"Umleitung und Straßensperrung" - Schulweg im Jahr 2090.

Sebastian Seybusch • 24 Januar 2021

"Umleitung und Straßensperrung"


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Liebes Tagebuch,
meine App zur mentalen Hygiene hat mir empfohlen, für meinen ersten Schultag an der iSchool die
Tagebuch-Option zu aktivieren. Dies hat vor allem den Vorteil, dass ich ihn nicht selbst schreiben
muss, sondern die großartigen Algorithmen des Elysiums die Arbeit für mich übernehmen, während
ich ungestört meinen Alltag erlebe. Am Ende des Tages, so sagte mir die App, müsste ich ihn nur
noch lesen. Ich weiß noch nicht, ob ich dies tun werde; wahrscheinlich werde ich ihn mir heute
Abend von meinem Browser vorlesen lassen, während ich mir die neue Episode 73 der Star-Wars-
Saga reinziehe.
Ich bin ein bisschen nervös wegen dem Schulwechsel. Allein während dieser Autofahrt habe ich
vier Benachrichtigungen bekommen. Meine Mutter ist schon ganz genervt und besteht darauf, dass
ich noch ein paar Schlücke ihres „Leistungs-Sicherungs-Drinks“ (kurz: LSD) nehme. Davon hatte
ich jedoch heute morgen schon weitaus mehr, als mir verschrieben wurde, also lehnte ich dankend
ab, um meinen Hygiene-Score nicht noch mehr zu gefährden. Daraufhin setzte mein Vater seine
iGlasses auf den „SichtModus“ zurück und warf mir einen Blick mit 70% Zorn und 30% Trauer zu,
sodass ich die Flasche an meine Lippen setzte und so tat, als würde ich schlucken. Ich versuchte
anschließend meinen Puls mit meinem Atem unter Kontrolle zu bringen, was mir auch ein Stück
weit gelang.
„Wo ist denn nun diese verdammte Schule?“, sagte mein Vater, während er sich umdrehte und
schaute, wohin das iCar uns fuhr. „Tausend Ampeln, tausend Überwege, tausend Umleitungen –
wieso mussten sie auch das Gebäude im Zentrum der Stadt errichten?“
„Ich habe nichts gegen die Umleitungen“, antwortete meine Mutter. „Man kommt an sehr viele Orte
vorbei, die man sonst nicht finden würde. Stell dir vor, wie wenig wir von unserer Stadt kennen
würden, wenn wir jeden Tag den gleichen Weg hinter uns brächten?“
Mein Vater grummelte. „Ich habe nicht darum gebeten. Manchmal vermute ich, dass sie uns
absichtlich durch alle Winkel der Stadt jagen wollen; einfach so, um zu beweisen, dass wir Trottel
den Regeln des Verkehrs unterliegen“.
Ich lachte meinen Vater aus, der Cortisol-Haushalt meiner Mutter erhöhte sich jedoch um satte 30%.
Sie reichte ihm den Drink. „Trink lieber noch einen Schluck. Du redest mal wieder wirres Zeug und
ich habe keine Lust, wegen deinen Verschwörungstheorien noch einmal keine Gehaltserhöhung zu
bekommen. Denk doch ausnahmsweise mal an deinen Sohn! Stell dir vor, welche Probleme er an
seiner neuen Schule bekommen könnte, wenn die Schulleitung herausfindet, dass sein Vater dem
Elysium misstraut“.
Mein Vater verdrehte die Augen. „Du hast ja recht. Tut mir leid. Ich will ja auch, dass er eines Tages
ein besseres Zeugnis bekommt, als ich“. Er blickte zu mir. „Sohn, du hast nun die Gelegenheit,
deine Fehler wieder gut zu machen. Denn im Gegensatz zu den primitiven Irrenhäusern, die man
'staatliche Schulen' schimpft, nutzt man an der iSchool die neusten Technologien der
Datenverarbeitungen. Dein Zeugnis wird nicht mehr aus Noten bestehen, sondern ein umfassendes
psychologisches Profil erstellen, mit dem du dich später bewerben wirst“. Er nahm die Hand meiner
Mutter. Ich erschrak. Es war das erste mal seit 6 Monaten, 15 Tagen und 4 Stunden, dass ich sah,
wie sich die Haut meiner Eltern berührten. Mein Vater drückte zu fest. „Wir hatten niemals diese
Gelegenheit. Zu gerne hätten wir die Fächer studiert, die uns in der Schule gefielen. Dies wurde uns
jedoch unter dem Wunsch nach „Vergleichbarkeit“ mit einem „Zentralabitur“ verwährt. Deine
Mutter war sehr gut in Mathematik, durfte jedoch aufgrund ihrer schlechten Noten in Sport und
Kunst keine Ingenieurin werden. Ich wollte hingegen Philosophie studieren und...“. Mein Vater
stockte und verzerrte sein Gesicht. Das Auto stand still. Schon wieder eine Straßensperrung.
„Was ist Philosophie?“, fragte ich.
„Ist nicht so wichtig“, antwortet er. Mit 70%iger Feuchtigkeit in den Augen sah er zu meiner
Mutter. „Bist du jetzt zufrieden? Elysium wird das Beste aus unserem Sohn machen; ob er will oder
nicht“. Sein Handy vibrierte. Er nahm einen Schluck aus Mutters Flasche und schloss die Augen.

Kommentare (3)

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