Über zwei schwierige Begriffe

Stefan van der Burgt • 15 November 2020

Bereits Eva wurde vom symbolhaft dargestellten Bösen verführt. In Märchen wird gegen die „böse“ Stiefmutter oder den großen, „bösen“ Wolf vorgegangen. Superman versucht die wahnwitzigen Pläne des Lex Luthor zu vereiteln. Auch spielt das „Böse“ in Thrillern eine große Rolle. Im letzteren Fall gilt: Je krasser, blutiger und drastischer der Serienkiller mordet, desto origineller wird er bewertet. Das „Böse“ strahlt hier bei den Leser*innen (wie auch schon bei Eva) eine Faszination aus. Zugleich wünschen sich die Leser*innen aber ein Happy End: Die Täter*innenfigur soll geschnappt werden, die Ermittler*innenfigur, dessen Perspektive man fast die ganze Zeit einnahm, obsiegen. Kurz: Das „Gute“ besiegt das „Böse“. Ende gut, alles gut. Dass die Ermittler*innenfigur den Weg alles Irdischen geht, kommt selten vor. Ob in der Bibel, Märchen, Thrillern oder Comics: Der Kampf zwischen dem „Guten“ und dem „Bösen“ ist vermutlich eine der ältesten literarischen Schemata der Menschheit, wobei vermutlich die meisten Leser*innen hoffen, dass „Böse“ – trotz seiner Faszination –  besiegt wird.

Liest man literarische Werke, in denen „Bösewichte“ agieren, allerdings etwas gegen den Strich, offenbart sich ein interessanter Aspekt. Der „böse“ Antagonist sieht sich selbst in den seltensten Fällen als Bösewicht. Oftmals versteht er sich als Visionär, der einer guten Sache dient, nicht als Wahnwitziger. Um nur ein aktuelles, popkulturelles Beispiel zu nennen: Thanos aus dem Kino-Blockbuster „Avengers: Infinity War“ tötete nicht aus unstillbarer Mordlust die Hälfte der Lebewesen des Universums. Im Gegenteil: In seiner Logik sei die Auslöschung des halben Universums nötig gewesen, um ein Gleichgewicht herzustellen, damit sich das Universum regenerieren und die dezimierte Bevölkerung weiterleben könne. Der Schurke sieht sich nicht als Bösewicht, sondern als missverstandener Erlöser, als der „Gute“. Das „Gute“ (genauso wie das „Böse“) ist somit relativ und hängt davon ab, welche Perspektivierung man einnimmt.

Dies kann man auch auf die reale Welt übertragen. In Kriegen sehen die Parteien sich selbst als die „Guten“ an, die für eine ehrenwerte Sache kämpfen. Der Gegner ist dabei automatisch der „Böse“. Martin Luther wurde zu Lebzeiten wegen seiner re-formatorischen Absichten von der katholischen Kirche verteufelt, war der „Böse“. Heute hingegen ist sein Wirken positiv besetzt. Auch Diktatoren und ihre Anhänger sehen sich selbst als die „Guten“ an, selbst wenn sie moralisch verwerflich und menschenverachtend agieren. Meistens ist es so, dass eine bestimmte Gruppe sich selbst als „gut“ versteht, die konkurrierende Gruppe aber als „böse“ (und andersherum). „Gut“ und „böse“ sind somit – auch im Alltag – Kategorien, mit denen gesellschaftliche, politische oder religiöse Grenzen gezogen werden können. Eine bestimmte Gruppe kann sich so stärker von einer anderen abgrenzen, wodurch auch ihre Kompaktheit vergrößert wird. Beiden Begriffen liegt das Potential inne, zu politischen Kampfbegriffen zu werden.

Ich habe nun häufig die Begriffe „Gut“ und „Böse“ benutzt, ohne sie konkret mit Inhalt zu füllen/zu definieren. Dies hängt damit zusammen, dass beide Begriffe für mich fluide und schillernd sind. Da es in unserer pluralistischen Gesellschaft keine Instanz mehr gibt, die die Macht hätte, beide Begriffe universalgültig zu definieren, obliegt es verstärkt dem Einzelnen, wie er sie mit Inhalt ausfüllt. Es wird vermutlich – bedingt durch Kulturkreis, Familie, Herkunft, Alter etc. – eine intersubjektive Schnittmenge geben, was man als „gut“ oder „böse“ ansehen möchte. Aber: Prinzipiell sind beide Begriffe bedeutungsoffen/inhaltsleer, da sie von einer qualitativen Perspektivierung abhängen. Daher besteht für beide Begriffe die Gefahr, dass sie von (Splitter)Gruppen angeeignet und funktionalisiert werden.

Fazit: „Gut“ und „Böse“ sind Kategorien, die die Menschheit (vermutlich) seit ihrem Anbeginn beschäftigen. Dadurch besitzen sie eine große gesellschaftliche Relevanz. Gleichzeitig sind beide Begriffe aber semantisch offen. Inhärent ist ihnen nur, dass sie etwas Gegensätzliches bezeichnen. Was dann tatsächlich „gut“ und was „böse“ ist, ist aber nicht fix, sondern hängt von einer Perspektivierung ab, sodass – je nach Standpunkt – „Böses“ gut und „Gutes“ böse sein kann.

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