Der Wald ist ein Wald, ist ein Friedhof, ist ein Wald

Julia Kaiser • 1 März 2022
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Der Wald ist ein Wald, ist ein Friedhof, ist ein Wald

von Julia Kaiser

 

War es in der Vergangenheit dem Adel vorbehalten, ein Grab inmitten der schönen Natur zu finden, entstanden im 19. Jahrhundert zahlreiche Parkfriedhöfe, deren bekanntester hierzulande sicherlich der bis heute bestehende Friedhof Hamburg-Ohlsdorf sein dürfte.

Der Wunsch jedoch, inmitten des Waldes den Ort der letzten Ruhestätte zu finden, wurde erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts in München durch die Eröffnung des ersten deutschen Waldfriedhofs Realität. Der Vorwurf der Ineffizienz, der schlechten Erreichbarkeit, der geringen Belegungsdichte ließen diesen Friedhof doch nur allzu bald in den Hintergrund geraten. Stattdessen sollten standardisierte, monotone Friedhöfe für einen langen Zeitraum das Bild deutscher Bestattungsorte prägen. Fortan glich ein Grab dem anderen. Von Individualität und Persönlichkeit keine Spur.

Eine regelrechte Welle an neuen, innovativen Ideen, vor allem aber die Wald- und Baumbestattung sollten erst nach der Jahrtausendwende den deutschen Bestattungsmarkt erobern. Zu einer Initialzündung wurde die Eröffnung des ersten deutschen FriedWaldes in Nordhessen, im Reinhardswald bei Kassel im Jahr 2001. Kurze Zeit später gingen weitere Unternehmen wie z.B. RuheForst auf den Markt.

Seit dieser Zeit finden Menschen in ausgewählten Waldgebieten, die offiziell den Status eines Friedhofs erhalten haben, im Wurzelbereich der Bäume die letzte Ruhestätte. Auf typische Grabzeichen und Grabgestaltungen wird verzichtet. Der Wald bleibt optisch als Wald erhalten. Einzig am Baum angebrachte, kleine Namenstafeln verraten, dass hier Menschen begraben liegen. So ist es möglich, in einem Bestattungswald unterwegs zu sein, ohne um die besondere Funktion dieses Areals zu wissen. Der Wald bleibt ein Wald, wird zu einem Friedhof und bleibt dennoch ein Wald.

Neben rein praktischen Vorzügen wie etwa dem Entfallen der Grabpflege, steht nicht zuletzt die besondere Ausstrahlungskraft dieser Areale im Vordergrund. Die imaginierte Natürlichkeit des Waldes, die Übergabe der sterblichen Überreste eines Menschen in den Kreislauf der Natur machen Bestattungswälder zu ganz besonderen Orten. Nicht der Tod steht im Fokus, sondern die lebendige Natur, das Werden und Entstehen, das Wachsen und Gedeihen, die besondere und unverwechselbare Aura des Waldes. Das beklemmende Gefühl beim Betreten eines Friedhofs verschwindet in den Bestattungswäldern hinter Vogelgezwitscher, dem Rauschen der Blätter, dem Duft der Bäume und Pflanzen.

Auch die über Jahrhunderte gewachsene symbolische Bedeutung des Waldes darf nicht unterschätzt werden. Man erinnere sich an die Märchen der Gebrüder Grimm, an Gemälde von Caspar David Friedrich, an die unzähligen Gedichte, die während der Epoche der Romantik entstanden, an die Flut an Heimatfilmen des Nachkriegsdeutschlands oder aber die tiefgreifend emotional geführte Debatte über das Sterben der Wälder in den 1970er und 1980er Jahren. Daneben sollte aber auch an die dunkle Zeit der Nationalisten und Nationalsozialisten prägend sein, eine Zeit, in der gerade der deutsche Wald als Ursprungsort, als Geburtsstätte des deutschen Volkes propagiert, als Abgrenzungs- und Identifikationsmerkmal zu anderen Nationen oder Volksgruppen stilisiert wurde wie nicht zuletzt der NS-Kulturfilm „Ewiger Wald“ (1936) besonders eindringlich darstellt.

All das hat tiefe Spuren in der deutschen Gesellschaft hinterlassen. Der Wald gilt bis heute, wenn auch vordergründig ideell, als der Sehnsuchtsort schlechthin. Ob zum Spazierengehen, zum Wandern, zur inneren Erbauung und Selbstfindung oder neuerlich auch zum Waldbaden ist der Wald noch immer ein beliebter Freizeitort.

Werbewirksam machen sich die Anbieter gegenwärtiger Wald- und Baumbestattungen all das zu nutzen, so dass sich das wohlige Gefühl des Waldes auch auf die Bestattungswälder überträgt.

Die oft geteilte Vorstellung, der oder die Verstorbene existiere im Grabbaum fort, beflügelt die Menschen. Der oder die Tote ist nicht einfach tot, verschwunden im Nichts, sondern wird durch den Baum auf ganz neue und lebendige Weise repräsentiert. Ein Picknick am Baum, eine intensive, innige Berührung der Rinde, das Mitnehmen von Blättern und Zweigen sind Teil dieser Vorstellung.  

Doch die Hinwendung zu alternativen Bestattungsorten hat auch ihre Schattenseiten. Zahlreiche Friedhöfe weisen immer größer werdende Freiflächen auf. Und mit dem Rückgang der Friedhofsnutzer steigen für alle anderen die Kosten. Um dieser Abwärtsspirale entgegenzuwirken sind in den letzten Jahren auf vielen kirchlichen und kommunalen Friedhöfen u.a. Baumbestattungsareale entstanden, auf denen die sterblichen Überreste beigesetzt werden. Vor allem die zum Teil weite Anfahrt zu einem Bestattungswald oder aber die bislang fehlende Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr wie auch das im Alter möglicherweise schwere Begehen der Wälder versuchen sich die Gewerbetreibenden des Friedhofs- und Bestattungswesens zu nutzen zu machen.

Doch trotz aller Widrigkeiten erfreuen sich die Bestattungswälder hierzulande großer Beliebtheit. Von Jahr zu Jahr entscheiden sich mehr Menschen bereits zu Lebzeiten für einen Platz im Wald. Vor allem der Wunsch, nach dem Tod niemanden zur Last zu fallen, gleichzeitig aber zu wissen, an einem schönen, selbstgewählten, individuellen Platz die letzte Ruhestätte zu finden, verleitet gegenwärtig immer mehr Menschen dazu, sich gegen den Friedhof und für den Wald zu entscheiden. Die Gewissheit darüber, an einem besonderen Platz bestattet zu werden, lässt alle möglichen Konsequenzen und Folgen in den Hintergrund geraten.

Kommentare (2)

Merchan Agaricus

Liebe Frau Kaiser,

ich habe meine beiden Eltern in relativ jungen Jahren noch an den Krebs verloren.
Da mein Vater ein Waldläufer, Bergsteiger und Naturliebhaber war, liebäugelten wir mit dieser Form der Bestattung. Er wollte in den Schweizer Alpen in den Wind ausgestreut werden - das heißt seine Asche sollte dies.
Meine Mutter hingegen, die zehn Jahre nach ihm ging, auch damals war ich noch relativ jung, wollte im Reinhardswald begraben werden. Wir arrangierten schon die Modalitäten, bis dann meine Mutter, wie mein Vater zuvor schon, bekundete es sei ihr doch etwas zu exzentrisch. Sollte sie eine unsterbliche Seele haben, wird sie nicht ewig unterm Baum sitzen und den Wald auch irgendwann verlassen, höchstwahrscheinlich auch den Planeten recht bald, denn es zog sie immer schon zu den Sternen.
Mein Vater sagte indes, dass es für mich immer die Möglichkeit einer Andacht geben wird, wenn ich eine Bergtour mache. Da ist es doch egal, an welchen Ort die Asche kommt. Er war ein nichtgläubiger Atheist und dachte da speziell an mich, dass ich in meinem Geiste, in meinem Bewußtsein seiner erinnere, besonders dann wenn ich in den Bergen wandere, da ich weiß und immer wissen solle, dass die Berge, die Orte waren, wo er am liebsten seine freie Zeit verbrachte. Von ihnen kam sein Freiheitssinn, in ihnen wurde er befeuert.

Beide meine Eltern liegen in einem kleinen Familiengrab am Rosenheimer Friedhof. Eine schöne Rose wächst aus dem Boden, in dem ihre Urnen beigesetzt wurden. Ich denke, das passt mir auch.

Ich hingegen erinnere sie an unterschiedlicher Stelle, auch natürlich im Wald, beim Schwammerlsuchen, denn das brachten sie mir bei. Aber auch manchmal beim Kaffee auf Balkonien oder beim Lesen auf der Couch. Oder wie gerade jetzt, da das Thema am Computer dazu einlädt.

Das Sterben und bestattet werden ist definitiv ein Zeitpunkt in jeder individuellen Geschichte. Daher finde ich, dass sie das Thema gut gewählt haben. Schöner Beitrag, vielen Dank.

Herzliche Grüße
Marcin Lupa

Ansgar M. Cordie

Meine Ehefrau ist Bestatterin. Durch sie weiß ich von der zunehmenden Individalisierung der Formen im Bereich Trauer und Abschied. Trauerfeiern sind heutzutage viel persönlicher als früher. Gleichzeitig besteht mit dem Friedwald die Gefahr der Anonymisierung von Bestattungsformen. Der Wanderer wird selten den Namen und die Lebensdaten der verstorbenen Person finden. Natur tritt an die Stelle von Geschichte.


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