Warum heutzutage noch Philosophie studieren?

Frank Zarrentin • 24 Juni 2021
18 Kommentare
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Hallo liebe Community, 

ich hatte am vergangenen Wochenende ein Gespräch mit meiner Nichte, welche nun nach dem Abitur auf der Suche nach den ihrigen Studiengängen ist und neben Politik, Geschichte oder Journalismus nannte ich ihr die Idee des Studiums der Philosophie. Die Antwort lautete: "Philosophie? Das ist doch so komisch, da kommt man doch nie zu einem Ergebnis..." und ich muss gestehen, dass ich mit meiner Argumentation etwas auf Granit gebissen habe und begann zu überlegen...

Daher meine Frage: Warum studiert man Philosophie? Warum haben Sie es studiert und würden Sie erneut tun? 

Danke Ihnen für Ihre Antworten 

Gruß 

Ihr Frank Zarrentin 

Kommentare (18)

Kalle Simon

Ich hatte bereits in der Schule Philosophieunterricht und anders als die unverständlichen Herleitungen in Deutsch oder Englisch über die Beweggründe von Menschen, schien Philosophie die Welt durch gezielte Fragen in ein erklärbareres Licht zu rücken.
Viele Dinge fielen für mich auf einmal in Kategorien und Theorien, die mir vorher nicht als Zusammenhänge bewusst wurden.
Im Studium erkannte ich dann, dass Philosophie eigentlich die Grundlage für alle Formen der Wissenschaft war. Die Art zu Fragen veränderte sich, wurde genauer. Mein Blick auf die Welt kritischer.
Letztlich gab es Probleme, die auch die Philosophie nicht lösen konnte, die ich aber ohne die Philosophie gar nicht gehabt hätte. Von daher hat Ihre Nichte schon recht: Es gibt letztlich kein Ergebnis von dem man 100% sagen kann: "Das wars!"
Der Berühmte Ausspruch von Sokrates: "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Ist letztlich kein kluger Aphorismus, sondern eine Art egozentrischem Credo: "Ich weiß, dass ich nichts (Endgültiges) weiß, (weil jedes Mal, wenn ich eine Erklärung gefunden habe, sich neue Fragen aufgetan haben. Der Unterschied ist, dass ich mir über die Grenzen meiner Erkenntnis im klaren bin und sie immer wieder neu auslote. Also habe ich mir schon mal mehr Gedanken dazu gemacht, als jeder andere hier.)
Um ganz ehrlich zu sein, würde ich aber unter den heutigen Gesichtspunkten einem Studium der Philosophie ablehnend gegenüberstehen.
Wenn ich mit 21 gewusst hätte, was ich heute weiß, dann hätte ich eine IT-Ausbildung angefangen und mich dann mit den Folgen künstlicher Intelligenz auseinandergesetzt. Mit Philosophie verdient man, wenn man sie ordentlich machen will, nur selten Geld.
Es gibt genug Beispiele für erfolgreiche Philosophen, die hin und wieder mal ein Buch schreiben und Laien die Welt der Logik und der Suche nach Erkenntnis näher bringen wollen. Dabei gibt es aber zwei Probleme. Erstens sind diese Werke nicht alle das, was man in der wissenschaftlichen Philosophie als angemessen erachten würde. Da fehlen Quellen oder werden Stellen falsch zitiert oder es wird so weit heruntergebrochen, dass man von einer Verfälschung der Inhalte sprechen könnte. Zweitens leben wir in einer Zeit, in der Logik und Vernunft egal sind. Eigentlich müsste in jeder abendlichen Talkshow ein Logiker am Rand sitzen und die Argumente der Teilnehmer durchrechnen und prüfen, ob es überhaupt gültige Argumente in der gezeigten Debatte gibt.
Stattdessen machen Eklats und Geschreie mehr Einschaltquoten, als tatsächliche Erkenntnisse
Eigentlich müsste der Algorithmus bei Youtube mehr rausfiltern, als Waffen und Brüste. Aber dennoch kann man dabei zugucken, wie eine Katze Klavier spielt oder ein Typ in einen Ventilator hineinspringt.

Das erlangen eines akademischen Grades ist nach und nach immer leichter geworden, so dass man sich allen ernstes fragen muss, ob es überhaupt noch einen Wert hat, zumal immer mehr Leute den Experten nicht mehr glauben und lieber auf ihr "inneres Gefühl" hören.
Ich habe als Tutor mal einen Essay korrigiert, der formal und inhaltlich so falsch war, dass ich mich stark wundern musste, wie der Student überhaupt das Abitur bestehen konnte. Als ich Lehrer wurde, wusste ich es.

Zugegeben: Philosophie macht viele Dinge auch leichter. Zum Beispiel interessieren mich viele Alltagsprobleme nicht mehr, weil ich zu wissen denke, wo sie herüren. Dann tue ich etwas gegen diese Quelle, statt das Symptom. Das reicht von der Frage, ob ich in einem Mehrfamilienhaus das Treppenhaus putzen darf, auch wenn jemand anderes dafür bezahlt wird, bis zur Diskussion mit dem Coronaleugner, der den Leuten in der Straßenbahn die Maske vom Gesicht zerrt.
Sie hilft in jeder Diskussion, die mit Worten beginnt wie: "Meiner Meinung nach...", "Laut der heiligen Schrift..." oder "Es war schon immer so, dass..."
Aber sie hilft leider nur einem selbst. Ich habe noch keinen Weg gefunden, andere durch Worte so zu beeinflussen, dass sie der gleichen Ansicht werden. Es geht besser durch Taten.

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  • Frank Zarrentin

    Lieber Herr Simon, haben Sie vielen Dank für Ihre Antwort, ich werde diese meiner Nichte so weitergeben. Für Platon würde ich kurz einwerfen, dass ich dieses berühmte Zitat sogar neu lesen konnte: Nicht mehr "Ich weiß, dass ich nichts weiß", sondern nun "Ich weiß, was ich nicht weiß", damit komme ich klarer auf das, was ich von der platonischen / sokratischen Philosophie eingenommen habe. Darf ich kurz fragen: Sie waren erst Tutor und dann Lehrer? Aber nochmals Recht geben: mit Hauptfach Philosophie dürfte man sich arge Steine in den Weg legen... davon rate ich meiner Nichte so oder so ab, mit Ihrem Statement nochmals untermauert... :-)

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  • Kalle Simon

    [~390] Sehr geehrter Herr Zarrentin,
    in der Tat habe ich lange an der Universität als wissenschaftliche Hilfskraft und Tutor gearbeitet, bevor ich mein Referendariat angetreten und beendet habe um den Lehrberuf auszuführen.

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  • Frank Zarrentin

    [~2099] Das verstehe ich. Danke. Ich war davon ausgegangen, dass Sie Tutor an der Schule waren, so erklärt sich die Reihenfolge... :-)

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  • Marcin Lupa

    Die Philosophie ist ein Wissensgebiet, das mich interessiert und das ich autodidaktisch betreibe. Ein Studium an dieser Fakultät wäre also per se ganz in meinem Sinne. Das habe ich nun verpasst und ein Fernstudium Philosophie gibt es derzeit nicht. Da ich aber für mein Lebensunterhalt sorgen muss, kommen nur Fernstudiengänge für mich in Frage.

    Hätte ich die Wahl die Zeit zurückzudrehen, wäre die Philosophie als Studiengang weiterhin interessant für mich, allerdings in Kombination mit einem Studium auf dem ich später aufbauen kann, um Geld zu verdienen. Daher würde ich mich wahrscheinlich für ein Studium der Slawistik mit Schwerpunkt Philosophie entscheiden. Oder Anglistik als Alternative. Ich würde gerne als Übersetzer arbeiten.
    Ich lese gerne und viel. Ich würde gerne mehr lesen. Und ich würde lieber lesen, als selber zu schreiben. Ich habe beobachtet, dass unzählige andere Autoren mehr zu sagen haben, als ich, es auf einem höheren Niveau formulieren und interessanteres Berichten. Oft auch sehr gut recherchiertes und fachspezifisches. Daher würde ich gerne nicht selber kreativ als Autor tätig werden, stattdessen als Übersetzer arbeiten wollen. Da hätte ich die Möglichkeit viel zu lesen und quasi damit Geld zu verdienen.
    Eine Alternative wäre Literaturkritiker, der bekanntlich das Gelesene rezensiert und bespricht.

    Philosophie wäre aber Grundlage jeglicher Auseinandersetzung mit der Literatur und dem Denken, daher als Studium definitiv sehr interessant. Mit eben der Spezialisierung im Anschluss.

    Ich glaube nicht, dass ein Geisteswissenschaftler heutzutage auf eine tiefgründige Kenntnis beispielsweise der Nikomachischen Ethik von Aristoteles verzichten kann.

    Vielleicht können Sie mit dieser Argumentation etwas anfangen, lieber Herr Zarrentin.

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  • Frank Zarrentin

    Lieber Herr Lupa, haben Sie vielen lieben Dank für Ihren Kommentar. Ich glaube auch, dass die Kombination wichtig wäre, Philosophie an sich ist wichtig, doch was wählt man hinzu? Sprachwissenschaften oder Politik oder Journalismus? Einzig Philosophie dürfte nicht ausreichen... so schön und wichtig sie ist. Haben Sie vielen Dank, lieber Herr Lupa.

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  • Marcin Lupa

    Gern geschehen, lieber Herr [~390]. Ein Aspekt noch am Rande notiert: sollte ich keinen finanziellen Druck haben, würde ich auch heute noch Mitte 40 eindeutig ein Studium der Philosophie angehen. Sie ist mir sehr wichtig. Ich würde dann in Kombination mit Geschichtswissenschaften studieren.

    Das nur rein hypothetisch.

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  • Gast (nicht überprüft)

    Witzig ;) Habe mich gestern für Philosophie und AVL an der FU in Berlin beworben. Bin schon 36 und hab so richtig Bock drauf. Ich studiere es aus zwei Gründen: zum einen aus schlichtem Interesse an der Sache, also einmal in aller Ruhe in die Gedankengänge früherer Menschen eintauchen, herausfinden wie die auf jene Gedanken kamen und was aus den Gedanken wurde oder aus ihnen in der realen Welt folgte (z.B. Politische Philosophie); zum anderen weil ich merke, dass es mein Denken schärft, wenn ich mich mit diesen z.T. komplizierten Sachverhalten beschäftige. Und das wiederum hilft mir als Schreiberling meine eigenen Gedanken ausgefeilter, treffender und genauer zu formulieren, mit einem Mehrwert für die Allgemeinheit.

    Arbeite seit knapp zehn Jahren in der Medizin. Da erlebt man viel. Mich motiviert es, tiefer zu graben, als nur Molekül A macht mit Molekül B usw... Aber auch die vielen Grenzschicksale von unvorstellbarem Leid und unvorstellbarem Glück, machen über die Jahre ja etwas mit einem.

    Und abgesehen erfüllt es mich mit absoluter Glückseligkeit meine Lebenszeit dafür zu verwenden, die großen nie final beantwortbaren Fragen zu wälzen und damit zu erkennen wie unwahrscheinlich Leben im Universum war, darüber hinaus das unbeschreibliche Glück zu empfinden, dass es dennoch wurde ich mich obendrein daran erfreuen kann :) Ergänzend ist es sehr erfrischend, etwas zu studieren, dass nicht in erster Instanz sofort nach dem praktischen Nutzen (oder gar dem Euro) fragt. Sondern mit schmunzelnder Neugier die Hände reibt und sagt "Jetzt schauen wir mal, was wir finden." :)

    Wäre ich noch 19 oder 20 würde ich wahrscheinlich parallel Biologie studieren, um auch etwas in die Kasse zu kriegen :)

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  • Frank Zarrentin

    Lieber Herr Wittmann, danke Ihnen für Ihre für mich nun ganz neue Sicht (meine Nichte wird es freuen, diese zu erfahren!). Philosophie also als Erkenntnisprozedere und Aufwertung der eigenen Vita. Mir schien es - nicht böse aufnehmen, bitte! - das doch gerade Mediziner einen sehr erfüllten Job haben, aber ich verstehe total, dass Sie in der pragmatischen wenn nicht sogar technokratischen Mediziner-Welt nach einem weiteren Weg schauen. Ich kenne Mediziner, die sehr aktiv sind in der Philosophie, aber auch die andere Richtung gen Pharmazie wechseln, weil da der Euro richtig lockt. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass die Bewerbung an der FU in Berlin klappt... Herzliche Grüße aus der gleichen Stadt! :-)

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrter Herr Zarrentin
    Warum Philosophie? Weil das, was in der Philosophie ‚so vor sich geht‘ interessiert!
    Solches trifft auf jedes Fach, auf jede Wissenschaft … zu!
    Warum ich Philosophie studierte? immer wieder studieren würde? zu meiner Profession steigerte? …: die Beantwortung würde ein ziemlich umfangreicher Roman werden! – und ganz richtig für Ihre Nichte nur ‚Nichtiges‘ daherreden!
    Ihre Nichte setzt ein präzises und lebenstaugliches Kriterium: mit einer Sache ‚fertig‘ werden; eine Sache ‚erledigen‘; zum Ergebnis kommen!
    Dieses Kriterium hat seinen Ort im Alltage, wo es so praktisch wie pragmatisch wie funktional zugeht – in der Spannweite von Handwerk und Technik.
    Ihre Vorschläge zerfallen vor dem Kriterium Ihrer Nichte ganz richtig zur Nichtigkeit. - Das ist doch schon mal was!
    +++ Politik und Journalismus, charakterisieren sich spezifisch dadurch, „nie zu einem Ergebnis“ zu kommen, dessen Verfallsdatum den Tag übersteht.
    +++ Historik avisiert im ersten Hinblicke festere Anhalte, gemeinhin „Tatsachen“ genannt; stimmt aber nicht: die Konzeption eines schlüssigen Zusammenhanges der Tatsachen ist hier gefordert; eine ziemlich volatile Angelegenheit!
    Wenn ein Sachgehalt kein Interesse weckt, dann ist’s nichts! Also hat Ihre Nichte die Frage zu beantworten: was weckt ein Interesse? Woraufhin richtet sich so etwas wie Neugierde? Was will sie wissen, können …!
    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Frank Zarrentin

    Lieber Herr Böhle, haben Sie vielen Dank für Ihren Kommentar, dies werde ich so 1 zu 1 meiner Nichte übergeben: Mach das, wo Dein Herz zu liegen scheint (oder noch besser: überlege gut, wo Du ankommen magst, Neugierde & Herzblut für was und dann ist der Groschen gefallen im positiven Sinne!). Für mich persönlich, lieber Herr Böhle, würde es aber schon interessant sein, warum Sie Philosophie studierten und immer wieder studieren würden, auch oder gerade in Roman-Länge... Herzlichen Dank.

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  • Norbert KNOLL

    Ich habe mir immer nur Vorlesungen und Seminare in Philosophie ausgesucht, mich aber in anderen Disziplinen letztlich wohler gefühlt. Dort wo ich mir selbst Texte gesucht habe, war das eine große Hilfe.

    Als 18-Jähriger wollte ich Philosophie studieren, ein paar Jahrzehnte reifer geworden, bin ich froh es nicht studiert zu haben.

    Gegen ein Philosophie-Studium spricht, dass man dabei das Philosophieren nicht lernen wird, dass man nicht mit philosophischem Geist erfüllt wird. Es ist wie beim Publizistik-Studium, das ja auch keine Journalismus-Ausbildung ist.

    Ich würde jedem angehenden Philosophen empfehlen, ein ordentliches Handwerk zu erlernen. Gärtner, Zuckerbäcker, Installateur oder dergleichen.

    Ich schätze Gärtner über alles und bin mittlerweile auch zum heimlichen Bewunderer von Installateuren geworden!

    Ich bewundere sie für ihre wohldurchdachten und funktionsfähigen Baupläne mit Ventilen, Pumpen, Speicherelementen, Verdünnungen und Aufweitungen von Rohleitungen...

    Als gelernter Ökonom denke ich mir, dass all die Leute, die kluge Dinge über Geldpolitik oder Geldtheorie erzählen, auch eine Lehre als Installateur mit Bravour geschafft hätten; ja vielleicht waren sie in ihrem Vorleben Installateure und haben den Unsinn so mancher ökonomischen Theorie hinter sich gelassen.

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  • Frank Zarrentin

    Hallo Herr Knoll, vielen Dank für diesen Kommentar. Kennen Sie denn persönlich Absolventinnen und Absolventen der Philosophie? Eine Empfehlung zur Ausbildung zum Gärtner oder Installateur statt eines Studiums geht, meines Erachtens, doch etwas weit weg von der Frage, ob Studium der Philosophie oder welches andere Fach hier nah und sinnvoll sein würde. Gruß aus Berlin. Frank Zarrentin

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  • Norbert KNOLL

    [~390]
    Lieber Herr Zarrentin, das tut mir jetzt leid, wenn ich mich missverständlich ausgedrückt habe.

    Es war keinesfalls meine Absicht, jemandem ins Blitzblaue Ratschläge zur Berufs- oder Studienwahl zu geben. Die einzige Empfehlung, die ich um das Wohl ihrer Kinder besorgten Eltern gelegentlich gebe, ist, innerhalb von zwei Jahren zu entscheiden, ob ein begonnenes Studienfach bis zum Ende einer Ausbildung weitergeführt werden soll.

    In meinem Kommentar wollte ich etwas ganz Anderes ansprechen, das offensichtlich nicht durchgedrungen ist.

    Interesse für Philosophie muss nicht gleich in einem Vollstudium münden. Ich persönlich halte es für sinnvoll, vor einem Studium der Philosophie etwas Lebenserfahrung zu sammeln und sich intensiv mit einem anderen Gegenstand auseinanderzusetzen. Selbst renommierte Philosophen haben sich vorher anderweitig gebildet und erst dadurch ihrer Philosophie eine eigene Prägung zu geben vermocht. Russell und Husserl waren gelernte Mathematiker, Wittgenstein ein Techniker, Foucault Psychologe; Habermas ist da vielleicht eine Ausnahme.

    Wenn ich auf Gärtner und Installateure hingewiesen habe, dann können Sie das ironisch aber auch ganz ernsthaft verstehen.

    Eine ernste Interpretation begründe ich mit der recht plausiblen Annahme, dass die Sammlung spezifischer Kenntnisse und intensive Auseinandersetzung mit welchem Gegenstand dieser Welt auch immer – und sei es nun bei der Gestaltung von Gärten unter Nutzung botanischer Kenntnisse oder bei der Konstruktion von Heizungs- oder Entsorgungssystemen für Einfamilienhäuser – eine wertvolle, vorbereitende Übung für eigenständiges philosophisches Denken bilden wird.

    Zu ihrer Frage: Ja, in meinem persönlichen Umfeld gibt es Leute mit Studienabschluss in Philosophie als Nebenfach oder im Lehramt.

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  • Marcin Lupa

    Lieber Herr Knoll, ein Ökonom ist doch im gewissen Sinne ein Installateur der Finanzwirtschaft. Die Kreisläufe des Geldes werden von ihm konzipiert, in Bewegung gesetzt, überwacht, korrigiert oder ausgeschaltet. Zugegeben, ich habe jetzt mal den Versuch gemacht, einen Zusammenhang zu schaffen.

    Etwas ähnliches sagte mein Vater: der ausgewiesen intelligente Mensch, qua einem Abschluss eines geisteswissenschaftlichen Studiums z.B., ist in der Lage jegliches Handwerk zu erlernen und zu einem gewissen Grad der Perfektion zu bringen.

    Apropos Gärtnern. Ich gehe regelmäßig in den Forst und sammle Fichtensteinpilze in den dortigen Plantagen. Zwischen Juli und Oktober wachsen sie vor allem in sehr jungen Fichtenmonokulturen.

    Herr Zarrentin wiederum räumt ein, dass ein Absolvent der Philosophie durchaus als hochgebildet und hochqualifiziert gelten darf und dass es schön ist eine Fakultät an der Universität abzuschließen, als besondere Herausforderung, Fleiß und Mühe, so wie eine besondere Auszeichnung. Vor allem, weil dies mit dem Geist geschieht, während die ruhige Muse eines Gärtners - tut mir leid, wenn ich hier an die Versenkung im Augenblick des japanischen Zen-Garten denke - vielleicht nicht eine derartige geisteswissenschaftliche Disziplin erforderlich macht. Ebenso nicht die Igenieurkunst der Installateure. Ich möchte hier niemandem zu nahe treten, der Zeichenplänen, und und Installationskonzepten oder etwa der Architektur von Gärten, sowie der tiefen Meditation des darin enthaltenen Lebens eine Vollkommenheit zuspricht. Auch er wird im Recht sein. So wie der Philosophiestudent, vorausgesetzt, sie machen es alle mit genügend Hingabe.

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  • Ulrich Weiler

    Philosophie - was ist das?

    Es gibt eine einfache Antwort: Philosophie ist die Lehre (die Weitergabe von Erfahrungen) vom Wahren, Schönen und Guten. Mit dem Wahren beschäftigt sich die Erkenntnistheorie und die Logik, mit dem Schönen die Physik (Naturphilosophie) und Metaphysik (Fragen nach Gott, dem Menschen, der Welt, also natürliche Theologie - nicht geoffenbarte Theologie -, Psychologie, Kosmologie), mit dem Guten die Ethik. Nicht jeder Mensch braucht sich dafür zu interessieren, vielleicht können das viele nicht einmal. Und das Studium garantiert das Philosophieren nicht, weil Studienpläne die Lehre nicht weitergeben, sondern im besten Fall nur festhalten. Zum Weitergeben benötigt es Menschen - jemand, der Geben kann und jemand der Empfangen kann. Insofern ist das Philosophiestudium ein Wagnis - kann ich empfangen? Finde ich jemanden, der Geben kann? Bedeutet der Weg zum Wahren, Schönen, Guten für mich Glück oder fühle ich mich auf einem anderen Weg besser?

    Wenn jemand Arzt oder Bäcker oder Jurist oder Koch werden möchte, ist er nicht schlecht beraten, zuvor jemanden kennenzulernen, der von diesen Dingen etwas versteht - ob studiert oder nicht. Das gilt auch für die Philosophie.

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  • Marcin Lupa

    Das haben Sie sehr schön geschrieben, Herr Weiler.

    Und so kann man ein wenig Zeit übrig lassen, für die Bellas Artis, für das denken an das Schöne. Manchmal lese ich Belletristik oder ich nehme mich tatsächlich eines philosophischen Werkes an und lese ein paar Seiten, versuche zu verstehen, worauf der Autor hinauswill. Die Philosophie gefällt mir sehr, ich möchte eine Lanze brechen für sie und ihre Ausarbeitungen, daher empfehle ich einem jeden das Studium der Philosophie. Nach Möglichkeit - die ich aus vielerlei Gründen niemals hatte - auf der Universität. Das ist der beste Ort, die Philosophie zu erlernen ... da beißt das Leben, am wenigsten an die Waden.

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