Was ist los mit uns Deutschen?

Christian Wittmann • 14 März 2021

Liebe Historiker,

was stimmt mit uns Deutschen nicht? Die aktuelle Situation lässt mich fragen, nach einem ursprünglichen, in unserer deutschen DNA befindlichem Mangel, einem Irrtum, der uns immer wieder an uns selbst scheitern lässt.

An ein paar Beispielen möchte ich es verdeutlichen:

Vor einem Jahr lief ein Hörspiel (aus den 90ern) für meinen Kleinen, Bibi Blocksberg. Die kleine Hexe wünschte sich in dieser Geschichte Inlineskates, die im Deutschland der 90er was absolut Neues waren. Kommentar von Bibis Vater in dieser Story "Pah! Sowas modernes bekommst du von uns nicht!"

Wie bitte?! Ich dachte, ich habe mich verhört und wurde wütend. Was für eine schwachsinnige Äußerung, noch dazu in einem Hörspiel für Kinder! Ich war fassungslos und gleichzeitig war es für mich eine Bestätigung dessen, was ich in der Zeit zuvor immer mehr fühlte und wahrnahm, aber nie eindeutig benennen konnte: die Angst und Scheu vor Neuem in der DNA der Deutschen, eine tief verwurzelte Rückwärtsgewandtheit und Mutlosigkeit Neuem und Unbekannten offen gegenüberzutreten.
An dieser Stelle des Hörspiels hatte ich sofort Frau Merkel vor Augen, wie sie wild fuchtelnd ausrief "Was? Digitalisierung?! Ne! In so was modernes investieren wir Deutschen nicht!"

Woher kommt das? Woran liegt das? Beispiele gibt es ja endlos, bis zurück in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, in der sich nicht wenige ins Kaiserreich zurückwünschten. An dieser Stelle möchte ich auch einen Unterschied machen, zwischen der ganz allgemeinen menschlichen Natur, die aus ganz natürlichem Reflex heraus an das zuletzt Bekannte denkt, wenn schwierige und unsichere Zeiten aufkommen, und dem typischen deutschen Zögern, Hadern, endlosen und fruchtlosen Überdenken und Zaudern, der Angst in unbekannte Gefilde vorzustoßen.

Als ich mal jemanden fragte, warum denn die meisten großen Firmen, die heute den Ton angeben, ausgerechnet in Amerika zu finden sind, bekam ich eine interessante Theorie zu hören: Alle Länder, die einst aus Kolonien entstanden, haben im Kern ihres Wesens einen ganz anderen Charakter, als das alte Europa. Menschen die ihre Heimat verlassen haben, ob freiwillig oder nicht und ohne zu wissen, was sie erwarten würde, waren gezwungen, sich aus dem Nichts etwas aufzubauen, sich zu behaupten und kreativ zu sein. Nie konnte zu jenen Zeiten ein Mensch wissen, ob ein Plan aufgehen würde oder nicht. Aber sie mussten handeln, denn viel Zeit für Überdenken, Abstimmen, Planen, skeptischen Hinterfragens gab es nicht.

Ganz anders bei uns Deutschen. Mein Bruder ist Bauingenieur und hat erzählt: Während der Amerikaner, Kanadier, Australier oder Asiate weiß, dass er beim Angriff eines neuen Großprojekts nie jedes einzige, kleinste Detail unter Kontrolle haben kann, weiß er genauso, dass er irgendwann anfangen muss. Der Deutsche kann das nicht. Der hadert, zaudert und zittert bis zum Verrücktwerden, weil er schon beim ersten Schritt genau wissen muss, wie am Ende alles aussieht und vor allem gut ausgeht. Er ist unfähig anzuerkennen, dass bei aller Vorsicht und Planung ein Restrisiko bleibt. Und damit kommt die deutsche Pedanterie nicht klar.

Ein anderes Beispiel habe ich erst letzte Woche in der aktuellen Bild der Wissenschaft (März 2021) gefunden. Dabei geht es um die Erforschung von psychoaktiven Stoffen und deren Einsatzmöglichkeiten in der Medizin. So haben Kanadier zum Beispiel Psilocybin, ein Halluzinogen, dass Pilze produzieren, in Ausnahmefällen für sterbenskranke Krebspatienten zugelassen. Weiter heißt es, Zitat: "Das Drogenerlebnis soll ihnen die Angst vor dem Sterben nehmen, damit die letzte Zeit ihres Lebens erträglicher wird." Und dann: "Deutschen Palliativmedizinern sind solche Ideen fremd." Klar, der Deutsche kriecht noch im Sumpf von Schmerzbehandlung, kreativer Mal- und Musiktherapie und einfühlsamen Gesprächen. Oder Entspannungshilfen wie "einer Traumreise in Gedanken oder Erlebnisse mit Virtual-Reality-Brillen."

Das Beispiel unserer Sprache lasse ich hier einmal weg. Nur so viel: kein anderes Land fummelt so lange so sinn- und nutzlos an der eigenen Sprache herum, wie Deutschland. Für mich nur ein weiterer Beweis dafür, dass unsere deutsche Gesellschaft offenbar einen Wohlstand erreicht hat, der ihr nicht mehr guttut. Der ihr den größten Hirnfurz der Gegenwart ermöglicht, nämlich sich über die letzten Nichtigkeiten herzumachen und ungefragt an der deutschen Sprache herumzuschrauben. Mein Sohn wird einmal mit den Studenten in die Universität gehen und auch ich habe hier ganz oben sehr bewusst Liebe Historiker geschrieben, denn das der Historiker auch eine Frau sein kann, ist doch Gott verdammt nochmal einfach nur logisch. Bei diesem Thema werde ich wütend, weil es Hohn ist, gegenüber all jene Themen, die tatsächlich beackert werden müssten, aber ein zu heißes Eisen für die Verantwortlichen darstellt. In diesem Fall sind wir Deutschen Weltmeister in der Erhebung von Bagatellen zum Lebensinhalt, bzw. zum vermeintlich ernsten Inhalt politischer Diskussionen.

Ja und nicht zuletzt haben wir aktuell das Chaos der Corona-Pandemie. Als ich zum ersten Mal das Wort "Lieferkettengesetz" hörte, konnte ich es noch weniger glauben, als diesen Stuss im Bibi Blockberg Hörspiel. "Lieferkettengesetz", auf so ein Wort muss man erst mal kommen, äußere Umstände muss es erst mal geben, damit sich ein Deutscher so ein furchtbares Wort einfallen lassen kann. Erkläre so ein Wort mal einem Amerikaner, Australier oder Neuseeländer. Der liegt wahrscheinlich mit Lachkrampf und Schnappatmung auf dem Boden.

Was ist es also nun, dass uns Deutsche immer wieder in diese verstaubte, biedere Pedanterie bringt, mit der wir immer weniger auf die Reihe bekommen? Weder einen Flughafen noch große öffentliche Bauprojekte, schon gar nicht die Digitalisierung und erst recht keine Viruspandemie.

 

Kommentare (1)

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