Was bedeutet für Sie Philosophie? Diskussion zum Thema sowie Gewinnspiel zu "Geschichte der Philosophie"

Thorsten Jacob • 18 Oktober 2021
66 Kommentare
4 gefällt

Liebe Community,

was verbinden Sie mit Philosophie? Welche philosophischen Gedanken beschäftigen Sie besonders, ob in der Vergangenheit oder gegenwärtig? Und welche Philosophinnen und Philosophen schätzen Sie am meisten? Oder welche Frage möchten Sie gerne zum Thema "Philosophie" der Community stellen?

Schreiben Sie Ihre Antworten bzw. Ansichten noch bis zum 24.10.2021 hier unten in die Kommentare und nehmen Sie dadurch automatisch teil an der Verlosung einer edlen 14-bändigen Ausgabe der "Geschichte der Philosophie" von Wolfgang Röd (Hrsg.) im Wert von z.Z. 228,- €.

Die Gewinnerin oder der Gewinner wird ab dem 25.10.2021 benachrichtigt.

Herzliche Grüße

Thorsten Jacob

Leitung wbg Community Plattform


Geschichte der Philosophie
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»Ein Jahrhundertwerk« Süddeutsche Zeitung

In der vierzehnbändigen »Geschichte der Philosophie« stellen namhafte Philosophiehistoriker die Entwicklung des abendländischen Denkens von der Antike bis zur Gegenwart dar. Die von Wolfgang Röd herausgegebene Edition bietet dem philosophisch interessierten Leser als auch dem Fachpublikum eine umfassende und allgemeinverständliche Darstellung der Philosophiegeschichte.

Kommentare (66)

Norbert KNOLL

Philosophie ist gleichzeitig schöpferisches Handeln und Ergebnis eines Handelns menschlicher Individuen, die danach trachten, den Horizont ihres notwendigerweise an eine Perspektive gebundenen, fragmentierten und immer nur vorläufigen Wissens um sich selbst und die Welt zu erweitern.

Ihr Ziel ist die Schaffung von Ordnungen, die wie Bilderrahmen den Eindruck einer harmonischen Komposition eines Bildes verstärken oder gar erzeugen, obwohl die Fehlstellen und ungelösten Rätsel philosophischen Denkens unablässig neue Fragen aufwerfen, die nach Antwort verlangen.

Die Sehnsucht nach Philosophie beruht auf der Erfahrung des Menschen gleichzeitig Teil der Welt zu sein und sich als von ihr geschieden zu erfahren.

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  • Norbert KNOLL

    Danke Herr [~2055], das war eine spontane, schnell formulierte Antwort auf die Frage. Sie beruht auf meiner Auseinandersetzung mit der Wissenssoziologie von Alfred Schütz. Und ganz wichtig ist mir, den Blick nicht auf Ergebnisse zu verengen, sondern dass vor jedem Ergebnis Aktivitäten und Handlungen von INDIVIDUEN gesetzt werden, ohne die das Ergebnis nicht verstanden werden kann. Für mich impliziert das, dass ein allwissender Gott, eine Maschine oder ein Staubsauger - im Gegensatz zu Menschen - keinen Bedarf an Philosophie hat.

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  • Marcin Lupa

    [~6726], zutreffend ist vor allem Ihr Satz: "... obwohl die Fehlstellen und ungelösten Rätsel philosophischen Denkens unablässig neue Fragen aufwerfen, die nach Antwort verlangen", denn darüber ist kein Welterklärungsmodell erhaben, dass es Fehler aufweist.

    Nichts kann mir manche Sachverhalte in meinem Leben erklären und auf viele grundsächliche Fragen, erhielt ich bis heute keinerlei Antworten.

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  • Norbert KNOLL

    Herr [~2055] zentral wäre für mich, dass es sich bei Philosophie immer um das schöpferische Handeln eines Individuums handelt. Vielleicht sollte man hier den erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys (demzufolge jeder Mensch ein Künstler ist) auf das Philosophieren übertragen.

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  • Marcin Lupa

    Ich möchte hier außerhalb der Verlosung das Wort ergreifen, da ich diese "Geschichte der Philosophie" schon besitze.
    Ich kann sie nur empfehlen, da ich vor allem mit ihr und mit Wikipedia arbeite und mich so durch die Philosophiegeschichte lese. Im Gegensatz zu anderen philosophiegeschichtlichen Werken, wie zum Beispiel der "Geschichte der Philosophie" in vier Bänden von Richard David Precht, die ich auch gerne gelesen habe, ist das von Wolfgang Röd herausgegebene Werk von zahlreichen Autoren für das jeweilige Wissensgebiet, die jeweilige Epoche verfasst und daher sehr profund gestaltet.

    Ich kann eine Anschaffung nur wärmstens empfehlen.

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  • Kalle Simon

    Philosophie ist für mich unablässiges Versuchen, mit bestimmten Methoden verstehen zu wollen.
    Ich erinnere mich an ein Seminar zu Schellings "Über das Wesen der menschlichen Freiheit". Wir saßen zusammen mit dem Dozenten über einer entscheidenden Stelle in diesem sehr anspruchsvollem Text. Es war absolut still und die Konzentration aller Teilnehmer war deutlich zu spüren. Seit knapp 20 Minuten kamen wir von dieser Stelle nicht weg, die scheinbar jeder bisher einfach nicht einordnen oder verstehen konnte. Dann, nachdem einige Begriffe geklärt waren und im Kontext des Gesamtwerkes deutlich wurden, merkte man auf einmal eine Erleichterung, die durch das Seminar ging, weil jedem nun klar wurde, wie sich Schellings Theorie hier mit bestimmten Gedankengängen und Methoden erklären lassen könnte.
    Der Dozent sagte: "Merken Sie das? Sie sind gerade mit den Fingerspitzen ganz knapp an so etwas entlang geschabt, was wir eine Erkenntnis nennen können. Genießen Sie dieses Gefühl, denn wenn Sie gleich in die Bahn oder den Bus steigen, um nach Hause zu kommen, werden Sie dieses Gefühl nicht mehr haben. Wenn Sie jedoch dieses Gefühl immer wieder haben möchten, dann müssen Sie weiter versuchen, verstehen und erklären zu wollen."

    Das macht natürlich eine Menge Probleme, die man ohne die Methoden und Betrachtungsraster, die man sich nach und nach aneignet, nicht hätte. Auf der anderen Seite macht es ein paar Dinge aber auch leichter. Man ist beispielsweise nicht mehr so anfällig für jede Meinung, die schlecht begründet, aber gut vorgebracht sein kann. Vieles erhält durch die Philosophie einen anderen Stellenwert im Leben, schätze ich.

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  • Michael Deckers

    Ja, einen Gedankengang zu verstehen, erfordert nicht nur, die Wörter zu
    interpretieren und die Logik nachzuprüfen, man muss auch erkennen, welche neue
    Einsicht der Gedanke liefert. Das kann ausserordentlich anstrengend sein -- ohne
    viel Hilfe hätte ich nie einen Satz von Hegel verstanden -- aber man merkt
    sofort, wenn es gelungen ist.

    Es gibt auch leichtere Kost, zB die "Erkenntnistheorie" von Dirk Hartmann (wbg
    1028136), die ich gerade lese. Der Autor gibt darin eine originelle Einteilung
    der Philosophiegeschichte in drei "Phasen"; das Kriterium dafür sind die
    Fragen, denen sich die Philosophen widmen. So beginnt die
    "erkenntnistheoretische Phase" der Philosophie, seit sich die Philosophen mit
    der Frage beschäftigen, ob man überhaupt etwas wissen kann; und die
    "sprachkritische Phase" beginnt mit der Frage, wie die Sätze von natürlichen
    Sprachen ihre Bedeutung bekommen.

    Philosophie ist vielleicht das Erkennen von solchen "philosophischen Fragen",
    sowie die Versuche, sie zu beantworten; wenn sich alle auf eine einzige
    Antwort einigen, ist die Frage wohl nicht mehr philosophisch.

    Michael Deckers.

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  • Norbert KNOLL

    [~3165], ich glaube, ein großes Problem mit dem Wissen ist die nicht selten gemachte recht qualvolle Erfahrung, dass man es "im Nachhinein besser weiß"; das gilt zumindest dann wenn man sich nicht in rein formalen Systemen wie etwa der Mengenlehre oder der Logik bewegt. Die Ergebnisse, die sich bei Anwendung vorgegebener Regeln auf idealisierte Gegenstände einstellen, werden sich wohl nicht ändern, solange immer dieselben Regeln angewendet werden.

    Mit dem Wissen über Gegenstände, die man mittels empirischer Methoden erforscht, ist es etwas anderes. Man sucht nach "endgültiger Gewissheit" und landet bei "immer nur vorläufigem Wissen", das ständig in Gefahr ist, durch neu gewonnene Erkenntnisse ersetzt zu werden.

    Das liegt vermutlich daran, dass alle empirisch gewonnenen Evidenzen erst dadurch "zu Fakten werden" - ich hasse diesen scheußlichen, neuerdings so gern verwendeten Begriff ob seiner reduktionistischen Konsequenzen - als Evidenzen in einem "Theoriegeladenen Interpretationsrahmen erzeugt" werden. Nun fallen aber Theorieansätze nicht als Gottgeben und für immer gültig vom Himmel. Zudem merkt man oft erst im nachhinein, dass die Anwendung eines Theorieansatzes auf einen Gegenstand nicht angemessen ist. Deshalb quälen sich die Erkenntnistheoretiker mit Rezepten zu gültigen Begründungen, um dann aber doch wieder erkennen zu müssen, dass eine Letztbegründung nicht gelingen will. Theologen haben da eindeutig einen Vorteil mit einem "deus ex machina", der hilfreich einspringt.

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  • Michael Deckers

    Ja, Norbert Knoll, mein Wissen ändert sich, und es nimmt keineswegs immer zu!

    Wenn Wissen "wahre gerechtfertigte Meinung" ist, und man annimmt, dass sich die Wahrheit einer Aussage A nicht mit der Zeit ändert, dann kann sich mein Wissen von A nur dadurch ändern, dass sich mein Glaube an A ändert, oder meine Rechtfertigung dafür, dass ich A glaube.

    Die häufigste Rechtfertigung meines Wissens ist:
    "Das habe ich gelesen (oder gehört, gesehen), es ist kompatibel mit meinem restlichen derzeitigen Wissen, und ich halte die Quelle für vertrauenswürdig."
    Und das kann sich leider sehr leicht als falsch erweisen, wenn man weiterliest oder weiterdenkt.

    Michael Deckers.

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  • Uwe Seelinger

    Ich bin kein akademischer Philosoph. Mir gibt die Philosophie seit 35 Jahren folgendes: 1, Ich bewundere die Schönheit und Vielfalt einzelner Gedanken und der Denksysteme. 2. Die Philosophie stiftet auch für Atheisten Sinn und Orientierung. 3. Im Gegensatz zur Physik, um ein Beispiel zu nennen, hat der Laie auch ohne Studium die Chance, sich beliebig tief einzuarbeiten. Man bleibt nicht auf einem populärem Niveau zwangsläufig hängen. 4. In einer unübersichtlichen, sich schnell verändernden Welt. In einer Welt voller populistischer Querdenker. In einer Welt mit zunehmender Zahl von Denkverboten. In einer Welt zunehmender geistiger Verwirrung. In so einer Welt kann uns die Philosophie praktisch leiten, um zumindest die gröbsten Fehler zu vermeiden.
    Philosophie kann aber auch vereinsamen. Ich kenne niemand persönlich, der sich mit Philosophie beschäftigt, der eben nicht auf seinem Smartphone herumwischt. Aber es muss diese Menschen ja geben. Beruflich stört man mit philosophischen Wissen in einem eindimensional geführten Daxkonzern eher.
    Kurze Lebenszeit, berufliche Anspannung, Familie, begrenzte Geisteskraft, verhindern, dass sich ein Laie im Laufe seines Lebens in mehr als 1-2 Systeme (in meinem Falle Platon) tief einarbeiten kann. Eine Überblicksdarstellung ist daher notwendig. Ich besitze den Kenny und den Schupp. Das Werk von Röd übertrifft in Tiefe und Breite die Konkurrenten. Aber den einen oder anderen Band aus Röd hätte ich gerne überarbeitet oder ausgetauscht. Der dicke Band von Leinkauf ist für mich ein fast unlesbarer Fremdkörper. Das hätte nicht passieren dürfen. Zum Wesen der Philosophie gehört Kritik, Daher endet mein Beitrag auch kritisch.

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  • Uwe Seelinger

    Ergänzend könnte man noch beifügen, dass Philosophie durchaus in der Lage ist, in leichten Fällen einen Psychotherapeuten oder Psychopharmaka zu ersetzen. Einige Texte, z.B. von Boethius, trösten ungemein.

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  • Marcin Lupa

    "Kurze Lebenszeit, berufliche Anspannung, Familie, begrenzte Geisteskraft, verhindern, dass sich ein Laie im Laufe seines Lebens in mehr als 1-2 Systeme (in meinem Falle Platon) tief einarbeiten kann." - das haben Sie sehr schön gesagt. Ich persönlich schwanke deswegen noch zwischen Aristoteles und Platon. Vielleicht schaffe ich auch beide zugleich. Aber mit ihnen will ich mich profund beschäftigen. Den Röd stelle ich der Auseinandersetzung voran, um überhaupt einen Überblick zu haben.

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  • Ben Maier

    Für mich ist Philosophie etwas, was es uns ermöglicht, uns selbst besser zu verstehnen, indem man hinterfragt.

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  • Michael Deckers

    Den Kenny habe ich auch, und ich schätze ihn sehr, weil
    er die Philosophiegeschichte nicht nur als Folge von den
    Gedanken einzelner Philosophen, sondern auch die
    Geschichte von einzelnen philosophischen Problemgebieten
    über die Zeit behandelt. Das finde ich originell und
    sehr erhellend.

    Der Röd hat mich sehr enttäuscht. Zuerst hat mich nur das
    Fehlen einer Bibliographie (bei allen Philosophen) gestört,
    dann sind mir immer mehr Lücken aufgefallen. Schliesslich
    habe ich den gesamten Text für Thomas von Aquin bei Röd
    und bei Kenny verglichen, und Kenny war mit grossem
    Abstand sowohl vollständiger als auch besser
    verständlich. Meine negative Rezension (bei amazon
    [https://www.amazon.de/-/en/Wolfgang-Röd/dp/340674])
    wollte die wbg nicht publizieren.

    Wenn man Englisches akzeptiert, kann man im web in der
    Stanford Encyclopedia of Philosophy ([https://plato.stanford.edu/])
    vieles über einzelne Philosophen finden, aber manches ist
    sehr schwere Kost (aber kostenlos). Und wenn man viel Geld
    hat, kann man sich ein paar Bände der Reihe "Routledge
    Companion to ... Philosophy" zulegen (je nach ...),
    die auch für Amateure lesbar sind.

    Michael Deckers.

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  • Norbert KNOLL

    Man darf die Philosophie nicht wie einen Gegenstand betrachten, der von anderen längst ausreichend erforscht worden wäre und über den man ausreichend viel erfährt, indem man versucht, nachzuvollziehen, was denn nun diese anderen darüber bereits herausgefunden hätten. Diese Vorgangsweise wäre wichtig und nützlich in anderen Wissensgebieten. Wäre ich Naturwissenschaftler, dann täte ich gut daran, mir die Arbeitsteilung innerhalb eines Segments der sogenannten scientific community zunutze zu machen und all die Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften zu lesen, die für meinen Gegenstand relevant sind. Nur so hätte ich die Chance Erkenntnisse zu gewinnen, die über den Stand der wissenschaftlicher Forschung ein klein wenig hinausreichen. Ja ich könnte zu einem "Fortschritt" zur "Akkumulation wissenschaftlicher Erkenntnisse" beitragen.

    Gibt es in der Philosophie einen Fortschritt?

    Bei der Philosophie ist es ganz etwas anderes. Ich behaupte in meinem Beitrag, dass der Grund für philosophische Aktivitäten eines Individuums daran liegt, dass es sich selbst als Teil der Welt erfährt und zugleich von der Welt geschieden erlebt. Philosophisches Denken eines Individuums mündet letztlich immer in Versuchen, auf diesen scheinbaren Widerspruch eine für dieses Individuum passende Lösung zu finden. Philosophisches Denken würde demzufolge voraussetzen, dass sich das Individuum selbst einbringt. Es würde demzufolge keinen Sinn machen, das eigene Denken von der Denkweise und den Erkenntnissen anderer okkupieren zu lassen. Sich inspirieren lassen ja - und dafür ist ein Studium der Geschichte der Philosophie nützlich - aber die Eigenständigkeit des Denkens darf dabei nicht verloren gehen.

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  • Michael Deckers

    Ja, Norbert Knoll, ich glaube, es gibt einen Forstschritt in der Philosophie.

    Man erkennt ihn an den Fragen, die sich die Philosophen stellen: heute fragt kein Philosoph mehr nach der Entstehung des Kosmos (Kosmologie ist inzwischen ein Teil der Astronomie) oder den Regeln für logisches Schliessen (formale Logik ist inzwischen ein Teil der Mathematik); aber erst heute fragen sich die Philosophen, ob Multiversen mögliche Welten sind, und welche der vielen Logiken, die die Mathematiker gefunden haben, das Denken der Menschen am besten beschreiben.

    Selbstverständlich hat jede Denkerin ihre eigenen psychischen Dispositionen, aber alle können sich, so glaube ich, über personenunabhängige philosophische Fragen sinnvoll streiten.

    Michael Deckers.

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  • Norbert KNOLL

    [~3165] , das Medium der Sprache verbindet die Menschen. Sprache funktioniert aber nur dann, wenn sie von mehreren Menschen "geteilt" wird, also das was von einer Person sprachlich auf eine bestimmte Weise formuliert/ausgedrückt wird von einer anderen Person auf dieselbe Weise interpretiert wird. Der Sprecher antizipiert, wenn er den Ausdruck formt, die Interpretation des Rezipienten. Die Vorwegnahme der Interpretation durch andere ist eine in der Realität nicht triviale Voraussetzung von Verständigung.

    Ich würde nun nicht einfach psychische Dispositionen als Grund für unterschiedliche philosophische Ansätze angeben. Zu unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen gesellschaftlich/kulturellen Konstellationen richtet sich der Blick auf unterschiedliche Themen, die explizit hinterfragt werden, während anderes als fragloses Rauschen im Hintergrund verschwindet. Somit wäre es auch kein Malheur wenn es keinen Fortschritt in der Philosophie gäbe. Wenn wir an Fortschritt denken, dann denken wir zu sehr an neue Methoden/Theorien, die den bisher angewandten Methoden/Theorien überlegen sind, was ganz typisch ist für Fortschritte in den Naturwissenschaften.

    Philosophie sehe ich demgegenüber als Versuch eines Individuums für sich selbst ein Verständnis von sich & der Welt zu gewinnen. Das macht jeder notgedrungen auf seine eigene Weise, die sich ein ganzes Leben lang ändert/entwickelt.

    Wer auch immer eine philosophische Frage stellt, kann sie nur von seinem Standort aus - also an eine Perspektive gebunden - stellen, wobei er sich seines eigenen notwendigerweise fragmentierten (auf eigenem Erleben und eigenen Erfahrungen beruhenden) Wissens bedient und im Akt der Formulierung das angesprochene Problem der richtigen Antizipation der Interpretationen durch andere zu lösen ist. Wir tun so, als gäbe es einen alle Perspektiven übergeordneten Rahmen - ein cartesisches Koordinatensystem sozusagen - wo für jeden Punkt im Raum eindeutige Koordinaten angegeben werden können, die ein jeder auf gleiche Weise zu interpretieren vermag.

    Vielleicht ist das Wesen der Philosophie der Kunst viel näher als den Wissenschaften? Literatur und Malerei zeichnen sich dadurch aus, dass ein jedes Kunstwerk einzigartig ist und die Kopie eines Romans oder eines Bildes nur Kopie sein kann nicht aber das Kunstwerk.

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  • Michael Deckers

    Lassen Sie, Norbert KNOLL, mich einen Punkt herausgreifen. Sie sagen:

    Sprache funktioniert aber nur dann, wenn sie von mehreren Menschen "geteilt" wird, also das was von einer Person sprachlich auf eine
    bestimmte Weise formuliert/ausgedrückt wird, von einer anderen Person auf dieselbe Weise interpretiert wird.

    Bei der Sprache in der Philosophie bin ich anderer Meinung: ich glaube, dass das Einverständnis von Sprechern über einen philosophischen Text nur wenig darüber aussagt, ob sie den Text auf "dieselbe" Weise interpretieren, also für "denselben" Gedanken halten (was immer das bedeutet).

    Die wichtigere Funktion der Sprache in der Philosophie besteht, so scheint mir, darin, dass sie unterschiedliches Denken der Gesprächspartner aufzeigen kann. (Wie dieser Text.)

    Michael Deckers.

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  • Norbert KNOLL

    [~3165] na ja.
    Wie könnte ich meinen Standpunkt Ihnen gegenüber als von Ihrem Standpunkt "unterschieden" in eine sprachliche Äußerung gießen und Ihnen verständlich machen, wenn wir beide jene Sprache, in der ich das zum Ausdruck nicht teilen würden?

    Mir fiele nur ein Einwand ein gegen meine eigene Ansage - die darauf abzielt, die Verständigungsfunktion von Sprache über alles andere zu stellen. Sprache erfüllt Funktionen für uns selbst. Wenn wir etwas in "Sprache gießen", dann dient uns das als Merkzeichen für all das, was sich in unserer Vorstellungswelt abspielt. Wir erinnern uns an Erlebnisse, die "Eindrücke" bei uns hinterlassen haben, indem wir sprachliche "Abdrucke" von ihnen erzeugen, die wir - soweit unsere Erinnerung reicht - bei bedarf reproduzier. Sprache selbst ist ein Ordnungssystem mit klaren Vorgaben für all ihre Elemente und die Beziehungen zwischen diesen Elementen. Wir nützen diese Ordnung im System Sprache, um Ordnung in unserer Vorstellungswelt herzustellen und für eine gewisse zeitliche Dauer zu verfestigen.

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  • Michael Deckers

    [~6726], ich habe mich nicht verständlich genug ausgedrückt. Ich meine, dass man in der Philosophie viele Wörter anders als in der gewöhnlichen Sprache, oder wenigstens genauer qualifiziert, verwendet (verwenden muss).

    Das Wort "sein" hat zB bei Heidegger so viele verschiedene Bedeutungen, dass er auch orthographische Unterscheidungen benutzt ("sein" und "seyn"); und all die Bedeutungen bei Heidegger haben wohl kaum etwas mit der Bedeutung von "sein" bei Quine zu tun (nämlich möglicher Wert einer quantifizierbaren Variablen zu sein).

    Michael Deckers.

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  • Norbert KNOLL

    [~3165], ja eh, es stimmt schon, wenn Sie sagen:
    "Ich meine, dass man in der Philosophie viele Wörter anders als in der gewöhnlichen Sprache, oder wenigstens genauer qualifiziert, verwendet (verwenden muss)."

    Was Sie dabei aber voraussetzen MÜSSEN, ist die "ÜBERSETZBARKEIT" von solchen Ausdrücken, die vielleicht ihnen, nicht aber mir verständlich sind, in andere Ausdrücke, die uns beiden verständlich sind. Das meine ich, wenn ich davon spreche, dass wir Sprache "teilen".

    Wenn nur Heidegger verstünde, was unter der Frage nach dem Sinn vom Sein zu verstehen ist, dann ließe sich von anderen Menschen schwerlich darüber reden. Man kann die Frage unterschiedlich beantworten, eigene Standpunkte dazu entwickeln, im Gespräch begründen etc. aber letztlich ist es erforderlich, dass es ein "geteiltes" Verständnis zur Frage selbst gibt.

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  • Rainer Bosbach

    Philosophie ist für mich wie Wetter: ein Tief nach dem andern kommt, Wolken von Fragen vor sich hertreibend. Es prasselt Ansätze, Aspekte und Theoreme, ich bin der begossene Pudel. Heiliger Platon, hilf! – Ist der Sturm endlich vorbei? Nein, eine zweite Welle mit Zweifeln und Gegenzweifeln, vielen kleinen Gewissheiten, die nicht im Trockenen bleiben dürfen … Doch manchmal, meist blitzartig: ein Hoch! Die Wolken reißen auf, das Licht einer neuen Erkenntnis strömt, und dein kleiner Wagen rollt im Gefolge der Götter am Himmelssaum entlang. Wirst du nun auf ewig die großen Ideen schauen? Denkste, plötzlich wieder auf der Erde und ein Tief mehr, das kommt! Aber du lachst ihm entgegen wie Eulenspiegel: inmitten der Mühen süchtig nach dem raren Aufblitzen des Durchbruchs.

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  • Norbert KNOLL

    Wichtig ist, bei jedem Wetter in Bewegung zu bleiben. Will heißen: Es bleibt einem nicht erspart, sich auf den Kutschbock zu setzen und "selbst philosophierend aktiv" zu sein. Was Plato, Kant oder der Opa zu diversen Phänomenen der Welt gemeint hätten ist dann eher zweitrangig, weil sie ihr Leben schon hinter sich haben. Aber ja, manchmal ist es doch hilfreich, sich daran zu erinnern, was der Großvater schon damals gesagt hat, obwohl wir uns schwer tun zu verstehen, wie er das gemeint haben könnte.

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  • Birgit Deppe

    Philosophie ist eine fortwährende Denkschule.
    Von der Verzweiflung des totalen Unverständnisses bis zur Erleuchtung wird alles geboten.
    Sie schafft Abstand zum Tagesgeschehen und hilft übergeordnete Zusammenhänge und Ursachen zu erkennen.
    Sie trägt dazu bei, sich selbst und andere besser zu verstehen.
    Philosophie ist wie eine übergeordnete Klammer.

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  • Norbert KNOLL

    Kann ich auch sehr gut nachvollziehen, insofern eine von den Erfordernissen das Alltags enthobene philosophische Reflexion ein tieferes Verständnis erst ermöglicht. Was Sie als "übergeordnete Klammer" bezeichnen, habe ich mit der Metapher des Bilderrahmens versucht einzufangen.

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  • Michael Deckers

    Ja, Philosophie ist eine fortwährende Denkschule.
    Und Philosophie macht Spass! Moment mal -- warum eigentlich?

    Vielleicht, weil mir niemand (ausser mir selber) das Denken
    verbieten kann, und ich denken darf, was und worüber ich will?
    Zum Beispiel, ob Gott einen freien Willen hat, wenn er doch
    immer das Beste tun muss?

    Oder vielleicht, weil sie öfters Denksport ist, wie wenn man
    aus der Aussage des Epimenides, dass alle Kreter lügen, folgern
    kann, dass manche Kreter manchmal die Wahrheit sagen.

    Oder weil es soviele "dumme Fragen" gibt, die so dumm gar nicht
    sind: warum sollte ich glauben, dass es Primzahlen gibt aber keine
    Einhörner?

    Michael Deckers.

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  • Tim-Niklas Zimmer

    Philosophie, das ist ein großes Thema, dem ein kurzer Beitrag wie dieser nicht gerecht werden kann. Sie begegnet uns immer wieder, im Alltag und darüber hinaus, häufig auch bei der Betrachtung politischer Diskussionen und ihrer Hintergründe. Regelmäßig fragt man sich, welche Denkschule hinter Aussagen und Gedanken steckt, und führt diese Ideen fort. Sie dient also der Reflektion und dem Fortschritt.

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  • Norbert KNOLL

    Ja, eh. Es ist immer schwierig, in einem kurzen Beitrag eine großes Thema abzuhandeln. Ich habs in meinem Beitrag trotzdem versucht, indem ich mich auf drei Aspekte konzentriert habe: (1) Worin besteht sie? (2) Was versucht sie zu leisten? (3) Wie kommt es überhaupt dazu?

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  • Rita Weißenberger

    Eine wichtige Aufgabe der Philosophie sehe ich in der kritischen Begleitung der Naturwissenschaften ( die letztlich alle in der griechischen Naturphilosophie ihren Ursprung haben) und der Technik.
    Das Denkbare, Mögliche, Machbare sollte immer mit der Frage konfrontiert sein: Können wir das verantworten? Wollen wir das wirklich? Ist das für unser Leben, für das Leben auf der Erde insgesamt
    gut?
    Zivilisation ohne (eine Form von) Philosophie ist für mich undenkbar!

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  • Norbert KNOLL

    Gefällt mir insofern sehr gut, als Naturwissenschaften und Technik ein Wissen generieren, das massive Eingriffe in die "physisch-materielle Welt" erst ermöglicht und dessen verantwortungsloser Gebrauch sogar den Fortbestand der Menschheit gefährden könnte. Ich habe in meinem Beitrag oben als Grund für philosophisches Denken angeführt, dass sich jedes Individuum gleichzeitig als Teil der Welt erfährt und doch als von der Welt geschieden erlebt. Das macht dann zusätzlich eine philosophische Reflexion unserer "Beziehung zur sozialen Mitwelt" - die eine nicht weniger wichtige Existenzbedingung jedes Menschen bildet - erforderlich. Immerhin sind wir vom ersten Geburtsschrei an auf andere Individuen unserer sozialen Mitwelt angewiesen, um unser "Überleben" ein Leben lang zu sichern. Ihr Verweis auf Zivilisation ist insofern die notwendige Ergänzung zu Ihrer eingangs vorgenommenen Fokussierung auf die Naturwissenschaften.

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  • Luca Rosenboom

    Philosophische Themen schneidet man im gesellschaftswissenschaftlichen Studium stetig an. So beschäftigt man sich z.B. in Geschichte wie in Latein mit der ciceronischen bellum iustum-Theorie, die einen Einblick in das Moralitätsverständnis der Römer gibt. Dies zieht sich bis in die Frühe Neuzeit und Moderne hin zu John Rawls Gerechtigkeitstheorie. Dabei sind die Facetten der Philosophie vielreich, die es so spannend machen, sich damit zu beschäftigen. Die historische Durchdringung von Herrschaft, Gesellschaft, Recht und (Welt-)Ordnung haben sich schon die Sophisten zur Aufgabe gemacht, was sich fortlaufend immer weiter entwickelte und breitere Zugänge zu verschiedenen Themenbereichen verschafft hat. Aktuell z.B. bietet die Analytische Erkenntnistheorie einen Zugang zum aktuellen Schreibwettbewerb "Wissen teilen. Weiter denken", denn die Frage "Was ist Wissen?" hat schon Platon in seinen Dialogen Theaitetos und Menon behandelt, indem er Sokrates' Dialogpartner auf den Zahn fühlen lässt.

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  • Norbert KNOLL

    Wie wahr. Gerade die Frage nach Wissen ist uralt und würde etwas mehr philosophischen Tiefgang verdienen.
    Die gelehrte Welt begnügt sich hingegen zumeist damit, die Kuh durchs Dorf zu jagen in immer neuen modisch klingenden "Schlagworten" wie "Informationsgesellschaft", "knowledge-based society/economy" oder neuerdings "Digitalisierung". Nach geraumer Zeit gleiten die in Mode gekommenen Wortschöpfungen den Weitsicht, Entscheidungsfreude und Führungskraft vermittelnden Politikern (aller denkbaren biologischen Geschlechter) in Sonntagsreden über die Lippen, als wäre nun endlich jener Stein der Weisen, jenes Zauberwort gefunden, das doch alles sagt, was es für die Zukunft noch zu sagen gäbe. Manche von ihnen glauben sogar, der Uterus der Wissen gebärenden gesellschaftlich institutionalisierten Wissenschaften wäre eine ausreichend sprudelnde nie versiegende Quelle, die sich mit etwas mehr künstlicher Intelligenz gar noch besser ausbeuten ließe. Faszinierend mit welch einfachen Antworten sich die erstaunte Zuhörerschaft zufrieden gibt. Da werden die Datenschätze der big data gehoben, der Zugang und die Verteilung von Information geregelt und mit einem Preisetikett versehen, ohne das geringste Verständnis für die unverzichtbaren, schöpferischen Lernprozesse der Aneignung von Wissen durch menschliche Individuen. Aber nein, vielleicht genügt es ja, die Aneignung von Wissen durch Menschen mit der Speicherung von Daten und Programmen in den neuronalen Netzen der neuesten Generation von Maschinen gleichzusetzen.

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  • Luca Rosenboom

    [~6726] ich muss gestehen, ich habe herzhaft gelacht bei Ihren Ausführungen, ich danke Ihnen dafür. ;-)

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  • Norbert KNOLL

    [~3175], also ich hab am Sonntag bei einer längeren Autofahrt eine Hörspielfassung von Huxleys "Schöne neue Welt" gehört und am Dienstag hat mich nachmittags urplötzlich ein subversiver Gedankenschub erfasst, den ich los werden musste.

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  • Friedemann WEITZ

    Ich orientiere mich in meinem 'Kommentar' (OHNE Kenntnis der bisherigen Ein- und Beiträge!) an den Ausgangsfragen: "was verbinden Sie mit Philosophie? Welche philosophischen Gedanken beschäftigen Sie besonders, ob in der Vergangenheit oder gegenwärtig? Und welche Philosophinnen und Philosophen schätzen Sie am meisten? Oder welche Frage möchten Sie gerne zum Thema 'Philosophie' der Community stellen?"
    a. Ist Philosophie nicht eine menschenfreundlich-strenge Frömmigkeit des Denkens (bzw. sollte eine solche sein)?
    b. Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen? Was ist der Mensch? (personalisiert: Wer oder was bin ich [und wenn ja, wie viele ... :] - ?) Alternativ auch gerne /mich/ anregende 'Titel' wie "Wahrheit und Methode" oder "Sein und Zeit" ...
    c. Platon; Nietzsche
    d. Was sollten wir tun? Was sollen wir tun? Was wollen wir tun? Was werden wir (nach&neben einem sicherlich auch nicht zu verachtenden - das sei ferne! -, aber letztlich doch freundlich-unverbindlichen Gedankenaustausch) tun?

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  • Nik Roeingh

    Philosophie ist der Versuch, mich, das Leben und die Welt besser zu verstehen. Die Philosophie begleitet mich auf diesem Weg und ist gleichermaßen für Erfolg und Misserfolg verantwortlich.

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  • Dirk Langer

    Philosphie ist für mich kein fest umrissener Begriff. Es gibt Fragen und Gegenstände die eindeutig "philosophisch" sind, im Regelfall weil wir nicht auf eine endgültige Antwort hoffen können. Darüberhinaus bedeutet Philosophie für mich, Dinge und Ereignisse in einen grösseren Sinnzusammenhang einzuordnen um sich zu orientieren, quasi über den Tellerrand hinauszusehen.

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  • Uwe Seelinger

    Man sollte nicht übersehen, dass manche philosophische Systeme die Ausgeburten menschlicher Fantasie sind. Es fehlt das Korrektiv, das wir aus den Naturwissenschaften kennen. Über Platon besitze ich z.B. die 3 Bände von Kutschera. Wenn Kutschera, ein Logiker alter Schule, schreibt, das er dieses oder jenes Argument von Platon nicht verstehen kann, sollte man als Laie vorsichtig werden. Von den Systemen des Idealismus will ich gar nicht erst reden. Die Philosophie Kants ist zum großen Teil schlicht veraltet. Hegel ist unlesbar. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Könnte ich mir ein Wissen einfach so "aussuchen", wäre ich gerne Physiker. Mit Philosophie beschäftige ich mich, weil sie für Laien schlicht zugänglicher ist.

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  • Marcin Lupa

    Lieber Herr Seelinger, da geht es mir ähnlich wie Ihnen, mir erscheint die Wissenschaft der Verhaltensbiologie und der Psychologie als sehr interessant und eben die Philosophiegeschichte, als für Laien leichter zugänglich.
    Die Gedankengänge der Philosophen selbst erscheinen mir bisweilen grotesk, verraten aber vieles über die Zeit in der sie entstanden sind und über die Personen, die sie getätigt haben.

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  • Uwe Seelinger

    [~2055] Für mich war die Verhaltensbiologie, in Gestalt von Konrad Lorenz (dessen Verhaltensbiologie übrigens nach seinem Tod ebenfalls grabgelegt wurde) der Einstieg in die Philosophie. Seine Evolutionäre Erkenntnistheorie erscheint mir auch heute noch sehr plausibel zu sein. Beim Philosophen Thomas Nagel findet man viele Grundgedanken davon, aber Nagel ist sich offensichtlich nicht bewusst, dass Lorenz viel früher dran war. Die "EE" erklärt auf wunderbare Weise unser kurzsichtiges Verhalten der Natur gegenüber. Röd hat diese naturalisierte Philosophie nicht in sein Werk aufgenommen, warum auch immer. Aber Gerhard Vollmer und Wolfgang Welsch verwenden diese Gedanken noch.

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  • Marcin Lupa

    [~438], ich danke Ihnen für die Erwähnung dieser Autoren. Wenn ich ihnen nicht ohnehin im Zuge meiner Auseinandersetzung mit der Geschichte der Philosophie von Wolfgang Röd begegne, werde ich mich über sie gesondert informieren.

    Evolutionäre Erkenntnistheorie scheint generell das Thema zu sein, mit dem ich mich beschäftigen will.
    Von meiner Seite her, habe ich mich etwas mit Daniel Kahneman beschäftigt und will bald sein neuestes Buch lesen. Ich weiß, er ist kein Philosoph, doch seine Analyse des menschlichen Denkens finde ich brilliant.

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  • Norbert KNOLL

    [~2055], ich weiß nicht, was ich von einer evolutionären Erkenntnistheorie halten soll. Ist mir bisher eher suspekt und ich müsste mich eingehender damit beschäftigen, um meine Vorurteile zu überwinden. Ich verweise nur auf ein Zitat, das ich dazu in der Wiki gefunden habe und von dem ich glaube, dass der Mensch und seine Erkenntnisfähigkeit - bzw. eine evolutionäre Entwicklung biologischer Grundlagen der Erkenntnis des Menschen - etwas überschätzt wird:

    „Unser Erkenntnisapparat ist ein Ergebnis der Evolution. Die subjektiven Erkenntnisstrukturen passen auf die Welt, weil sie sich im Laufe der Evolution in Anpassung an diese reale Welt herausgebildet haben. Und sie stimmen mit den realen Strukturen (teilweise) überein, weil nur eine solche Übereinstimmung das Überleben ermöglichte.“
    – Vollmer 1998, S. 102.

    Vor vielen Jahren, habe ich ein Buch zu Superorganismen (Ameisen, Termiten, Bienen...) gelesen. Mir wurde damals bewusst, dass es schon viel länger als Menschen - nämlich über 100 Millionen Jahre - Ameisen auf der Welt gibt. Ich vermute, es wird noch Ameisen geben, wenn die Menschheit längst ausgestorben sein wird.

    Wenn ich den Satz von Vollmer lese, dann kommt mir vor, dass er für Ameisen genauso gültig ist, wie für Menschen. Der Satz gilt für allerlei Lebewesen, die eine "Fähigkeit zur Erinnerung an in der Vergangenheit Erlebtes" (Lernen aus der Auseinandersetzung mit der Umwelt) sowie eine "Fähigkeit zur Antizipation von in der Zukunft Erlebbares", aufweisen.

    Wenn man den Begriff Evolution nur weit genug fasst, dann ist die Entwicklung von der Physik des Aristoteles, über die Mechanik Newtons hin zur Relativitätstheorie als eine evolutionäre Entwicklung zu sehen. Aber was lässt sich damit erklären?

    Theorien, die die Menschen zu unterschiedlichen Gegenstandbereichen entwickeln, werden immer komplexer und aus einer beständig zunehmenden Anzahl verfügbarer Erkenntnisse gespeist ... so what?

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  • Uwe Seelinger

    [~6726] Die EE macht aus dem ontogenetischen Apriori (Kant, der dafür keine Erklärung hatte, woher die "unserer Erkenntniskraft eingepflanzten Gesetze" herstammen) ein phylogenetisches Aposteriori. Das ist der große Unterschied zum Konstruktivismus. Das beste Buch von Lorenz, die Rückseite des Spiegels, beschäftigt sich mit erkenntnisgewinnenden Mechanismen des Lebens, also vom Genom über Ausweichreaktionen von Pantoffeltierchen bis hin zur Wissenschaft. In Richtung klassische Philosophie die Kritik: So wie der Polizeihund die Drogenszene nicht verstehen kann, werden wir auch die letzten Gesetze des Universums nicht verstehen, weil unsere Fähigkeiten schlicht begrenzt sind, wir sind Tiere (zuletzt so Koorsgard im Buch "Tiere wie wir"). Viele Philosophen operieren mit diesen Gedanken. Zum Beispiel auch Daniel Dennett in seinem Buch "Von Bacteria to Bach and Back. The Evolution of Minds". Karl Popper sowieso (Leben ist Problemlösen, ganz biologisch gedacht). Thomas Nagel habe ich schon erwähnt.

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  • Norbert KNOLL

    [~438], vielen Dank für Ihren Versuch einer Klärung. Müsste mich wirklich näher damit auseinandersetzen, um das zu verstehen. Ich habe ja auch gar nichts gegen eine biologische Grunddisposition die unsere Leibhaftigkeit ausmacht und uns ermöglicht mit unserer physisch-materiellen Welt in Beziehung zu treten. Wird auch so sein, dass sich das über die Menschheitsgeschichte hinweg verändert hat und weiter verändert.

    Das Faszinierende am Menschen und seinen besonderen Fähigkeiten liegt für mich in seiner Auseinandersetzung mit der Welt, die dadurch gekennzeichnet ist, dass er von der Geburt bis zum Tod eine eigene Vorstellungswelt aufbaut und weiterentwickelt. Er erweist sich als fähig, nicht bloss auf Änderungen seiner Umwelt zu reagieren (wie man es von anderen Lebewesen erwarten würde). Er kann a) die Gefangenschaft des hier-und-jetzt überwinden und b) "mittelbare Eingriffe" in die Welt entwerfen (z.B. durch Werkzeuge, Technik) die nicht im hier-und-jetzt verhaftet sind.

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  • Marcin Lupa

    [~6726], eine evolutionäre Erkenntnistheorie setzt sich vermutlich sehr mit der Mechanik unserer Wahrnehmung auseinander. Ich kenne ein breites Spektrum von Wahrnehmungsarten: vom erweiterten Bewußtsein, mittels Pharmakons wie Meskalin oder LSD, bis hin zu komplett desintegrierender Geisteskrankheit.
    Das sind Zustände, in denen man die großen Fragen des Seins analysiert, dabei auch den Kosmos auf eine höchst präzise Weise betrachtet und Phasen von Unschärfe, Unvermögen assoziativ oder reflektiert zu denken.

    Warum mein Geist diese Wanderungen gemacht hat, er allein wird die Antwort wissen. Er war stets auf der Suche nach dem Grund für sein Dasein und vorgefunden hat er immer nur seine Seele, die tiefgründig ist und seicht, bescheiden, oberflächlich zugleich.

    Die Phasen der Verworrenheit suchte ich mit der Philosophie und natürlich Psychologie bis Psychiatrie auszugleichen.
    Mittlerweile scheine ich mich gut zu kennen, dennoch wüßte ich gerne, was hinter den Spiegeln verborgen ist und so forsche ich in der Literatur.
    Das Denken liefert mir dazu Anregung.

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  • Norbert KNOLL

    [~2055],
    "eine evolutionäre Erkenntnistheorie setzt sich vermutlich sehr mit der Mechanik unserer Wahrnehmung auseinander"

    Die Betonung von "Wahrnehmung" würde einiges erklären.
    Ich halte einen Ansatz für vielversprechender, bei dem das Individuum nicht nur über "Fähigkeiten zu sinnlicher Wahrnehmung" verfügt, sondern auch "fähig ist, eine eigene Vorstellungswelt zu entwickeln". Eine Vorstellungswelt, die quasi einen vom Individuum gestalteten "Möglichkeitsraum" darstellt, könnte "Realität" als eine "besondere Ausprägung des Möglichen" fassen. Wie sonst könnte ich etwas denken, das im hier-und-jetzt nicht vorhanden ist?

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  • Marcin Lupa

    [~6726], im Grunde kann ich mir sehr viel vorstellen, was in der Realität nicht möglich ist. Ich zum Beispiel träume manchmal davon Boxweltmeister zu sein. Ich denke dabei, an einen 13 Titelkampf mit 53. Den ich natürlich gewinne.
    Nur, mit 53 werde ich nicht einmal fit genug sein, um einem Kirmesboxer zu begegnen.

    Oder schauen wir uns den Herrn der Ringe an. Gibt es in der Realität Drachen?

    Auf der anderen Seite kann man sich mit der Vorstellungskraft gut entspannen und vieles in der Realität, wie z.B. Roboter, haben ihre Grundlage in der Vorstellungskraft der Menschen, auch das Internet.

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  • Norbert KNOLL

    [~2055], Sie stellen eine sehr interessante Frage, deren Antwort Sie längst kennen:

    "Gibt es in der Realität Drachen?"

    Wenn Drachen in Ihrer Vorstellungswelt vorkommen z.B. als Feuer speiend, mit mächtigen Flügeln, einem undurchdringlichen Brustpanzer etc. dann gibt es diese Drachen auch. Vielleicht haben Sie schon einmal von einem Drachen geträumt, über Drachen gelesen und in einem Film - Herr der Ringe zum Beispiel - sogar schon Drachen gesehen.

    Zweifeln Sie noch immer an der Existenz von Drachen? Welcher Art ist der Zweifel, in dem ich Sie nur bestärken kann?

    Ich behaupte: Es wird Ihnen in Ihrem alltäglichen Leben nie ein Drache begegnen selbst wenn ein Team renommiertester Wissenschaftlerinnen angeblich den Nachweis der Existenz von Drachen erbracht hat! Wenn Sie morgens aufstehen, sich Kaffee aus der Küche holen oder im Badezimmer die Zähne putzen. Kein Drache! Selbst auf dem Weg ins Büro, in der Straßenbahn, im Aufzug, im Zimmer Ihres Chefs ... nirgendwo ein Drache zu sehen. Wenn Sie eine Kollegin in ein Gespräch über Drachen verwickelt, wissen Sie auch genau, wie Sie das einschätzen sollen: Sie war am Wochenende im Kino und danach hatte sie üble Träume von Drachen, bis sie endlich von Georg dem heiligen Drachentöter gerettet wurde.

    Es gibt keine Drachen selbst wenn Sie irgendwann einmal eine Vorstellung von Drachen gewonnen haben! Drachen werden nur in einem begrenzten Bereich ihrer Vorstellungswelt vorkommen.

    Realität, Wirklichkeit ist ein Konstrukt, das wir aus dem Erleben des Alltags gewinnen. Alfred Schütz verwendet - glaube ich - den Begriff "Sinnbezirke" für Bereiche wie Traum & Literatur, in denen wir eine mit dem Alltagserleben nur zum Teil vereinbare und jeweils in sich schlüssigen Logik zulassen.

    Es ist die Lebenswelt als jener besondere, herausgehobene Bereich, der uns zeigt und spüren lässt, was Realität ist.

    Das mag zwar unbefriedigend sein, wenn man bestimmten philosophischen Ansätzen anhängt, aber letztlich muss sich auch die Philosophie bemühen, Widersprüche zur Logik des Alltags entweder durch Weiterentwicklung des eigenen theoretischen Ansatzes als "nur scheinbar" aufzuklären oder sich dieser Logik zu fügen. Wir wollen ja keine Philosophie betreiben, die nur im Traum oder als literarische Fiktion Bestand hat.

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  • Marcin Lupa

    [~6726], Einigkeit besteht darin, dass auch Sie erkennen, meine Frage war eine rhetorische.

    Bezüglich der Phantasieprodukte (darunter Fabelwesen wie Drachen), kann ich Ihnen eine Anekdote aus meinem Leben erzählen:
    ich habe seinerzeit viel Meskalin zu mir genommen und dadurch eine verschärfte und extrem erweiterte Wahrnehmung, der äußeren Sinnenreize erlangt. Ich kann mich praktisch ein wenig mehr emphatisch in die visuelle Perception eines Raubvogels hineinversetzen, als manch ein anderer, der solche Erfahrungen nicht gesammelt hat.

    Ein Mal habe ich aber ein Gebräu aus dem Stechapfel (Datura) getrunken, von einem new-wage Schamanen zubereitet. Das war ein gänzlich anderes Erlebnis. Tatsächlich vermischt sich unter Einfluß dieser Droge, Traum und Wirklichkeit im visuellen Erscheinungsbild. Wir waren in einer Hütte am Waldrand. Als ich das Gebräu getrunken habe, musste ich mich nach einiger Zeit erbrechen, dazu begab ich mich nach Draußen, dann ging ich in den Wald hinein und kam zu einer Lichtung auf der ein roter Drache lag - ich dachte an Smauk, aus dem kleinen Hobbit von J.R.R. Tolkien. Dieser Drache sah sehr real aus, praktisch so, wie Sie einen LKW wahrnehmen, nur eben schuppig und rot. Er verschwand auch nicht. Nach einiger Zeit bin ich erblindet. Sah dann alles verschwommen, wie mit 8 Dioptrien und kämpfte mich zur Hütte zurück, wo ich auf einer Couch einschlief und erst anderntags aus sehr bunten und plastischen Träumen erwachte.

    Die Realität setzt sich zusammen, aus der Wahrnehmung äußerer Sinnenreize und der Zugabe unserer Vorstellungskraft. Dies geschieht in einem ausgewogenen Verhältnis. Drachen sehen sollte man natürlich nicht, spätestens dann wenn man sie sieht und den Grund dafür nicht durch den Konsum einer Droge erklären kann, sollte man einen Psychiater konsultieren.

    In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes Wochenende!

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrter Herr Jacob

    Was mich mit der Philosophie verbindet?
    Der unerschöpfliche Fundus an Anstößigkeiten, ‚Gott und die Welt‘ auf subtile Weise wahrzunehmen, das Wahre-Genommene, von diesem geführt, von Grunde auf zu bedenken und so das ihm Wahre zu erkennen und möglichst auch noch in der Anstrengung des Begriffes auf den Begriff zu bringen. Dann wäre meine Intention, mich fähig gemacht zu haben, an der Welt, was sie an und für sich ist, vernehmen zu können, eingelöst.
    Ganz pragmatisch gesagt: das unabzählbar unendliche Reich der Kultur mir zu erschließen – in der Spannweite von Wissenschaft und Technik, Theater, Literatur, Kunst, Geschichte, Religion, Mythos … – und Solches alles zu dem trivialen Zwecke eines souveränen und möglichst dionysischen Lebens.
    „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit; sollten wir ihn nicht unerschöpflich nennen!“ – Diesen Reichtum ganz nach Gusto verschwenderisch auszubeuten: das wär’s doch!

    Welche philosophischen Gedanken beschäftigen mich besonders?
    Primäre Intention: Das Denken des Denkens zu denken, dem ein Sachgehalt entsprungen
    Zweckrationale Intention: das Wahre erkennen, verstehen, begreifen – und dann auf ein Neues hin transzendieren.
    Primärer Themenhorizont zum Zwecke dieser Intentionen: Logik an und für sich / Erkenntnis der Logik der Sache in concreto
    Themenhorizont im Kontext: Geschichte der Philosophie; Religion, Moral, Sittlichkeit;
    Sprachphilosophie; Mythos (Die Logik des Mythos) und Verarbeitung der einzelnen Mythologeme in der Spannweite von Theater über Literatur bis Kunst

    ‚bevorzugten‘ Philosophen?
    Zentral: Platon, Aristoteles, Leibniz, Kant, Fichte, Hegel …Nietzsche, Heidegger …
    Kontextes: Sieben Weisen, Vorsokratiker, Sophisten; Anselm von Canterbury, Thomas v. Aquin (Gottesbeweise); Hobbes, Lock, Bacon, Bentham, Ockham, Newton, Hume (Pragmatismus, Empirie); H. Scholz, W. Schulz, Gadamer, Heintel, …

    Themen für wbg-Forum:
    Faust, Prolog im Himmel versus Verlust des süffisanten Kampfes um Faustens Seele.
    Der Mensch ist Maß aller Dinge versus Zweck an sich selbst versus existierender Begriff
    Kategorischer Imperativ versus GG, Artikel 1

    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Marcin Lupa

    Lieber Herr Böhle, das haben Sie sehr schön geschrieben. Da stimme ich Ihnen in allem grundsätzlich zu, auch wenn ich das apollonische Prinzip klar dem dionysischen vorziehe. Ich habe die dionysischen Tiefen meiner Existenz genügend ausgelotet. Ich war ziemlich intensiv auf Meskalin unterwegs, nachzulesen in Aldoux Huxley´s "Pforten der Wahrnehmung". Und irgendwann habe ich erkannt, das der Rausch gegenüber dem Logos, die kleinere Freude ist.

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    [~2055]
    Lieber Herr Lupa
    Dionysos ~ dionysisch ist das kontradiktorische Gegenteil zu Meskalin! Dionysos hat mit Genuß, die Einheit oder die Meta-Stufe zu Sinnlichkeit und Ratio, etwas zu tun, nicht mit 'sich zudröhnen'! Wenn Sie Apollon und Dionysos zum Gegensatz erklären, zeigt es, daß Sie sich weder mit Apollon noch mit Dionysos - auf der Stufe ihres Begriffes - auseinandergesetzt, sondern, so meine These, vom Hören-Sagen übernommen haben.
    Hinweise, die genügen mögen, da eine nähere Explikation dieser mythischen Gestalten hier wohl nicht so wirklich am Orte wäre:
    ### Apollon wird "der von fern-her-Treffende" genannt; repräsentiert den Parnaß, den Ort der Musen, und das Orakel; hat aber mit dem Weiblichen so seine Probleme; paradigmatisch: Daphne. Aischylos expliziert den Begriff des Apollon in der Orestie.
    ### Dionysos repräsentiert das Theater, den Ort des Bedenkens des Handelns und Verhaltens des Menschen in kritischer Distanz. Sein subtilster Logos: Ariadne; sein lehrreichster Logos: Pentheus (Euripides; Bacchen); sein Logos auf der Stufe des Begriffes: seine Genesis!
    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Niklas Bauer

    Mich hält ausdauernd bei der Philosophie die Feststellung Kants, dass unserer Vernunft Fragen aufgegeben sind, die sie konstitutiv überfordern und die sie gleichwohl zu delegieren sich nicht im Stande sieht. Dass diese Formulierung sowohl zu Einspruch wie Zustimmung reizen kann, darf auch als Beleg dafür genommen werden, dass die ominöse Vernunft sich nicht einmal ihrer selbst sicher ist. Daher treibt mich derzeit besonders die Frage um, wie es dahin kommen kann, dass ein Denken sich unter dem Titel der ›Vernunft‹ selbst problematisch wird.

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrter Herr Bauer
    Es gehört zu den elementarsten Eigenarten des Geistes, sich selbst in seiner eigenen Arbeit, dem Denken, immer zugleich in kritischer Distanz zu bedenken. – Billiger ist die Leistung, das Wahre eines Sachgehaltes zu erkennen, nicht zu haben. Das Meinen bis hin zur Ideologie und Verschwörungslegende erspart sich die kritische Distanz zu sich selbst wie zu seinem Gegenstand und ist für sich selbst oder selbstverständlich immer schon im Wahren; daher gehört zum Meinen und seiner Couleur, dem Denken auf der Stufe, nicht sich selbst in kritischer Distanz zu bedenken, auch ganz richtig das Attribut „borniert“.
    Diese Doppelbödigkeit des Geistes, auf zwei Ebenen zugleich zu denken, ist jedoch keine Absonderlichkeit, sondern trivial und jeder vollzieht dergleichen alltäglich – z.B. bei der morgendlichen Wäsche und bei Verschlafenheit: Jemand wäscht sich; achtet darauf, sich ordentlich zu waschen; das Maß des ordentlichen Waschens unterliegt der Rücksicht, wie viel Zeit zur Verfügung steht, weil der Bustermin und davor noch das Frühstück berücksichtigt werden muß und dann ist da ja auch noch, sich adäquat gewaschen zu empfinden … - und das alles in ein und selben Augenblicke! – umgangssprachlich sagen wir das ja auch ganz trivial: sich, und also reflexiv bezogen, waschen! [Da ist einer der wäscht; zugleich einer, der darauf achtet, daß der, der wäscht, auch ordentlich wäscht; nach dem Maße, das eine weitere Reflexionsposition setzt …] Der Mensch bewegt sich selbst in trivialen geistigen Sphären nicht nur schizophren, das wäre zwei-stufig, sondern multi-stufig und das auch noch ganz selbstverständlich!
    Was spezifisch Kant und die Vernunft betrifft: bei aller Vehemenz, die Haman gegenüber Kant bei dessen Mittagstische, (er gehörte gleichsam ‚zum Inventar‘), vortrug, konterkarierte Kant seinen Gast immer wieder und auf elegante, besser gesagt: logisch stringente, Weise: Er stellte Hamann die Aufgabe, einen Text der KrV sprachlich nach seinem Maße zu verbessern: Hamann gab nach etwa einem Monat frustriert auf: aus wenigen Zeilen Kant wurden Seiten bei Hamann – und hatten keinen Faden mehr! Es sei zugegeben: wenn man Kant liest, muß man sprachlich auf der Höhe der Grammatik sein! (eine Textstelle, die meine Kommilitonen nicht verstanden, habe ich ihnen einfach nur mal grammatikalisch prononciert vorgelesen: der Text war ihnen jetzt - leichthin - verständlich!
    Was die KrV näher betrifft: „Kritik der reinen Vernunft“ beansprucht die Grammatik des doppelten Genitives; genitivus objektivus und zugleich genitivus subjectivus! Dann und nur dann, wenn das Denken – auf der Stufe der Vernunft – sich selbst in kritischer Distanz ‚legitimiert‘, hat das Resultat des Denkens, der Gedanke oder die Erkenntnis wohl fundiert (bene fundatum) Bestand und spricht das Wahre der Sache, das Konstrukt des Verstandes: die Erscheinung, explizit aus. – Ansonsten, s.o., ist’s halt nur ein Meinen: subjektiv konnotierte Borniertheit.
    Nur so als Bemerkung und ohne nähere Ausführung: das Bedenken ihrer selbst in kritischer Distanz steht in der KrV unter dem Verdikt, die Bedingungen der Möglichkeit für synthetische Urteile a priori zu eruieren: wie sind synthetische Urteile a priori möglich, sodaß wissenschaftliche Aussagen, abstrakte Aussagen oder Konstrukte des Verstandes, als Erkenntnis-Aussagen anerkannt werden können.
    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Elena Hoch

    Wenn ich an Philosophie denke, kommt mir immer zuerst ein bestimmtes Wort in den Sinn und das ist: schwierig. Viele Namen folgenden dann und geistern mit einem Mal in meinem Kopf herum. Dazu gesellen sich Fragmente von Gedanken anderer über das Sein, den Menschen, das Wissen, Hoffen und Denken.
    Das Wort Vernunft blitz in dem Durcheinander hervor. Das muss ein Gedanke in Verbindung mit Kant sein. Emmanuel, nein Immanuel. Der Mann mit den langen unverständlichen Sätzen. Von dem ich ein dickes Buch mit dem Titel "Die drei Kritiken" im Bücherregal sehen habe, weil eine Freundin und ich seine Texte nicht leiden konnten. Sie hat mir das Buch zum Geburtstag geschenkt, ein Witzgeschenk; darin gelesen habe ich noch nie. Viel zu sehr fürchte ich mich davor, kein Wort zu verstehen.
    Aus dem gleichen Grund lese ich auch keine Texte von anderen Philosophen. Dabei erwische ich mich immer wieder, wie ich in Buchhandlungen vor den Regal mit der Bezeichnung "Philosophie" stehe und mir wünsche, ich wäre einen von denen, die von dort ein Buch aussucht. Die von sich sagen kann, dass sie keine Antworten oder gar Lösungen, aber immerhin Ideen davon hat, wie sich die Welt erklärt. Und zwar nicht nur ihre eigenen.
    Die sich an mehr von René Descartes erinnert als die Feststellung "Weil ich denke, bin ich", weil sie jeder kennt und den Satz: "The Reading of all good books is like a conversation with the finest minds of past centuries", weil er in einem Bilderrahmen bei ihr Zuhause an der Wand hängt. Die weiß, ob Sokrates der Lehrer von Platon oder umgekehrt war.
    Wo fange ich aber an?
    Wo lege ich den Startpunkt? Wer oder was leitet mich durch die vielen Ideen, Gedanken, Theorien und Verweise, die mich aus der Ferne mit so großer Angst erfüllen?
    Mein Schulbuch aus dem Philosophie-Unterricht habe ich nie weggeworfen. Es liegt in einer Tüte unter meinen Schreibtisch und immer wenn ich es alle paar Monate wieder dort entdecke, denke ich mir: Vielleicht schaue ich irgendwann nochmal hinein.
    Bisher habe ich noch nicht reingeschaut.
    Vielleicht tue ich das, wenn es mir das nächste Mal wieder in die Hände fällt. Zumindest dann, wenn ich meine Zweifel schließlich überwinden kann und endlich den Anfang in die Welt der Philosophie wage, vor dem ich mich zwar fürchte, ich mir aber auch wünsche.

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  • Marcin Lupa

    Liebe Frau Hoch,

    das haben Sie sehr schön geschrieben. Bereits literarisch.

    Für mich verhält sich die Sache ähnlich, allerdings ist es nicht die "Furcht", die mir bisher den Zugang zur Philosophie erschwerte, sondern die "Zeit" für eine Auseinandersetzung mit ihr. Und dennoch denke ich, dass ich sie mir jetzt freischaufeln könnte.

    Viele Grüße
    Marcin Lupa

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrte Frau Hoch
    Erinnern Sie sich noch daran, wie und was Sie lernten, als Sie in die Fahrschule gingen? Dem bedrohlich Verwirrenden ging peu à peu die Puste aus, während Sie peu à peu das Auto zu fahren lernten bis dahin, Solches zu beherrschen. Und nun fahren Sie mal ganz locker vom Hocker! Ein Gleiches hat in jedem Fachbereiche statt – mal mehr, mal weniger anstrengend. Davor allerdings erfordert es den Entschluß, die Sache anzugehen!
    Gemeinhin zeigt ein Fachbereich, womit anzufangen sei: erst mal zählen, addieren, multiplizieren … und erst viel, viel später Differenzial und Integral, Wurzeln samt Ableitungen … Philosophie ist da ‚ein bißchen anders gestrickt‘: da gibt es keinen ‚geordneten‘ Einstieg, sondern schlichtweg: á corps perdu! – Klingt schockierender als es in realitate ist!
    So ganz pragmatisch und, sofort zugegeben, subjektiv konnotiert, wäre ein Beginn vielleicht sinnvoll mit
    ### Platon: Apologie, Kratylos, Protagoras,
    ### Aristoteles: NE (da geht es, zumindest für den Anfang, ‚handfest‘ zu; daß die NE die Metaphysik voraussetzt, kann für den Einstieg vernachlässigt werden: der konkrete Bezug zur Lebenswelt gewährt ein brauchbares Geländer!)
    ### Kant: Beantwortung der Frage „was ist Aufklärung?“; auch ‚handfest‘ wie die NE des Aristoteles: GMS. (Die Kritiken lassen Sie bedenkenlos noch eine Weile unberührt im Schranke stehen; die vertragen das Warten: mit den Kritiken zu beginnen wären, als ob Sie mit Stochastik das Rechnen lernen wollten!)
    ### Hegel: wer denkt abstrakt? / Propädeutik – auf der Stufe der Einstiegstexte für die Unterstufe (Sexta, Quinta, Quarta) – en passant: beachten Sie, welcher Anspruch an Pennäler (damals ganz selbstverständlich) gestellt wird!
    ### W.v. Humboldt: über Denken und Sprechen; über den Dualis (wenn Sie altgriechisch können)
    ### Heidegger; was heißt denken? ((wenn’s, was bei Heidegger ‚normal‘ ist, sprachlich etwas eigentümlich wird: schlicht und einfach nur, aber streng, den Worten ‚nach-denken‘, dann klappt’s!)
    Vielleicht wäre es für Sie hilfreich, die Geschichte der Philosophie gleichsam als Begleitprogramm zum jeweiligen Einstieg zu nutzen. Was den Autor betrifft, da sollte Ihr Gusto festlegen, welcher Autor Ihnen einfach so von der Sprache her liegt.
    Eines aber bleibt Ihnen nicht erspart: á corps perdu!
    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Elena Hoch

    [~615] Sehr geehrter Herr Böhle,

    Sie lesen mich überrascht (sehen können Sie mich ja nicht). Vielen lieben Dank für ihre ausführliche Nachricht!
    Sie haben natürlich recht, mit dem was Sie schreiben. Wie sagt man so schön? Aller Anfang ist schwer.
    Aber wie schrieb auch Hermann Hesse einst? Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.
    Vielleicht ist es bei der Philosophie ein etwas frustrierender Zauber, allerdings war das - wie Sie es so schön angemerkt haben - beim Auto fahren nicht anders. Oder beim Fahrrad fahren. Oder bei der Literaturwissenschaft (das ist eher mein Fachgebiet), da habe ich mich anfangs auch sehr gequält, bis ich die Fachtexte verstehen und schließlich auch genießen konnte. Und jetzt bin eine von denen, die zur Entspannung in "Paratexte" von Genette schmökert und in der Buchhandlung am liebsten alle Werke aus dem entsprechenden Regal mitnehmen möchte.

    Ihre Liste mit Einstiegsempfehlungen habe ich mir rauskopiert. Auch vielen Dank dafür! Ich werde mein Bestes tun, dass Ihre Mühe nicht vergebens war. (À corps perdu werde ich mir als Titel darüber schreiben, damit ich es bloß nicht vergesse.)

    Freundliche Grüße
    Elena Hoch

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  • Norbert KNOLL

    Liebe Frau Hoch, wann und wie man einen Zugang zur Philosophie findet, hat man selbst zu bestimmen. Da lassen sich auch keine Ratschläge geben. Trotzdem ein paar persönliche Anmerkungen.

    Gleich mit Kants Kritiken zu beginnen, birgt die Gefahr eines raschen Abbruchs. Man wird dabei nicht ohne gute Sekundärliteratur auskommen, um einerseits die Verwendung der Begrifflichkeiten zu verstehen und andererseits zu begreifen, warum sich Kant bestimmte Fragen überhaupt gestellt haben. Diese beiden Probleme wird man bei jedem philosophischen Text bewältigen müssen.

    Es gibt vermutlich nur sehr wenige philosophische Texte, die in einer von unserer Alltagssprache nicht allzusehr abweichenden - und somit schnell & leicht verständlichen - Sprache geschrieben sind. Das ist vermutlich der Grund, warum "Infocomics" zu allerlei Themen derzeit in allen Buchhandlungen zu finden sind. Manche sind nicht nur unterhaltend, sondern regen sogar an sich mit einem Autor oder einer Frage weiter zu beschäftigen.

    Ideal sind philosophische Texte, bei denen man als Leser quasi "dem Autor beim Denken" zuschauen kann; ich denke da an die Spätphilosophie von Wittgenstein wie z.B. im Buch "Über Gewissheit".

    Einfach ein Lehrbuch herauszuholen, etwa eine der zahlreichen Einführungen in Erkenntnistheorie, Ontologie, Ethik etc. funktioniert auch nur dann, wenn man selbst schon eine relativ klare Vorstellung davon hat, was einem die philosophische Lektüre geben soll.

    Ich würde hier nur eine Ausnahme machen: Philosophische Anthropologie. Dazu ist auch bei wbg eine brauchbare Einführung von Christian Thies erschienen. Warum mache ich diese Ausnahme? Ein Buch über philosophische Anthropologie lässt relativ einfach eine bestimmte Lesart zu: Was hat dieser oder jener Ansatz mit mir zu tun? Finde ich mich da wieder als Mensch, als animal rationale, als homo faber, als zoon politikon, ...?

    Ich glaube, dass man sich der/einer Philosophie idealerweise zuwendet, indem man sich selbst in Bezug zu ihr setzt und sie nicht bloß als eine der zahllosen Theorien und Ansätze in einem Sammelsurium von teils recht kuriosen Weltanschauungen behandelt.

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  • Elena Hoch

    Marcin Lupa Lieber Herr Lupa,

    vielen Dank für Ihren Kommentar und Input! Es freut mich, dass Ihnen mein Beitrag gefallen hat.

    Ihrer Anmerkung zum Faktor "Zeit" würde ich mich anschließen. Wäre ich ganz ehrlich mit Ihnen und mir, müsste ich ihn aber vielleicht auch zu "vermeintlich keine Zeit" umschreiben.

    Schöne Grüße
    Elena Hoch

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  • David Gardner

    Je mehr ich mich mit der Philosophie beschäftige, desto mehr frage ich mich, ob sie noch eine wichtige Rolle spielen kann. Denn - als eine Wissenschaft betrachtet - scheint ihr Wirkungsgebiet durch die Jahrhunderte immer kleiner zu werden. Wenn sie am Anfang des westlichen Philosophierens im antiken Griechenland als Allgemeinwissenschaft praktiziert wurde, dann haben sich immer wieder ganze Brocken als eigenständige Wissenschaften von ihr getrennt. Von der Mathematik über die Theologie und die Physik bis zur Psychologie haben reife Wissenschaften sich verselbstständigt und dem altehrwürdigen Gebäude der Philosophie den Rücken gekehrt.

    Besteht denn die Philosophie immer nur aus denjenigen Wissensgebieten, die noch nicht wissenschaftlich ausgereift sind? Können wir von ihrem bisherigen Entwicklungsverlauf in eine Zukunft extrapolieren, in der ihr Hoheitsgebiet verschwindend klein wird - oder vollends verschwindet?

    Natürlich würden einige Reste übrigbleiben. Vor allem: Die Geschichte der Philosophie ist eine faszinierende Reise durch die Jahrtausende des menschlichen Denkens - eine Geschichte, in die ich mich gern weiter vertiefen würde (wenn ich nur eine schöne Ausgabe hätte!). Aber eine lebendige Wissenschaft muss mehr Stoff als ihre eigene Vergangenheit bieten, sonst droht sie in einer kleinen Ecke der gesamten Menschheitsgeschichte zu verkommen.

    Was ist mit der sogenannten Moralphilosophie, deren Tradition bis in die Antike zurückreicht? Sie wird wahrscheinlich auch weiter betrieben. Aber ehrlich: Sind alle diese Entwürfe nicht in Wahrheit nur willkürlich konstruierte luftige Gedankenschlösser? Spekulative moralische Wertesysteme gibt es zuhauf, aber verdienen sie wirklich den Status einer Wissenschaft?

    Was bleibt denn von der Philosophie? Nur eine zentrale Frage gehört ihr noch: Das, was Ernst Cassirer einst das "Grundproblem der neueren Philosophie" nannte: der Begriff der Erkenntnis, das ungelöste Rätsel des menschlichen Geistes. Hier liegt die Zukunft des Fachs, hier entsteht die letzte neue Wissenschaft, die aus der langen Tradition der Philosophie hervorgehen kann und muss. Unsere eigene Intelligenz zu begreifen und zu erklären ist durch die Entwicklung der künstlichen Intelligenz zu der Kernfrage der Wissenschaft geworden. KI steckt noch in den Kinderschuhen. Aber ihre Problemstellung spiegelt das Erkenntnisproblem in der Philosophie des Geistes wider, und die zwei Forschungsfelder formen eine dialektische Einheit. Erfolg in der künstlichen Intelligenz verlangt - und löst zugleich aus - eine Revolution in unserem Denken. Die neue Wissenschaft der Intelligenz ist die letzte Aufgabe der Philosophie.

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  • Matthias Mersch

    Philosophie? Nichts für junge Leute!

    Früh im Leben griff ich zum Philosophicum. Der Grund dafür ist schnell benannt: die Denkangebote der staatlich geförderten Kirchen (in der Bundesrepublik der siebziger Jahre noch Großkirchen), wie sie uns im Religionsunterricht aufbereitet wurden, waren – um das Wenigste zu sagen – von minderer Qualität und ohne jede Glaubwürdigkeit. Mit dem damals sehr beliebten Marxismus erging es mir nicht anders: der eifernde Dogmatismus hatte in der Einfalt, mit der er landauf, landab gepredigt wurde, für mich etwas nicht weniger Abstoßendes wie das Christentum. Mit fünfzehn begann ich die Lektüre von Camus und Sartre, auch Jaspers, an die sich das wenig systematische Lesen der Denker anschloss, denen sie verpflichtet waren: Heidegger, Husserl, Nietzsche, Kierkegaard und die Stoiker. Aus diesem Weltbild habe ich bis heute, fast fünfzig Jahre später, noch nicht herausgefunden. Vermutlich ist es mir dabei wie Kafkas Hungerkünstler ergangen, dessen bewundernswerte Kunst schlicht daraus resultierte, dass er einfach nicht die Speise gefunden hatte, die ihm geschmeckt hätte!

    Im zwanzigsten Lebensjahr kam ich 1980 nach Tübingen, um mich in der Philosophie zu professionalisieren: Die Burse als Bildungsort in unmittelbarer Nachbarschaft des Stifts, der Keimzelle des Deutschen Idealismus, welch philosophisches Mekka und Rom hätte es woanders geben können? Aber auch: welch großen Schatten im Dunstkreis dieser Lichtgestalten?

    Denn es besteht die Gefahr, das Denken um des Denkens willen zu betreiben, und dieses Denken zu chiffrieren, anstatt zu dechiffrieren. Das sich überbietende Ergötzen an unendlichen Satzperioden, die wie Nebelgranaten in volle Seminarräume geschleudert werden, Denken simulierend anstatt stimulierend.

    So wechselte ich zur Ethnologie (die damals noch Völkerkunde hieß, aber fortschrittlicher gesonnen war, als man heute glaubt), der vergleichenden Religionswissenschaft und Japanologie. Zwei Jahrzehnte nach dem Examen in dieser Fächerkombination schloss ich in München ein Studium der Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik, der Wissenschafts- und Universitätsgeschichte und der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ab.

    Und immer drehte es sich auch um Philosophie, die ja nie nur ein inneres Gespräch mit sich selbst ist, sondern als unterirdischer Fluss die westliche und östliche Welt durchquert und immer – ohne davon groß Aufhebens zu machen oder deklamatorisch Terrain für sich zu beanspruchen – der Quellgrund der Wissenschaft, der Politik und des Handelns in der uns umgebenden Wirklichkeit ist, insofern wir uns entschlossen habe, Wirklichkeit als Wirklichkeit anzuerkennen. Wenn es so etwas wie eine Kultur der Menschheit gibt, so ist die Philosophie ihre wahrhaft nicht zu unterschätzende Grundlage, weit über die unklaren Grenzen des sogenannten „Abendlandes“ hinausreichend.

    Als ich 2013 ein Bachelor-Studium der Kunstgeschichte in Wien begann, ergab es sich, dass ich die Kurse, die ich außerhalb des Kernstudienfachs „einbringen“ musste, fast ausschließlich in der Philosophie belegte. Wie ich später zufällig erfuhr, berechtigt eine gewisse, in Philosophie erworbene Punktzahl nach Absolvierung zusätzlicher Lehrveranstaltungen zum Einstieg in ein Masterstudium Philosophie, ohne zuvor den Bachelor in diesem Fach eingeheimst zu haben.

    Und so kam ich, vierzig Jahre nach dem Abbruch des Philosophiestudiums in Tübingen, wieder an einen einschlägigen Studienplatz, diesmal in Wien. Manches erinnert mich an das Treiben in der Burse, aber Vieles hebt sich wohltuend davon ab. Deshalb bleibe ich diesmal dabei, mindestens bis zur Meisterschaft!

    Fazit: so Unrecht hat das altindische Ideal nicht: nach der Vita activa strebe der Hausvater nach Hauslosigkeit, also mönchischem oder asketischem Leben und damit verbunden: nach dem Studium philosophischer Schriften. Der Jugend aber sei von einem „grundständigen“ Studium der Philosophie abgeraten. Das Denken um des Denkens willen ist eine würdevolle Beschäftigung erst im Alter ...

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  • Marcin Lupa

    Das ist ein sehr schöner philosophischer Lebenslauf, den Sie schildern, Herr Mersch. Das Philosophieren am Alter festzumachen, pflichte ich Ihnen bei, allerdings regt sich der philosophische Geist in uns allen verschiedentlich in unterschiedlichen Lebensphasen. Manchmal auch öfters.

    Ich glaube, dass ich mit Mitte 40 nun ein Alter erreicht habe, in dem ich mir eine Auseinandersetzung mit Philosophie wünschen würde. Gerne auch systematisch. Allerdings gestaltet sie sich mir noch als ein temporärer Luxus. Mein Alltag ist zu stürmisch für eine besonnene Vita contemplativa.

    Ihre Sätze, "Denn es besteht die Gefahr, das Denken um des Denkens willen zu betreiben, und dieses Denken zu chiffrieren, anstatt zu dechiffrieren. Das sich überbietende Ergötzen an unendlichen Satzperioden, die wie Nebelgranaten in volle Seminarräume geschleudert werden, Denken simulierend anstatt stimulierend", sind sehr treffend, denn manch ein Philosoph maßt sich an, besser und profunder als andere denken zu können, bloß weil er das philosophische Chiffrieren perfekt beherrscht und sich unverständlich ausdrückt. Das scheint nicht der Königsweg zu sein. Danke für Ihre Feststellung diesbezüglich.

    Für mich bleibt die Kunst der Autodidaktik, die ich mir freischaufle, während die Sandkörner meiner Lebenszeit unentwegt verrinnen.

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  • Matthias Mersch

    Lieber Herr Lupa,
    vielen Dank für die freundliche Aufnahme meines Beitrags! Machen Sie sich wegen der Sandkörner keine allzu großen Sorgen, drehen Sie die Sanduhr einfach um, wenn das Auge Ihnen sagt, dass der Sand immer schneller in die untere Etage rieselt! Oder halten Sie es mit dem alten Benn, der sich zu trösten suchte mit dem beruhigenden Eindruck "es bleiben noch einige Töpferscheiben und etwas Ton im Krug." Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen!

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  • Matthias Mersch

    Lieber Herr Lupa,
    vielen Dank für die freundliche Aufnahme meines Beitrags! Machen Sie sich wegen der Sandkörner keine allzu großen Sorgen, drehen Sie die Sanduhr einfach um, wenn das Auge Ihnen sagt, dass der Sand immer schneller in die untere Etage rieselt! Oder halten Sie es mit dem alten Benn, der sich zu trösten suchte mit dem beruhigenden Eindruck "es bleiben noch einige Töpferscheiben und etwas Ton im Krug." Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen!

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