Was sind die Grenzen der hessischen Literatur?

wbg Redaktion • 27 Juni 2022
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Was sind die Grenzen der hessischen Literatur?

Blogbeitrag von Nathanael Busch, Autor des Buches "Mapentiure Hessen"


Am Marktbrunnen gegenüber dem Rathaus der Universitätsstadt Marburg weist eine unscheinbare Gedenkplakette darauf hin, dass im Jahr „1248 an dieser Stätte“ Herzogin Sophie von Brabant, Tochter der Hl. Elisabeth, das Land Hessen gegründet habe. Man muss wohl ein wenig verzweifelt auf der Suche nach Bedeutsamkeit sein, wenn man eine Kontinuität von einem politischen Vorgang von Annodazumal bis in die Moderne sieht. Was seit 1945 ein Bundesland bildet, hat eine komplizierte Geschichte. Man braucht nicht bis ins Mittelalter zurückzugehen, um sich einen Eindruck von der einstmaligen Kleinstaaterei zu machen. Der Dich-ter Friedrich Hölderlin wanderte um 1800 an einem jeden ersten Donnerstag des Monats von Homburg, damals noch nicht Kur-, sondern Residenzort, in die Freie Stadt Frankfurt. Je nach gewähltem Weg passierte er zwei oder drei weitere Staa-ten. Heute dagegen braucht die S-Bahn für die Verbindung knapp zwanzig Minuten und fährt wegen historischer Verwicklungen stets durch ein einziges Bundesland.

Der Verlauf der einstigen Grenzlinie erscheint aus der Gegenwart wie eine historische Zufälligkeit, doch Grenzen sind Ausdruck einer politischen Gestaltung von Raum. Wenn sie als „Sortiermaschinen“ dienen, wie man im gleichnamigen Sachbuch-Bestseller von Steffen Mau lesen kann, bestimmen sie sich primär durch ihr Management von Mobilität; die Grenzen zwischen den Bundesländern erscheinen heute wie inexistent, weil sie für die Kontrolle von Personenbewegungen weitgehend irrelevant sind. „Hessen“ dagegen ist zum Markenzeichen geworden, das als Identität an einem scheinbar künstlichen Gebilde klebt. Fragt man indes nach der Abgrenzung der Literaturgeschichte Hessens, muss man sich entscheiden, an welchem dieser historischen Räume man sich orientiert. Lange Zeit blickte man auf die Ursprünge, dachte die Literaturgeschichte also von vermeintlich germanischen Stämmen her. Doch ein jeder Versuch, Goethe, Grimm oder Kurzeck aus dem Licht der Chatten zu sehen, bleibt wahlweise lächerlich oder endet übel, weil er nichts als eine historische Projektion darstellt. Daher geht man mit gutem Recht von der heute relevanten Konstruktion aus, die vereint, was früher einmal nicht zusammen gehörte, und dafür auch auseinander reißt, wo es enge Beziehungen gab.

Deshalb begibt sich das Buch Mapentiure Hessen (wbg Academic 2021) auf die Spuren der mittelalterlichen Literatur im heutigen Hessen. In 43 kurzen Kapiteln stellt es Orte vor, die mit einem meist unbekannten Werk aus früheren Zeiten verbunden werden, denn gemeinhin gilt selbst unter Spezialisten das Vorurteil, dass das Mittelalter in diesem Raum für die Literatur unergiebig gewesen sei. Ein genauerer Blick verrät allerdings, dass die Abwertung einem allzu engen Blick entspringt. Von der nördlichsten Spitze in Helmarshausen, wo das prächtige Evangeliar Heinrichs des Löwen entstand, bis zur Vier-Burgen-Stadt Neckarsteinach, wo der Minnesänger Bligger gebürtig gewesen sein soll, findet sich hier ein Reisebericht, dort ein mystischer Traktat und bald ein Hinweis auf jüdisches Kulturerbe. Das Buch zeigt auch eindrucksvoll, wie mobil und vernetzt auch damals schon die Literatur zu denken ist. Beispielsweise fanden etliche der mittelhessischen Humanisten beim Studium in Erfurt zusammen.

Unweigerlich muss ein Blick auf die Geschichte auch die Historizität der Grenze wahrnehmen. Eine Literaturgeschichte Hessens hat dann weder mit Heimattümelei noch mit dem Geruch der chattischen Erdscholle zu tun, sondern ist kulturelle Praxis, nicht anders als es beim ‚Hessischen Tag der Literatur‘ oder einem Radreiseführer durchs Bundesland der Fall ist.


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Mapentiure Hessen

Auf den Spuren mittelalterlicher Literatur

Was haben irische Mönche im Frühmittelalter in Oberhessen zu suchen? In welchem hessischen Kloster entstand das teuerste Buch der Welt? Welche Streiche spielt Till Eulenspiegel in Marburg? Dieses Buch nimmt Sie mit auf eine Abenteuerreise: Erforschen Sie die Spuren der mittelalterlichen Literatur in Hessen! GermanistInnen der hiesigen Universitäten geben Ihnen an 43 spannenden Orten einen Einblick in die Kultur vergangener Zeiten - von Helmarshausen im Norden bis nach Neckarsteinach im Süden. Oftmals ist den Orten gar nicht anzusehen, in welcher Verbindung sie mit der Literaturgeschichte stehen. Durch dieses Buch wird eine Brücke zu Pilgerberichten, Heldenliedern, mystischen Traktaten und Zaubersprüchen geschlagen. Mit einem kurzen Text wird nicht nur über ein Werk informiert, das im Zusammenhang mit dem Ort steht, sondern auch ein kurzes Stichwort zum literaturgeschichtlichen Kontext gegeben. Sie werden überrascht sein, wie greifbar das Mittelalter in Hessen heute noch ist.


Über den Autor: Nathanael Busch ist Professor für ältere deutsche Literatur an der Philipps-Universität Marburg. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Erforschung des Artusstoffes, der Überlieferung mittelalterlicher Werke sowie ihrer Rezeption in der Neuzeit.

Über die Autorin: Anna Hofmann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche Philologie des Mittelalters an der Philipps-Universität Marburg. Sie arbeitet an einer Monographie über das Leben und Werk des Reichenauer Mönchs Walahfrid Strabo.: 

Kommentare (1)

Merchan Agaricus

Eine sehr gelungene Buchvorstellung, die auch das Interesse weckt. Zumal eine Reise nach Hessen, sowohl literarisch als auch physisch immer lohnend erscheint.
Gerne hätte ich so eine Anthologie auch für das neuzeitliche Oberbayern, in dem ich augenblicklich lebe - besonders für die Landkreise München, Ebersberg, Wolfrathshausen, Miesbach, Rosenheim.


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