Vergil 6 - die Irrfahrten

Luca Rosenboom • 21 Mai 2022
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Nachdem Troja, wie wir im letzten Beitrag erfahren haben, erobert worden war, machte Aeneas sich mit seinem Gefolge auf den Weg ins Ungewisse, wohin sie getrieben würden (3,7: incerti, quo fata ferant), denn die Felder, wo Troja noch eben gestanden hatte, waren in Flammen aufgegangen. Auf seiner Reise machen sie an vielen Inseln und Ländern halt, doch werden sie immer wieder vom Göttlichen auf die richtige Bahn gelenkt, die das fatum, das bereits Gesprochene und das Schicksal, gedenken einzulösen.

Obgleich das verheißene Land Hesperien (das Abendland) sein sollte, waren Aeneas und Anchises der Auffassung, auf Kreta Halt zu machen und dort eine Stadt, Pergamea, zu gründen. Doch da treten dem Aeneas die Penaten (die Hausgötter, die er mittrug) im nächtlichen Schlaf vor Augen: „Ihr müsst diesen Sitz verlassen“, in Anspielung auf das Geheiß. Es folgt eine grausame Pest, alle Felder verdorren, viele Menschen verelenden. Aeneas folgt dem Rat der Penaten zwangsweise und bricht weiter auf.

Die Aeneaden erreichen daraufhin Actium, der Ort der berühmten Seeschlacht des Jahres 31 v.Chr. Als die Trojaner dort ankommen sind, veranstalten sie nach heimischer Sitte sportliche Spiele, um damit den Ort zu ehren, bis zu dem es ihnen zu fliehen gelang. Mit dem Bericht des Aeneas über diese Spiele nimmt Vergil Bezug auf die Spiele, die Oktavian (Augustus) 28 v.Chr. dort anlässlich seines Sieges über Kleopatra und Antonius veranstalten ließ.  Bei dieser Passage handelt es also um ein Aition (Ursprungssage), welches einen Brauch mythisch erklärt. Diese kommen in Epen häufiger vor, beispielsweise auch in Ovids Metamorphosen – diese möchte ich als Nächstes angehen – wenn Ovid den Ursprung des Lorbeerbaumes (Apollo und Daphne) erklärt.

Aus Perspektive der epischen Handlung bedeutet dies, dass der Aeneasnachfahre Augustus einen einst von den Urahnen der Römer gefeierten trojanischen „Agon“ erneuert. Man sieht hier, wie ein Aition hochstilisiert und eng mit der gegenwärtigen (zum Zeitpunkt des Jahres 19 v.Chr.) Zeit verknüpft wird. Was ebenfalls ein interessanter Gedanke sein könnte, ist der, dass diese Szene Hoffnung schöpfen sollte: Nach dem Aufbruch von Kreta, wo die Pest grassierte, kamen sie an eine hoffnungsvolle Stätte, die auch eng mit der damaligen Zeit verknüpft sein könnte. Denn nach den Bürgerkriegen – eine höchst grausame Zeit für die Zeitgenossen – kehrte endlich wieder Ruhe und Friede ein. Als Quintessenz ließe sich hieraus nehmen, dass man nach vorne in die Zukunft schauen solle, denn alles werde seinen rechten Weg gehen.

Helenus, ein Sohn des Priamus (letzter König von Troja), der bei Aktium ein „Miniatur-Troja“ gegründet hat, weissagt ihnen, sie sollen Italien ansteuern, jedoch nicht die Südküste (Magna Graecia), die von den Griechen besetzt ist. Nachdem sie den Weisungen gefolgt sind, steuern sie auf den Ätna zu. Dort nehmen sie den Griechen Achaemenides auf, der von Odysseus auf der Flucht zurückgelassen worden war – und zwar an der Höhle der Riesenkyklopen, die weit und breit durchs hohe Gebirge streifen. Natürlich will er von Aeneas befreit werden – man muss im Hinterkopf behalten, dass er ja eigentlich ein Feind ist; schon mit Sinon hatten sie schlechte Erfahrungen gemacht. Anchises aber reicht ihm die Hand als Zeichen der clementia, eine Herrschertugend, die im späteren Rom walten sollte.

Da auf einmal erscheint, Polyphem, ein Monster, ungeschlacht, grausig, grässlich, des Augenlichts beraubt. (3,558: monstrum horrendum, informe, ingens, cui lumen ademptum – hier hat Vergil einen schönen Vers verfasst. Durch metrische Verschleifung lies so: „monstr-orrend-inform-ingens, cui lumen ademptum // dies drückt nochmal die ungeheure Größe des Kyklopen aus). Als er sie sieht, schreitet er zu Wasser, wäscht sich das Blut aus dem ausgestochenen Auge aus, knirscht mit den Zähnen und versucht sie zu erhaschen. Doch die jonischen Fluten sind zu stark, als dass er sie mit der Rechten ergreifen konnte. Da schreit er unendlich laut, wovon gar Meer und Wogen erzittern, Italiens Erde erschrocken bis ins Mark und der Bauch des Ätna erhallt (3,671-674: nec potis Ionios fluctus aequare sequendo, clamorem immensum tollit, quo pontus et omnes intremuere undae penitusque exterrita tellus Italiae curvisque immugiit Aetna cavernis)

Unter Achaemenides Führung segeln sie an der Westküste Siziliens entlang; wobei Anchises, der Vater des Aeneas, in Drepanum plötzlich verstirbt – ohne der Wahrsager Geheiß…

In Buch 4 kommen wir zum meiner Meinung nach schönsten der Aeneis; dort werden wir eine Weile verharren, ich freue mich schon.

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