»Das waren glatte Verstöße gegen den hippokratischen Eid!« Dr. Felix Klein im Gespräch mit Daniel Zimmermann

Daniel Zimmermann • 26 Februar 2021
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»Das waren glatte Verstöße gegen den hippokratischen Eid!«

Ärzte und angehende Mediziner „sollen bessere Kenntnisse über die menschenverachtenden Versuche des KZ-Arztes Josef Mengele und anderer Mediziner haben“, so der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Dr. Felix Klein


D. ZIMMERMANN: Lieber Herr Klein, wie viele Ärzte, meinen Sie, wissen, wer Josef Mengele war?

FELIX KLEIN: Es gibt eine Untersuchung der Universität Aachen aus dem Jahr 2010, die große Wissenslücken unter Medizinstudenten bezüglich der Geschichte ihres Faches aufzeigen. So konnte ein Drittel der befragten Studenten mit dem Namen Josef Mengele nichts anfangen!

D. ZIMMERMANN: Sie sind, lieber Herr Klein, der „Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und die Bekämpfung von Antisemitismus“, so die offizielle Bezeichnung. Anfang Februar ging Ihre Forderung breit durch die Presse, dass die Approbationsordnung für Ärzte geändert werden soll: „Angehende Ärzte sollen mehr über NS-Zeit lernen.“ Gab es für diesen Vorstoß einen Anlass?

FELIX KLEIN: Der Ausgangspunkt war, dass wir uns die Ausbildungsordnungen für Juristen angesehen haben, die zeigt, dass dort historisches Wissen zu wenig berücksichtigt ist. Es muss Pflichtstoff werden, dass das Unrecht der Nationalsozialisten‘ und die Untaten von NS-Juristen bekannt sind! Und dann ist mein Ziel, dass auch andere Berufsgruppen, die ethische Entscheidungen treffen müssen, von diesen Themen Kenntnis haben. 44,8% der deutschen Ärzte waren NSDAP-Mitglied, mehr also als etwa Lehrer oder Juristen. So bin ich auf das Bundesgesundheitsministerium zugegangen, dass ohnehin gerade die Approbationsordnung für angehende Ärzte überarbeitet. Wir wollen auf jeden Fall erreichen, dass das moralische Versagen der Ärzteschaft und die von Ärzten begangenen Straftaten in der Zeit des Nationalsozialismus- etwa im Rahmens des „Eutanasie-Programms“ Pflichtstoff in der Ärzteausbildung wird.

D. ZIMMERMANN: Der US-Historiker David Marwell, der auch einige Jahre am Berliner Document Center gearbeitet hat, war im Auftrag des US-Justizministeriums in den 80er-jahren maßgeblich an der Aufklärung des Verbleibs von Josef Mengele beteiligt, der nach dem Krieg Jahrzehnte unbehelligt in Südamerika lebte. David Marwell – Sie kennen ihn seit 2014 - hat Ihnen nun seine gerade erschienene Biographie des NS-Arztes zugesandt. Konnten Sie schon einen Blick hineinwerfen?

FELIX KLEIN: Ich finde, dies ist ein großartiges, ein wichtiges Buch, das gut in unsere Zeit passt, weil es zwei Themen zentral beleuchtet. Zum einen: Wie konnte jemand, der aus der Mitte der Gesellschaft kam, gut ausgebildet war, als Arzt so entsetzlich unethisch handeln? Josef Mengele war ja wahrscheinlich einer der größten Verbrecher gegen die Menschlichkeit. Und zum Zweiten ist das Buch wichtig, weil es die Unfähigkeit der Nachkriegsjustiz zeigt, seiner habhaft zu werden. 

D. ZIMMERMANN: Für das Cover des Buches hatten wir uns für ein Foto Mengeles entschieden, dass gerade deshalb so eindrucksvoll ist, weil er darauf so harmlos und alltäglich wirkt (wie auf eigentlich allen Fotos von ihm). Bei der Recherche nach dem Bild ist mir aufgefallen, dass es in verschiedenen Versionen im Netz kursiert, dass man genau weiß, wo in Freiburg dies aufgenommen wurde, dass aber auch Spezialisten nicht wissen, wo sich das Originalfoto befindet. Genauso tauchen auch in jüngster Zeit immer wieder private Briefe Mengeles auf, die für nicht unbedeutende Summen versteigert werden: Offensichtlich ist der Handel mit NS-Devotionalien nach wie vor wichtiger als historische Aufklärung.

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FELIX KLEIN: Es erschreckt mich sehr, dass dies so ist. Die Weigerung, zur Aufklärung der Vergangenheit beizutragen, und dies  dann noch g mit kommerziellen Interessen zu verbinden: Das ist abstoßend! In diesem Zusammenhang möchte ich  ein ganz anderes Thema nennen, für das ich mich einsetze, nämlich dass das der Handel mit NS-Devotionalien  EU-weit verboten wird.

D. ZIMMERMANN: Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft hat, wie viele Verlage, auf Ihrer frühen Geschichte deutlich braune Flecken. Heute sind Bücher zur Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus ein wichtiger Bestandteil im Buchprogramm der wbg. Was können Sie den 85.000 Mitgliedern, denen der Verein gehört, mit auf den Weg geben?

FELIX KLEIN: Ich begrüße dies sehr! Gerade die wbg nimmt eine Vorreiterrolle in diesem Bemühen ein. Das ist die Grundvoraussetzung für einen adäquaten Umgang mit unserer Vergangenheit.

D. ZIMMERMANN: Sind wir insgesamt in der Bundesrepublik auf einem guten Weg, was die Bekämpfung des Antisemitismus anbelangt, oder ist die Situation gegenwärtig eher wieder schlechter?

FELIX KLEIN: Nun, ich bin sehr besorgt, denn die Anzahl antisemitischer Straftaten nimmt stark zu, und wir sehen auch, wie antisemitische Ressentiments gesellschaftsfähig werden. Diese Entwicklung beunruhigt mich sehr; auch, dass man antisemitische Vorurteile konstant bei etwa 20% der Bevölkerung festzustellen kann, diese also keine Randerscheinungen sind. 
Andererseits bin ich doch zuversichtlich. Es gibt einen großen gesellschaftlichen Konsens in Politik und Gesellschaft, gegen Antisemitismus vorzugehen; die Schulen, die Gedenkstätten und viele Akteure in der politischen Bildung machen hervorragende Arbeit. Und dass das jüdische Leben in Deutschland wieder aufblüht zeigt mir, dass wir sehr weit gekommen sind! Aber ich nehme auch eine große Beunruhigung bei der jüdischen Bevölkerung wahr.

D. ZIMMERMANN: Ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch!


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Dr. Felix Klein / Quelle: BMI

Das Amt des Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus wurde 2018 eingerichtet und am Bundesministerium des Innern angesiedelt. Seit dem 1. Mai 2018 führt Dr. Felix Klein dieses Amt aus.

Die Position des Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus wurde mit dem aktuellen Koalitionsvertrag neu geschaffen. Die Einrichtung geschieht auch angesichts der intensiven Diskussion über eine Zunahme des Antisemitismus in Deutschland und der Frage, wie diesem Phänomen bestmöglich auf Ebene des Bundes entgegen getreten werden kann.

Der Antisemitismusbeauftragte soll von einem unabhängigen Kreis beraten werden, der im Benehmen mit dem Beauftragten von der Bundesregierung berufen wird und sich aus jüdischen und nichtjüdischen Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Bildungspraxis und Zivilgesellschaft zusammensetzt.

Aufgabe des Antisemitismusbeauftragten ist es, Maßnahmen der Bundesregierung, die den Antisemitismus bekämpfen, ressortübergreifend zu koordinieren. Darüber hinaus soll Felix Klein Ansprechpartner für jüdische Gruppen und gesellschaftliche Organisationen und Vermittler für die Antisemitismusbekämpfung durch Bund, Länder und Zivilgesellschaft sein.

Des Weiteren soll der Beauftragte eine ständige Bund-Länder-Kommission mit Vertreterinnen und Vertretern der zuständigen Stellen koordinieren und zur Sensibilisierung der Gesellschaft für aktuelle und historische Formen des Antisemitismus durch Öffentlichkeitsarbeit sowie politische und kulturelle Bildung beitragen.

Quelle: BMI


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Daniel Zimmermann, wbg

Daniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Programmmanager im wbg-Lektorat Geschichte. Dort ist er zuständig für die Programme wbg Theiss, wbg Edition, wbg Academic und wbg Zabern.

 

 

 

 

 


Mengele
Zur Diskussion

Marwell, David G.

Mengele

Biographie eines Massenmörders


Pressestimmen


"Absolut fesselnd ... nüchtern und akribisch."

Wall Street Journal


"Mengele ist teils Biografie, teils Thriller, teils Detektiv-Geschichte. Dabei ist alles Historiographie, gründlich recherchiert und akribisch dokumentiert.... Marwells Fähigkeiten als Historiker, kombiniert mit seinem Engagement im wirklichen Leben, haben es ihm ermöglicht, eine großartige wie gründliche Studie zu schreiben - ohne eine Spur akademischer Trockenheit ..."

Dublin Review of Books

"In 'Mengele. Biographie eines Massenmörders' beschreibt der Historiker David Marwell meisterhaft das Leben und die Karriere von Mengele. Marwell war Mengele in den 1980er Jahren als Leiter der investigativen Forschung für das Office of Special Investigations des US-Justizministeriums auf der Spur. Sein Buch spannt einen Bogen von Mengeles Universitätsstudium über seine Kampferfahrung bei der Waffen-SS, seine Zeit in Auschwitz und seine Flucht bis hin zu der 34 Jahre dauernden internationalen Suche, ihn vor Gericht zu bringen - mit dem bekannten, aber für die Opfer enttäuschenden Ende."

The Jerusalem Post


"Es ist die bisher gründlichste Darstellung von Mengeles Leben, die uns zur Verfügung steht, eine ruhige und professionelle Lektüre, aber über ein Thema, bei dem man lieber wegsehen würde …“

The Spectator


"Das unglaublich fesselndes Lebenswerk eines unermüdlichen Forschers, das die Dokumentation des Holocaust wesentlich bereichert“

Kirkus Reviews

Kommentare (3)

Frank Zarrentin

Ein unfassbares Kapitel der Menschheit, wenn man es noch so nennen darf. :( Danke an Sie, lieber Herr Dr. Klein und lieber Herr Zimmermann, für dies Interview. Wir alle der Vernunft orientierten Menschen sollten daraus lernen!

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  • Rita Lipelli

    Auf das Antisemitismus keinen Platz mehr in jeglicher Gesellschaft haben mag

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  • Wilfried Huesgen

    ein spannendes Buch, was mir fehlt: eine stärkere Berücksichtigung der Opfer, was wurde ihnen angetan, wie war ihr Leben, wie wurde ihnen geholfen?

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