Über Werte

Gabriele Jung • 23 November 2021
6 Kommentare
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„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“

Der erste Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948 gibt für mich alle grundlegenden Werte für das Zusammenleben der Menschen vor. Diese Werte sind universell gültig und verbindlich für Regierungen, Institutionen und Gesellschaften ebenso wie für den einzelne Menschen. Zumindest war das der Grundgedanke im Jahr 1948 nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und als man die Ausmaße des Völkermordes durch das NS-Regimes erkannte.

Heute spielt die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in der öffentlichen Diskussion wie auch im Bewusstsein vieler Menschen keine besondere Rolle mehr. Und wenn doch drängt sich oft der Eindruck auf angesichts der Berichte über Völkermord, Flucht, Folter oder Diskriminierung und der vermeintlichen „Tatenlosigkeit“ der Völkergemeinschaft, dass die in Artikel 1 formulierten Werte nur Makulatur sind oder ein unerreichbares Ideal.
Dennoch werden die wenigsten Menschen diese Werte in Frage stellen oder ablehnen, wenn man sie dazu befragen würde.

Diese Diskrepanz führt im allgemeinen Bewusstsein oft dazu, dass die in Artikel 1 vorgegebene Orientierung für menschliches Handeln „wertlos“ erscheint.

Wenn man Werte aber wieder als das sieht, was sie sind, nämlich eine Richtschnur für das eigene oder das institutionelle Handeln, eine Richtschnur, an der das eigene Handeln immer wieder überprüft werden muss, dann verliert die Enttäuschung über den vermeintlichen Werteverlust, sprich der Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität ihren lähmenden Charakter.

Werte können nur Bestand haben, wenn sie aktiv gelebt werden und wenn sie nicht nur für den gelten , der sie postuliert.

Diese Werte zu leben ist deshalb sehr schwierig, weil es erfordert nicht nur sich selbst zu sehen, sondern auch den anderen.

„Mensch-Sein heißt Bewusst-Sein und Verantwortlich-Sein.“ Dieses Zitat von Viktor Frankl unterstreicht für mich: jeder einzelne kann Verantwortung übernehmen, dass die Werte, die ihm wichtig sind, Bestand haben. In diesem Sinne haben Werte Sinn und ein Leben ohne Werte ist für mich ein wertloses Leben.

Kommentare (6)

Lara Hitzmann

Liebe Frau Jung,
Ihre Sichtweise teile ich. Ein fundierter und alltagsorientierter Einblick in die Werte und wo sie dann anscheinend doch keine weitere Rolle spielen. Vielen Dank!

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  • Norbert KNOLL

    Liebe Frau Jung,
    es freut mich ungemein, dass Sie den ersten Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 zum Ausgangspunkt für Ihre Überlegungen zu Werten nehmen. Das liegt daran, dass ich dem Text vor einigen Jahren "ein Denkmal gesetzt" habe (siehe https://www.familienkarte.at/de/landesfamilienpreis/rueckblicke/felix-f…

    Ich teile Ihre Einschätzung, dass die Erklärung von 1948 im öffentlichen Bewusstsein eine untergeordnete Rolle spielt. Die Medien begnügen sich damit über Menschenrechtsverletzungen in fernen Landen zu berichten. Auch fehlen Rituale zu Menschenrechten. Ja nicht einmal der Internationale Tag der Menschenrechte - der 10. Dezember - wird als Feiertag gefeiert, obwohl er doch einen höheren Stellenwert verdiente als Nationalfeiertage.

    Eine nicht selten geäußerte Kritik an diesem Artikel beruft sich auf den gegenwärtig bestehenden - anhand von Verletzungen der Menschenrechte aufgezeigten - Widerspruch zur Realität.

    Sie scheinen verstanden zu haben, dass der Text keine Beschreibung der Wirklichkeit sondern eine dem (aktiven) Leben Orientierung gebende Vision ist. So würde ich das verstehen, wenn Sie schreiben:

    "Werte können nur Bestand haben, wenn sie aktiv gelebt werden und wenn sie nicht nur für den gelten , der sie postuliert."

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  • Gabriele Jung

    Hallo Herr Knoll, was für eine tolle Idee: Ein Heckenlabyrinth der Menschenrechte. Es macht mich richtig froh zu sehen, mit welcher Kreativität Sie diesem wohl für uns beide so wichtigen Thema der Menschenrechte eine öffentliche Plattform gegeben haben. Das ist Anregung und Ansporn zugleich ! Und auch das beschriebene Schulprojekt freut mich sehr und es zeigt mir, dass das Thema doch nicht in Vergessenheit gerät. Ja, der Text ist für mich eine Orientierung gebende Vision, die ich mit Leben füllen möchte - ganz persönlich und im Idealfall wünsche ich mir, dass auch alle verantwortlich Handelnden in Staat, Gesellschaft oder Wirtschaft sich immer wieder daran erinnern, dass es dieses in Artikel 1 formulierte Postulat gibt und es eine wichtige Grundlage friedlichen Zusammenlebens ist. Letzteres kann ich kaum beeinflussen, aber ich kann in meinem persönlichen Umfeld diese Werte leben - mit allen „Verfehlungen“ und allen Schwierigkeiten. Ich danke Ihnen sehr für den Link und dass Sie mich auf Ihr Projekt aufmerksam gemacht haben. Das Reiseziel ist vermerkt!

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  • Marcin Lupa

    Sehr geehrte Frau Jung,

    schön wie sie die Erklärung der Menschenrechte ins Spiel bringen. Ich kann Ihren Ausführungen gut folgen.
    Würden Menschenrechte in Deutschland gewahrt, gebe es weniger Raum für sie verletztendes Verhalten.
    Daher sollte jeder in dem ersten Artikel und auch in den folgenden geschult werden, damit er weiß, welchen Traum es für uns alle zu träumen lohnt.

    Ohne Menschenrechte sind Tyrannei und Verfall die Tore geöffnet.

    Ich grüße Sie
    Marcin Lupa

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  • Wolfgang Hammer

    Gerne unterstütze ich alles, was oben gesagt wird. Ich sehe nur einen Unterschied zwischen Menschenrechten und Wertesystemen. Rechte gehören dem Rechtssystem an, Werte einem Moralsytem. Rechte kann man einklagen, Werte kann man vorschlagen.

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  • Marcin Lupa

    Da haben Sie natürlich Recht (auffällig hier schon die sprachliche Festlegung), Herr Hammer. Man sollte das Thema Werte differenziert betrachten.

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