Über Werte und Unwertes

Johannes Peters • 23 November 2021
2 Kommentare
Gesamtanzahl der Likes 2 gefällt

Über Werte und Unwertes

Das Ausmessen eines Wertehorizonts kann nicht vorbeigreifen an dem, was besonders der Zweite Weltkrieg gezeitigt hat – unmenschlichste Grausamkeiten, von denen die Geschichte weiß, zum Beispiel wenn da berichtet wird vom Auslöschen mehrerer tausend Bettlägeriger in einem polnischen Lazarett mittels Flammenwerfer durch eine namentlich bekannte, wegen ihrer Bestialität berüchtigte und gefürchtete SS-Einheit gegen Ende des Krieges. Was bei alledem umtreibt, ist die Sorge um eine immer wieder mögliche Zukunft.

Wer über Werte spricht, sieht sich demnach genötigt, ihren Widerpart stets gegenwärtig zu halten, den des Unwerten. Eine Umwertung der Werte nämlich war vollzogen worden lange vor dem soeben angeführten Ereignis, ob in der nahezu totalen Vernichtung sogenannten „unwerten“ Lebens, im millionenfachen Mord jüdischer Mitbürger, Hunderttausender von sowjetischen Kriegsgefangenen oder, wie man heute zunehmend deutlicher weiß, eines Großteils der an Kampfhandlungen unbeteiligten polnischen Zivilbevölkerung sowie überhaupt der Andersdenkenden oder Regimegegner.

Über Werte nachdenken bedeutet deswegen nichts Geringeres als den Entwurf eines Beitrags zur Selbstfindung und, gegebenenfalls, Selbstbestätigung. Dabei kommt man nicht umhin, eine Werteskala bezüglich der Verhaltensweisen vor Augen zu führen, eine Rangordnung oder ein Strukturbild, an dem gemessen sich Werturteile finden lassen, denen Geltung zukommt, so lange Menschen sind.

Wenn man gesagt hat, „was lebt, lebt gern“, so hat man daran wohl sicherlich den einheitlichen Bezugspunkt des Wertens, über den am ehesten vielleicht Konsens zu erzielen ist. Denn wo der Mensch nicht etwa unter der Qual einer Gemütserkrankung leidet oder sonstwie unerträgliche Lebensumstände durch den gewaltigen Sprung in eine todverachtende Freiheit zu überwinden trachtet, da wird er die Erhaltung seines eigenen Lebens als eine unabänderliche Bedingung ansehen, von der abzuweichen jenseits seiner Natur liegt als der einer Kreatur. Egoismus, als Urprinzip der Lebenserhaltung, ist offenbar allem Lebendigen eingeboren, unterscheidet den Menschen nicht vom Tier, wie insbesondere die auf Begehren und Abweisen gerichteten Lebensäußerungen des Kleinkindes deutlich machen. Steigerungsformen des Egoismus finden sich vor allem in den ichbezogenen Formen des Opportunismus, eines prinzipienlosen Treibens aus Eigennutz, und des Narzißmus, der auf Selbsterhöhung bedachten Eigenliebe, ohne Rücksicht auf Lebensansprüche anderer.

Zentraler Maßstab des Werturteils bei alledem, man bemerkt es, ist die Frage, inwieweit jemand in der Lage ist, sich in andere hineinzuversetzen, sich zu identifizieren mit dem Leid anderer, das Leid des andern mitzuempfinden, als sei es das eigene, Mitleid zu empfinden. Ist doch, wer mitleidet, daran interessiert, dieses Leid abzustellen, Abhilfe zu schaffen, Hilfe zu bringen, nicht nur zu sich selber gut zu sein, sondern zu anderen, das heißt, menschlich sich zu verhalten, mit einem Wort: human. Das Unvermögen zum Mitleid signalisiert ein unentfaltetes Seelenleben, eine Entwicklungsstörung, wenn nicht überhaupt ein Symptom geistiger Erkrankung. Die Fähigkeit zum Mitfühlen hingegen zeigt jedermann, ober er überhaupt Mensch ist.

Mit wachsender Entfernung vom so gefaßten Bezugs- und Mittelpunkt des Wertens
zeichnen sich Umrisse eines Verhaltens ab, denen Wert beizumessen nicht jeder zustimmen wird. Dazu zählt namentlich die Versachlichung des Denkens, mit der oftmals Gleichgültigkeit des Denkens und Handelns einherzugehen pflegt gegenüber dem menschlichen Phänomen, etwa im Bereich des Militärischen, dort besonders bei Erschießungen.
Von hier ist nicht weit zur obersten Stufe der Verruchtheit, der aus Haß, Neid, Rachsucht der im Leben schlecht Weggekommenen, aus Bosheit begangenen Übeltaten – die Stufe des Inhumanen oder Unmenschlichen.

Im ethischen Sinne unbedenklich handelt, und dies zweifellos der am höchsten zu veranschlagende Wert: das Absolute, durch anderes nicht als sich selber Bedingte, wer seinen eigenen Vorteil unter Umständen gänzlich aufgibt und allein in der Identifikation mit dem andern lebt, ganz so, wie man dergleichen von Müttern kennt, wenn man sie gelegentlich – idealisierend – „gute Menschen“ genannt hat.

Bleibt zu guter Letzt die Frage nach der Anwendung im Raume des Politischen.

Wenn richtig ist, was vorstehend zur Rede stand, daß der Mitgift seiner Natur nach eigentlich jeder Mensch mit einer großen Meinung von sich selber durch die Welt läuft – „Hier, seht her, ich bin der Richtige!“ –, so kann es, wie’s nun einmal zugeht in der Welt, gar nicht anders sein, als daß irgendwann der so Veranlagte mehr oder minder jämmerlich Schiffbruch erleidet mit dieser seiner Selbsteinschätzung. Was folgt, ist nicht selten die Suche nach Schuldigen: Wenn ich richtig bin, dann, logischerweise, kann ich selber nicht schuld sein an meinem Fiasko. Nein, die andern sind schuld! Die Geschichte ideologischen Nichtdenkens erweist sich insoweit als nichts anderes denn als Geschichte genau dieses Seelenmechanismus. Man denke den Hitlerismus, Stalinismus, Anarchismus oder was immer: Schuldig an der jeweiligen politischen Misere waren bei dem einen die Juden, bei dem andern die Kapitalisten als Privateigner des Kapitals, bei wieder anderen der Staat. Sie galt es zu beseitigen, auszumerzen durch Massen- oder Einzelterror, sei es zum Wohle des deutschen Volkes, des Staatskapitalismus oder eines natürlich gewachsenen Organischen, das quasi von selber eine Ordnung ergäbe, um nur einige Beispiele zu nennen. Ihnen allen gemeinsam ist die Reduktion des Vielfältigen auf das eine und daß sie an die Stelle des Menschen irgend etwas anderes setzen und so der Inhumanität Tür und Tor öffnen.

Nicht mittun bei dem, was an Schrecklichem in der Welt geschieht, scheint demnach eine honorige Haltung zu sein, habe ich doch darauf, von meinem beschränkten Standort her, so gar keinen Einfluß. Wohl aber in meinem Leben, dem sehr persönlichen Lebensbereich, da kann ich Einfluß nehmen, will ich ein anständiges Leben führen. Was dabei mich selber, so, wie ich da bin, in meinem Menschsein fördert, hat einen Wert, was nicht, mich schädigt, ist wertlos. Dies gilt übrigens besonders für die Religion: Ihr kommt nur insoweit Daseinsberechtigung zu, als sie Humanität verwirklicht.

Und was den Staat angeht, so werden wir ihm als Ordnungsmacht, Bewahrer der Rechtsordnung vor allem, nur insoweit Wert zubilligen, als er seine Institutionen so organisiert, daß unfähige oder bösartige Machthaber keinen allzu großen Schaden anrichten können. Vielleicht wäre der Menschheit unendliches Leid erspart geblieben.

Johannes Peters, Weener

Kommentare (2)

Wolfgang Hammer

Sehr geehrter Herr Peters,
Ihre Differenzierungen problematisieren die Verwendung der Begriffe für Werte richtig:
„Wer über Werte spricht, sieht sich demnach genötigt, ihren Widerpart stets gegenwärtig zu halten, den des Unwerten.“
Ich möchte diesen Sachverhalt etwas anders ausdrücken: Jeder Wert hat seine Grenzen und den idealen Mittelpunkt. Vom Mittelpunkt zur Grenze findet kontinuierlich eine Änderung statt, stets innerhalb der Reichweite des Lebenskomplexes, für den der Wert steht. Die Fürsorglichkeit einer Mutter kann vom idealen Maß bis zur Unterdrückung gehen und mit dem Begriff Mütterlichkeit belegt werden. Die Nennung eines Begriffes wie Gerechtigkeit unterstellt, es gebe eine, die Gerechtigkeit. Daran zweifle ich. Der Begriff Gerechtigkeit umfasst die Entscheidungen des weisen Richters ebenso wie die des fanatischen Inquisitors.

Gut ist Ihr Vorschlag, die Ausgangsvorstellung für eine Werteskala, Rangordnung oder ein Strukturbild auf die Basis „Lebenslust“ zu stellen. Dass Sie dazu Politik und Geschichte besonders hervorheben, ist begrüßenswert, denn in diesen Verhaltensfeldern fallen die Entscheidungen, die viele betreffen, während private Werte im Familienkreis gelebt werden können. Gerade in unserer Zeit gibt es schöne Möglichkeiten zu studieren. wie das Verhalten von Menschen auf die Werte-reflexion und umgekehrt wirkt.

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können
  • Marcin Lupa

    Werte werden diskutiert, breit und lang, während Unwerte das Leben bestimmen.
    Wir versuchen Werte des gesellschaftlichen Lebens und persönliche Maximen hochzuhalten, während Menschen öffentlich Unrecht und Leid zugefügt wird.

    Werte sind immer nur ein verbindliches Zeichen des Bemühens, während der Alptraum weiterhin den Vollzug des Lebens bestimmen kann.

    Es ist gut innere Werte zu haben, um sie gegen den Schrecken der Wirklichkeit zu stämmen. Vielen von uns begegnet hierbei nur ein Paradox.

  • Anmelden oder Registrieren, um Kommentare verfassen zu können