Über die Zukunft. Wie wird die Welt von morgen?

Helmut Blöhbaum • 11 Januar 2021

Wenn wir über die Zukunft Aussagen treffen wollen, ist – so lehrt uns die Geschichte – ein Scheitern kaum vermeidbar. Ablesen lässt sich dies an Menschen, die vor anderen ein Unheil voraussahen und sich dadurch in ihrem Umkreis äußerst unbeliebt gemacht haben. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist sicher Kassandra, die den Fall von Troja ihren Landsleuten voraussagte. Aber auch Kassandra hat aus dem geschöpft, was ihr gegenwärtig war. Sie hat den Geist und die Macht sowohl der Griechen als auch der Trojaner genau gekannt und hat hieraus ihre Schlüsse gezogen. Und sie hat sich freigemacht von dem Druck und der Schwere der damals herrschenden Interessen und Neigungen. Sie wusste, dass sie in einer Zeit des Umbruchs und der Umwälzungen lebte und hatte den Mut, sich dem allgemeinen Zeitgeist entgegenzustellen. Unsere Geschichte ist voll von solchen Umbrüchen und widerständigen Entwicklungen. Das letzte große Ereignis unserer bürgerlichen Gesellschaft war die Französische Revolution. Sie war genial, geistreich, voller Ideen, aber am Ende blutig und vom Terror beherrscht. Das früher so lange Bestehende konnte das Neue in seiner Schärfe und Klarheit noch nicht aushalten und einfach übernehmen. Der alte Geist kam mit der neuen Entwicklung nicht so einfach mit. Die Ideen mussten erst noch verändert, revolutioniert werden. Diese Aufgabe fiel dann schließlich geistreichen Gelehrten zu, die sich damals in den Fürstentümern der deutschen Lande aufhielten. Und kein Geringerer als G.W.F. Hegel beschrieb dies in der Vorrede seiner Phänomenologie des Geistes so:

„Es ist übrigens nicht schwer zu sehen, dass unsere Zeit eine Zeit der Geburt und des Übergangs zu einer neuen Periode ist. Der Geist hat mit der bisherigen Welt seines Daseins und Vorstellens gebrochen und steht im Begriffe, es in die Vergangenheit hinab zu versenken, und in der Arbeit seiner Umgestaltung. Zwar ist er nie in Ruhe, sondern in immer fortschreitender Bewegung begriffen. Aber wie beim Kinde nach langer stiller Ernährung der erste Atemzug jene Allmählichkeit des nur vermehrenden Fortgangs abbricht – ein qualitativer Sprung – und jetzt das Kind geboren ist, so reift der sich bildende Geist langsam und stille der neuen Gestalt entgegen…“(G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, FfM. 1973, S.18)

Ich bin nun der Überzeugung, dass, so wie Hegel seine Zeit zu Beginn der Industrialisierung und der bürgerlichen Gesellschaft so trefflich darzustellen wusste, befinden wir uns heute so gut wie an ihrem Ende. Bisher haben wir durch sie einen unvergleichlich technischen Fortschritt erlebt. Raum und Zeit sind nun sehr eng zusammengerückt. Das Weltall schließt uns Geheimnisse auf, von denen früher noch nicht einmal zu träumen gewagt wurde. Wer hatte zu Beginn des 19. Jhdts. schon einen Begriff von dunkler Materie oder einem schwarzen Loch. Welche grandiosen Entwicklungen brachten uns die Erkenntnisse der Relativitätstheorie oder der Quantenphysik. Gleichzeitig eröffneten diese Erkenntnisse ein nie vorher für möglich gehaltenes Zerstörungspotenzial, mit dem wir unseren Planeten für Menschen in kurzer Zeit unbewohnbar machen können. Spätestens die Kubakrise 1961 hat uns lebendig vor Augen geführt, wie nah die Menschheit in der Gegenwart am Abgrund laboriert.

Heute nun befinden wir uns in der Corona Zeit. Sie beschäftigt die Menschen auf unserem Erdball schon beinahe ein ganzes Jahr. Es handelt sich um einen Virus, das bei den Wildfledermäusen entdeckt wurde und sich von diesen auf andere Tiere und von dort auf den Menschen übertragen hat. Der Grund, dass sich das Virus übertragen konnte, ist, dass den Wildfledermäusen ihre ursprünglichen Wälder, genommen wurden. Nach der Abholzung wurden u.a. Obstplantagen eingerichtet und der Speichel der o.g. Tierchen verteilt/e sich hier auf die Obstfrüchte ganz ungeniert. Ein ähnliches Phänomen hatten wir bereits bei Aids, einer Krankheit, die von ehemals wildlebenden Affen übertragen wurde. Dies ist, an nur wenigen Beispielen, beschrieben, unsere gegenwärtige Lebenslage. Und wie gingen und gehen wir heute damit um? Wir behandeln derartige Probleme, als seien es nur technisch zu bewältigende Aufgaben. Wobei ich nicht sagen will, dass dies nicht auch nötig ist. Maske tragen, Abstand halten, Impfstoffe entwickeln, Medikamente erforschen, alles richtig und wichtig. Nur des Pudels Kern haben wir damit nicht getroffen. Wir müssten uns ebenso intensiv mit der Frage beschäftigen, wie unser Verhältnis zur Natur überhaupt beschaffen ist. Warum fällt es uns so schwer, die Urwälder in Brasilien und anderswo so zu schützen, dass die wilden Tiere wieder einen ausreichenden Lebensraum zur Verfügung haben? Wir wissen auch, dass, wenn wir so weiter machen, die Erwärmung des Klimas so in die Höhe gehen wird, dass die Gattung Mensch und auch etliche Tierarten um ihre Existenz bangen müssen. Hier gibt es bereits Bewegungen, wie u.a. Friday for Future, oder es werden Ideen eines anderen Wirtschaftens entwickelt, Klimagipfel werden abgehalten, über Vermeidung von Plastik, Einschränkung und Umbau unserer Mobilität zu Land, zu Wasser und in der Luft u.a., wird nachgedacht und manchmal sogar in die Tat umgesetzt. Bei all diesen Aktivitäten und Umorientierungen stoßen wir auf Grenzen, die die Idee des unendlichen Wirtschaftswachstums und der Unterordnung aller Interessen an profitorientierten Systemen immer schärfer infrage stellen.

Wie also eine Welt von Morgen wohl aussehen wird, denke ich, hängt entscheidend davon ab, wie schnell und wie gründlich wir ein Umdenken und ein anderes Handeln tatsächlich umsetzen. Wir können die Lösung gesellschaftlicher Probleme nicht allein den Natur- und Wirtschaftswissenschaften überlassen. Die letzte grundsätzliche Diskussion hierüber wurde 1961 zwischen Adorno und Popper geführt. Seitdem ist diese Diskussion nicht wirklich weiter geführt worden. Der Positivismus hat sich in Inhalt und Form soweit durchgesetzt, selbst in den Geisteswissenschaften, dass ein nur technisch-fixierter geistleerer Zustand die allgemeine Bildungskultur beherrscht. Wer fühlt sich als Gelehrter noch in der Dialektik, einem Zusammendenken der Extreme der ganzen Gesellschaft, noch zu Hause? Angeblich geht das gar nicht mehr, weil wir zu viel und zu differenzierte Erkenntnisse haben, die ein Einzelner nicht mehr denken kann. Allein diese Annahme erweist, dass wir noch viel zu sehr gewohnt sind, in rein quantitativen Kategorien zu verweilen ohne ihre qualitativen Seiten in Beziehung zu setzen.

Ich will also, in einem Satz zusammengefasst, sagen, dass unser Verhältnis zur Natur sich nur dann in eine für die Gattung Mensch  positive Richtung entwickeln kann, wenn unser Geist – so wie zu Hegels Zeiten – revolutioniert wird, ein wirkliches Umdenken stattfindet.  

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