Von der Schönheit und den Leiden der Pferde

Merle Nümann • 25 März 2020

VON DER SCHÖNHEIT UND DEN LEIDEN DER PFERDE

von: Merle Nümann & Mustafa Haikal


Als die Tierärztliche Hochschule Dresden 1923 nach Leipzig umzog und die Veterinärmedizinische Fakultät der Leipziger Universität gegründet wurde, erhielt die Universität Leipzig einen einzigartigen Bestand an pferdemedizinischen Büchern und Sammlungen. Unter dem Titel „Von der Schönheit und den Leiden der Pferde“ ist jetzt in Leipzig bis zum 12. Juli 2020 eine Ausstellung an zwei Orten zu bestaunen*, die von der Universitätsbibliothek, der Kustodie und der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig organisiert wurde. In einer gemeinsamen Kraftanstrengung wurden die Sammlungen gesichtet und für Ausstellung sowie den zugehörigen Katalog von Mustafa Haikal aus ihrer Fülle ausgewählt.

In der Galerie im Neuen Augusteum, die in der Verantwortung der Kustodie steht, sind vor allem pferdemedizinische Präparate, Modelle und Lehrtafeln zu sehen, der Ausstellungsraum in der zur Universitätsbibliothek Leipzig gehörenden Bibliotheca Albertina ist den historischen Pferdebüchern und Druckgrafiken gewidmet. Die gezeigten Werke der europäischen Pferdeliteratur sind von außerordentlicher Qualität und reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück.

 

Abbildung: Ausstellungsteil in der Galerie im Neuen Augusteum
Abbildung: Ausstellungsteil in der Galerie im Neuen Augusteum

 

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Abbildung: Blick in den Ausstellungsraum in der Bibliotheca Albertina

 

18 MONATE LANG SEZIERT

Da ist beispielsweise das Tafelwerk „The Anatomy of the Horse“ des englischen Malers George Stubbs (1724–1806), das in der Bibliotheca Abertina gezeigt wird und das zu den Höhepunkten in der Geschichte der Tieranatomie zählt. Mit der Unterstützung seiner späteren Frau Mary Spencer (1741–1817) sezierte Stubbs ab 1756 auf einem Gehöft im nördlichen Lincolnshire fast 18 Monate lang etwa ein Dutzend Pferdekadaver, wobei er äußerst systematisch vorging. So entstanden zahlreiche Zeichnungen und Beschreibungen (von der oberen Muskelschicht bis zum nackten Skelett), die Stubbs in einem langjährigen Arbeitsprozess zu 18 großformatigen Tafeln verdichtete. Als „The Anatomy of the Horse“ 1766 erstmals erschien, versetzte sie nicht nur die Anatomen in Erstaunen: Die Radierungen von Stubbs bewegen sich zwischen Wissenschaft und Kunst und entsprachen in ihrer kraftvollen Dynamik und Eleganz ganz dem Zeitgeschmack.

 

Muskelpferd, Radierung aus „The Anatomy of the Horse“ von 1766.jpg
Abbildung: Muskelpferd, Radierung aus „The Anatomy of the Horse“ von 1766

 

800 LEHRTAFELN

Zur Kraftanstrengung, die die Sichtung von tausenden Publikationen, Druckgrafiken und Objekten mit sich brachte, gehörte auch die konservatorische Sicherung und Digitalisierung von 800 Lehrtafeln. Die großformatigen Schaubilder, die über Generationen hinweg im Unterricht eingesetzt wurden, sind oft von bestechender Qualität. Sie illustrieren die Geschichte der jeweiligen Fachdisziplin, zeugen von den didaktischen Absichten der Professoren und von der Kunstfertigkeit der Zeichner. Auch die Tierarzneischule in Dresden nutzte diese Hilfsmittel. Trotz vieler Verluste dürfte diese Sammlung mit Blick auf die Veterinärmedizin eine der bedeutendsten ihrer Art im deutschsprachigen Raum sein. Im Ausstellungsteil in der Galerie im neuen Augusteum wird eine Auswahl der Lehrtafeln gezeigt.

 

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Abbildung: Lehrtafel: Kopf des Pferdes mit Nerven, oberflächige Schicht 150 x 100 cm

 

*Aufgrund der aktuellen Situation und gemäß den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts zum Coronavirus (SARS-CoV-2) ist die Ausstellung an beiden Ausstellungsorten derzeit geschlossen.


Cover

Beschreibung

Von Menschen und Pferden: Die Geschichte einer schicksalshaften Beziehung

Das Pferd hat den Menschen wie kein anderes Tier durch die Geschichte begleitet: Als Nutz- und Reittier, aber auch als Statussymbol. Noch im 19. Jahrhundert wäre ein Leben ohne Pferde undenkbar gewesen. Ihr Wohl und Wehe bestimmte über Jahrhunderte hinweg den wirtschaftlichen Erfolg und die militärische Schlagkraft.

Dieses Sachbuch, das zugleich Katalog der gleichnamigen Ausstellung in Leipzig ist, stellt einen Streifzug durch die Geschichte der Veterinärmedizin vom Beginn der Neuzeit bis in das 20. Jahrhundert dar. Mehr noch:

Der Leipziger Historiker Mustafa Haikal zeigt in der Auswahl und Zusammenstellung der Exponate, wie sehr Mensch und Pferd voneinander abhängig waren und verhilft den Tiermedizinern und ihrer Arbeit zu neuer Sichtbarkeit.

"Von der Schönheit und den Leiden der Pferde" illustriert das Wissen der Pferdeärzte in seiner ganzen Bandbreite: von Pferdezucht und Reitsport, über Hufbeschlagkunde, Pferdechirurgie hin zu immer neuen Erkenntnissen in der medizinischen Forschung. Anhand vieler unterschiedlicher Aspekte macht dieses Buch deutlich, welche Entwicklungen die gemeinsame Geschichte von Mensch und Pferd im Verlauf der Jahrhunderte genommen hat und stellt nicht zuletzt die Frage: Welche Wege wollen und werden wir in dieser langen Beziehung in Zukunft einschlagen?

Staunen Sie über die Leistungen der sächsischen Tiermediziner und erhalten Sie eine Vorstellung von den faszinierenden Pferdewelten vergangener Jahrhunderte!


Im Katalog und in der Ausstellung zu entdecken:

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Ein weiterer Wegbereiter der Pferdeanatomie: Das Prachtwerk „Cours d’hippiatrique ou Traité complet de la médicine des chevaux“ des französischen Tierarztes Philippe-Étienne Lafosse (1739-1820)

 

Trockenpräparate der Lungenflügel eines Pferdes, entstanden im Zeitraum 1940 bis 1970.
Trockenpräparate der Lungenflügel eines Pferdes, entstanden im Zeitraum 1940 bis 1970.

 

Kommentare (1)

Felix Wohlfrohm

Sehr schön zu lesen! Und ich hoffe für alle Kultur- und / Oder Pferdefreunde, dass die Ausstellung noch ausreichend stattfinden kann.

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