Vom immerwährenden Kampf um Freiheit

Dennis Kohl • 6 Juni 2021
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Vom immerwährenden Kampf um Freiheit

Freiheit! Kaum ein Begriff ist begehrter, umkämpfter, missbrauchter und doch so ungreifbar und willfähriger. Auf einer abstrakten Ebene lässt sich Freiheit schwerlich denken, während sie lebensweltlich immer nur in Augenblicke konkret erfahrbar wird. Wer sich an eine Definition wagt, sieht sich der Notwendigkeit ausgesetzt, mit Umschreibungen und Andeutungen zu arbeiten. Freiheit agiert einem Phantom gleich, obgleich sie keines ist. Ist Freiheit gegeben, lässt sie sich kaum erfahren, drängt ins Unsichtbare, fungiert als stille Begleiterin. Freiheit verlangt eine Initiative, eine bewusste Aktivität, die sich ihr zu eigen macht, geradezu instrumentalisiert, denn Freiheit verselbstständigt sich nicht, sie besitzt in dem Sinne kein Eigenleben. Vielmehr verlangt sie am Schopfe gepackt zu werden. Sie gibt kein Versprechen, denn Freiheit bedeutet immer auch die Freiheit zu scheitern. Wer Mut zum Risiko scheut, ist weit vom Freiheitsgewinn entfernt. Freiheit und Risikobereitschaft bedingen einander. Erst wenn Freiheit abhandenkommt, macht sie sich bemerkbar, indem sie in ihrer Kehrseite, dem Zwang, unmittelbar zur Erfahrung durch Unfreiheit wird. In der Unfreiheit manifestiert sich der Wert von Freiheit. Insofern ist Freiheit auch arglistig. Aber nicht nur dies, Freiheit tritt in ungeheurer Vielfältigkeit auf, denn sie bedarf den konkreten Kontext, der sich im Alltag tausendfach darstellt, als auch die freiheitliche Idee, die jeden Tag neu ersehnt werden will. Freiheit ist ein fragiles Gebilde, das jederzeit zu zerbrechen droht. Geschichte lehrt, dass Unfreiheit oftmals im Namen der Freiheit geschieht. Freiheit ist die Prostituierte der Mächtigen. Sie ist die immer Bedrohte.

Die individuelle Freiheit oder von den Fesseln der Leistungsgesellschaft

Mit der Entwicklung des modernen Freiheitsbegriffs seit dem 18. Jahrhundert und der daraus resultierenden Befreiung aus vormodernen Gesellschaftsstrukturen durch die grundsätzliche Infragestellung hergekommener Glaubenssätze und Vorurteile, entstand naturgemäß auch die Vorstellung des auf dem Markt frei agierenden Unternehmers. Dieser Aspekt darf getrost als gewichtige Säule eines freiheitlichen Menschenbildes verstanden werden. Heute, so scheint es, hat sich der Aspekt des freien Marktes - als immer nur ein Aspekt der freiheitlichen Emanzipation des Menschen - zu einem universalistischen Leitprinzip verselbstständigt, das nahezu alle Lebensbereiche durchdringt und zum alleinigen Maßstab von Anerkennung und Einbindung mutiert. Der Einzelne muss sich behaupten in einem Anforderungs- und Leistungssystem, welches zusehends über Gesellschaftsfähigkeit entscheidet. Lebenserfolg geht immer häufiger mit Markterfolg einher. Das dem Markt inhärente Freiheitsversprechen kehrt radikalisiert im Gewand des Selbstunternehmers zurück, der seine Fähigkeiten und Kreativität fast ausschließlich globaler marktwirtschaftlicher Bewertungsmaßstäbe ausgesetzt sieht. Die daraus resultierenden gesellschaftlichen Zwänge unterminieren den einst universalistischen Freiheitsbegriff und reduzieren das freiheitliche Menschenbild auf das eines Marktteilnehmers, der sich dem Urteil einer unsichtbaren Hand zu beugen hat. Die Folgen für die gesellschaftliche Verfasstheit sind kaum abzusehen.

Unsere verblassende Vorstellung von Bildung ist eine Folge des hegemonialen Anspruchs der Marktfreiheit. Das klassische, das humanistische Bildungsideal, das den Menschen in seiner Ganzheit betrachtet und befähigt, gehört endgültig der Vergangenheit an. Schulen und Universitäten vermitteln in diesem Sinne längst keine Bildung mehr. Sie bilden nicht, sie bilden aus! Es sollen die Fachkräfte von morgen mit dem Ziel ausgebildet werden, im internationalen Wettbewerb der Volkswirtschaften bestehen zu können. Ein im globalen Maßstab wichtiger Akteur ist der rote Drache namens China, der sein Haupt mit dem Anspruch erhebt, zu einstiger Größe zurückzukehren und zur ersten Weltwirtschaftsmacht aufzusteigen. Das „kommunistische“ Land heizt den Kampf um Märkte und Innovationen an und versetzt die westliche Staatengemeinschaft im Modus ständiger Abstiegsangst im Wirtschaftskrieg. Als totalitärer Staat bildet China keine Staatsbürger aus, denn diese sind im Totalitarismus obsolet. In einer globalen Welt geriert die Voraussetzung von wirtschaftlicher Prosperität – die auf konkrete Wirtschaftsfunktionen ausgerichtete Fachkräfteausbildung sowie eine ausgeprägte Konsumkultur - zum alleinigen Maßstab von Erfolg und Misserfolg. Die Einsicht bleibt derweil, dass nur eine humanistische Bildung zur Freiheit im klassischen Sinne befähigt. Die anfängliche Hoffnung, marktwirtschaftliche Reformen würden auch ein freiheitliches Menschenbild ins Reich der Mitte tragen, haben sich als Illusion erwiesen. Die Frage sei erlaubt, ob wir zuletzt Chinesen im Geiste werden müssen, um zukünftig nicht hintenanzustehen.

Die politische Freiheit oder vom Kampf um die offene Gesellschaft

Als ein Gemeinschaftswesen erstrebt der Mensch naturgemäß die Nähe zu seinen Mitmenschen und den Austausch mit seinen Nächsten. Anerkennung und nicht zuletzt Ansehen sind ein zutiefst menschliches Bedürfnis, das nur Einlösung durch soziale Einbindung erfährt. Im gemeinschaftlichen Kontext bekommt Freiheit ein Korrektiv an die Seite gestellt: die Sicherheit. Diese ist der Versuch, die Gefahren und Risiken, die Freiheit naturgemäß mit sich führt, zu minimieren. Freiheit und Sicherheit gehen für ein gelingendes Gemeinwesen Hand in Hand. Was abstrakt klingt, ist für unser Gemeinwesen von zentraler Bedeutung. Denn meine individuelle Freiheit erfährt seine Grenzen immer an der Freiheit des Anderen. Insofern geht Freiheit immer auch mit Verantwortung einher, Verantwortung für mein Handeln, das immer im Kontext der Gemeinschaft verstanden werden will. Das heißt, dass der Einzelne nicht nur Verantwortung für seine Entscheidungen im Zuge einer eigenzentrierten Risikoabschätzung trägt. Er steht ebenso in der Verantwortung der Gemeinschaft gegenüber. Letztlich ist es ein Austarieren, ein Abwägen zwischen meiner Freiheit und einem gesunden Sicherheitsverständnis, das die Freiheit des Anderen und damit wiederrum meine Freiheit ermöglicht. Darin offenbart sich der Anspruch einer freiheitlich konstituierten Gesellschaft an seine Mitglieder. Wer sich davon losreißt und den Sprung in totaler Unabhängigkeit, in Autarkie wagt, indem er seine Freiheit unbegrenzt für sich einfordert, geht nicht nur das Risiko der sozialen Verkümmerung seiner selbst ein. Er gefährdet zugleich das Gemeinwesen, das so sehr auf die Verantwortlichkeit eines jeden Einzelnen angewiesen ist. Hier bekommt Freiheit eine gefährliche Komponente und zeigt zugleich auf, dass der freiheitliche Rechtsstaat auf Voraussetzungen fußt, die er selbst nicht garantieren kann. Ernst-Wolfgang Böckenförde lässt grüßen.

Unsere offene Gesellschaft ist bedroht von zwei hauptsächlichen Strömungen, die sich in nahezu allen westlichen Gesellschaften beobachten lassen. Es gibt eine Renaissance nationalistischer Ordnungsvorstellungen, die die Nation abermals zur neuen Heiligkeit ausruft und ein Wiederaufleben des Völkischen Vorschub leistet. Dabei wird ein „Volkswille“ unterstellt, der nur wieder Gehör finden müsse in einer von internationalen Mächten dominierten Welt. Diese Vorstellung einer homogen denkenden und fühlenden „Volksgemeinschaft“ dockt an den Grundgedanken des Völkischen an, der sich ausschließlich über (biologische) Herkunft und nationaler Kultur definiert. Die Vielfalt und Komplexität moderner Gesellschaften, auch im Reichtum von Ideen und Lebensweisen, wird dabei tunlichst ignoriert oder desavouiert. Dem neurechten Gedankengut steht das relativ neue Phänomen der linken Identitätspolitik entgegen. Diese konstruiert ein Verständnis von Diversität, das ausschließlich auf Ethnie, Geschlecht und sexuelle Orientierung rekurriert. Ist der Minderheitenschutz in offenen Gesellschaften eine wichtige Aufgabe, totalisiert der identitätspolitische Ansatz eben diesen. Die (vermeintlichen) Anliegen von oftmals kuriosen Minderheitskonstruktionen werden per se als Maßgabe für gesellschaftlichen Fortschritt zementiert. Befindlichkeiten gelten als Wahrheitsausweis. Verklären die einen den Kampf als solchen, zuweilen bis in den Tod, treten die anderen mit dem Nimbus der moralischen Überlegenheit auf. Während die Neue Rechte und deren Überzeugungen mit kleinen, aber beständigen Schritten in breiteren Bevölkerungsschichten Land gewinnt, findet linke Identitätspolitik besorgniserregend viel Anklang in der Debattenkultur medialer Institutionen. Beiden Strömungen ist eigen, dass sie durch ihr Weltbild den aufklärerischen Universalismus von Ideen, Überzeugungen und Argumenten leugnen. Auffällig ist, dass „Identität“ dabei zum zentralen politischen Kampfbegriff fungiert, sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite. Wäre es da verwegen zu behaupten, dass der Drang nach Identität die Sehnsucht nach Gebundenheit, Berechenbarkeit, nach Überschaubarkeit und Vorhersehbarkeit sich Bahn bricht? Nach Sicherheit eben? Hat die Moderne uns zuletzt ein Zuviel an Freiheit zugemutet, die sich jetzt mit aller Macht in Formen absoluter Sicherheit, neuer Autorität rächt? Jedenfalls erwächst aus beiden Ideologien ein neuer Tribalismus, der mit den freiheitlich-emanzipatorischen Überzeugungen der Aufklärung herzlich wenig gemein hat und die offene Gesellschaft langfristig unterminiert.

Vom Wesen der Freiheit und deren natürliche Feinde

Angst und Macht sind die natürlichen Gegenspieler der Freiheit. Angst blockiert das Denken, das Fühlen, sie verschränkt den Horizont, dass kaum eine zukunftsgerichtete Perspektive sich aufzutun wagt, unterdessen Hoffnung zerberstet. Angst ist ein Zustand des Einzelnen und eine bedenkliche Art und Weise, sich zur Welt in Beziehung zu setzen. Macht hingegen lässt sich beschreiben als die harte Währung der Bedrohung von Freiheit, da die Befreiung aus Machtverhältnissen den konkreten Kampf als reale Option aufscheinen lässt. Macht bedroht als ein Äußeres und gebiert Ohnmacht als eine Form von Unfreiheit, während die Angst ein Inneres ist und immer in der Person, der es obliegt, Angst zu überwinden, liegt. Angst ist ein Instrument der Macht, und Macht setzt Angst insbesondere in modernen Organisations- und Kommunikationsgesellschaften gut und gerne ein, um Einfluss auszuspielen.

Und dennoch, Macht ist nicht nur ein natürliches menschliches Begehren, sie ist ebenso ein notwendiges Übel ein Gemeinwesen zu organisieren. Die Errungenschaft der Gewaltenteilung zeugt davon. Ebenso ist Angst ein sinnvolles Warnsystem, das sich Risiken bewusst macht und Schaden abwenden kann. Macht und Angst haben Bestand im Leben, sind dessen Konstanten. Die Entscheidung, ob wir frei oder unfrei sind, fällt im Abwägen zwischen der Notwendigkeit von Abhängigkeiten des Einzelnen und einer Ohnmacht, die durch Überlegenheitserfahrungen erzeugt wird. Angst und Macht fordern die Verteidiger der Freiheit jeden Tag aufs Neue heraus.

Freiheit beginnt mit der Bewusstwerdung meiner selbst. Freiheit öffnet das Tor zu meinem Gewissen, sie ebnet den Weg in die Verantwortung, sie säht das Feld, auf dem Liebe erst gedeiht. Sie fordert den ganzen Menschen, zuweilen durch Zumutungen. Sie macht Gewinner, aber auch Verlierer. Freiheit, ernst genommen, zivilisiert den Menschen. Umgekehrt zivilisiert der Mensch die Freiheit in der Einsicht, dass es unbegrenzte Freiheit schwerlich geben kann. Und doch, sie ist die stumme, die unsichtbare Begleiterin eines Lebens, das den Willen ins sich trägt, zu gelingen.

Kommentare (6)

Marcin Lupa

Ein sehr schöner Text, der zum Resümieren anregt. Der Begriff der Freiheit wird erklärt und zu den ihn determinierenden Strukturen in Bezug gesetzt.

Dabei fällt auf, dass die individuelle Freiheit der einen, die Freiheit(en) der anderen bedrohen kann.
Mir scheint, es gebe keine Kohärenz zwischen ökonomischen Freiheitsbestrebungen und staatlichen Freiheitsgarantien.

Die ökonomische Freiheit der wenigen bedroht tatsächlich die Freiheit der vielen, die um überleben zu können, nur noch für eine Form der Dienerschaft in Frage kommen, bei der es offenbar die Freiheit der Wahl der Mittel und Wege dieser Dienerschaft gibt, bedingt (mal mehr, mal weniger - soziale Stellung der Herkunftsfamilie, etc.).

Und dann gebe es wiederum in Abhängigkeit von der ökonomischen Beschaffenheit des Individuums individuelle Freiheiten, die eine Wahl voraussetzen und ermöglichen.

"Geschichte lehrt, dass Unfreiheit oftmals im Namen der Freiheit geschieht." - weiterhin werden wir feierlich betrogen und stellen leider allzu oft unser Licht unter den Scheffel der jeweiligen Usurpatoren (auch hier zwar rechtmäßig frei, ökonomisch eingeschränkt, bis hin zu gezwungen).

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  • Jürgen Germann

    Ihr Beitrag bietet Platz zum persönlichen Umgang mit Freiheit und zur Wahrnehmung ihrer Ausprägungen – und für einen gemeinsamen Diskurs über Sinn und (verantwortliches) Maß des Gebrauchs von Freiheit / Freiheiten.
    Dass es politische und kulturelle Widersacher, Schwierigkeiten und Feinde von Freiheit(en) gibt, macht es zur anstrengenden Aufgabe und Last, das Feld des Lebens und der Liebe ... ihnen gegenüber zu behaupten.
    J. Germann

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  • Marcin Lupa

    Auch ich finde die Worte speziell über Liebe in diesem Beitrag sehr schön. Eine wissenschaftliche Abhandlung über die Freiheit, die trotzdem darauf kommt einen emotionalen oder transzendentalen Begriff zu gebrauchen, um auf die Verbindung von Freiheit und die Fähigkeit zu lieben aufmerksam zu machen.

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  • Maike Hinrichsen

    "Freiheit öffnet das Tor zu meinem Gewissen, sie ebnet den Weg in die Verantwortung, sie säht das Feld, auf dem Liebe erst gedeiht." Tolle Worte aus einem tollen Beitrag!!! DANKE

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