Was für ein Theater! Der Illustrator Thomas M. Müller über den ›Lügenbaron‹

Thomas M. Müller ist Professor an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Plakate, Grafiken und Buchillustrationen von ihm besitzen einen hohen Wiedererkennungswert und erhalten immer wieder Preise. Die Geschichten des Lügenbarons haben ihn  zu einer zeichnerischen Bühneninszenierung inspiriert.

wbg: Der Witz der Münchhausiaden liegt bei einem Großteil der Geschichten darin, dass  die Logik ad absurdum geführt wird. Eine  Steilvorlage für einen Illustrator?

Thomas M. Müller: Text und Bild haben verschiedene Möglichkeiten, der Logik und den Erfahrungen zu widersprechen. Münchhausen, der einem Wolf in die Eingeweide greift und ihn von innen nach außen krempelt, möchte ich mir zum Beispiel nicht so genau bildlich vorstellen. William Hogarth andererseits führt wunderbar vor, was ein perspektivisch falsches Bild vermag: Eine Frau beispielsweise schaut mit einer Kerze aus dem Fenster eines Turmes und gibt dem weit im Hintergrund vorbeikommenden Wandersmann Feuer... es gibt wunderbare Möglichkeiten der Täuschung. Viele Illustratoren begleiten Münchhausen an die Schauplätze seiner Abenteuer. Ich hielt es für eine verlockende Idee, die Geschichten auf einer Bühne vorzuführen und dem Erzähler oder Schauspieler dabei ins Räderwerk seiner Tricks schauen zu können.

wbg: Die Lügengeschichte vom berühmten  »Ritt auf der Kanonenkugel« (unser Titelbild)  hat wahrscheinlich die Belagerung einer osmanischen Krim-Festung zum Hintergrund. Wie gehen Sie zeichnerisch mit Stereotypen wie  dem Islam um?

Thomas M. Müller: Der historische Hintergrund spielt für meine Illustrationen keine große Rolle, die Ereignisse scheinen mir eher Anlass für ›gute‹, unglaubliche Geschichten zu sein. Der Orient erscheint darin als ein ähnlich exotischer Ort wie der Mond oder fantastische Länder. Somit gibt es keine aktuellen Islam- Bezüge. Die Mittel der Theatervorführung sind künstlich und begrenzt.
Der Bühnenbildner scheint ein Eigenleben zu führen. Für den Weg von der Türkei zum Mond hat er eine Kulisse gezeichnet, die eine Moschee zeigt. In unserem Buch changiert das Theater zwischen Varieté, Schauspiel, Figurentheater und anderen Sparten. Selten gibt es Mitspieler – wenn, dann seltsame. Vielleicht ist es auch etwas Regietheater. Die Entfernung von den geschilderten Begebenheiten empfinde ich stellenweise als Rettung. Anstatt die Eisbären schlachten zu müssen, kann der Schauspieler mit ihnen tanzen.

wbg: Münchhausen zieht sich samt Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf. Ist Zeichnen auch eine Form der Hochstapelei?

Thomas M. Müller: Vielleicht. Zeichnen ist  vor allem eine sehr gute Möglichkeit, eigene Ideen vorzuführen. Oft entstehen sie erst beim Machen. Nicht immer sind sie überzeugend. Hilfreich ist die Komplizenschaft mit dem Betrachter, der weiß, dass die Linien auf dem Papier ihm etwas vorflunkern. Der uns aber nicht verpfeift.

wbg: Wir leben mit Fake News, Notlügen und Konstruktivismus - was ist an Münchhausen heute aktuell?

Thomas M. Müller: Ich sehe darin besonders das menschliche ›Tolle-Hecht-Bedürfnis‹ beschrieben, also die Neigung, besser, größer, klüger, kompetenter, heldenhafter, professioneller erscheinen zu wollen, als man ist. Bei Münchhausen scheint mir diese Taschenfüllerei in vollem Bewusstsein zu geschehen. Das macht ihn zu einem Zeitgenossen von uns. Der Rest liegt in unserer Hand.


90_5.jpgBürger, Gottfried August / Müller, Thomas M. (Illus.)

Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer  des Freiherrn von Münchhausen

»Besuchen Sie mich alsdann, und an Unterhaltung soll es  Ihnen gewiss nicht fehlen.« So endet die Erzählung des  Freiherrn von Münchhausen. Für den Künstler Thomas M.  Müller eine Einladung, die er nutzt, dem närrischen Fabulierer und ›Lügenbaron‹ eine Varieté-Bühne zu bauen und uns an  seinen Späßen und Lügen teilhaben zu lassen. Wer kennt sie nicht, die unglaublichen Geschichten des ›Baron von Münchhausen‹ als literarische Figur, der bekanntermaßen nach der historischen Person, Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von  Münchhausen, geformt wurde? Münchhausen wurde am  11. Mai 1720 in Bodenwerder geboren, und wir gedenken daher in diesem Jahr seines 300. Geburtstages. Nach Ausbildung und Karriere als Offizier im Dienste der russischen Zarin kehrte er 1750 auf sein Gut zurück und verwaltete es bis zu seinem Tode im Jahre 1797. Bereits zu Lebzeiten rühmte man ihn über die Landesgrenzen hinaus als brillanten, humorvollen Erzähler.

2020. 176 S. mit 30 farb. Illustrationen von Thomas M. Müller, 16,5 x 25 cm  Ln. im Schuber. Faber & Faber, Leipzig. 1025075, € 36,00

Vorzugsausgabe: Halbpergamentband im Schmuckschuber, limitiert auf 200 Exemplare: 1025123, € 90,00

 

 

 

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