wendung, wie du sie geschehen lässt hatte ich nicht gerechnet, aber du hast mich damit sehr glücklich gemacht. Ich bin ein großer Fan von Fantasy Elementen und generell von Drachen.

Ich finde es sehr schön wie du deine eigene Geschichte nutzt um Geschichten zu erzählen. Es ist wichtig nach vorn zu gehen und eine Stimme zu haben.

Ganz liebe Grüße!

Yan Chris

Tolle Geschichte, ließt sich sehr sehr gut!

Arne Petersen

Liebe Gwendolin,

eine sehr bewegende Geschichte von Einschränkungen und den Folgen die sie haben können… und dem Kampf wieder aufzustehen. Der Drache als ursprünglicher Hoffnungsschimmer ist sehr schön gelungen! Hoffentlich hat oder findet jeder der eine positive Wendung braucht seinen Dwingo!

Sina G

Liebe Gwendolin,

danke, dass du diese Geschichte mit uns geteilt hast. Ich fand sie wirklich sehr schön zu lesen! Gerade das Thema CRPS begegnet mir in meinem beruflichen Alltag immer mal wieder und daher fand ich die Geschichte noch eindrucksvoller.

Gwendolin Simper

Vielen Dank,
Ich hoffe, dass ich mit meinen Geschichten viele Leute erreichen und zeitgleich unterhalten und aufklären kann.


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