Von den Nachtschwärmern (Eine Nietzsche-Parodie im Geiste Hegels)

Leon Lorenz • 31 August 2020

Von den Nachtschwärmern

 

Als Zarathustra im Lichte des Mondes durch die Stadt wandelte, die genannt wurde der wirre Esel, ging er auf den Marktplatz suchenden Auges nach jenen, die des Nachts noch wachen. Wachen und warten des Blitzes, dessen Strahl das Dunkel zu teilen vermag. Nachtschwärmer sind es, die die Finsternis lieben, denn es lässt sie besser erkennen, was das Licht ist ihres Untergangs. All diese so Versuchten suchend sprach Zarathustra also zu seinem Herzen:

"Welche Zeit könnte besser sein Jünger zu finden, als die Nacht? Sind es doch die, die dem Schlafe nicht gehorchen wollen, deren Kraft noch frei und ungezähmt brach liegt. Dem Stiere gleich, schreiten sie stolz und erhabenen Hauptes durch die Reihen der grasenden Kühe. Wohlan, nicht Grasende sollen sie sein, sondern Rasende und überrascht und froh werden sollen sie ob ihrer eigenen Stärke. Ihrer Stärke, an der sie zugrunde gehen können.

Was bedarf es aber einer Raserei, die das Tier erst zum Tiere macht und es schäumend, tobend, wütend sich aufbäumen lässt? Es bedarf wohl eines Mannes, der sich auf das richtige Kitzeln versteht. An der richtigen Stelle gekitzelt, nicht zu lang noch zu kurz, zu fest oder zu seicht, wird ein jeder Stier heißer sieden und brodeln als der mächtigste unter den Vulkanen. Siehe, Zarathustra ist dieser Kitzler und vergnüglich soll es ihm sein, zu kitzeln, ziehen, drücken und sticheln, bis die Natur sich selbst ihr Gesicht entblößt und an dem Anblick zu Grunde geht."

Als Zarathustra so zu seinem Herzen sprach, bemerkte er nicht, wie sich ihm von hinten ein Mann genähert hatte. Wie ein Schwert der sengenden Glut der Schmiede entrissen und in eisiges Wasser geworfen schrak Zarathustra aus seinen Gedanken. Er wandte sich um und ihm ward, als sei sein ganzer Körper Stein geworden. Auch sein Blick war wie festgefroren an jener Gestalt, die ihrerseits Zarathustra müde aber dennoch prüfend musterte. Endlich aber verwandelte sich sein Auge und Zarathustra hob also an zu sprechen:

"Verzeih mir, o werter Nachtschwärmer, mein Zittern und ängstliches Erstarren. Glaubte ich doch mit all der Kraft meiner Seele an die Wahrheit, dass Gott tot sei. Nicht nur des Teufels Stimme, auch die Stimme, die aus mir kam ließ mich diese Wahrheit hören. Nun da ich aber dich hier traf, wähne ich, ich habe wohl falsch gehört?"

Der Mann lächelte als Zarathustra so zu ihm redete und griff in die Tasche seines Mantels. Heraus nahm er eine Flasche Wein und zwei Gläser, die das Licht des Mondes in prachtvoll farbige Bruchstücke teilten. Beide Gläser füllte er mit Wein, trank aus einem, gab das andere aber Zarathustra und hieß auch ihm zu trinken. Zur Hälfte leerte er sein Getränk, dann aber öffnete sich sein Mund und er begann zu sprechen:

"Ein Gott soll ich sein? Sehe ich für dich nicht allzu endlich, beschränkt und klein aus? Und täte ich es nicht, so hätte eben Gott sich selbst getrunken. Nein, ich bin kein Gott. Mensch bin ich ganz und gar. Schwer genug scheint mir diese Bürde schon zu sein. Trage ich doch mit, den Geist, der uns alle und alles durchdringt."

Zarathustra bedachte die Worte des Fremden und wägte sie in seinem Kopfe auf und ab. Darob runzelte er nachdenklich seine Stirn und sprach schließlich also zu dem Manne:

"Wie du es sagtest, ist es. Ich irrte dich einen Gott zu nennen. Nicht einen Gott fand Zarathustra heute, wohl aber einen trefflichen Gespensterjäger. Ich kenne jene von deiner Sorte. Doch scheinst du mir doch anders zu sein. Ist es doch Beweis genug, dass ich dich für einen Gott hielt. Etwas, eine Wahrheit, ist an dir, die dich heller strahlen lässt, als alle anderen Gespensterjäger, die ich vor dir traf. Der fahle Gestank der Schlange umhüllt sie für gewöhnlich, nicht aber bei dir. Nun sage mir, welche scheinheilige Wahrheit du dir aus dem Leib geschunden hast, die es vermag Gerüche so zu tilgen."

Darauf antwortete der Mann:

"Ja, Gespensterjäger mag ich dir gerne heißen! Wohl sind die Gespenster, die ich jage, nicht in solchen Tiefen verborgen wie du vielleicht meinst. In mir selbst suche und finde ich sie. Geteilt bin ich im Innersten und der eine Teil widerstrebt dem andern. Dass beide Teile doch zusammen eins sind, das mag diese Wahrheit sein, welche du meinst; doch sag, was ist deine Wahrheit?"

Ohne zu überlegen antwortete Zarathustra:

"Meine Wahrheit ist mir der Leib. Alles was sich sehen, hören, schmecken, riechen und anfassen lässt, das sei mir das wahre. Ein tüchtiger Lehrmeister ist er, der Leib. Er flüsterte mir zu, was es sei, das der Mensch tun muss. Durch seinen Willen soll er Sinne machen und Sinn geben. Über sich hinaus soll er wollen, auf dass er schließlich werde zum Übermenschen."

Darauf entgegnete der fremde Mann:

"Nun gut, mir scheint, wir verstehen uns nicht. Von Geist spreche ich und von Leib sprichst du. Auch an den Übermenschen glaube ich nicht, obwohl auch ich mich einst als Übermensch fühlte und wahrlich unmöglich scheint es, über mich hinaus zu gehen. Nimm aber noch dies mit, bevor ich gehe: Die Teile meiner Seele nannte ich dir bereits und wie sie immerzu im Streit sich finden. Sieh an, da sind wir doch, die sich streiten. Stelle dir als das Bindemittel zwischen uns vor, was du willst, so kannst du doch nicht verleugnen, dass wir uns da wir so miteinander nicht einig wurden, gegenseitig uns befruchtet und erweitert haben."

Da musste Zarathustra lachen und mit einer Träne noch im Auge sprach er:

"Wohlan so lasse ich dich ziehen. Doch habe keine Sorge! Wenn wir uns wieder sehen, werde ich deinen Dienst erwidern und dann werde ich dir dein Herr und du mir mein Knecht sein."

Als Zarathustra so sprach, musste auch der Mann lachen und die beiden trennten sich und gingen ihrer Wege.

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