Die Wahrheit über Eva (Buchvorstellung)

Marcin Lupa • 17 April 2021
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In den letzten 30 Jahren geschahen vielversprechende Fortschritte, allenorten sind Frauen auf dem Vormarsch und das Tempo nimmt zu.
Ein Novum in der Evolutionsgeschichte ist, dass erstmals die Geschlechter in den gleichen Bereichen systematisch auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Sie treten auch in Konkurenz zu einander. 
Im letzten Jahrhundert arbeiteten sie noch vermehrt in gleichen Sparten auf unterschiedlichen Hierarchiestufen. Heute finden sie sich gleichberechtig in den gleichen Arbeitssphären und Kariereleveln wieder. 

Carel van Schaik und Kai Michel schildern, wie es dazu kam, dass eine anfänglich über Jahrhunderttausende garantierte Gleichberechtigung plötzlich mit Einsetzen des Neolithikums zu einer Herrschaft der Wenigen über Viele und der Herrschaft von Männern über Frauen wurde. Eine eklatante Ungerechtigkeit, wie die Autoren feststellen.
Sie decken in ihrem Buch patriarchal kontaminierte Bereiche auf und entwickeln Konzepte eines gerechten Zusammenlebens.

Zur sozialen Ungerechtigkeit der Geschlechter führte zunächst das Sesshaftwerden mit dem das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern von zentrifugalen Kräften erfasst wurde und ins Schwanken geriet. Und das, obwohl es 99 Prozent der Menscheitsgeschichte aufrecht gehalten wurde.
Erst neigte es sich Richtung Frauen, die begonnen hatten, Pflanzen zu kultivieren, und damit am Anbeginn der Landwirtschaft standen, um dann doch zu den Männern zu kippen.
Eine Bevölkerungsexpansion schwächte zusammen mit den Hackfeldbau die weibliche Gesundheit massiv und brachte die Frauen in die Defensive. Fruchtbares Land, Vieh und angehäufte Vorräte weckten Begehrlichkeiten und mussten verteidigt werden. Deshalb setzten die Familien auf Söhne. Es folgte die Patrilinealität. Damit verloren die Frauen ihre angestammten Netzwerke und Unterstützung in jeder Hinsicht. 
Durch mitunter auftretenden Frauenmangel kam es zu Frauenraub und Kopfgeld, was kriegerische Auseinandersetzungen forcierte. Die Bevölkerungszahlen stiegen und verschärften die Konkurrenz. Gewalt avancierte zum ultimativen Erfolgskonzept. Die Geschlechterrollen polarisierten sich, die Lebensbewältigungsstrategien differenzierten sich aus, geschlechterspezifische Religionsbereiche entstanden. Ein martialisches Ethos formierte sich, in dem eine sich um Töten drehende toxische Männlichkeit kultiviert wurde.
Mit der Anhäufung von Besitz entstand Reichtum und dieser führte zur sozialen Ungleichheit in bisher unbekannten Ausmaßen. Eine kulturelle Erfindung, die auf der Aushebelung eines menschlichen Urgesetzes: der Verpflichtung zum Teilen, basierte. 
Um sicherzustellen, dass der Erbe tatsächlich der Sohn des Vaters war, wurden Frauen zur absoluten Treue gezwungen. So entstand die verheerende Pflicht zur Monogamie für Frauen, nicht jedoch für die freizügigen Herren der Schöpfung.
Die Herrscher der frühen Staaten hielten sich Harems, mit denen sie ihren Reproduktionserfolg maximierten. Kriege sorgten für ständigen Nachschub an Sklaven und Frauen. 

Liest sich dieses Buch etwa, wie die Geschichte des männlichen malignen Narzissmus? - Es entsteht gewiss der Eindruck, doch die beiden Autoren zeigen noch mehr.

Um die Herrschaft zu legitimieren, etablierte sich der männliche Religionsbereich der Herrschaftsreligion. Sie war die wichtigste Stütze der Macht. Der Monotheismus eteignete die Frauen auch religiös. Das schränkte sie weiter ein und trieb ihre Isolation voran.
Da die römischen Kaiser später das absolutistische Herrschaftspotential des christlichen Monotheismus erkannten, adoptierten sie ihn als Staatsreligion, die in entscheidenden Punkten, wie der Rolle von Frauen und der Bedeutung des Reichtums, den Intentionen der Jesus-Bewegung geradezu diametral gegenüberstand. Die Kirche formierte sich als mächtigste und dauerhafteste Männerorganisation der Weltgeschichte und spendete den Königen des „christlichen Abendlandes“ die höchste Legitimation. Hier vollendete sich die patriarchale Matrix. Sie simulierte nahezu perfekt eine Welt, in der Frauen als das zweite, minderwertige, zuweilen sogar gefährliche Geschlecht galten und die Sexualität verteufelt wurde. 
Die Patrix liefert den initiierenden und legitimierenden Rahmen für schlimmste Gewalt und die Diskriminierung von Frauen und allen, die nicht der Norm entsprachen.

Carel van Schaik und Kai Michel öffnen uns die Augen für diese Tatsachen und referieren die Ansichten von Anthropologen, Religionswissenschaftlern und Historikern, immer in Bezug auf das Thema ihres Buches, die Rolle der Frau in verschiedenen menschlichen Gesellschaften. Selbst die Evolutionsbiologie wird nicht ausgespart, am Ende ihrer Entwicklung verorten die beiden Autoren das Phänomen der Evalution

Ich möchte dieses Buch jedem ans Herz legen, der Feminismus aus der Feder zweier Männer kennenlernen möchte und eine Geschichte des Schicksals von Menschenfrauen lesen will.

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