Verschwörungstheorie und Künstliche Intelligenz

Gerhard Joseph Lindenthal • 9 Juli 2020

Die pseudopolitischen Begriffe von Verschwörungstheorie und Künstlicher Intelligenz geistern durch die Welt, und keiner, außer scheinbar denjenigen, die sich ihrer ideologisch zu bedienen wissen, kann sich vorstellen, was unter ihnen genau zu verstehen sei. Dass in diesem streng verdunkelten und der Aufklärung sehr bedürftigen Zusammenhang, in seriöser, nicht, wie die Presse es liebt, in marktschreierischer Weise, des amerikanischen Schriftstellers William Gibson (geb. 1948) nicht gedacht wird, erscheint umso auffälliger, als er es war, der den Begriff ‚Cyberspace‘, Vorläufer für die ominöse Bezeichnung ‚World Wide Web‘, in deren technologisch amorpher Konkretion „der Fürst dieser Welt“ in endgültiger Weise seine Herrschaft über die Welt angetreten zu haben scheint, in seinem Roman »Neuromancer« von 1984 geprägt hat. Auf diesen in geisteswissenschaftlicher Hinsicht eminent wichtigen Kontext hat vor Jahren bereits der Theologe Samuel Vollenweider (geb. 1953) hingewiesen, der die „Konstruktion des Cyberspace als [eine] moderne Gnosis“ (vgl. Samuel Vollenweider: Gnosis in der Moderne? Überlegungen zu einem spannungsvollen Verhältnis. In: ders.: Horizonte neutestamentlicher Christologie. Studien zu Paulus und zur frühchristlichen Theologie. Tübingen 2002. S. 347–362.) ansieht. Er schreibt, „[f]ast alle bisher vorgeführten neognostischen Erscheinungen konvertieren den dualistischen Bauplan der alten gnostischen Systeme in monistische, integrative Konfigurationen“. Die Begriffe ‚Cyberspace‘ und ‚World Wide Web‘, die in dieser Form unhinterfragbar bleiben, lassen sich in den Begriff der Informationsphilosophie auflösen, wie er in das von Luciano Floridi herausgegebene Werk »The Blackwell guide to the philosophy of computing and information« (Malden Massachusetts 2004) Eingang gefunden hat. In dieser strengen Seriosität der Informationsphilosophie, in der jene informelle Virtualität keine irgendwie geartete Realität, sondern nur subversive Irrealität, sein kann, wiedererscheine, so Vollenweider, „der alte Dualismus zwischen irdischem, biologischem Sein und geistigem, spezifisch menschlichem Sein in aller Schärfe“. Aus diesem Grunde, weil die moderne Informationsphilosophie das Wiedererscheinen des Dualismus zwischen biologisch materiellem und psychologisch immateriellem Sein in charakteristischer Weise aufzeige, müssen der ideologischen Verwendung der Begriffe ‚Verschwörungstheorie‘, die auf eine esoterische Erkenntnis rekurriert, aber vor allem ‚Künstliche Intelligenz‘, deren Hervorbringungen ebenfalls ein esoterisches Wissen voraussetzen, das Prädikat gnostisch zugesprochen werden.

Trägt das, was wir Künstliche Intelligenz nennen, also einen streng gnostischen Charakterzug, das heißt, trachtet die Künstliche Intelligenz, wie die antike Gnosis, die, nach dem epochemachenden Werk von Hans Jonas »Gnosis und spätantiker Geist« (T. 1: Die mythologische Gnosis. Mit einer Einleitung: Zur Geschichte und Methodologie der Forschung. Göttingen 1934. VIII, 376 S.) ausgesprochen existentialistische Züge trage, nach menschlicher Selbsterlösung, die die schlechteste religiöse Variante aller menschlichen Erlösungs-Mythologien darstellt? Dieses, nach Vollenweider, soll William Gibson in seinem Roman »Neuromancer« erwiesen haben, der meint, dass Gibson „die Selbstentwicklung[sic] von künstlicher Intelligenz in einen eschatologischen Horizont“ hineingestellt habe. Mit diesem Theorem, dass Künstliche Intelligenz ein Fall von menschlicher Selbstentwicklung, härter gesprochen, von einer Neuschöpfung des Menschen selbst, darstelle, wäre aber auch die Konversion einer rein technologischen oder technokratischen Moderne in ihre Apokalyptik erwiesen. Zu den unbedenklichen Apologeten einer apokalyptischen Moderne, in der der Traum, vielmehr muss man von einem Trauma sprechen, „von der vollständigen Neuschöpfung des Menschen durch künstliche Intelligenz“ Wirklichkeit zu werden droht, zählt Vollenweider Marvin Minsky (1927–2016), der von der Künstlichen Intelligenz eine „umfassende Neukonstruktion des Geistes“ erwartet. Ebenso Hans Moravec (geb. 1948), Vilém Flusser (1920–1991) und Frank Jennings Tipler (geb. 1947), in deren „Überlegungen […] der Körper wieder zur definitiv hemmenden Macht für die Überfülle geistiger Möglichkeiten“ werde.

Das, was in den genannten Repräsentanten einer apokalyptischen Moderne als Vertreteter einer Künstlichen Intelligenz auftritt, ist auf Eines aus, sie alle wollen „den Menschen vollständig neu“ erschaffen. In dieser technokratischen Revolution einer auf der modernen Informationsphilosophie basierenden Wissens-Gesellschaft, der der leibliche Mensch (vgl. Hermann Schmitz: System der Philosophie. Bd. 2.1: Der Leib. Bonn 1965. XVI, 632 S.) ein Ekel, der um jeden Preis überwunden werden muss, zu sein scheint, nähert sich deren Erkenntnis-Wille in erschreckender Weise den Selbsterlösungs-Bestrebungen der antiken Gnosis, welcher, um es noch einmal hervorzuheben, notwendig ein Existentialismus, wie dieser die zentrale philosophische Figur des 20. Jahrhunderts in Sartre und Jaspers darstellt, inhäriert. Wenn es richtig erscheint, dass der Wirklichkeits-Charakter der Moderne in ihrer Irrealität besteht, denn es kann keiner Frage mehr unterliegen, dass deren Virtualität streng anarchistisch organisiert ist, dann kennzeichnet die Moderne der unendliche Entwurf von Gegenwelten. In einer dieser Gegenwelten bewegen wir uns bereits, sie scheint mit katastrophalen Krisen angereichert zu sein, die nur einen einzigen Ausweg aus ihnen suggerieren, nämlich den ihrer künstlichen Überbietung. Es wäre nur ethisch entscheidbar, welchen Weg wir wirklich gehen wollen.

Kommentare (0)

Sie können Kommentare zu Inhalten in einer nicht öffentlichen Gruppe, der Sie nicht angehören, nicht lesen. Sie können der Gruppe hier beitreten.