Von einem besonderen Freund

Merchan Agaricus • 1 Mai 2022
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Im Zuge unseres Lebens begegnen wir unterschiedlichen Menschen. Am Anfang steht unsere Familie, unsere Eltern und Großeltern, der Urgroßvater, sofern man diese hat.

Dieser Kern verleiht uns Sicherheit und ist uns in den meisten Fällen, so  denke ich, wohlgesinnt.

In meiner eigenen Familie hatte ich als Einzelkind einen besonderen Status und so konnte ich auf diverse Personen in dieser Konstellation zurückgreifen. Schnell aber kristallisierte sich eine Beziehung zu meiner Mutter als sicherer Hafen, der mir eine starke Emotion der Geborgenheit vermittelte und zu meinem Vater, der mir die Welt vorstellte und erklärte. Feierlicher Logos.

Ich wuchs in einer Familie Touristiker in Polen auf, mein Vater als Tourismusmanager nahm uns auf Reisen. So erkundeten wir nach und nach die Geographie dieses Landes und ich hörte von ihm zahlreiche Geschichten über Kultur und Geschichte.

Wir bereisten die zahlreichen Regionen Polens sehr intensiv und scheuten keine Sehenswürdigkeiten. So dass ich später u.a. selber den Kaufmann für Tourismus lernen sollte.

Mein Vater hatte aber eine Besonderheit, die ihn von anderen gewöhnlichen Touristikern abhob. Er war studierter Philologe und so brachte er das Thema immer wieder auf Literatur. Während unserer Reisen war also Kultur das Hauptprogramm und immer wieder mussten Literaten bemüht werden, die sich über die jeweiligen Regionen und Destinationen ausdrückten. 

Nun war mein Vater auch ein Kind seiner Zeit und zur Unterhaltungsindustrie gehörte auch die Kultur (Malerei, Musik, Bildende Künste), das Kino und das in Polen dieser Zeit sehr unterentwickelte Fernsehen.

Überall hatte er seine Bekannten und wir reisten nicht nur in der Geographie und Geschichte Polens sondern auch unter Leuten, Künstlern, Schauspielern, Journalisten. So entfalteten sich Lebenslinien. 

Unsere Freundschaft gedieh aber erst, als wir aus politischen Gründen nach Deutschland kamen, denn da entdeckte ich meinen Vater als Partner für Sport und Unternehmungen in der Natur. Wir spielten Tennis und waren eine zeitlang fast jedes Wochenende – wenn es das Wetter zuließ - beim Bergsteigen.

Unsere größte gemeinsame Unternehmung war das Besteigen der Ellmauer Halt (2344 m), des höchsten Gipfels des Wilden Kaisers. Dazu war auch ein wenig Klettererfahrung von Belang. 

Insgesamt wiesen wir irgendwann drei gute Dutzend gemeinsame Touren in den bayrischen Voralpen und den Bergen des Tirols vor. Dabei festigte sich auch unser Verständnis für einander, unsere Überzeugungen und eine bestimmte Weltsicht. Die meinige ist stark von meinem Vater geprägt.

Wir unternahmen auch viele Auslandsreisen, u.a. tourten wir gemeinsam in den Anden in Südamerika und den Rocky Mountains in den USA. Kleinere Berge im Himalaja waren stets ein Ziel, dass jenseits jeglicher Erfüllung blieb. Nepal und Tibet blieben uns verschlossen. 

Vor allem interessierte meinen Vater aber das übrige Europa, von dessen Unionsgedanken er angetan war. Er wollte einen offene Welt, auch wenn er den Zweifel daran sehr gut kannte. Immer wieder betonte er, dass der Mensch wohl kaum in der Lage sein wird, über seinen Schatten zu springen; sein eigener Egoismus und seine schier unendliche Gier werden seiner Vernunft immer im Wege sein. Bisher bestätigen sich seine Ansichten weiterhin, auch lange nach seinem Tod.

Mein Vater starb jung, viel zu jung, an einem Karzinom und ich verlor einen guten Freund, den besten den ich abgesehen von meiner jetzigen Frau, jemals hatte.

Er rauchte nicht, trank kein Alkohol, war sportlich und musste trotzdem mit 63 Jahren bereits aus dem Leben scheiden. Was er mir hinterließ war nicht nur die Skepsis gegenüber jeglicher politischen Initiative und wirtschaftlichen Innovation. Wohin werden diese, wenn erfolgreich, tatsächlich führen? Und worum geht es den Profiteuren eigentlich dabei? - Wohl eher um finanzielle, als ökologische Nachhaltigkeit.

Er hinterließ auch zusammen mit dem warmen Gefühl, einen guten und verläßlichen Freund gehabt zu haben, auch jene Neugier auf die Zukunft, auf den Weg hinter der nächsten Kurve, die er stets hatte und die er mit mir teilte. Ein Gefühl für Ästhetik hatte er in der Tat.

Es kamen später noch zahlreiche andere Bekannte, auch Freunde darunter, doch niemals mehr jemand, dem ich so blind vertrauen konnte, und das trotz all seiner vielen kleinen Fehler und seiner durchaus narzisstischen Persönlichkeit, die mir im Nachhinein schmerzlich bewußt wird. Klar, dass mein Vater die Kontrolle behielt, leider auch viel zu sehr über seinen einzigen Sohn. Davon musste ich mich erst emanzipieren, was mir durch seinen Tod, das Endgültige daran, leichter fiel. 

Er hatte und war eine starke Persönlichkeit, vor allem aber war er ein besonderer Freund. 

Kommentare (7)

Merchan Agaricus

Vielen Dank, Frau Jung. So war es auch gedacht.

Maria Holeczek

Die eigenen Eltern sollten immer gute Freunde bleiben.

Andzej Holeczek

Gut einen Vater zu haben, der einem das ganze Leben über freundlich gesinnt ist. Auch wenn es seine Pflicht ist.

Emilia Plater

Bei Eltern wünsche ich mir vor allem Verlässlichkeit.

Edward Nilson

Schön, wenn man den eigenen Vater als verantwortungsvoll erlebt hat. Insbesondere bei älteren Generationen ist das oft noch anders.

Cornelia Becker

Vielen Dank für diesen sehr ehrlichen Text, den ich nun schon mehrfach gelesen habe. Durch die gemeinsamen Unternehmungen hat sich eine besondere Beziehung zwischen Ihnen beiden entwickelt, eine Freundschaft, die auf der Liebe zwischen Eltern und Kind gründet. Ganz besonders bewundere ich Ihren Text aber dafür, dass Sie ihren Vater trotz dieser Erfahrung nicht verklären, sondern seine Schattenseiten sehr bewusst mit einbeziehen. Die Anerkennung solcher Schattenseiten der Eltern ist ein Sprungbrett zur eigenen Reife.

Merchan Agaricus

Vielen Dank für Ihren Kommentar, Frau Becker.
Teil des Reifeprozesses war es für mich das Wissen zu erwerben, meine Eltern psychologisch zu reflektieren. Dieser Reflexionsprozess dauert an, auch nach ihrem Tod, zumal ich stets neues psychologisches Wissen erwerbe, mit dem ich die eigene Biografie besser verstehe.


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