Vergil und seine Aeneis - 1

Luca Rosenboom • 14 März 2022
Diskussion in der Gruppe Geschichte
7 Kommentare
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Im Folgenden soll eine kleine Themenreihe zu Vergil und seiner Aeneis initiiert werden, die seit über 2000 Jahren Faszination auf Historiker, Philologen und Interessierte ausübt. Dabei versuche ich, die Thematik so ‚schmackhaft‘ wie möglich zu machen, damit auch Laien oder wie gesagt Interessierte angesprochen werden. Ab und an mögen Themen angesprochen werden, die nicht für jedermann verständlich sind – sodann versuche ich, Fragen zu beantworten. Im Großen und Ganzen soll es aber allgemein verständlich sein.

Worum soll es gehen? Ganz einfache Antwort: Um den Inhalt der Aeneis, um Literarisches, Historisches wie Mythisches. Dabei werden Personen, römische Leitbegriffe oder Ziel und Absicht näher erläutert, um so zu einem (vereinfachten) Verständnis der Aeneis zu gelangen; Cicero (de oratore 2,95) bediente sich gerne eines Zitates, um darzustellen, wie er sich einen geneigten Leser vorstelle: weder solche, die schon alles wissen, gar gelehriger als der Autor selbst sind, noch solche, die rein gar nichts wissen. Das letzte soll hier allerdings keine Rolle spielen; ich hoffe nämlich, jedermann abzuholen. Dass dies ein schweres Vorhaben ist, ist mir bewusst, doch versuche ich der Aufgabe gerecht zu werden und freue mich immer über Fragen, Kommentare oder konstruktive Kritik. Incipiamus!

Zu allererst aber: wer ist Vergil überhaupt? Ich denke dem einen oder anderen dürfte der Name Vergil schon einmal aufgetaucht sein. Er zählt nämlich zu den bedeutendsten Dichtern des antiken Rom, wenn nicht gar der Weltgeschichte. Gelebt hat er zur Zeit der späten römischen Republik und frühen Kaiserzeit (ca. 70-19 v.Chr.), war also maßgeblich von tumultuarischen Zeiten geprägt und auch selbst betroffen. Verfasst hat er nebst weiteren Werken (Georgica und Bucolica) die Aeneis, das Nationalepos der Römer schlechthin, womit er Kaiser Augustus einen Dienst erweisen wollte. Für dieses Werk, das zwölf Bücher a 800-950 Verse umfasst, brauchte er ca. 12 Jahre, wobei man davon ausgeht, dass er es wegen seines Todes 19 v.Chr. nicht fertigstellen konnte. Augustus ist es dabei zu verdanken, dass wir die Aeneis heute lesen dürfen. Nicht, weil er es in Auftrag gab, sondern weil er es vor der Verbrennung bewahrte: Vergil wollte sein Werk nicht der Nachwelt überlassen, vermutlich weil es unvollendet ist, was an unzähligen sogenannten „Halbversen“ festzumachen ist. Bei diesen wurde das metrische Schema nicht eingehalten (Hexameter).

In dem Epos jedenfalls wird die mythisch aufgeladene Geschichte von Aeneas erzählt, der den göttlichen Auftrag erhielt, eine Stadt zu gründen – die Rom sein sollte. Aus der brennenden Stadt Troja fliehend, über das Mittelmeer an verschiedenen Orten aufkreuzend, gedachte er diesen göttlichen Auftrag zu erfüllen. Dabei geriet er immer wieder in prekäre Situationen, denen er teils selbst, teils durch der Götter Hilfe entrann. Dabei werden die üblichen Themenfelder in den Mittelpunkt gestellt: Götter, fatum (Schicksal), römische ‚Ideologien‘ wie pietas (Pflichterfüllung/Treue gegenüber den Göttern, aber auch gegenüber seinen Vorfahren).  Dabei rekurriert Vergil immer wieder auf sein Vorbild, nämlich Homer, der die Ilias – so geht man davon aus – etwa im 8. Jh. v.Chr. verfasste. Durch die Verknüpfung von griechischen und römischen Sagen wollte – und wie die meisten Philologen eigens betonen –  konnte Vergil sich auch mit Homer messen, im Sinne einer imitatio (Nachahmung) und aemulatio (Wetteifer, Überbietung), die unter den Dichtern vorherrschte. Auch deshalb darf man davon ausgehen, dass er die 24 Bücher Homers auf 12 verkürzte.

Kommentare (7)

Merchan Agaricus

Lieber Luca,

ich würde sofort ein Vergil-Seminar bei Dir buchen. So schön und verständlich, wie Du das Thema aufarbeitest und darreichst. Beeindruckend.

Den letzten Satz verstehe ich nich ganz, was aber nicht an Deiner Wiedergabe, sondern an meinem Unwissen liegt. Hat Homer die Ilias und die Odyssee in 24 Büchern verfasst und Vergil seine Aeneis nur in 12 oder kürzte Vergil Homers 24 Bücher auf 12 seine, als er Homer ins Lateinische übersetzte? Das erschließt sich mir aus diesem Satz nicht. Bitte verzeihe mir.

Luca Rosenboom

Vielen Dank, das lag allerdings an dem unverständlichen Satz. Wenn man schon tiefer im Thema drin ist, neigt man dazu, ungenau zu werden. Daher bitte ich immer um solche Rückfragen (bei Interesse). Nein: Vergil hat eine andere "Geschichte" geschrieben, allerdings nur 12 Bücher. Er hat zwar viel von Homer übernommen, wollte aber nicht seine Geschichte kopieren und kürzen. Das erste ist also richtig. VG

Merchan Agaricus

Luca Rosenboom und diese Geschichte von Vergil ist auch eine Ilias und Odyssee oder ist mit den zwölf Bänden die "Aeneis" selbst gemeint?

Luca Rosenboom

Vielen Dank für die Nachfrage! Im Grunde genommen ist die Antwort zwiespältig. Es kann auch im entfernteren Sinne als Odyssee angesehen werden, dazu gehe ich noch in weiteren Beiträgen drauf ein. Allerdings heißt die "Geschichte" Aeneis und soll für die Römer eine Aitiologie darstellen, also etwas, worauf man sich berufen kann. Bspw. "wir sind so erhaben und stammen alle von Aeneas" ab, um es herunterzubrechen. Dies entspricht ja, wie man auch in der Römischen Sözialgeschichte nachlesen kann, nicht der Wahrheit.

Merchan Agaricus

Luca Rosenboom, somit greift die Ätiologie auf einen Mythos zurück? - So ähnlich, wie im Falle des nach der Aeneis fiktional stattgefundenen Gründungsmythos von Rom mit der Lupa (Mutter-Wölfin), die Romulus und Remus - ebenfalls nachzulesen in der Sozialgeschichte - gesäugt haben soll. Brüder, die sich um die Herrschaft um das neue Rom stritten.
Darin auch wieder Parallelen zu Kain und Abel aus dem Alten Testament.

Luca Rosenboom

Sozusagen ist das aus unserer heutigen Perspektive richtig. Allerdings muss man immer auf die Denkweisen damals eingehen und sie einbinden. Wobei eine Abgrenzung von Aition und Mythos sehr schwierig ist, teils sind die eng miteinander verflochten, teils völlig konträr.

Merchan Agaricus

Luca Rosenboom, irrsinnig spannend. Gerade wegen des Paradoxons. Darüber könnten wir uns noch an anderer Stelle unterhalten. Danke jedenfalls für die Ausführungen.


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