Überlegungen eines Nachgeborenen

Stefan van der Burgt • 1 November 2020

Ich bin Jahrgang 1993. Die DDR als real existierenden Staat kenne ich gar nicht. Für mich war es lange Zeit selbstverständlich, dass Deutschland geeint ist. Natürlich: Als Kind schnappte man Einiges auf. Wenn z.B. von den ominösen „neuen Bundesländern“ im Fernsehen die Rede war. Oder wenn man im Sachunterricht in der Grundschule die Bundesländer auswendig lernen musste. Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen waren dort immer die „Neuen“, dessen genaue Lage man sich nicht so gut merken konnte wie die der westlichen Bundesländer. Im familiären Rahmen wurde nur in einem Kontext von der DDR gesprochen: Mein Vater arbeitete Ende der 1980er Jahre beim Deutschen Roten Kreuz, durfte in dieser Funktion in die DDR einreisen und brachte meiner Mutter ein Räuchermännchen mit. Das Räuchermännchen war mein einziger Bezug zur DDR. Abgesehen davon wusste ich nichts von der DDR, wusste nicht, dass es jahrzehntelang keine Einheit gab. Erst später, in der Mittelstufe, wurde mir bewusst, dass das Deutschland, so wie es in meinem Erfahrungshorizont schon immer da war, ja nur drei Jahre älter ist als ich. Gar nicht so lange her, wie ich als Kind gedacht hatte. Die deutsche Teilung war zu diesem Zeitpunkt für mich aber trotzdem nicht wirklich vorstellbar. Ebenfalls bedingt durch mein Geburtsjahr waren für mich die Grenzen schon immer offen. Eine (territoriale) Grenzerfahrung habe ich nie in der extremen Form mitgemacht. Die DDR war für mich weit entfernt (ich stamme vom Niederrhein), zeitlich abgeschlossen. Wie privilegiert ich bin, dass ich das geeinte Deutschland für selbstverständlich nehmen konnte, wurde mir erst später bewusst.

In der Oberstufe fing ich an, mich für den Harz zu interessieren. 2014 war es dann so weit: Ich fuhr nach Thale in Sachsen-Anhalt. Ein älteres Familienmitglied (Jahrgang 1933), dem ich von der bevorstehenden Reise erzählte, entgegnete direkt, dass das ja die DDR sei, und fragte erstaunt, inwiefern ich den überhaupt über die Grenze kommen würde. Die Grenze war im Kopf wieder da; die (zu dem Zeitpunkt) 24 Jahre der deutschen Einheit wurden zumindest kurzfristig vergessen. Vor Ort, in Thale und Umgebung, waren die vielen verfallenen Industriegebäude und verlassenen, abbruchreifen Hotels augenfällig. Auch die Infrastruktur war nicht so wie bei uns am Niederrhein. Erst als ich die verfallenen Gebäude sah, wurde mir klar, wie nah die DDR doch ist. Die Menschen waren (fast) alle freundlich und zuvorkommend, auch wenn ich aufgrund der bedrückten Gesichtsausdrücke irgendwie das Gefühl hatte, dass eine unsichtbare Last auf ihnen ruht. Fühlten sich die Bewohner*innen im Vergleich zu den „alten“ Bundesländern als Bürger zweiter Klasse? Waren sie unzufrieden mit der deutschen Einheit? Oder war es doch ganz anders? Waren es eher privat-alltägliche Sorgen?

Die mentale Grenze, die sich bereits bei meinem Familienmitglied fand, traf ich auch während des Urlaubs wieder (allerdings nur einmal). In Quedlinburg fuhr ein Auto mit einem Hamburger Kennzeichen verkehrt herum in eine Einbahnstraße. Ein Quedlinburger sah dies und rief dem Fahrer erzürnt „Das ist eine Einbahnstraße! Dreckswessi!“ nach. Ging es dem Mann tatsächlich nur um das verbale Ahnden eines Verkehrsvergehens? Oder fühlte sich der Quedlinburger durch das teure Auto des Hamburgers, ein Cabrio, dessen Verdeck offen war, angegriffen? Ich weiß es nicht. Doch zumindest temporär war Deutschland hier nicht geeint; eine Teilung im Kopf noch existent. Nach diesem Urlaub war ich noch mehrere Male im Harz. Ähnliche Äußerungen sind mir nicht untergekommen. Schreitet die Einheit in den Köpfen voran?

Dem Herz verdanke ich auch, dass die innerdeutsche Grenze für mich nahbarer wurde. Im Juni 2020 war ich in Bad Harzburg Wenn man durch die Wälder in der Nähe von Bad Harzburg spaziert, sieht man fast überall den Brocken, der über den Wandernden thront. Der Brocken ist nah, erscheint nur einen Steinwurf entfernt und fast greifbar. Doch knapp 30 Jahre war er dies nicht. Er war zwar räumlich nah, doch durch die Grenze unendlich fern und unerreichbar; jahrzehntelang sah man ihn vor sich, doch besteigen durfte man ihn nicht. Der Brocken ist dadurch ein Symbol und Erinnerungsort der Teilung, der Nicht-Einheit, welches die Grenzerfahrung für mich versinnbildlichen und verständlicher machen konnte.

Was ich mit meinem Beitrag sagen möchte: Es wachsen mittlerweile Generationen heran, die die DDR nicht kannten und für die die deutsche Einheit ein Normalzustand ist. Das ist erfreulich. So können auf lange Sicht die Ost-West-Grenzen in den Köpfen der Menschen eingeebnet werden, sodass auch eine mentale Einheit erfolgen kann und Ost-West-Ressentiments abgebaut werden. Die Aufgabe zukünftiger Generation wird dann eine andere sein: Das Aufrechterhalten der Erinnerung an die deutsche Teilung, sodass die Einheit nicht (wie lange Zeit bei mir) als selbstverständlich erachtet, sondern als etwas Besonderes wertgeschätzt wird.

Kommentare (1)

Sie können Kommentare zu Inhalten nicht lesen, sofern Sie nicht auf der wbg Community Plattform angemeldet sind. Sie können sich >>>hier<<< registrieren / anmelden und der Gruppe beitreten.