Was ist eine Utopie? Diskussion zum Thema sowie Gewinnspiel zu "Stanislaw Lem - Leben in der Zukunft"

Thorsten Jacob • 12 August 2021
13 Kommentare
3 gefällt

Liebe Community,

was ist eine Utopie?

Thomas Morus (1478 - 1535) und Francis Bacon (1561 - 1626) schufen mit der politischen Utopie eine neue Literaturgattung, unter welcher wir heute mitunter eine Idee verstehen, welche unrealistisch oder fantastisch erscheint.

Der Begriff "Utopie", gleichnamig zum Buch von Morus von 1516, setzt sich zusammen aus dem griechischen "ou" > "nicht" sowie "tópos" > "Ort" und bedeutet demnach Nicht-Ort oder Nirgendwo! 

Ebenfalls mit Utopien in Verbindung zu bringen wäre Stanisław Herman Lem, welcher am 12. September 1921 in Lemberg geboren wurde und als Philosoph, Essayist und Science-Fiction-Autor sich einen Namen machte.

Bei der wbg ist jüngst das Buch "Stanislaw Lem - Leben in der Zukunft" von Alfred Gall erschienen und bis einschließlich zum Jahrestag am 12.09.2021 laden wir Sie gerne ein zum folgenden Gewinnspiel: Was bedeutet für Sie, liebe Community, der Begriff "Utopie"? Was verbinden Sie damit, welche Utopien faszinieren oder erschrecken Sie und welche Personen, ob Morus, Bacon, Lem uvm., in der Geschichte sind für Sie zum Thema "Utopie" bedeutend?

Jeder Kommentar hier nimmt automatisch Teil an der Verlosung von insgesamt jeweils drei Ausgaben von "Stanislaw Lem - Leben in der Zukunft".

Die Gewinnerinnen und Gewinner werden ab dem 13.09. benachrichtigt.

Herzliche Grüße

Thorsten Jacob

Leitung wbg Community Plattform


Lem
Zum Buch im Shop

Alfred Gall

Stanislaw Lem - Leben in der Zukunft

Beschreibung

Von Kybernetik bis Zivilisationskritik: Leben und Werk eines Visionärs

Er gilt als Science-Fiction-Autor, weil seine Erzählungen über den Fortschritt von Technik und Wissenschaft in kein anderes Genre gepasst hätten: Stanislaw Lems Bücher faszinieren nach wie vor Millionen von Lesern und wurden vielfach verfilmt.

Doch woher kam sein Interesse für Astronauten und Raumfahrt, für Nanotechnologie und künstliche Intelligenz? Alfred Gall stellt den Philosophen, Essayisten und Autor erstmals ausführlich in einer deutschsprachigen Biografie vor und zeigt, wo die Vorliebe für futuristische Szenarien ihren Ursprung hat.


Alfred GallAlfred Gall ist Professor für westslawische Literatur und Kulturwissenschaft sowie wissenschaftlicher Leiter des Polonicums an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zu seinen Forschungsinteressen zählen die polnische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, insbesondere deren Verhältnis zur Philosophie, Postkolonialismus, Literatursoziologie und Literaturgeschichte.

Kommentare (13)

Paul Hübscher

Was ist eine Utopie' Hm ... wie viele Seiten habe ich zur Verfügung? - Im Ernst: Utopie ist für mich eine literarische Gattung - die Erzählung von einer besseren Welt und wie sie aufgebaut ist. Wie ein besserer Staat aufgebaut ist. Utopie ist also auch immer politische Utopie. Es gab ca. 1990 ein gutes Büchlein bei der WBG - Richard Saage: Politische Utopien der Neuzeit. Daraus könnte ich jetzt Seiten abschreiben und kommentieren.

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  • Marcin Lupa

    Obwohl ich Pole bin und mehrmals schon mit Stanislaw Lem in Berührung kam, kenne ich sehr wenig von ihm, wüßte gerne mehr. Daher bewerbe ich mich hiermit, um eine dieser Ausgaben, die verlost werden.

    Utopie bedeutet für mich das Scheitern einer Wunschvorstellung, während Dystopie die Angst vor einer zukünftigen Weltbeschaffenheit darstellt.
    Utopie kann umgangssprachlich sein, wenn es für mich beispielsweise "utopisch" sein wird, jemals als Lektor tätig zu sein. Obwohl ich es wollen würde. Es gibt aber zu viel, was dagegen spricht.

    Utopie kann aber auch eine literarische Gattung sein, z.B. die Vorstellung von einer Zukunft im Sinne von Star Trek. Angeblich soll der bayrische Ministerpräsident selbst dieser Utopie anhängen.

    Auf literarischen Weg kam ich eher mit Dystopien in Berührung. Da wäre an erster Stelle zu nennen: "1984" von George Orwell oder "Animal Farm", was mehr eine Parabel ist.
    "Schöne neue Welt" von Aldous Huxley habe ich an einem Abend und in der folgenden Nacht gelesen, so sehr hat mich dieses Buch gefesselt, was ich für die gelungenste Utopie in der Literaturgeschichte halte und deren Umsetzung in der heutigen Wirklichkeit, am ehesten vonstatten geht. Nicht gar so düster und endgültig, doch eine Tendenz zu dieser Entwicklung macht sich m.E. bemerkbar.

    Als letztes möchte ich William Gibson nennen, der in den 1990er Jahren seine großen Utopien geschrieben hat, allem voran die "Neuromancer" - Trilogie. Da geht es um eine Zukunft, die sich auch im gewissen Sinne ereignet hat, nämlich die Entwicklung des Internet mit KI und den Global Playern.
    Gibson ist immer noch mit seinen schaurigen Geschichten aktiv.

    Letztendlich bleibt jedoch Utopie für mich etwas, was möglich wäre, aber nicht erreicht werden kann. Man negiert das Ziel, geht davon aus, dass es nicht machbar ist; utopisch.

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  • Heidi Adamaszek

    Eine Utopie ist etwas Gutes, etwas Schönes, eine Idee von dem, was wir uns alle wünschen, welches wir (noch) nicht erlebt haben... ganz bescheiden ausgedrückt.

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  • Martin Ploen

    Um die Frage zu beantworten, was eine Utopie denn ist, könnte man den ersten Satz aus Wikipedia zitieren. Demnach handelt es sich bei einer Utopie „um den Entwurf einer möglichen, zukünftigen, meist aber fiktiven Lebensform oder Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist.“

    Wie in der Einführung richtig beschrieben wurde der Begriff Utopie von Thomas Morus geprägt, wobei die Idee des Utopischen selbst allerdings schon sehr viel älter ist. Bereits Platon ging in seinem philosophischen Werk Politeia der Frage nach, wie der ideale Staat aufgebaut seien sollte. Nebenbei war Platon auch der erste Gelehrte, der über das sagenumwobene Atlantis schrieb, der wohl ersten utopischen Stadt in der Geschichte der Literatur, wenn man die Stadt Troja einmal ausklammert, da ihr ja trotz aller Diskussionen zumindest ein historischer Kern innewohnt.

    Ein utopischer Roman beschreibt demnach in erster Linie eine ideale Gesellschaft (oder die Vorstellung und das Bild davon) und wird unter den Zeitgenossen entweder als Kritik an der aktuellen Gesellschaft aufgefasst oder dient als Warnung vor der möglichen, zukünftigen Entwicklung dieser. Letztere würde schließlich in der Dystopie gipfeln, wie wir sie aus Orwells „1984“ oder Huxleys „Schöne neue Welt“ kennen, die ich selbst mit Begeisterung gelesen habe. Wobei man erwähnen muss, dass besagte Autoren zu ihrer Zeit sicherlich noch annahmen eine Utopie zu schreiben, da sich der Begriff der dystopischen Literatur erst lange nach dem Erscheinen dieser Bücher durchgesetzt hat.

    Zurück zu der Frage, was eine Utopie für mich ausmacht. Für mich ist die Utopie ein Ort oder eine Gesellschaft, die den individuellen Wünschen und Vorstellung desjenigen entspringt, der sich diesen Ort (oder auch Nicht-Ort) vorzustellen vermag. Je ferner dieser Vorstellung von der realen Welt entfernt liegt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie jemals zur Realität wird. Da die Zukunft beständig im Wandel ist, muss man gar zur Annahme kommen, dass sie unmöglich zu realisieren ist, da sich auch die Vorstellungen und Wünsche im Laufe der Zeit ändern.

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  • Timo Bode

    Zwar wurde der Begriff durch Thomas Morus' Werk «Utopia» von 1516, in welchem die damaligen (europäischen) Zustände mit denen einer als „Utopia“ betitelten idealen Gesellschaft gegenübergestellt wurden, geprägt, doch begann die Rezeption der Utopie weit vor dem 16. Jahrhundert: so berichtete beispielsweise bereits der griechische Philosoph Platon im 4. Jahrhundert a. Chr. n. von „Atlantis“ und wandte sich auch schon zuvor in seiner «Politeia» dem utopischen Denken zu.
    Doch die Ursprünge des Konzepts von Utopia sind oftmals religiöser Natur und können eine spekulative historische Dimension enthalten, wie die zuerst im ältesten literarischen Werk der Menschheitsgeschichte, dem «Gilgamesch-Epos» (ca. 21. Jahrhundert a. Chr. n.) anhand einer in diesem enthaltener Erzählung beschriebenen allumfassenden Flut. Unter besonderer Berücksichtigung, dass hier eine Entwicklung gegenüber älteren Mythen aufgezeigt wird, indem ein
    halbgöttlicher Held, sich wagend Kritik an den Göttern zu üben, im Mittelpunkt steht, wird deutlich, dass in Utopien kein göttliches Eingreifen vorausgesetzt wird: Vielmehr wird gefordert, dass es die Menschen selbst sind, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern; somit scheint Utopia definiert durch die
    Grenzen der Menschheit.

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  • Tim-Niklas Zimmer

    Der Begriff der Utopie hat für mich unterschiedliche Bedeutungen. Teils wird er im Sinne des Fortschritts genutzt und weißt auf etwas hin, das es anzustreben gilt, aber nicht in Gänze erreicht werden wird. Teils wird der Begriff aber auch abwertend gebraucht, für konkrete Ideen, die verwirklicht werden können, gegen die es aber Widerstände gibt. Es ist daher stets der Kontext zu beachten.

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  • Klaus Galow

    Lems Bücher waren mir immer sehr sympathisch zu lesen. Bei ihm scheiterte die menschliche Erkenntnisfähigkeit angesichts der gesteckten hohen Ziele von gesellschaftlicher Ordnung (wie in Transfer). Aber im Scheitern seiner Helden und Gesellschaften lag für mich immer etwas Sympathisches, Hoffnungsvolles, ja Humorvolles. Seine (Anti-)Utopien sind der lit. Ausdruck von Chancen und Risiken einer im Grunde nicht als Gesamtheit erfassbaren, aber mit einander verketteten Menschheit. Die Ordnung dieser Verkettung stellen Utopien dar, sowie das Scheitern der indivuellen Bedürfnisse ihrer hineingeborenen Mitglieder (=Anti-)Utopie.

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  • Kalle Simon

    Neben den ganzen schon genannten Eigenschaften von Utopien sticht, neben der Nichtverwirklichbarkeit eines perfekten Gesellschaftszustandes, vor allem ihre Inperfektion hervor. Diese trennt die Utopie nur um Haaresbreite von einer Dystopie.
    Utopien sind stets nur im Hinblick auf ein bestimmtes Kriterium perfekt und enthalten immer eine Achillessehne, die zu einer Dystopie führen kann.
    Dystopien gaukeln wünschenswerte Vorstände vor und beruhen auf nicht wünschenswerten Prämissen. Utopien erklären wünschenswerte Vorstellungen unter bestimmten, von allen Mitglieder der betroffenen Gesellschaft geteilten Prämissen.
    Utopien funktionieren nur in homogenen Gesellschaften. Gleiche Ansichten, gleiche Religion, gleiche Wertvorstellungen.
    In Distopien sind sie häufig egal oder die Gleichschaltung ist eben der Grund für den dystopischen Zustand, von den sich alle abgrenzen wollen.

    Ein Beispiel: Platons Politeia
    Platons Idealstaat besteht in einer klaren Einteilung von Personen zu einem bestimmten Stand. Die Personen halten das Recht ein, werden dadurch aber auch gleichzeitig vom Recht geschützt. Damit das alles funktioniert und die Ordnung gewahrt bleibt, schafft Platon noch einen Stand der Wächter. Was es in diesem Staat nicht gibt ist ein gewisses Maß an beruflicher Selbstfindung und Selbstbestimmung. Man wird entsprechend seiner Fähigkeiten einer bestimmten Berufsklasse zugeordnet und muss diese idealisieren. Wächter müssen nach außen hin gegen Feinde erbarmungslos sein. Zu den von ihnen geschützten Personen müssen sie sanftmütig sein. Dies bedarf, auf Grund der großen Differenz dieser beiden bestimmenden Gefühle, strikter Erziehung, die lediglich darauf abzielt, einen extrem guten Wächter hervorzubringen, nicht eine freie, denkende, sich selbst entfaltende Person.
    Ziel ist, dass alle entsprechend des geltenden Rechtes seelig werden. Die Gesetze, die dazu notwendig sind, umfassen aber auch soetwas wie Populationsbeschränkung. Alles in allem ist Platons Staat nicht durch den Begriff der "Freiheit" im Sinne der persönlichen Entwicklung geprägt und ich kenne keine Utopie, in der die persönliche Entfaltung ungehindert stattfinden kann, ohne dass es auf einmal einen Bruch gibt und die Utopie kaputt geht.
    Im Hinblick darauf, dass Platons Idealstaat viele nicht wünschenswerte Prämissen enthält müsste ich also fragen, ob es nicht doch eher eine Dystopie wäre, sobald einer der Wächter zum Beispiel sagt, dass er lieber Herrscher wäre.

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  • Norbert KNOLL

    Hallo Kalle,
    du schreibst: Utopien funktionieren nur in homogenen Gesellschaften. Gleiche Ansichten, gleiche Religion, gleiche Wertvorstellungen.

    Ich glaube auch, dass Homogenität der Individuen innerhalb eines Kollektivs ganz wesentlich sein kann; seit Morus beruhen literarische Utopien vielfach auf in dem jeweiligen Kollektiv (von der Mehrheit der Individuen) geteilten Vorstellungen von Glück und Gerechtigkeit!

    Real existierende Individuen in real existierenden Gesellschaften werden diese "geteilten Vorstellungen" - diese von dir angesprochene "Homogenität" der Mitglieder - nur eingeschränkt aufbieten.

    Literarische Utopien beinhalten deshalb oft auch ausführliche Beschreibungen des Erziehungssystems, das letztlich eine reibungslose Sozialisation (bzw. Integration) hin zu "wertvollen Mitgliedern der Gesellschaft" sicherstellen soll. Dazu kommen dann noch Sanktionsmaßnahmen von Vater Staat für Individuen, die von der Verhaltensnorm abweichen; bei Morus kann man solche Leute versklaven, andernorts baut man Gefängnisse oder setzt auf die Verbannung von Abweichlern.

    Man könnte dann wirklich sagen, dass die Grenze zwischen utopischem Idealstaat und repressiv-dystopischem Totalstaat hauchdünn ist.

    Raum-Utopien, die auf Inseln existieren bieten eine elegante Lösung: Wem es bei uns nicht gefällt, der möge sich andernorts ein nettes Plätzchen suchen. Keiner ist gezwungen in dieser utopischen Welt zu bleibe!

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  • Kalle Simon

    [~6726] Hallo Norbert,
    vielen Dank für den Kommentar, er hat mir etwas vor Augen geführt.
    Prinzipiell ist die Homogenität der Kern der Utopie, würde ich behaupten. Wenn es Abweichler gibt, dann haben sie den utopischen Staat nicht verstanden und sind entweder eine Gefahr für ihn oder seiner nicht würdig.
    In der Staatsphilosophie geht man davon aus, dass es in jeder Konstruktion eines Staates den so genannten Trittbrettfahrer gibt, der dem Anschein nach die Regeln des Staates einhält und erst bei einem Nachteil für sich von der Befolgung der Regeln abweicht. Dieser Trittbrettfahrer beschreibt dann das von Dir genannte real existierende Individuum, das es in den klassischen Utopien so gut wie nicht gibt. Natürlich gibt es ein paar Beispiele, aber niemand würde ernsthaft in Erwägung ziehen Morus' Utopia oder Bacons Neu Atlantis zu verlassen.
    Dennoch wollten ja viele Philosophen einen Staat erschaffen, der eben auch diese Trittbrettfahrer fängt, ohne sie indoktrinieren zu müssen, wie Platon das noch für seine Politeia vorgesehen hat. Denn mit der Indoktrination geht ein ganzes Stück "Freiheit" verloren.

    Thomas Hobbes versuchte im Leviathan eine Begründung für die Staatsgründung zu finden, die aus nicht idealen, egozentrischen Individuen besteht, die sich zum Zweck des eigenen Überlebens zu einem Staat zusammenschließen, in dem ein Recht und eine Gesetzgebung herrscht.
    Hobbes' Idee war genial, man geht gar nicht erst davon aus, dass die Menschen des Staates einem gleichen Ideal folgen, sondern nur ihren grundlegenden Interessen und das diese nur dann in relativer Sicherheit ausgelebt werden können, wenn man sich zu einer größeren Gruppe zusammenschließt, deren Zusammenleben von einer höheren Macht (dem Souverän) geordnet wird.
    Insofern sind die Menschen immernoch homogen, was ihren primären Wunsch nach Frieden und Sicherheit angeht, alles andere unterscheidet sich aber, vor allem der Drang die zugestandenen Rechte nach eigenem Belieben auszuüben.
    Und genau da ist der Leviathan keine Utopie, denn es gibt außer dem Erhalt des Lebens kein gemeinsames Ziel, obwohl man ja auch für einen König, eine Regierung oder einen Theokraten einstehen könnte.

    Kurz um, sobald wir einen Moment der nicht idealisierten Selbstverwirklichung in einer Utopie finden, ist es wahrscheinlich keine Utopie mehr. Oder zumindest finden wir hier den Knackpunkt, an dem sich die Utopie in eine Dystopie verwandeln könnte.

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  • Norbert KNOLL

    [~2099]
    Dein Hinweis auf den Leviathan ist sehr treffend.

    Hobbes findet im Leviathan die Lösung für die zwei grundsätzlichen Probleme "sozialer Ordnung" und "politischer Herrschaft", denen sich aus mehreren Individuen bestehende Kollektive zu stellen haben.

    Die angesprochene Erfahrung sinnlosen Blutvergießens in innerstaatlichen Bürgerkriegen und in Kriegen zwischen Territorialstaaten machte für Hobbes offensichtlich, dass angesichts widerstreitender Interessen (von Individuen sowie von "Gruppen von Individuen") Konflikte auftreten, zu deren Lösung die Beteiligten nur allzu gerne (in kriegerischen Handlungen) auf physische Gewalt zurückgreifen.

    Der Leviathan - dem sich alle Individuen zu unterwerfen haben - erfüllt in der Konstruktion von Hobbes zwei Funktionen:

    (1) Er ist der von allen Individuen anerkannte Schiedsrichter, dessen Richterspruch in jeder Konfliktsituation zwischen Individuen zu akzeptieren ist.

    (2) Er verfügt über eine derart übermächtige Sanktionsgewalt, die im jederzeit erlaubt, seine Richtersprüche auch durchzusetzen.

    Als Konsequenz werden trotz widerstreitender Interessen der Individuen alle Konflikte gewaltfrei gelöst. Hurra!

    Diese Lösung setzt nur noch eine Kleinigkeit als Nebenbedingung voraus, die in real existierenden Gesellschaften nicht notwendigerweise erfüllt wird:

    Der Leviathan selbst ist frei von Eigeninteressen, er lässt sich bei der Formulierung seiner Richtersprüche nicht von einer der involvierten Konfliktparteien beeinflussen und sein Streben gilt einzig der Vermeidung gewalttätiger Auseinandersetzungen.

    Literarische Utopien wollen hier auch Lösungen anbieten. Greifen sie aber auf das Lösungsmodell eines quasi allmächtigen und allwissenden Leviathan zurück, so besteht selbst wenn diese kleine Nebenbedingung erfüllbar ist noch eine weitere ernstzunehmende Gefahr. Der Leviathan könnte sich (weil er ja kein Mensch ist) über die "menschlichen Grundbedürfnisse" gänzlich hinwegsetzen. Ein demokratische Politikverständnis müsste demnach eine Plädoyer für einen Leviathan mit einem menschlichen Gesicht abgeben.

    Der humanistisch gebildete Morus hat sich den Menschen noch als ein Wesen vorgestellt, das sich umfassend, auch geistig frei entfalten will und soll, wohingegen Huxley die Reduktion auf eine willenlose Masse geistloser Konsumwesen vor Augen führt.

    Bei "Brave New World" finde ich übrigens im Vergleich mit den Inselutopien noch einen Aspekt interessant. Es gibt keine Territorialstaaten mehr, die gegeneinander Kriege führen könnten. Im Gegenteil. Hier wäre es im Prinzip sogar möglich, Lösungen für "globale Probleme" zu finden und umzusetzen.

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  • Norbert KNOLL

    Gute Literatur lebt von durch Autorinnen und Autoren erzeugten Ausdrucksformen, die uns über eine rein sinnliche Wahrnehmung von Wirklichkeit hinausführen. Literarische Texte sind für Menschen unverzichtbare Denkwerkzeuge und Anschauungsmittel, die als Fiktion das Faktische transzendieren. Wenn für Literatur im Allgemeinen gilt, dass sie über der Weltwirklichkeit den Möglichkeitshimmel aufspannt, so gilt das im Besonderen für das Genre der literarischen Utopie, die einer eigenen Losung folgt:

    Wenn die Welt im „Hier-und-jetzt“ so ist wie sie ist, bedeutet das noch lange nicht, dass eine andere Welt im „Dort-und-dann“ nicht gänzlich anderen Regeln und Gesetzmäßigkeiten folgt.

    Damit erhellt sich auch die Ausgangsfrage nach der Bedeutung des Begriffs Utopie und den Besonderheiten dieser literarischen Gattung in Hinblick auf zumindest zwei konstituierende Merkmale:

    (1) Literarische Utopien spannen auf vielfältige (und über Jahrhunderte entwickelte) Weise „Möglichkeitsräume“ auf, indem sie der je historisch gegebenen Welt ihrer zeitgenössischen Leserschaft eine "denkmögliche" Gegenwelt zur Seite stellen. Diese Erweiterung des Raumes denkmöglicher Alternativen ist universell und zieht sich gleichermaßen durch literarische Raum-Utopien und Zeit-Utopien; ja, sie gilt für jedes Exemplar einer Utopie unabhängig davon, ob über eine idealisierte und wünschbare Gegenwelt berichtet oder das Bild einer perhorresziert-dystopischen Hölle gezeichnet wird.

    (2) Literarische Utopien veranschaulichen ausführlich die Lebenswelten von Individuen, die Beziehungen zwischen in Kollektiven lebenden Individuen sowie das Verhältnis von Individuen zu (gesellschaftlichen und politischen) Institutionen eben dieser Kollektive, wobei – anders als in religiösen Überlieferungen von Himmel und Hölle – eine hohe, nachvollziehbare Plausibilität der gezeichneten Bilder erreicht und irdisch-menschliche Gestaltungskraft angestachelt werden.

    Diese inhaltliche Fokussierung auf das "Individuum" und seine "Soziale Mitwelt" erlaubt (aus meiner bescheidenen Sicht) einerseits eine fruchtbare Abgrenzung zu anderen Genres und Gattungen, was insbesondere gegenüber Science Fiction gilt; immerhin fokussieren letztere zumeist auf (spekulativ erdachte) naturwissenschaftliche Erkenntnisse und daraus gewonnene technologische Errungenschaften, die den Individuen einen "neuen" (bislang nicht für denkbar gehaltenen) Umgang mit ihrer "physisch-materiellen Umwelt" in der Zukunft erlauben sollen.

    Andererseits erzeugt der für Utopien so typische thematische Fokus auf das Spannungsfeld von Individuum-Politik-Gesellschaft eine ungewöhnliche außerliterarische Relevanz & Wirksamkeit literarischer Texte. In utopischen Texten aufgezeigte gesellschaftliche oder politische Alternativen regen in der Leserschaft Fragen an nach "Gestaltbarkeit und bislang nicht gehobenen Potenzialen zur Gestaltung"; solch ketzerische Gedanken werden zwar niemals eine erfolgreiche Revolution gegen bestehende gesellschaftliche Unterordnung und politische Herrschaft anzetteln, aber doch den einen oder anderen kleinen Richtungswechsel einleiten.

    Das ist ein hehres, durchaus legitimes Anliegen, wenn Demokratie nicht zu einer leeren Hülle mit immer gleichen, fein herausgeputzten, in sozialen Medien glänzenden nichtsdestoweniger unglaubwürdig gewordenen Repräsentanten verkommen soll. Durch die konservative Brille gelesen mag das hingegen gefährlich erscheinen, ja es erscheint dann eher angebracht, den eigenen Möglichkeitssinn auszuschalten und sich besser an die zum Mythos erhoben Sachzwänge unbeeinflussbarer Fakten und Realitäten des Gesellschaftlichen zu halten.

    Glücklich ist, wer Realitätssinn mit Möglichkeitssinn zu kombinieren weiß und literarische Utopien zur Gewinnung einer Vorstellung von Eingriffsmöglichkeiten in Wirtschaft und Gesellschaft nutzt. Hier läge auch das wahre Potenzial literarischer Utopien als unverzichtbare Ergänzung zu anderen Wirklichkeitsbereichen der Lebenswelt wie insbesondere zum Alltagsdenken und zum wissenschaftlichen Denken bildet.

    Auf die zweite Frage nach "faszinierenden Utopien" fällt es mir wesentlich schwerer, eine Antwort zu geben.

    Vor ein paar Jahren noch hätte ich spontan den Prototyp moderner Utopie bei Morus genannt und ihm „Gullivers Reise ins Land der Houyhnhnms“ zur Seite gestellt. Wer weiß vielleicht hätte ich gar auf Robinson Crusoe verwiesen, obwohl Robinson 25 Jahre völlig auf sich allein gestellt ein Inseldasein fristet, gänzlich ohne Beziehung zu einem Kollektiv, was eine Utopie im oben erläuterten Sinn wohl ausschließt; Defoe hat – und das macht diesen Bildungsroman so faszinierend – einen Mythos erzeugt, von einem menschlichen Individuum, das – wie absurd – völlig auf sich alleingestellt, gänzlich ohne Gesellschaft überlebt, obwohl doch jeder vernünftige Mensch weiß, dass wir vom ersten Geburtsschrei an auf unsere Mitmenschen angewiesen sind – weit mehr als auf Autos, Flüge ins Weltall, Roboter und sonstige Segnungen technologischer Entwicklungen.

    Geläutert durch pandemische Verhältnisse, sind mir mittlerweile die klassischen Dystopien des 20. Jahrhunderts ans Herz gewachsen: „Wir“, „1984“ und „Brave new world“. Vor allem Huxley hat es mir angetan, weil er – wie in gutem Science Fiction – die Möglichkeiten technologischen Wandels verstanden hat und jene zur Realität gewordene Massengesellschaft mit Massenproduktion, Massenkonsum, Massenmedien, Massenmanipulation, Massenmenschhaltung …. fast prophetisch vorausgesagt hat.

    In einem kleinen Pünktchen hatte Huxley vielleicht Unrecht. Die Menschen brauchen keine Soma um die Welt zu ertragen, solange genug Alkohol fließt und literarische Utopien aus den Bücherregalen verschwinden.

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