Was ist Kultur?

Teresa Hüttepohl • 24 April 2021
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Was ist Kultur? – Eine Annäherung ohne Internet

 

Ich habe viele Wochen immer wieder über das Thema und den Begriff der Kultur nachgedacht.

Ich habe mir eigene Gedanken gemacht und ich habe Menschen dazu befragt. Das Internet habe ich noch nicht gefragt. Wie unkultiviert von mir.

Ich habe mich gefragt, welche weiteren Begriffe mir einfallen, die den der Kultur beinhalten und was sie bedeuten. Vor allem für mich. Und dann auch für andere.

Ich habe mich gefragt was das eigentlich ist. Kultur. Erstmal ist das ja auch nur ein Wort, eine Hülle, die irgendwer mit Inhalt füllt. Oder jeder.

Das was ich Rose nenne duftet süß, auch wenn es anders heißt (Oh Shakespeare). Der Inhalt ist so viel wichtiger als der Begriff und doch, oder gerade weil, musste jeder, den ich fragte, erst mal nachdenken.

Jeder kannte dieses Wort, jeder dachte nach und jeder gab eine Antwort. Jeder überlegte was Kultur bedeutet, jeder gab Beispiele für Kultur. Niemand gab eine Definition.

Erst auf Nachfragen begannen wir uns dieser gemeinsam anzunähern. Was haben all diese Beispiele grundlegend gemeinsam? Gemeinsamkeit.

Mit jedem und jeder wurde ich mir einig, dass Kultur mehr als einen Einzelnen betrifft. Kultur bezieht sich immer auf eine bestimmte Gruppe. Eine Gruppe, die sich gegebenenfalls erst durch die gemeinsame Kultur als Gruppe erkennt.

Kultur sei ähnlich einer nicht niedergeschriebenen Regel über die Art und Weise wie man die Dinge macht. Oder, dass man bestimmte Dinge überhaupt macht. Ich mache das schon immer so. So läuft das hier. Mein Haus, meine Regeln.

Die Dinge sind hier die noch nicht benannten Beispiele. Die Regeln sind…etabliert. Nicht erst aufgesetzte und dann umgesetzte. Sondern andersrum. Beobachtet, als regelhaft anerkannt und dann festgelegt. Nicht erschaffen oder erdacht, sondern gelebt und erlebt.

 

Gesprächskultur.

Streitkultur.

Rape-Culture.

 

Diese Begriffe kommen mir in umgekehrter Reihenfolge als erstes in den Sinn. Sagt das was über mich? Oder über meine Kultur? Zumindest der letzteren fühle ich mich so gar nicht zugehörig. Nichtsdestotrotz hat sie eine Bedeutung für mich. Keine gute.

Der Begriff der Kultur wirkt erstmal sehr positiv. Jemand der kultiviert ist, ist gepflegt und anständig. Jemand der unkultiviert ist, ist es nicht. Aber auch Kultiviertes kann je nach Perspektive durchweg negativ sein. Diejenigen, die sich zum Beispiel der Rape-Culture zugehörig fühlen, sehen sich als entsprechend kultiviert, für mich als Außenstehende ist es das widerliche Gegenteil. Der Nutzen der Kultur ist somit auch eine Frage der Perspektive.

Kultur betrifft nie alle. Kultur betrifft nie nur den oder die Einzelne. Sie bezieht sich immer auf eine Gruppe. Und das scheint auch eine Aufgabe der Kultur zu sein, wenn Sie denn überhaupt eine hat. Die Gruppierung.

Kultur setzt Individuen aufgrund gemeinsamer Verhaltensweisen zu einer Gruppe zusammen. Die Gruppe, die sich so verhält. Das schafft Gemeinsamkeit und auch ein Gefühl eben dieser. Das klingt schön. Der Mensch ist ein soziales Wesen und er möchte dazu gehören. Irgendwo. Irgendwo? Er möchte sich gleich fühlen mit irgendwem. Irgendwem? Wenn er sich gleich fühlt, fühlt er sich richtig. Aber wo wir (?) Gruppen schaffen, schaffen wir auch Grenzen. Bedingungen. Voraussetzungen der Dazugehörigkeit. Und damit eben auch Ausschlusskriterien. Wo Grenzen sind, gibt es auch Ausgrenzung. Wo jemand dazugehören kann, gehört auch immer jemand nicht dazu.

Außerirdische sind keine Weltenbürger. Die sind anders als wir. Das glauben wir zu wissen, dabei kennen wir gar keine. Der Außerirdische kann auch gar nichts dafür, dass er nicht auf ‚unserer‘ Welt, der Erde, lebt. Dennoch strafen wir ihn mit Ungläubigkeit, Missachtung, dem Glauben der Inexistenz, und dem Urteil, sollte er existieren, könne er nicht sein wie wir, und demnach kann er auch nicht gut sein. Der will uns was Böses. Was wegnehmen. Was kaputt machen. Dabei kennen wir ihn gar nicht. Wir wissen nichts über seine Kultur. Aber wir glauben zu wissen, dass er anders sein muss und anders als wir, das können wir nicht als gut akzeptieren. Das muss falsch sein.

Zugehörigkeit klingt wunderschön, erstrebenswert, wichtig, notwendig fast für das soziale Gemüt. Zugehörigkeit klingt viel schöner als Ausgrenzung. Das klingt nach Benachteiligung, Verachtung, Ignoranz, Über- und Unterlegenheit. Das ist doch nicht schön. Und doch ist es das was Kultur macht. Einschließen und Ausgrenzen. Das eine geht ohne das andere nicht.

Das was ich Rose nenne duftet süß, auch wenn es anders heißt

Aber so ne Rose verwelkt eben auch irgendwann. Trocknet aus, vergilbt, geht ein, zerfällt. Und heißt immer noch so. Erst wenn sie wieder zu Erde wird, zum Nährstoff für Neues, heißt sie anders. Dann wird die Rose zu einem Teil der Erde, auf der sie einst blühte. Vielleicht wächst dort dann irgendwann mal ein Vergiss-mein-nicht. Ein Vergiss mein nicht ist keine Rose und doch dürfen wir beide Blumen nennen. Die eine ist so, die andere ist so. Sie unterscheiden sich und ähneln sich.

Wenn mir jemand eine Rose bringt, dann freue ich mich über den Gedanken, dass er mir eine Freude machen wollte. Ich mag Blumen. Aber eben keine Rosen. Ich habe das nicht entschieden. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, welche Blume mir besser gefällt als eine andere. Mir hat auch niemand vorgeschrieben welche Blumen mir gefallen sollen. Ich fühle das einfach.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nie einen persönlichen Bezug zu Rosen hatte.

Meine Mutter hat in meiner Kindheit einen bunten Garten gepflegt. Sie hat die Blumen gepflanzt, die ihr gefallen, die ihr Freude bringen, die sie schön findet.

Manche Blumen waren ganz leicht zu pflegen, da musste man sich nicht viele Gedanken machen, nicht viel Zeit investieren. Andere Blumen hatten besondere Ansprüche. Die Trompeten zum Beispiel. Die brauchten ihren eigenen Topf und den sonnigsten Platz, den Mutter finden konnte im Garten. Manchmal trug meine Mutter die Pflanzen dem Licht hinterher, damit es Ihnen besser ging und sie meine Mutter noch länger und prachtvoller erfreuten.

Den Garten meiner Mutter gibt es noch. Meine Mutter gibt es auch noch. Und die Sonne scheint auch noch am Himmel, ob ich will oder nicht. Aber Trompeten gibt es keine mehr in ihrem Garten. Ich glaube irgendwann war meiner Mutter die Arbeit zu viel. Der Garten ist nicht mehr so bunt wie früher. Maiglöckchen, Narzissen, Tulpen, Begonien. Die Pflanzen, die einfach im Umgang sind, die sind geblieben. Oder immer wieder gekommen.

Ich besuche den Garten manchmal und erfreue mich an seinen Farben und auch an meinen Erinnerungen daran, wie er früher war.

Ich selbst wohne dort nicht mehr. Ich habe jetzt mein eigenes Zuhause. Und meine eigenen Blumen.

Letztes Jahr habe ich mir einen Trompetenbaum gekauft.

Es gibt genau einen Ort in meinem Zuhause, an dem es ihm gut geht. Er bekommt ordentlich Sonne von oben und von mir bekommt er nährstoffreichen Boden und Wasser.

Ich mag den Trompetenbaum. Er erinnert mich an eine bunte und fröhliche Kindheit.

An Zuhause.

An meine Mama.

 

 

Kommentare (11)

Marcin Lupa

Liebe Frau Hüttepohl,

ich habe notiert: schöner Text, schöne und verständliche Sprache, vornehm, gut erzählt, flüssig, edel. Voller guter Beispiele.

"Kultur betrifft nie alle. Kultur betrifft nie nur den oder die Einzelne. Sie bezieht sich immer auf eine Gruppe. Und das scheint auch eine Aufgabe der Kultur zu sein, wenn Sie denn überhaupt eine hat. Die Gruppierung." - Gemeinsamkeiten und Gruppierungen. Sie schreiben, dass es Abgrenzungen gibt und so ist ein "Aufnahmekriterium" in einem Kulturkreis ein Benehmen, das sich nach den jeweiligen Regeln ausrichtet, vielleicht die Netiquette?

Ausserirdische? - Mancher bewußt und reflektiert lebender, sowie kultivierter Autist, der durchaus in seinem Metier etabliert sein kann, wird als nicht dazugehörig empfunden und ausgegrenzt. Warum? - Weil er fremd erscheint?

Obwohl ich aus Rosenheim komme - mein Arbeitgeber hat dort auch seinen Firmensitz - liebe ich eine andere Blume mehr als die Rose. Es ist die Blüte des Lophophora Williamsii. Auch sie ist zart Rosa.

Genießen Sie Ihre Trompeten und auch Ihre Mutter und ihren Garten, ihr vergangenheitsschwangeres Zuhause.

Herzliche Grüße
Marcin Lupa

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  • Gast (nicht überprüft)

    Liebe Terese,

    sehr schöner Text. Er ist frisch, inspirierend und regt gleichzeitig zum nachdenken an. Mir gefällt vor allem die Nostalgie dahinter.
    <3

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  • Jürgen Alexander Gustav Klemz

    Ich schließe mich Herrn Lupa und Herrn Thaci an,
    es ist als würde eine Stimme (wohltuend und lieblich zuweilen melancholisch aber dennoch glücklich) sprechen wenn ich Ihren Text in inneren Lese. Vielen herzlichen Dank dafür... Garten und Gärten sind wundervoll!
    Für große und kleine Menschen:)))

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  • Waldemar Lehmann

    Leider ist in jedem Garten auch mal Unkraut. Entweder kann der Besitzer entscheiden ob er weiter wächst oder nicht. Oder der Garten macht es auf seine Art und weise...danke für diese schöne Art und Weise mal mehr darüber nachzudenken!

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  • Norbert KNOLL

    Liebe Frau Hüttepohl,
    Sie veranschaulichen auf eindrucksvolle Weise, was Kultur in ihren vielfältigen Ausprägungen bedeuten kann. Ich erlaube mir einen verspäteten Kommentar.

    Ich habe mich vor 2 Jahren mit der Frage beschäftigt und im Mai dieses Jahres ist ein Buchbeitrag dazu erschienen (https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-32083-6_15).

    Vergessen Sie meinen Artikel, aber lassen Sie mich kurz umreißen, wie ich das Thema Kultur angegangen bin. Robinson Crusoe dient mir als Beispiel dafür, was passiert, wenn einer in einen "kulturfreien Raum" fällt und 25 Jahre allein und völlig auf sich alleingestellt auf einer Insel verbringt. Eine Robinsonade dient mir als neutraler Referenzpunkt zur Bestimmung von Kultur.

    Sie schreiben: "Kultur betrifft nie alle. Kultur betrifft nie nur den oder die Einzelne. Sie bezieht sich immer auf eine Gruppe. Und das scheint auch eine Aufgabe der Kultur zu sein, wenn Sie denn überhaupt eine hat. Die Gruppierung."

    Das trifft sich mit meinen Überlegungen, weil ich Kultur und Sozialität als zwei verschiedene Seiten derselben Medaille sehe. Kultur bildet quasi die Leitplanken/Orientierungsmarken des Handelns eines Individuums. Es sind Leitplanken, die wir in Gesellschaft mit anderen Individuen (etwa in Gruppen) erlernen und auch nur mit ihnen ausprobieren, verändern oder beibehalten. Wie wir essen, uns kleiden, miteinander sprechen ist letztlich kulturell überformt und beruht auf unserem (erlernten) kulturellen Wissen.

    In meiner Interpretation von Robinson Crusoe im angesprochenen Buchbeitrag komme ich zu folgendem Ergebnis:

    "Bedeutungslos geworden ist [in der Robinsonade], ob und was Robinson dank seiner Sozialisation in England an verhaltensprägenden Restbeständen weiterführt oder ablegt. Jahre nach seiner Strandung scheut er sich noch immer davor, nackt herumzulaufen, obwohl er die Einsicht gewonnen hat, dass er bei gutem Wetter keine Kleidung als Schutz benötigt. Umgekehrt kommt ihm zu Bewusstsein, dass Leute in Yorkshire sich entweder ängstigen oder vor Lachen schütteln würden, könnten sie ihn in seiner Aufmachung sehen. Da sieht man, einerseits wie tief kulturelle Prägungen gehen und andererseits wie stark kulturelles Wissen in die Interpretation der Äußerungen eines Individuums eingeht. Das Fremde, bleibt bei Anwendung der Denkmuster der eigenen Kultur einer Interpretation unzugänglich und unverständlich.

    Robinson ist zwar ein Engländer geblieben, aber er hat eine ziemlich lange Zeitspanne in einem kulturfreien Raum verbracht. Er hat nicht vergessen, was zu einem Leben in Yorkshire gehört, was von den Menschen, die dort leben, als üblich, normal und selbstverständlich im Umgang miteinander wahrgenommen wird, welche „Formulierungen“ man finden muss – sprachlich, in puncto Kleidung, Essen bei sonstigen Alltagsaktivitäten – um Missverständnisse zu vermeiden. Das macht kulturelle Trajektorien aus. Die Robinsonade wäre dann so etwas wie ein neutraler Referenzpunkt, um für das Kulturelle eine Differenz wahrnehmbar zu machen, um Kultur denken zu können und Kulturen oder Subkulturen vergleichbar zu machen, ohne auf Maßstäbe und Wertungen der eigenen Kultur zurückgreifen zu müssen." (Knoll, 2021, S.188)

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