Über die Zukunft - Denken ohne Geländer

Andreas Reichel • 23 Januar 2021
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Über die Zukunft - Denken ohne Geländer

Wenn wir über Zukunft reden wollen, müssen wir unsere Gegenwart verstehen. Hannah Arendt hat mit ihrem oben zitierten Motto deutlich machen wollen, dass das Denken sich nicht einhegen lässt in -ismen jedweder Art, in Parteischubladen oder dogmatischen Blasen.

Denken ist die Voraussetzung für ein zukunftsfähiges Weltverständnis, einen klaren Blick auf die Umstände, in denen wir leben, die wir selber geschaffen haben und die wir, wollen wir über die Zukunft irgendetwas sagen, reflektieren und verstehen müssen - ein kritischer Denkakt, der unser Selbstverständnis betrifft.

Zukunft ist also weder eine "Wünsch-Dir-Was-Welt", eine zauberhafte paradiesische Utopie, noch eine dystopische "Paradise City", wie Zoe Beck sie entworfen hat. Zukunft entsteht aus unserem gesellschaftlichen Handeln, unserem täglich Tun, das immer auch Wirkungen zeitigt, die nicht beabsichtigt sind - unser Handeln ist kontingent. Es ist immer nur begrenzt berechenbar. Wir leben nie ohne Risiken und Nebenwirkungen, die wir selbst zu verantworten haben. Die Verantwortung können wir nicht anderen überlassen, seien es Institutionen, Techniker oder Expertinnen oder gar irgendwelche politischen Führer. Demokratie bedeutet genau das: verantwortlich gestalten mit dem Ziel, unsere Lebensumstände zu verbessern, wobei mit „uns“ wir alle gemeint sind, nicht nur das eigene Dorf, der Stadtteil oder gar eigene Nation, sondern die Weltgesellschaft. Hunger- und Kriegsbilder, die zu oft noch als Mitleidsgeschichten für die Spendenbereitschaft in der Vorweihnachtszeit herhalten und gern wieder verdrängt werden, sind ein Skandal, der mittlerweile spürbar uns alle betrifft. Flüchtende konfrontieren uns damit; Corona lässt uns die Schattenseiten der Globalisierung spüren: Die Pandemie lässt sich nicht im nationalen Alleingang eindämmen; solange sie noch irgendwo grassiert, gefährdet sie uns unmittelbar. Corona zeigt uns Verletzlichkeit; die Wohlstandsblase unserer vermeintlichen Sicherheitsgesellschaft platzt allzu leicht. Unsere scheinbar perfekten Techniken kommen an Grenzen.

Leiten wir hieraus Entwürfe für die Zukunft ab, entstehen deprimierende Bilder, Bilder der
Unsicherheit, Bilder der Ohnmacht oder Dystopien, in denen uns die Verantwortung vollständig abgenommen wird: Perfekt ausgebildete, durchtrainierte, mit Hilfe von implantierten Chips exakt vermessene Körper bevölkern unsere Welt und amüsieren sich zu Tode. Wie damit umgehen? Das postmoderne Subjekt, eigentlich nur noch Objekt von Ansprüchen und Normen, das auf die Perfektionierung seines Ichs fixiert ist, kommt letztlich, um überleben zu können, nicht umhin, sich als verantwortliches, politisches Subjekt neu zu begreifen, das nicht bloß an seiner unmittelbar materiellen Versorgung interessiert ist. Ein Paradigmenwechsel, eine Zumutung, die wir nicht eben mal verordnen können. Immerhin handelt es sich um die grundlegende Änderung von Haltungen, die sich die Gattung Mensch im Laufe der Evolution angeeignet hat: Immer dafür sorgen, dass es genug zu fressen gibt, zur Not auch auf Kosten des Anderen; dafür sorgen, dass man den Winter überlebt – vor knapp 200 Jahren in unseren Breiten noch keine Selbstverständlichkeit. Daraus ist eine Gier nach Haben, nach Reichtum entstanden, die den Dogmatikern des Marktliberalismus noch immer als Grundlage unseres Wirtschaftens gilt. Dass dies keine Zukunft hat, zeigt uns die Klimakrise. Es entsteht in der jungen Generation eine Bewegung, die basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und Verantwortung für unser aller Zukunft nicht nur ein Umdenken, sondern auch Handeln fordert – kompromisslos, radikal und mit Phantasie. Es entsteht ein politisch demokratischer Hedonismus, Lust an der Veränderung, Lust auf Gestaltung und Demokratie. Hier liegt ein Keim des Neuen. Das postmoderne Subjekt agiert solidarisch für ein fundamentales gesellschaftliches Anliegen. Die Widerstände sind noch immer groß: Das Auto, Inbegriff des liberalen Individualismus, ist noch immer das Maß aller Dinge, die autogerechte Stadt prägt nach wie vor das Bild unserer Städte. Das möglichst billige Grillfleisch erfordert eine Agrarindustrie, die nur durch Pestizide, Kunstdünger und Massentierhaltung überleben kann. Aber auch hier gibt es eine wachsende Gegenbewegung. Legendär der Kampf des Ortes Mals in Südtirol gegen Gift spritzende Apfelbauern, ein Kampf, der noch nicht ausgestanden ist, aber mittlerweile durch die beim Gericht vorliegenden Akten die Kläger selbst zu Angeklagten werden lässt. Der Südtiroler Bauernverband und das Land Südtirol wollten der Gemeinde Mals das per Volksabstimmung beschlossene Pestizidverbot gerichtlich untersagen und haben das Umweltinstitut München auf Unterlassung von Aussagen über Schädlichkeit und Menge des Pestizid-Einsatzes verklagt. Der Prozess läuft noch – egal, wie er im Detail ausgeht, die Akten liegen auf dem Tisch: Die Illusion vom perfekten Apfel aus dem Vinschgau hat eine vergiftete Kehrseite. Für die Wirtschaft Südtirols ist der Tourismus nicht weniger wichtig als der Apfel. Tourismus aber lebt gerade in Südtirol von der Sehnsucht nach sauberer Luft und gesunder Bergwelt. So entsteht wirtschaftlicher Druck – entweder Tourismus oder Pestizide. Irgendwann bleiben die Touristen aus und am Ende schmeckt der gespritzte Apfel auch nicht mehr.

Die Welt von morgen wird also, damit wir überleben können, eine Welt des Miteinander, der
Solidarität und der Demokratie sein müssen. Wie sie genau aussieht, lässt sich jetzt nicht sagen, aber vieles, was uns selbstverständlich scheint, wird es nicht mehr geben:

Der Nationalstaat ist abgeschafft zugunsten einer globalen Weltinnenpolitik. Politische
Entscheidungen werden in den Kommunen getroffen (vgl. Gesine Schwan). Schulen werden
kommunale Bildungszentren, in denen alle lernen und sich bilden; Kinder und Jugendliche kennen ihre Rechte und entscheiden i.d.R. selber, wo und wie sie lernen. Wohnraum wird weitgehend genossenschaftlich organisiert. Immobilienspekulanten werden so hoch besteuert, dass sich das Geschäft nicht mehr lohnt. Dächer und Fassaden der Häuser werden begrünt, Urban Farming ist integraler Bestandteil des Stadtlebens. Die Immobilien produzieren die Energie, die sie verbrauchen, selber – durch Solar, Wärmepumpen u.a.

 

So gelebt kann uns auch keine Pandemie mehr schocken …
 

23.01.2021
 

Andreas Reichel

 

Kommentare (5)

Marga Rodmann

Das gefällt mir gut ... Gedanken, die mir aus dem Herzen sprechen - ein denkendes Miteinander ohne Neid und Missgunst oder Angst vor dem Verlust wäre so wichtig, damit die Welt nicht so endet, wie in meiner Geschichte, in der hinter dem scheinbaren Paradies der Schrecken lauert ...

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  • Wolfgang Hammer

    Hallo, Herr Reichel, Sie legen eine fulminante Rede über die Möglichkeit der Gestaltung unseres Lebens vor, dass uns „auch keine Pandemie schocken“ kann.
    Nach der ersten, begeisterten Lektüre tauchte eine Menge Fragen auf, von denen ich einige stelle?
    1. Wer ist für Sie „wir“? Die „Weltgesellschaft“ ist nur ein Wort.
    2. Wie gut kennen Sie das „Wir“?
    3. Wie verstehen Sie die Gegenwart angesichts des Informationsdefizits?
    4. Warum verwenden sie Wörter aus der Lingua Tertii Imperii (radikal, kompromisslos)?
    5. Wie wollen Sie Ihre Forderungen, irgendjemand solle etwas „müssen“ (meistens wir) verwirklichen?
    6. Inwieweit haben Sie ihre Forderungen einer Machbarkeitsprüfung unterzogen?
    7. Ihre Forderungen sind sehr abstrakt und allgemein, Die Wahrheit ist konkret. Könnte Ihr Konzept nicht an den Leuten scheitern, wie alle bisherigen Weltverbesserungen gescheitert sind?
    8. Mir geht es bei Ihrem Plädoyer wie bei manchen anderen Konzepten. Ich stimme begeistert zu und hänge in der Luft der Theorie. Möge Ihr Konzept anders sein.
    9. Oder ginge es nicht, dass man die Praxis ändert und die Theorie den Menschen anpasst statt die Menschen der Theorie?

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  • Andreas Reichel

    Moin Herr Hammer, vielen Dank für Ihre Fragen - Fragen sind wichtig für einen produktiven Austausch.
    Zu 1+2) "Wir" sind tatsächlich wir alle, die wir in dieser Welt leben. Dieses "Wir" und die Welt, in der wir leben, kennen wir immer nur aus unserer eigenen Perspektive - der Kern des demokratischen Diskurses ist der Perspektivwechsel, das Kennenlernen der Sichtweisen des Anderen, anderer Kulturen. Nicht immer gleich urteilen, erst mal verstehen. Den demokratischen Diskurs üben - eine große Bildungsaufgabe! Da ist übrigens viel Praxis, nicht bloß Theorie.
    Zu 3) Gegenwart ist mit "Flüchtige Moderne" von Zymunt Baumann sehr schön beschrieben worden. Lesenswert auch Andreas Reckwitz, Das Ende der Illusionen. Was Sie mit "Informationsdefizit" genau meinen, weiß ich nicht - ich weiß nur, dass wir nicht alles wissen können - auch wenn wir uns das zuweilen einbilden.
    Zu 4) Bitte den Kontext beachten ...
    Zu 5-7) Ich beschäftige mich intensiv mit gesellschaftlicher Praxis - ein Beispiel habe ich genannt: Mals in Südtirol - ich habe mit dem dortigen Bürgermeister gesprochen, mich vor Ort informiert und unterstütze das Umweltinstitut München. Außerdem betreibe ich selber ein großes Projekt mit dem Verein "Werte erleben" in Hamburg - und weil es viele solcher Projekte und Initiativen gibt, ist mir um die Zukunft unserer Welt nicht bange. Dazu gehört für mich auch politisches Engagement. - "Alle bisherigen Weltverbesserungen" sind nur gescheitert, wenn sie aus Dogmatismus entstanden sind - wirkliche Weltverbesserungen sind immer gelebte Praxis der Menschen, die etwas tun - mit Bedacht und Vernunft.
    `Denken ohne Geländer´- Voraussetzung für zukunftsfähige Praxis.

    Zu 8+9) Sicher, wenn Sie nur in der Bücherstube hocken, hängen Sie in der Luft - bloße Theorie ist wunderbarer Denksport. Wirklich zielführende Theorie ist immer im Dialog mit und um Praxis entwickelt worden. Und da verbietet es sich, Menschen einer Theorie anpassen zu wollen - ich dachte, das hätte ich in meinem Text deutlich gemacht.

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  • Thomas Henkel

    Ein mutmachender, optimistischer Blick in die Zukunft, der Handlungsmöglichkeiten für den/die Einzelne(n) aufzeigt, wenn es auch bis zu einer "Weltinnenpolitik" sicherlich noch ein sehr weiter Weg ist.

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