Vom Milchhasen und der Schuh-Ella: Gastbeitrag von Klaus Böldl & Katharina Preißler

wbg Redaktion • 9 Mai 2022
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Vom Milchhasen und der Schuh-Ella

Gastbeitrag von Klaus Böldl & Katharina Preißler


Denkt man an die Kunst des Spätmittelalters, kommen einem Künstler wie Bellini, Memling oder Dürer in den Sinn – es fehlt in der italienischen, niederländischen, französischen oder deutschen Kunst dieser Epoche wahrlich nicht an großen Namen. Skandinavien erscheint demgegenüber eher als weißer Fleck auf der Europakarte. Der einzige schwedische Maler des Mittelalters, auf dessen Namen man in Kunstlexika mit einigem Glück stößt, ist Albertus Pictor – dieser aber ist aus unbekannten Gründen von Deutschland aus in den Norden eingewandert. Im großen Stil wurde von der durchaus wohlhabenden Kirche Schwedens – sie verfügte über enormen Grundbesitz – Sakralkunst aus Lübeck und aus Flandern eingekauft. Nicht weniger als vierzig flämische Altäre haben sich in Schweden erhalten.

Warum sollte man sich also mit der Kunst eines im Mittelalter marginalen, kulturell verhältnismäßig rückständigen Landes wie Schweden überhaupt befassen? Die Antwort darauf findet sich an den Wänden ungezählter Landkirchen vor allem im Süden und in der Mitte des Landes. Die Malereien, die sich dort finden und die in manchen Kirchen buchstäblich jeden Winkel ausfüllen, üben einen besonderen Reiz auf den Betrachter und die Betrachterin aus, dem man sich schwer entziehen kann. Wenn man sich in die komplexen Bildprogramme versenkt, die in der Stille und Abgeschiedenheit dieser ländlichen Gotteshäuser vor einem ausgebreitet werden, stellen sich alsbald Fragen. Denn neben den überall in Europa zu findenden zentralen Motiven der Sakralkunst, der Weihnachtsgeschichte, der Passion, den Legenden der prominenten Heiligen, finden sich auch Darstellungen, die wir an einer Kirchenwand nicht unbedingt vermuten würden. Da finden sich ganze Trollfamilien, es tummeln sich Meerfrauen und allerlei groteske und teils auch obszöne Figuren. Wir entdecken etliche Gestalten, die sich nur mit Hilfe von Volkssagen und „abergläubischen“ Vorstellungen identifizieren lassen.

Teils setzen die Malereien, ähnlich wie auf dem Kontinent, theologische Konstrukte ins Bild, die sich kaum einem der ländlichen Kirchgänger erschlossen haben dürften, teils wird diese bäuerliche Bevölkerung aber auch abgeholt, indem Elemente ihrer eigenen Vorstellungswelt oder doch zumindest einer für sie fasslichen Glaubenslehre dargestellt werden. Nicht immer sind diese Sphären klar voneinander zu trennen. Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang die Darstellungen von der Wettfahrt des hl. Olav um die Krone Norwegens. Schnell avancierte König Olav Haraldsson, dem die erfolgreiche Christianisierung Norwegens zugeschrieben wird, nach seinem Tod im Jahr 1030 zu dem im ganzen Norden wohl am glühendsten verehrten skandinavischen Heiligen. Aus den vielen legendarischen, aber auch historischen Erzählungen über Olav ergibt sich ein facettenreiches Bild seines Lebens und nicht zuletzt seiner immer wieder ins Zentrum gerückten Frömmigkeit, die auch den kleinen Leuten als Vorbild dienen sollte, ein gottgefälliges Leben zu führen und sich der alltäglich gegenwärtigen Bedrohung des Teufels und seiner Schergen bewusst zu werden. Die Legende von der Wettfahrt des hl. Olav illustriert auf besonders eindrückliche Weise, wie dem bäuerlichen und im Volkglauben verhafteten Kirchgänger im Spätmittelalter abstrakte theologische Konzepte veranschaulicht werden konnten. So wird der Heilige auf einer Seereise mit Trollen konfrontiert, die ihn mit aller Kraft am Fortkommen auf der Fahrt nach Trondheim hindern wollen. Das Besondere an dieser wundersamen Fahrt ist, dass Olav sein Schiff mit Gottes Hilfe nicht nur über das Meer, sondern auch über Land steuern kann. Es ist davon auszugehen, dass naturmythische Wesen, zu denen auch die Trolle zu zählen sind, im ruralen Skandinavien als wahrhaftige Bedrohungen der Menschen wahrgenommen worden sind. Olav jedoch gelingt es, diese bedrohlichen Wesen allein durch seinen festen Glauben im buchstäblichen Sinne in den Stein zu bannen. Zurück blieben Felsformationen, die den Wanderer fortan an diese Geschichte erinnerten und ihn darin bestärkten, dass auch er sich im Vertrauen auf Gott den Mächten des Bösen erwehren könne. Die Trolle an den Kirchenwänden weisen nicht nur optisch häufig Ähnlichkeiten zu den zahlreich ins Bild gesetzten Teufelsfiguren auf, sie sind als Repräsentanten der bösen Mächte aufzufassen, die versuchen, den Gläubigen auf dem Weg zu Gott ins Unheil zu stürzen.


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St. Olav und die Trolle, Albertus Pictor, Dingtuna (Väsm), zw. 1470–80

Überhaupt ist der Teufel in verschiedenen Rollen Stammgast auf den schwedischen Kirchenwänden. Er ist nicht nur als Versucher Christi sowie in den Darstellungen des Jüngsten Gerichts zu sehen, sondern auch als Gestalt, die den Kirchgänger in seiner Andacht zu stören trachtet – oder ihn aufschreibt, wenn er es an Aufmerksamkeit bei der Messe fehlen lässt. In der Geschichte von Schuh-Ella, die sich in einer ganzen Reihe von schwedischen und finnischen Kirchen findet, animiert der Teufel die niederträchtige Ella, ein sich liebendes Ehepaar auseinanderzubringen. Als Lohn winken ein Paar Schuhe, doch ist selbst der Teufel von Ella so angewidert, dass er es vorzieht, ihr die Schuhe an einer langen Stange zu reichen.


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Schuh-Ella, Tierpsgruppe, Viksta (Uppl), 1503

Figuren wie Teufel und Trolle sind gewöhnlich leicht zu identifizieren, doch umfasst das Motivrepertoire in den schwedischen Landkirchen auch Wesen, die im ersten Moment rätselhaft erscheinen. Die meisten Sichtungen des sogenannten Milchhasen dürften wohl an Kirchenwänden erfolgt sein, im Leben der spätmittelalterlichen Bauern waren es eher die unmittelbaren Folgen seines Wirkens, die Probleme mit sich brachten. Gaben die Kühe keine Milch mehr, wurde vermutet, dass diese von einem Milchhasen gestohlen worden war. Der Milchhase agiert jedoch nicht allein; die Wandmalereien schildern eindrücklich, wie er sein Diebesgut in die Gefäße einer Bäuerin übergibt, die sich umgehend an die Arbeit macht, aus der Milch kostbare Butter herzustellen, die daraufhin gewinnbringend verkauft werden soll. Einige Malereien zeigen, dass die Frauen bei der Butterverarbeitung Hilfe vom Teufel erhalten, was darauf schließen lässt, dass sie von Anfang an einen Pakt mit dem Bösen geschlossen haben, der der eigenen Bereicherung dienen sollte. Mit zum Teil recht drastischen Mitteln wird illustriert, wie sich der Teufel der gierigen Frauen bemächtigt und sie in den Höllenschlund zerrt. Das Motiv des Milchhasen wird somit zum Exemplum für Habgier und führt die unvermeidbare Strafe für solches Verhalten vor Augen. Die reale Furcht vor Versorgungsengpässen und die Missgunst gegenüber Nachbarn dient hier als weiteres Beispiel, das gemäß der für das Spätmittelalter typischen Verfahrensweise aufgegriffen wird, um dem einfachen Kirchgänger komplexere theologische Sachverhalte, hier die Versuchung durch den Teufel und die Folgen sündhaften Verhaltens, zu verdeutlichen, indem sie in seine Lebenswelt integriert werden.


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Butterdiebstahl und Szene des Jüngsten Tages, unbekannt, Öja (Gotl), zw. 1450–1500

Die schwedischen – und übrigens auch die nicht weniger interessanten dänischen – Kalkmalereien stellen in vielerlei Hinsicht typische Beispiele mittelalterlicher Sakralkunst dar. Ihre Eigenart besteht indessen darin, dass sie in höherem Maße als in den meisten anderen Regionen Europas durchlässig war für das Weltbild ihrer ländlichen Betrachter. Oder anders ausgedrückt: Die Kirche griff die Vorstellungen und Erfahrungen der Menschen auf und nutzte sie für deren Disziplinierung. Denn wenngleich sich auch phantastische Wesen finden, die eher der Gestaltungsfreude der Künstler entsprangen und keine theologischen oder moralischen Botschaften transportierten, so liegt es doch auf der Hand, dass auch für den analphabetischen Kirchgänger an den Wänden in erster Linie abzulesen war, welchen Gefahren seine Seele auf Schritt und Tritt ausgesetzt war.

(Sämtliche Bilder wurden mit freundlicher Genehmigung vom Historischen Museum in Stockholm zur Verfügung gestellt.)


Klaus Böldl ist seit 2007 Professor für Kultur- und Literaturgeschichte des skandinavischen Mittelalters an der Universität Kiel. Er war Mitherausgeber der Neuübersetzung der Isländersagas und hat u. a. über altnordische Mythologie und Religionsgeschichte, über isländische Literatur des 13. Jahrhunderts, über spätmittelalterliche Frömmigkeit sowie über skandinavische Volksballaden publiziert.


Katharina Preißler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kultur- und Literaturgeschichte des skandinavischen Mittelalters der Universität Kiel. Sie promovierte 2019 im Rahmen eines DFG-Projekts über skandinavische Heiligenballaden im Spiegel der spätmittelalterlichen Bildkunst Schwedens und Dänemarks und publizierte weitere Beiträge über Balladen sowie über nordische Heilige.


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Von Schuh-Ella und vom Milchhasen

Die Glaubenswelt des Spätmittelalters in den Wandmalereien schwedischer Landkirchen

Die mittelalterlichen Wandmalereien, die sich in vielen schwedischen Landkirchen erhalten haben, führen uns in ein rätselhaftes Bilderuniversum. Es finden sich nicht nur die in der Sakralkunst verbreiteten biblischen und legendarischen Gestalten und Szenen, sondern auch sagenhafte Motive wie die Trolle, mit denen es der Hl. Olav bei seinem Wettsegeln um die Krone Norwegens zu tun bekommt, Meerfrauen, die sich selbstverliebt im Spiegel betrachten, der diebische Milchhase, der die Milch aus den Eutern der Kühe des Nachbarn saugt oder Schuh-Ella, die ein Ehepaar auseinanderbringt und vom Teufel mit ein Paar Schuhen belohnt wird. Diese ungewöhnlichen Darstellungen vermitteln faszinierende Einblicke in die Glaubens- und Alltagswelt der ländlichen Bevölkerung im Spätmittelalter und stellen daher bedeutende Zeugnisse für die Kulturgeschichte Nordeuropas vor der Reformation dar. In diesem reich illustrierten Buch werden diese Bilder in ihren Überlieferungszusammenhang gestellt und erläutert.


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