Unwissen, Glauben und Wissen

Frank Zarrentin • 7 Juli 2021
5 Kommentare
3 gefällt

Liebe Community,

ein Thema hier zu den Begriffen Unwissen, Glauben und Wissen. Kein Wissen zum Ersten, Glauben und Meinen zum Zweiten und Wissen und Wahrheit zum Dritten.

Platon unterschied zwischen Unwissenheit (agnoia), dann Glauben (doxa) und dann Wissen (episteme).

Ich persönlich neige dazu, dass ich mich bei bloßem "ich glaube, dass..." klar abgrenze zu "ich weiß, dass...", aber wie sehen Sie das Thema, sehr gerne auch durch Ihre persönlichen Erfahrungen wie Ihre gewonnenen Erkenntnisse in der philosophischen Auseinandersetzung?

Viele Grüße aus Berlin 

Frank Zarrentin 

Kommentare (5)

Rita Lipelli

Spannend, auch wenn ich mich leider noch nicht wirklich mit Platon beschäftigt hatte. Dass aber eine solche Unterscheidung Sinn macht, würde ich unterstreichen, denn von etwas gar keine Ahnung zu haben sollte vor dem Ahnung von etwas haben stehen, bis ich es richtig verstanden und das Wissen erreicht habe. So in etwa... laienhaft vermutlich... ;)

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Marcin Lupa

    Liebe Frau Lipelli,

    so ähnlich sehe ich es auch. Und auch ich bin in der Philosophie, wie in der gesamten Geisteswissenschaft ein Laie. Ich setze mich neuerdings auch mit Plato auseinander und finde es spannend, dass einige Gedanken, die ich mir vor 30 Jahren machte, von Plato bereits erörtert wurden. So gesehen hätte ich den Zugang schon vor 30 Jahren schaffen sollen, doch damals beschäftigten mich noch Irrungen und Wirrungen, wie beispielsweise die düstere Philosophie eines Friedrich Nietzsche. Der mir mittlerweile bestenfalls als wütend, wenn nicht gar als pathologisch gilt.

    Auch ich steuere ein Wissen in primärer Unwissenheit an und konstruiere erst einmal eine intuitive Vorstellung von der Sache, bevor ich mir auf kognitivem Wege das Wissen darüber aneigne. Hierzu eine Leseempfehlung, die das intuitive Denken als schnelles "Berechnen" konstatiert: https://www.buecher.de/34503899 .

    Bezüglich der Intuition kann ich noch berichten, dass sie mir authentischer und ehrlicher vorkommt. Schnelles schlüssiges Schlußfolgern, das jederzeit revidiert werden kann. Wohingegen das kognitive Erfassen schon sehr entschieden zu lavieren und zu tricksen vermag.

    Beste Grüße
    Marcin Lupa

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Rüdiger Eduard Böhle

    Hallo Herr Lupa

    Was haben Sie nur gegen Nietzsche?
    Wo ist Nietzsche „düster“? gar „wütend“ bis „pathologisch“? Ihr subjektiv konnotiertes Urteil über die Person sei Ihnen cum grano salis zugestanden; doch darum auch die Philosophie des Nietzsche gemäß Ihres Meinens / Empfindens ‚hinten runter fallen lassen‘? Für Nietzsche gilt wie für alle Philosophie: im eigenen Denken vom Autor ‚führen lassen‘; von diesem her geführt seine Aussagen bedenken und, in der Anstrengung des Geistes / des Begriffes, auf den Begriff bringen. Meine Formulierung dieses Anspruches: Das Denken des Denkens denken, dem ein Sachgehalt entsprungen!
    Ein, wenn auch nur ‚äußerlicher‘ Hinweis, daß Nietzsche ‚bedenkenswert‘ sein könnte: Heideggers Auseinandersetzung mit Nietzsche! Vielleicht auch: Jaspers, Abel, Stegmaier, Derrida …
    Meine 'Behauptung': Nietzsche kann noch allemal 'seinen Bestand' wahren!
    mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrte Frau Lipelli
    Platon gewährt – ganz im Gegensatze zu dem (knochen-)harten Logiker Aristoteles – dem Leser gelassen eine gehörige Spannweite des Verstehens von Einstieg bis Tiefgang! Für diese Spannweite könnte das sogenannte „Höhlen-Gleichnis“ als Paradigma für ein Verstehen jeder Stelle bei Platon gleich einer pragmatischen ‚Handreichung‘ dienen!
    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrter Herr Zarretin

    ein paar Hinweise:

    Unwissenheit (agnoia / άγνοια):
    άγνοια läßt sich schon von den Vorsokratikern her bestimmen – in der Spannweite von Unwissenheit auf der Stufe von Unkenntnis oder ‚nicht zu wissen‘ bis hin zur abwertend konnotierten Ignoranz und Denkresistenz.
    Der sprachliche Kontext erläutert/umschreibt die Bedeutung von άγνοια: ἀγνοέω (nicht kennen /wissen, nicht bemerken/einsehen) ~ νοέω / νοεῖν (denken, erkennen, begreifen); νόος / νους ~ (Geist, Sinn, Bedeutung)

    Meinen (Ihr Wort „Glauben“ erlaube ich mir in das m.E. sprachlich adäquatere „Meinen“ umzuformulieren; gemeinhin verbinden wir mit dem Wort „Glauben“ mehr das Bekenntnis zu Gott / Götter als „ich bin der Meinung, daß …“)
    δόξα bestimmt sich ziemlich ambigue – mit einer Grundstimmung von Mangel: reicht so in etwa, vielleicht ein bißchen mehr als ahnend, aber doch nicht so wirklich bis zur Sache hin. Spannt sich aus in die Sphäre von Meinung, Vorstellung, Vermutung, Wähnen, (subjektive) Ansicht, – im klaren Gegensatze zum Wissen, zur Erkenntnis.
    Ein elementares Moment in der Bestimmung von „Meinen“: wer etwas ‚meint‘, von etwas seine ‚Meinung‘ vorträgt, weiß, daß seine Aussage subjektiv konnotiert ist und nicht dem Anspruch von ‚objektiv / allgemeinverbindlich‘ genügt: „ich nehme an, daß …!“ Es wird zwar ein Wissen, eine Kenntnis, eine Erkenntnis behauptet, aber doch mit einem gewissen ‚Unsicherheitsfaktor‘ und Verweis auf eine ‚wahrscheinliche / mögliche‘ Kenntnis-/Erkenntnislücke versehen: „es ‚scheint‘ so zu sein …“
    Die Dissonanz zwischen δόξα und ἐπιστήμη schließt das Dogma (δόγμα).
    [Diese kritische Distanz zu sich selbst differenziert „meine“ von „glauben“, das im Alltagssinne, „etwas für wahr halten“, zwar auch auf diese kritische Distanz hinweist, aber auch die ‚unkritische‘ Seite an sich hat, gerade nicht einen geglaubten Gott „für wahr zu halten“, sondern, gleichsam transzendenzgesegnet, die absolute Position „ist – göttlich verbürgt – das Wahre schlechthin“!]

    Wissen (episteme / ἐπιστήμη):
    ἐπιστήμη, etymologische Wurzel: ἐπίσταμαι ~ etwas wissen und daher ‚begründet‘ verstehen; einer Sache kundig sein, sich einer Sache kundig gemacht haben, und daher ‚begründeter Weise‘ zur Sache geschickt sein; mit der Sache effektiv umgehen können …; Wissen / Episteme umfaßt den Horizont von Erkenntnis, Wissenschaft, Wissen … und fundiert allgemeingültige, objektive Aussagen.
    Ein fundamentales Moment des Wissens: eine vorangegangene mentalen Leistung, sich mit einem Sachgehalt auseinandergesetzt zu haben; spezifisch im Anspruche des Erkennens und mit der klaren Abgrenzung gegenüber dem sinnlichen, und also subjektiv, konnotierten Wahrnehmen.

    Nähere Erläuterung:
    zum Ersten: die Unwissenheit oder kein Wissen (agnoia / άγνοια)
    Bei Platon ‚ein weites Feld‘ in der Spannweite von Borniertheit und Denkresistenz bis kontingenter und umständekonditionierter Mangel an Fakten und Wissen.
    Borniertheit und Denkresistenz: zeigt sich im Alltage als gemeinhin üblich – und daher auch, wie der Fall Sokrates hinreichend offenbart, ziemlich gefährlich für den Einzelnen wie für die Sozialität: Apologie.
    Mangel an Fakten u. Wissen: wirft die Frage nach der Erkenntnis an und für sich auf. Was ist Erkenntnis? wie ist sie zu leisten? Wer leistete sie? was kann Erkenntnis leisten? …: Menon, Theaitetos, Gorgias, Timaios, Phaidon, Politeia (insbesondere die Gleichnisse!); ein Spezifikum: siebter Brief.

    Zum Zweiten: Glauben und Meinen (δόξα)
    Auch dieses Thema diskutiert Platon in epischer Breite sowohl allgemein in der Erkenntnisfrage, doch insbesondere im Anspruche der Sophistik. Das besondere Moment an der Sache: das subjektive Fundament sowohl des Meinens auf der Stufe von ‚für wahr halten‘ wie ebenso der Erkenntnis auf der Stufe von ‚ist wahr‘.
    Die eine prononcierte Aussage wird uns von Parmenides überliefert: dasselbe ist denken und sein! („... τὸ γὰρ αὐτὸ νοεῐν ἐστίν τε καὶ εἶναι.“; Fragment B 3)
    en passant: wie „νοεῐν“ und „εἶναι“ übersetzen? Verb versus Substantiv versus beides in Eines, was wir nur sprachlich umschreiben können?
    Die andere prononcierte Aussage überliefert uns Platon im Theaitetos (152a) und Sextus Empiricus in Grundzüge der pyrrhonischen Skepsis (I,216) von Protagoras: „der Mensch ist das Maß aller Dinge, daß, wie und warum sie sind; daß, wie und warum sie nicht sind.“ / „φησὶ γάρ που ‘πάντων χρημάτων μέτρον’ ἄνθρωπον εἶναι, ‘τῶν μὲν ὄντων ὡς ἔστι, τῶν δὲ μὴ ὄντων ὡς οὐκ ἔστιν.“ [152α]
    Beide Aussagen wahren sich, wenn sie auf der Stufe der Logik begriffen und nicht unter das Verdikt der Moral subsumiert werden!
    en passant: Protagoras‘ Satz ‚leidet‘ unter derselben – moralisch konditionierten – Restriktion wie „Wissen ist Macht / Nam et ipsa scientia potestas est“ des Francis Bacon. Süffisanter geht’s da schon bei Kant zu: „Meinen ist ein mit Bewußtsein sowohl subjektiv als objektiv unzureichendes Fürwahrhalten“! (KrV)
    aktuell: Welche ‚Macht‘ erweist das Wissen der Vaczine gegenüber der Pandemie; und welche ‚Ohn-Macht‘ zeigt die Denkresistenz à la Corona-Verharmloser und Leugner, Verschwörungs-Ideologien und alltäglicher Lässigkeit / Bedenkenlosigkeit. Welche ‚Macht‘ erweist das Wissen der Hacker; und welche ‚Ohn-Macht‘ das Nicht- / Un-Wissen der installierten Sicherheitssysteme.

    Zum Dritten: Wissen und Wahrheit
    episteme / ἐπιστήμη und aletheia / ἀλήθεια stehen in einem logisch etwas diffizilen Verhältnis zueinander.
    ἐπιστήμη terminiert eine erkenntnisfundierte Bestimmtheit, die zu Zwecken sich so effektiv wie vergewissert instrumentalisieren läßt: ich weiß, was ist und daher weiß ich auch, wie’s geht! Diese Zweckkonditioniertheit von Wissen und Wissenschaft – in wohl erwogener Distanz zur Erkenntnis – expliziert Kant (KrV) und faßt Heidegger in den zumeist, weil gemeinhin nur der erste Teil der Aussage wahrgenommen wird,
    provokativ bis skandalös empfundenen Satz: „Wissenschaft denkt nicht – nach Art und Weise des Denkers.“! (Vortrag im BR, 1952; in: Vorträge u. Aufsatze, 1954) Die Konsequenzen der Zweckkonditioniertheit tragen Carnap und, spezifisch, Popper qua Falsifikationsforderung vor; subtil: eine wissenschaftliche Aussage / These / Theorie wird, wenn sie innerlogisch widerspruchsfrei terminiert ist, niemals ‚falsch‘, sondern immer nur ‚nicht mehr brauchbar‘ zur Erklärung aktueller Problematiken. Diesen Fortgang nennen wir „Paradigmenwechsel“.
    Etwas diffiziler zu denken, fordert Aletheia / ἀλήθεια ein! Während Wissen und Wissenschaft eo ipso vergänglich bestimmt sind, – wir sprechen daher ganz richtig „vom aktuellen Stand des Wissens und der Wissenschaft“ –, stellt Aletheia den Anspruch auf ‚ewig‘ und muß diesen Anspruch ab ovo ad infinitum in jedem Augenblicke einlösen!
    Das Besondere und die Arbeit des Geistes auf der Stufe des Absoluten einfordernd, spricht schon die Etymologie von Aletheia aus: ἀλήθεια ~ ἀ-λήθεια ~ λανθάνω / verbergen ~ λῆθος / verborgen sein (Part.perf.pass); daher ἀλήθεια: das Un-Verborgene, das aus der Verborgenheit ins Offene oder ‚ans Licht‘ Gebrachte, das Ent-Borgene.
    en passant: Heidegger: entbergen, Entbergung; lichten, Lichtung. Entbergung / Lichtung des bis dato Verborgenen leistet die Erkenntnis des schon Gelichteten; denn Solches bestimmt sich en détail zur repraesentatio mundi vel dei (Leibniz; Monadologie; Nouveau Essays). Gleichsam etwas salopp und in süffisanter Doppeldeutigkeit ein Kant in der KrV: Wahrheit ist ein ‚reizender‘ Name! In subtiler Logik formulierte Hegel: Das Wahre ist das Ganze! Darum spiegelt jedes Detail die Totalität der Welt ab ovo ad infinito (Teil und Ganzes / Identität und Unerschied / spekulative Begriff / der Mensch qua existierender, und also spekulativer, Begriff)

    Résumé: billiger ist die Erkenntnis von „Wissen / Unwissen; Glauben, Meinen, wahr / Wahrheit“ nicht zu haben!

    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können