Von Freunden und Feinden

Andrea Hack • 1 Mai 2022
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Ich stell mir gerade vor,

hinter mir die hellblau-gelbe Ukraine-Flagge.

Und ich steh mit jemanden von dort seitlich davor.

Face to Face, linear.

Die Frau hat welliges, braunes Haar die mir gegenüber steht.

Wir betrachten uns eine Weile.

Ich zupfe mit meiner Hand an meinem Haar und höre den Hall von der Front der hinter ihr nah zu sein scheint.

Ich bin betreten, zu meinen Füßen seh ich einen Stoffrest in schwarz -rot, verbrannt.

Wir, zwei Körper und die Körner aus Blei.

1942 und dato, hat sich was getan ?

Die Frau reibt ihre Füße am Boden, sorgsam geputzte Schuhe.

Ich sehe den Boden über den ihre Füße gelaufen sind, die Blüten, das Land.

Und jetzt ?

Langsam mache ich einen Schritt auf sie zu.

Grenzüberschritt, der Hintergrund lärmt.

Aber auch wenn ich ein Hasenfuß bin, ich gehe über Grenzen und hole sie in einem Haps zu mir rüber.

Schreie von drüben.

Hände die uns brauchen.

Die große Welt ist maskulin-noch.

Trotzdem Grenzen setzen und jemanden rüberholen,

ja es braucht den Sprung über den eigenen Schatten.

Aber dafür ein zweites Herz das einem gegenüber steht.

Freundschaft entsteht oft im Nicht-verstehen.

Beginn weil zwei Herzen schlagen die sich mögen.

Weil wir zusammen da sein mögen, frische Luft schnuppern.

Manchmal scheint es erstaunlich einfach zu sein.

 

Kommentare (4)

Merchan Agaricus

Vielleicht gibt es ein Verständnis für einander jenseitz der Worte. Spiegelneurone?

Man begegnet jemandem, der einem sympathisch ist, obwohl man seine Sprache nicht spricht und fühlt sich mit ihm ein Leben lang verbunden. Es mag eine Illusion sein.

In den Anden, 1998 in Peru, hatte ich während eines Picknicks einen heftigen Streit mit meinem Vater. Um ihn zu entspannen, ging ich ein paar Höhenmeter hinauf, folgte dabei einem ausgetreten Pfad. Nach etwa fünf Minuten auf dem Weg kam mir ein junges Quechuamädchen entgegen, dunkle Haut, schwarze Augen, schwarzes Haar zu einem Zopf geflochten. Sie war etwa so alt, wie ich, beide waren wir knapp über zwanzig.
Sie schrie mich in ihrer Sprache an. Machte mich zur Schnecke. Nur die Sonne war Zeuge. Außer uns war niemand vor Ort.
Obwohl ich kein Wort verstanden hatte, wusste ich, dass sie darauf bestand, ich hätte mich bei meinem Vater zu entschuldigen. Unseren Streit bekam sie scheinbar mit und verurteilte mich intuitiv.
Ich gestand meine Schuld, folgte ihrer Intention, ging zurück zu meinem Vater und entschuldigte mich bei ihm. Später gingen wir den Pfad gemeinsam hinauf, das Quechuamädchen begegnete uns beiden erneut, und lächelte wohlgesonnen.

Andrea Hack

Vielen Dank Frau Jung für Ihre weisen Worte. Ja ich erlebe Freundschaft auch gerade als etwas dass einem den Rat gibt doch einfach das Herz in die richtige Richtung zu lenken .
Es geht nicht um Gleichheit sondern die Bereitschaft etwas mit jemanden zu tun, unwissentlich bereichern wir den anderen , das ist für mich Freundschaft . Das Leben des anderen zu bereichern , und diesen wertzuschätzen
Ps. Auch ein Autorentip , unter der Homepage „the atlantic“ schreibt eine Autorin auch einen sehr interessanten Bericht zum Thema Freundschaft und frägt ob diese nicht wichtiger ist als Partnerschaft

Andrea Hack

Ich habe es wieder gefunden , wollte es selbst noch genauer lesen
Es ist von Rhaina Cohen
What if Friendship , Not marriage , was the Center of Life
Herzliche Grüße

Michael Pfeiffer

"Freundschaft entsteht oft im Nicht-verstehen" ist für mich Ausdruck des Respekts vor dem Freund, mit dem man vetraut ist, den man aber nie ganz kennt und dem man zugesteht, etwas eigenes zu bewahren, das nur ihm gehört. Sehr gut geschrieben!


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