Über Vorurteile

Lara Hitzmann • 13 Oktober 2021
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Über Vorurteile

Stereotype und Vorurteile begegnen uns bewusst und manchmal auch unbewusst im Alltag überall. Wir vertrauen bei Wahlen eher den Politiker:innen, die sich unsere Meinung nach kompetent anziehen als sich dementsprechend zu verhalten, vertrauen Menschen aus unserem eigenen Land eher als denen aus der Fremde und wissen: Frauen können nicht einparken, Männer sind schlechte Erzieher, Dicke sind faul und Muskelpakete sind dumm. Die Gefahr der systemischen Benachteiligung verschiedener Gruppen aufgrund von Hautfarbe, Beruf, Geschlecht, Ethik, Religion etc. liegt auf der Hand.

Wir kategorisieren und bewerten den ganzen Tag, trotz dass Vorurteile im allgemeinen Verständnis als vermeidbar gelten und ein Zeichen für Voreingenommenheit und Ignoranz sind. Ist dadurch eine objektive Einschätzung unseres Gegenübers eigentlich noch möglich?

Edmund Husserl (1859-1938), der Vater der Phänomenologie, beschäftigte sich intensiv mit Erkenntnis und Vorurteilen. Der Philosoph war der Meinung, man müsse nicht nur die Erkenntnisse, sondern auch den Weg, der zu ihnen führe, untersuchen. Um zu einer objektiven Erkenntnis zu gelangen, seien drei Schritte notwendig, die er Reduktion nannte: Zu allererst solle alles Subjektive vermieden werden. In einem zweiten Schritt müssen alle Hypothesen und Gedanken, die vorher über den Gegenstand gewonnen wurden, abgelegt werden. Zuletzt soll die forschende Person sich von allem frei machen, was zuvor über diesen Gegenstand gesagt wurde. Erkenntnis würde also allein durch eine vorurteilsfreie Annäherung möglich sein, nur so würde man „zu der Sache selbst“ (zitiert nach Heidegger) vordringen können.

Gegen diese Überlegung sprach sich Husserls Schüler Hans Georg Gadamer (1900-2002) aus: Die Theorie Husserl sei ein Widerspruch zu sich selbst. Gadamer ist vielmehr der Meinung, dass Vorurteile für jede Form der Erkenntnis notwendig seien. Man könne schließlich erst dann ein Urteil fällen, wenn man sich zuvor einem Vorurteil bedient hat. Vorurteile sind demnach die Grundlage für jede tiefere Erkenntnis. Zudem war Gadamer der Ansicht, dass Menschen Vorurteile nicht ablegen können, was laut ihm aber auch nicht notwendig sei.

Um zu diskutieren, ob Vorurteile einen Nutzen haben und ob die Ablegung derselbigen überhaupt möglich ist, müssen diese zunächst definiert werden. Im allgemeinen psychologischen Verständnis gehen den Vorurteilen sogenannte Stereotype voraus. Stereotype sind generalisierte Überzeugungen und werden oftmals auch als kognitive Komponente der Bewertung einer Person, einer Situation oder eines Gegenstandes bezeichnet. Es handelt sich um ein vermeidliches Wissen über eine Person, etc. (der Einfachheit halber bleiben wir mal bei „Person“). Dieses Wissen gewinnen wir durch die Zugehörigkeit der Person oder auch durch Tradierung in der Gesellschaft. Aus diesen Stereotypen entwickeln sich dann Vorurteile. In der klassischen Definition nach Gordon Allport (1954; 1971) sind Vorurteile eine „ablehnende, feindselige Haltung gegen eine Person, die zu einer Gruppe gehört, einfach deswegen, weil sie zu dieser Gruppe gehört und deswegen dieselben zu beanstandenden Eigenschaften haben soll, die man dieser Gruppe zuschreibt.“ Sie sind also der Meinung, dass ich nicht einparken kann, weil ich eine Frau bin. Vorurteile können sich übrigens auch in Erwartungshandlungen wiederfinden: Wenn Sie jetzt zufällig vor der wbg stehen würden und mir beim Einparken zusehen, könnte es sein, dass ich schlecht einparke. Sie daraufhin denken „Ist ja klar, Frau am Steuer: Ungeheuer.“, dann verfestigt sich dieses Vorurteil bei Ihnen. Möglicherweise bin ich aber nur so schlecht im Einparken, weil jemand, der aussieht wie ein Pole, mir dabei zusieht, Polen ja bekanntlich Autos klauen und ich nun Angst um meinen Wagen habe.

Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Vorurteile übrigens wie folgt: „Vorurteile sind stabile negative Einstellungen gegenüber Gruppen bzw. Personen, die dieser Gruppe angehören. Vorurteile beruhen oftmals nicht auf eigenen Erfahrungen, sondern werden übernommen. Besonders schwache Persönlichkeiten stützen sich auf Vorurteile. Im Zuge meiner Recherchen habe ich verschiedene Artikel und Interviews gefunden, in denen Psycholog:innen betonten, dass Vorurteile jeden treffen können und all jene, die keine „schwache Persönlichkeit“ haben, nicht davon ausgeschlossen sind.

Denn diese Urteile haben ihre volle Berechtigung: Vorurteile sind natürlich und evolutionstechnisch bedingt. Sie sicherten uns vor tausenden von Jahren unser Überleben. Auch heute dienen uns Vorurteile als Möglichkeit, Situationen schneller und besser einschätzen zu können und mit neuen Begebenheiten nicht direkt überfordert zu sein. Unser Gehirn verarbeitet die Informationen ganz automatisch so, dass auf Stereotype zurückgegriffen wird. Ob diese Stereotype schließlich zu Vorurteilen führen, liegt aber ganz bei uns. Ob wir einem Vorurteil unterliegen, ist uns manchmal gar nicht bewusst. Diese unterbewussten Vorurteile können sich auch dadurch ausdrücken, dass wir bestimme Persönlichkeitsmerkmale verknüpfen, die an sich gar nicht zusammenhängen. Z. B. werden Menschen mit weicheren, rundlicheren Gesichtszügen als freundlicher und schwacher bewerten. Aus willkürlichen Merkmalen ziehen wir also oft unbelegte Schlüsse. “Stereotype beeinflussen unsere Handlungen – selbst wenn wir das gar nicht wollen,“ sagt Juliane Degner, Professorin für Sozialpsychologie an der Universität Hamburg. Laut Degner ist die einzige effiziente Methode, Vorurteile abzubauen, sein eigenes Verhalten immer wieder zu hinterfragen und einfach Kontakt zu den Gruppen zu knüpfen, die wir mit Stereotypen und Vorurteilen belasten.

 

Als Althistorikerin begegnen mir Stereotypen und Vorurteile täglich, sei es in antiken Quellen oder in der modernen Forschung. Anhand zweier kurzer Beispiele möchte ich Ihnen Vorurteile aus der Antike präsentieren:

  • Es wird Sie wenig überraschen, dass die Anhänger:innen des Christentums bei der paganen Bevölkerung im 2. Jh. n. Chr. nicht sehr beliebt waren. Eines von vielen Vorurteilen gegen die frühen Christ:innen war, dass dies „(…) Leute ohne Bildung, ohne Kenntnisse der Wissenschaften [L.H. sind], die nicht einmal zu den niedersten Verrichtungen zu gebrauchen sind.“ (Min. Fel. 5, 4). Diese und weitere interessante Belege für Vorurteile gegen das frühe Christentum finden Sie im Octavian des Minucius Felix oder auch in anderen apologetischen Schriften. Sehr ans Herz zu legen wäre an dieser Stelle das Apologeticum von Tertullian.
  • Tacitus, der niemals im „germanischen“ Gebiet gewesen ist, schrieb über die Barbar:innen ein ganzes Buch. Darin sammelte er alles, was er irgendwo aufschnappte – ohne Nennung einer Quelle. Ein bekanntes Beispiel für ein „germanisches“ Vorurteil ist die Trinkfreude: „Tag und Nacht ununterbrochen fortzuzechen ist für keinen eine Schande. Bei den - wie unter Trunkenen natürlich - häufig vorkommenden Streitigkeiten geht es selten nur mit Schimpfreden ab, häufiger mit Totschlag und Wunden.“ (Tac. Ger. 1, 22, 2). Welche Auswirkungen diese Schrift auf den Nationalsozialismus hatte, möchte ich an dieser Stelle nicht besprechen, kann Ihnen aber, wenn Sie sich für das Thema interessieren, wärmstens Christopher B. Krebs, Ein gefährliches Buch. Die „Germania“ des Tacitus und die Erfindung der Deutschen empfehlen.

In meinem ersten Semester sagte eine sehr geschätzte Dozentin zu mir: „Niemand ist jemals objektiv.“ Diesen Satz rufe ich mir jedes Mal ins Gedächtnis, wenn ich mit Quellen und Forschungsliteratur arbeite.

Was ist mit Ihnen? Wo begegnen Ihnen Vorurteile? Und wo ertappen Sie sich vorurteilsvoll? Meinen Sie, Vorurteile sind ablegbar oder können wir sie sogar für unsere Zwecke nutzen?

 

Weiterführende Literatur und Interviews:

Vol. 11, The New Onset of the Thinking of Being (1995) 5-8. 

 

 

Kommentare (10)

Marcin Lupa

Subjektivität gehört zu jedem Subjekt. Es gibt keine Erkenntnis ohne subjektive Wahrnehmung. Nur unterscheidet sich eine Anschauung, die verschiedene Perspektiven reflektiert, von einer sehr einfachen, auf Vorurteilen basierenden und sich durch nicht geprüften Wissen auszeichnenden Betrachtung.

Gleichwohl benötigen wir in manchen Situationen ein schnelles Urteil und dieses speist sich aus unserem bereits analytisch erworbenem Wissen. Das mag dem Vorurteil ähnlich sein.

Mir begegnen täglich Vorurteile, weil ich eben Pole bin und auch Diskriminierung - deren weitere Stufe -, weil ich mit einem Kind mit Besonderheiten arbeite und mit einem weiteren solchen, zusammenlebe.

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  • Lara Hitzmann

    Lieber Herr Lupa,
    vielen Dank für Ihre Einschätzung, ich stimme Ihnen voll und ganz zu.
    Haben Sie das Gefühl, dass die Vorurteile gegenüber Ihrer eigenen Person mit der voranschreitenden Digitalisierung weniger geworden sind?

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  • Marcin Lupa

    Natürlich hilft die Digitalisierung sich in "geschützten Räumen" aufzuhalten.
    Allerdings kann man sich auch hinter einem Avatar nicht so gut verstecken, dass die Art wie man schreibt und vor allem was man schreibt, keine Rückschlüsse auf die Person zuließe.

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  • Norbert KNOLL

    Sehr gehrte Frau Hitzmann! Ich hätte da etwas für Sie, mit gänzlich anderer Perspektive. Vor über einem Jahr habe ich versucht, einen literarischen Text zu schreiben, der von Vorurteilen handelt und erlaube mir hiermit, einen längeren Auszug vorzustellen. Ich habe die etwas ungebräuchliche Textsorte der Laudatio gewählt und leider keine Gelegenheit für eine Veröffentlichung gefunden.

    In den angeführten Passagen verteidigt "Miranda" - die auf der tansanischen Insel Sansibar geborene und in England sozialisierte Laudatorin - Daniel Defoe gegen den von einer deutschen Sozialwissenschafterin erhobenen Vorwurf des Rassismus.

    In der literarischen Fiktion ist Miranda ist eine recht gebildete Person, die in Salzburg und Passau Englische Literaturgeschichte und Sozialtheorie unterrichtet und deshalb dazu eingeladen wurde, vor einem honorigem Publikum eine launige Rede zu halten, in der "Robinson Crusoe" als Bildungsroman - und nicht wie üblich als Abenteuerroman - interpretiert wird.

    AUSZUG AUS: "Über den unverzichtbaren Luxus des eigenständigen Denkens - Laudatio gehalten am 10. Dezember 2020 von
    Miranda Ushindi Zola Ebersthal-Ubama anlässlich der posthumen Verleihung des >>POETA LAUREATUS ORBIS TERRARUM<< an
    Daniel Defoe und Jonathan Swift"

    Miranda spricht:

    [...] Für mich ist dieser Rassismus-Vorwurf gegen den Autor Defoe und die Romanfigur Robinson einfach nicht schlüssig. Üblicherweise erfolgt die Begründung dieses Vorwurfs mit Verweis auf Robinsons Verhältnis zu Freitag, jenen „Eingeborenen“, den er vor „Kannibalen“ rettet, von oben herab behandelt, um ihn zum „Diener“ und Werkzeug eigener Wünsche zu machen.

    Stellt sich Robinson selbst als „Herr“ vor, so nimmt er sich gleichzeitig heraus, ihm den Namen „Freitag“ zu geben – ganz so – als stünde da „kein erwachsener Mensch“ vor ihm, der doch längst einen Namen mitbringen müsste. Diesem Freitag macht er unmissverständlich klar, dass „Englisch“, die Sprache ist, in der sich die beiden künftig unterhalten würden und er somit gut daran täte, auch brav und fleißig Englisch zu lernen, während der Engländer Robinson Besseres zu tun, wüsste als Fremdsprachenunterricht zu nehmen.

    Zu letzterem werden sie jetzt sagen: „Ganz klarer Fall. Man weiß doch, dass sich die Engländer mit dem Erlernen einer Fremdsprache immer schon schwer getan haben – aus welchen Gründen auch immer!“

    >>Entschuldigung!<<
    >>Jetzt habe ich mich rassistisch über die Engländer geäußert, oder?<<

    Oder war das nur eines jener ganz alltäglichen Vorurteile, zu denen wir greifen, um Ordnung in unserem Denken zu schaffen, wenn wir mangelhaft informiert sind über Situationen, Gegenstände und Menschen, die uns unbekannt oder fremd sind?

    Ich glaube, man muss bei Vorurteilen gegenüber Menschen vorsichtig sein und noch vorsichtiger beim Schwingen der Rassismus-Keule. Ist jene alte Frau rassistisch, die mir im Warteraum eines Passauer Zahnarztes vis-à-vis sitzt und mir – ohne ein Wort zu sagen – das Gefühl gibt, ich könnte ein Flüchtling sein, der schlecht Deutsch spricht, vielleicht als Reinigungskraft arbeitet, vielleicht schwarz oder auch gar nicht ….?

    Wenn sich dann aber doch ein Gespräch entwickelt und ich erwähne, dass ich einen Lehrauftrag an der Universität habe und mit einem international renommierten Myrmekologen verheiratet bin, werden sich diese ersten, „vorläufigen Vorurteile“ vermutlich auflösen und im Laufe des Gesprächs durch „neue“ Vorurteile ersetzen lassen. Das ist ein Vorgang, der natürlich auf beiden Seiten läuft: Sie kommt mit ihren Vorurteilen und ich mit den meinen. Sind wir am Ende beide Rassisten, pardon, ich meinte natürlich Rassistinnen.

    Rassismus – und ich habe das sowohl in Österreich als auch in Deutschland selten aber doch erlebt – muss mehr sein als dass einander fremde Menschen, bei ersten Kontakten ihre Stereotype auspacken, um vorläufige Einschätzungen ihres Gegenübers zu treffen.

    Nutzen wir nicht täglich Stereotype und Vorurteile? Bauen wir nicht auf die Erzeugung von Vorurteilen bei Anderen, wenn wir unsere Schuhe vor dem Vorstellungsgespräch fein säuberlich putzen? Die Erzeugung, Anwendung und Ersetzung von Vorurteilen gehören zum A und O unseres Alltagshandelns, wie es der Soziologe Erving Goffman schon in den 1950er Jahren untersucht und verständlich vermittelt hat; vielleicht kennen Sie ja sein ins Deutsche so treffend übersetztes Buch >>Wir alle spielen Theater<<.

    Wo also beginnt der Rassismus, wenn wir darunter „mehr“ verstehen wollen als die Anwendung von Vorurteilen gegenüber anderen Menschen?

    Ich kann Ihnen hier keine wissenschaftlich fundierte Theorie vorlegen, weil ich mich damit nur am Rande beschäftigt habe. Ich habe Ihnen hier nur meine persönliche Meinung – gespeist aus eigenen Erlebnissen und medial aufbereiteten Ereignissen der letzten Monate in den USA - anzubieten. Essentiell ist für mein Verständnis von Rassismus, dass ein "äußerlich beobachtbares Merkmal" eines Menschen dazu verwendet wird,
    • in einem ersten Schritt die Bildung von Gruppen vorzunehmen, um
    • in einem zweiten Schritt eine mit Gruppenzugehörigkeit verbundene Minderwertigkeit der einen und Höherwertigkeit der anderen zu unterstellen, um
    • in einem dritten Schritt Vorrechte und Minderrechte für die Mitglieder der Gruppen daraus abzuleiten.

    Man nehme also beispielsweise die Hautfarbe eines Menschen oder den im Reisepass vermerkten Geburtsort als Kriterium einer Gruppenzugehörigkeit, um in weiterer Folge die Gleichheit der Menschen in ihrer Wertigkeit, ihren Ansprüchen, Rechten und Pflichten aufzuheben. Wenn also jemand z.B. aus seiner eigenen ethnischen Herkunft eigene Überlegenheit und Vorrechte gegenüber anderen ableitet, dann wäre es meines Erachtens gerechtfertigt die Rassismus-Keule gegen ihn zu erheben; analog könnte man auch mit dem Merkmal „Geschlecht“ – ich meine jetzt natürlich nicht das grammatische „Genus“, sondern den biologischen „Sexus“ – für eine Bestimmung von Sexismus vornehmen.

    [...]

    Kommen wir zurück zu jener Passage des Aufeinandertreffens von Robinson und Freitag. Wechseln wir einmal die Perspektive. Wie würden Sie sich verhalten, wenn Sie eben von einem weißen Mann – es könnte genauso gut eine schwarze Frau sein – davor bewahrt worden sind, von anderen Menschen in Suppe gekocht zu werden? Nun ich nehme an, Sie würden sich recht dankbar zeigen und Ihre Dankbarkeit würde sich vermutlich noch steigern, wenn Sie diese Person mit Essen und Kleidung versorgt. Wenn Sie von einem längeren Aufenthalt ohne Hilfe von außen auszugehen hätten, dann würden Sie vermutlich versuchen, mit dieser Person mittels Sprache in näheren Kontakt zu treten und dabei ohne lange Fragerei auch akzeptieren, dass die Sprache der anderen Person zur gemeinsamen wird. Ja, Sie würden sich wundern, dass diese andere Person selbst von Anfang an als „Herr“ angesprochen werden möchte – was auch immer dieses „Herr“ bedeuten mag. Umgekehrt wundern Sie sich, dass diese Person namens Herr Sie ständig mit Freitag anspricht, obwohl sie doch „Zola“ heißen; das ist übrigens Suaheli, mein dritter Vorname, der auf Deutsch „die Ruhige“ bedeutet und nichts mit Émile Zola, dem Autor des Offenen Briefes zur Aufklärung der Dreyfus-Affäre „J’accuse“ zu tun hat.

    Warum erzähle ich Ihnen das? Selbst wenn ich versuche, mich in die Rolle Freitags hineinzuversetzen, fällt es mir schwer im Autor Defoe oder in der Romanfigur Robinson den bösen Rassisten zu erkennen. Robinson stellt situationsbedingt einen Führungsanspruch, der sich im Originaltext als gewaltloser Vermittlungsversuch über Sprache, Kultur und religiöse Tradition erstreckt, ohne Gewalt anzuwenden.

    Demgegenüber ist es ein faszinierendes und nicht zu leugnendes Faktum, dass Robinson innerhalb von 10 Seiten nach der ersten Kontaktaufnahme selbst einen enormen Lernprozess durchmacht. Spekuliert er anfangs tatsächlich noch damit einen Sklaven gefunden zu haben, der ihn „Herr“ zu nennen hätte, so spricht er bereits wenige Seiten später nur noch und mehrmals von „meinem Freund Freitag“, dem er mit ständig größer werdender Bewunderung entgegentritt, weil sich Freitag als gelehrig, gutmütig und natürlich in der Situation sehr hilfreich – etwa zum Verlassen der Insel – erweist. Robinson gelingt es sein bisheriges Bild von den Wilden zu korrigieren, wozu ihm die Übernahme während des Inseldaseins gewonnener religiöser Überzeugungen hilft.

    Wer den Text bis zum Ende liest, müsste doch bemerken, dass vom anfänglichen Überlegenheitsdenken Robinsons nur wenig übrig bleibt. Ist nicht dem erstaunten Robinson – und zwar im Text gut nachvollziehbar – wie Schuppen von den Augen gefallen, dass dieser Freitag dieselben Fähigkeiten, Sehnsüchte ja „Anlagen“ aufweist wie (alle) anderen Menschen auch und dass es offensichtlich nur auf die Anleitungen der Sozialisation jedes Menschen ankommt sowie auf das kulturelle Umfeld, in dem er sich entwickeln und entfalten kann?

    Robinson hat einen Lernprozess durchgemacht. Er hat anfangs bestehende Vorurteile, die eine rassistische Denkungsart nahelegen, überwunden und damit ein Menschenbild gewonnen, das sehr gut mit Defoes durch ein Eintreten für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit geprägte journalistische Arbeit harmoniert. Wenn man auf >>Robinson Crusoe<< von der ersten bis zur letzten Seite die Lesart des „Bildungs- oder Entwicklungsromans“ anwendet, dann bleibt wenig übrig für die Legitimation einer rassistischen oder kolonialistischen Denklogik. Der Roman ist halt kein Sachbuch, kein Reisebericht und auch kein Abenteuerroman, selbst wenn er als solcher angepriesen und verkauft wurde. Wäre >>Robinson Crusoe<< ein Abenteuerroman, dann müsste sich sein Autor zu Recht den Vorwurf gefallen lassen, versagt zu haben, weil er einen nicht den Kriterien des Genres entsprechenden und somit schlecht geschriebenen Text abgeliefert hat.

    [...]

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  • Lara Hitzmann

    Lieber Herr Knoll,

    vielen Dank für diesen höchst interessanten Kommentar! Aus dieser Perspektive habe ich Defoe noch nicht betrachtet!

    Zu der Rassismusthematik, muss ich allerdings sagen, dass ich mich bislang eher aus den Diskussionen zurückgenommen habe, weil ich der Meinung bin, als weiße Person nicht wirklich mitsprechen zu können, da mir Rassismus nie am eigenen Leib begegnet ist. Daher kann ich nur sagen, dass mir Ihre Überlegungen aus meiner privilegierten Stellung sehr schlüssig erscheinen und bedanke mich für diese neue Sicht auf ein vermeidlich altbekanntes Thema!

    Die Laudatio fand ich übrigens außerordentlich lesenswert, Sie sollten den Text auf jeden Fall noch an anderer Stelle veröffentlichen! Spannend geschrieben! Toll!

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  • Norbert KNOLL

    Liebe Frau Hitzmann, es gab zwei Gründe auf Ihren Beitrag der sauber gearbeitet ist, zu antworten.

    (1) Ich hab mich gefreut, dass in dieser Runde nicht nur Philosophen der Antike (über die ich so gut wie gar nichts weiß) besprochen werden, sondern jemand auf Edmund Husserl Bezug nimmt. Husserl ist bedeutsam für die Wissenssoziologie/Soziologie des Alltagshandeln und der Lebenswelt von Alfred Schütz.

    (2) Mir gefällt Ihre abschließende Bemerkung zu "Objektivität". Ich habe meine Einschätzung zu Objektivität kürzlich in einem halbwissenschaftlichen Beitrag zu Cultural Studies im Zusammenhang mit der "intellektuellen Praxis des Evaluierens" auf leicht ketzerische Weise kundtun:

    >>Man darf das ja nicht zu laut sagen, weil es fast als Sakrileg gilt, Zweifel an der Objektivität von Evaluierungsergebnissen anzumelden. Quasi „subjektbefreite“, dogmatisierte Objektivitätsansprüche sind recht typisch für Mitglieder von Expertenkulturen; Wissenschaftlerinnen und Evaluatoren unterscheiden sich in diesem Punkt kaum von der Priesterschaft einer Religionsgemeinschaft. Die Motivation zur Verteidigung von Objektivitätsansprüchen liegt auf der Hand. Objektivität gilt als Gütesiegel für die Überlegenheit des selbst generierten Wissens gegenüber anderen Formen und Quellen des Wissens, wie insbesondere dem Alltagswissen.<<

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  • Lara Hitzmann

    Vielen Dank Herr Knoll, das freut mich sehr!
    Ja, die meisten halten nicht so viel davon, wenn man ihre Objektivität anzweifelt, dabei wird aber vergessen, dass alles, was wir an wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Stütze unserer Theorien immer noch Interpretation ist. Und gerade in den geisteswissenschaftlichen Fächern sollten wir das im Hinterkopf behalten. Aber natürlich auch in den anderen Wissenschaften. Die Frage, die sich mir hier stellt ist, ob Menschen denn überhaupt irgendetwas objektives hervorbringen können.

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  • Norbert KNOLL

    [~6693], den wesentlichen Punkt haben Sie angesprochen: Die Notwendigkeit einer Theorie für Akte der Interpretation.

    Der Kontext der oben von mir ausgeführten Kritik an Objektivität bezog sich auf die intellektuelle Praxis des Evaluierens. Wenn jemand eine Evaluierung macht - z.B. der Qualität des Unterrichts an einer Universität - dann fallen weder die Evaluierungsfragen noch die Evaluierungskriterien als Gott gegeben vom Himmel.

    Ein Evaluierungsteam muss (allein oder auch in Abstimmung mit der beauftragenden Uni) eine Auswahl treffen zu den Fragen, den Kriterien und den Methoden der durchzuführenden Evaluierung. Jede Auswahl impliziert etwas Subjektives.
    Immerhin wird das Team auf das verfügbare Vorwissen und die Erfahrungen seiner Mitglieder zurückgreifen. Da kommt also einiges zusammen das Zweifel an der Möglichkeit von Objektivität aufkommen lässt. Es sei denn, man reduziert den Begriff Objektivität darauf, dass ein Evaluierungsteam alle von ihm evaluierten Universitäten quasi gleich behandelt.

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  • Rüdiger Eduard Böhle

    Sehr geehrte Frau Hitzmann
    Mal wieder ein paar Anmerkungen zu dem – umgangssprachlich ganz richtig – changierenden Terminus „Vorurteil“.

    Doch vorab: Objektivität
    Der umgangssprachliche Gebrauch des Wortes „objektiv“ bezeichnet einen trivialen und dem Alltage adäquaten Zusammenhang: „sachlich“ im Gegensatze zur subjektiv konnotierte Meinung.
    Auf der Stufe des Begriffes bestimmt sich das Attribut „objektiv“ etwas subtiler: das funktionale Resultat einer prädeterminierten Systematik. Diese fällt jedoch nicht vom Himmel, sondern entspringt der zweckorientierten Konzeption – seitens des Menschen, und also dem subjektiven Bewußtsein und seinem Vermögen, einen intendierten Sachgehalt zu rationalisieren und funktional effektiv einzulösen.

    Alltagserfahrung:
    subjektiv empfinde ich, daß mein Fahrzeug nach der Wartung einfach nicht so wirklich ‚rund‘ läuft; objektiv aber stimmen alle Daten – gemäß dem Computerprogramm der Herstellerfirma. Bei der zweiten Reklamation stellte sich heraus, daß eine Lücke in der Software zu den sehr wohl zutreffenden, aber nicht vollständigen ‚objektiven‘ Daten führte. – Auch die unzulänglichen Daten lösen den Anspruch auf ‚objektiv‘ widerspruchslos ein; nur das Attribut „brauchbar“ erweist sich im Kriterium der Empirie nicht – gemäß der beanspruchten Perfektion.
    Können wir die Dissonanz im Falle der Wartung eines Fahrzeuges gelassen mit der Alltagstoleranz goutieren, so sieht die Sache schon etwas anders aus, wenn die Objektivität von Algorithmen / Statistik / Stochastik definiert wird und das Handeln, Verhalten, Empfinden, Meinen … der Menschen betrifft.

    Gemeinhin gelten technisch-wissenschaftliche Aussagen / Erkenntnisse als objektiv oder ‚sachlich‘ zutreffend. Schon Aristoteles expliziert deren Fundierung in der – zweck- oder intentionssetzenden – Subjektivität: weshalb alle Objektivität nicht in der ihr eigenen Systematik das Kriterium für ein Zutreffen auf das Wirkliche bestimmt, sondern in einem aller Systematik toto coelo Anderen: der Empirie! Die Empirie zeigt an, ob eine Intention eingelöst wurde.
    Kant fragt, wie sind synthetische Urteile a priori möglich? – Welches sind die Bedingungen der Möglichkeit (conditio sine qua non), wissenschaftliche Aussagen als Erkenntnisaussagen anerkennen zu können? In der KrV expliziert Kant, daß alle wissenschaftlichen oder „objektiven“ Aussagen innerlogisch stringente oder widerspruchsfreie Systemaussagen sind – nicht über das Wirkliche und Lebendige, sondern über stringent konstruierte Sachverhalte, die „Erscheinungen“, die auf eine subjektiv prädeterminierte Intentionseinlösung abzwecken. Wissenschaftliche Aussagen bestimmen sich innerlogisch stringent darum auch nicht als „wahr / unwahr“, sondern immer nur als „richtig / falsch“! Etwas salopper formuliert: „brauchbar / unbrauchbar“. Daher auch bei Kant das Kriterium: die Empirie! Und das strenge Abhalten des Wirklichen und Lebendigen, das Ding an sich, von den Erscheinungen, wenn sich denn wissenschaftliche Aussagen in ihrem Anspruche, die abstrakt-allgemeine Aussage über die Funktion der Sache zu terminieren, wahren können sollen.

    Um alles Mißverständnis abzuhalten: Solches zwackt an der Dignität der Aussagen der Wissenschaften nichts, aber auch gar nichts ab, sondern fundiert die intendierte Vergewisserung ihrer Aussagen! Profan gesagt: die zuverlässige Stringenz ihrer Zweckmäßigkeit!
    Daher, etwas alltäglich plakativ formuliert: Objektivität avisiert einen Instrumentalisierungshorizont zur - funktional vergewissert - effektiven Einlösung irgendwelcher Intentionen.

    Vorurteil:
    Dem Sachverhalt „Vorurteil“ eignet eine gewisse Doppelbödigkeit wie in Parenthese „Irrtum“: wie derjenige, der im Irrtume befangen ist, sich für sich selbst gerade nicht irrt, sondern im Bewußtsein seiner selbst sich im Wahren befindet; so auch im „Vorurteil“: wer im Vorurteil befangen ist, ist für sich selbst gerade nicht im Vorurteil befangen, sondern für sich selbst ‚ganz richtig‘! Die Rede, daß sich jemand irrt bzw. einem Vorurteile aufsitzt, gehört dem äußerlichen Blicke an oder im Bewußtsein der Meta-Stufe zu Irrtum bzw. Vorurteil.
    Die weisheitlichen Reden, die Sie anführen, um ganz pragmatisch die Borniertheit der Vorurteile zu vermeiden, raten daher auch ganz richtig in der Formulierung „Du sollst“ an, die kritische Distanz zu sich selbst, die Meta-Stufe, einzunehmen und die eigene Aussage samt deren Genesis auf die ‚Grund-legenden‘ Konditionen hin zu reflektieren – zum Zwecke, sowohl das Fundament der Aussage wie auch die Effektivität der Intentionseinlösung, deren Garantie das Vorurteil wie auch die Erfahrung avisieren, nachzuprüfen: „Das Kriterium der Wahrheit [einer funktionalen oder zweckmäßigen Aussage in der Spannweite von trivial bis Wissenschaft; REB] ist die Empirie.“ (Kant; Krv.)

    Na ja, da könnte Radio Eriwan einwenden: im Prinzip – ja!; ABER …! Alles Vorurteil gehört der Sphäre des Alltages an: die Sphäre der pragmatisch konditionierten Funktionalität zum Zwecke der Intentionseinlösung. Das Kriterium der Sache: klappt’s, ist’s gut; klappt’s nicht, dann schau halt nach, warum! Die Pragmatik des Alltages fundiert sich in der – bis zum Selbstverständnisse hin – erwiesenen Tauglichkeit zu Zwecken; gemeinhin: Zweckmäßigkeit. Der Zweckmäßigkeit eignet einerseits die effektive Funktionalität und doch zugleich auch die diffuse Subjektivität der Toleranz: was klappt ‚gerade noch so‘?; was klappt nicht mehr so wirklich? (Im Badischen gibt’s hierfür einen amüsanten Slang: sitz, paßt und wackelt stramm!)

    Die Subjektivität der Toleranz in alltäglicher Pragmatik legitimiert nicht nur die Anwendung von Vorurteilen, sondern auch deren Aneignung, Hege und Pflege. Zugleich zeigt das Kriterium der Pragmatik an, daß es langsam Zeit wird, das gemeine Vermögen des menschlichen Oberstübchens aus seiner berechtigten Ruhe zu rufen: Da klappt was nicht; nun denk mal wieder und bring’s auf die Reihe!
    So verhalten sich gemeinhin die Menschen im Alltage und gehen mit Vorurteil, Erfahrung, Gewohnheit, Gelingen, Mißlingen … so pragmatisch wie vernünftig um. Jeder Verstoß gegen diese triviale Pragmatik und Vernünftigkeit resultiert in ein mehr oder weniger schmerzliches Scheitern – im Alltage!
    Solches nennt man wohl ganz richtig: Lebenstauglichkeit !

    Auf der Stufe der Sinnfrage, wo das Leben auf dem Spiele steht, hat jedoch ein Anderes - bis hin zum Verhängnis - statt: Sinnsetzung und Sinnerfüllung werden gemeinhin und so ganz selbstverständlich aus dem so diffusen wie fordernden Horizont von Sittlichkeit und Moral, die in der Sozialität ‚irgendwie‘ in Geltung sind, bedenkenlos übernommen: „niemand weiß. woher sie (Sittlichkeit, Moral, Rituale …) stammen, also sind sie heilig!“ (Antigone wider Kreon). Weshalb die Korrektur eines Vorurteiles im Alltage zumeist stringent vollzogen wird, während ein Vorurteil auf der Stufe der Sinnfrage zu korrigieren gleichsam als kulturelle Schandtat empfunden wird und im offenen Scheitern eine heroische Prüfung des Schicksals vernimmt.

    Eine weitere Variante des Vorurteiles zeigt sich, wenn Pragmatik und Vernünftigkeit insbesondere des Alltages samt mehr oder weniger schmerzlichem Scheitern per Ideologie – in der Spannweite von Moral, Sittlichkeit, Glauben, Standesdünkel, Minderwertigkeiten, Verschwörungsphantasie und sonstiger eitel konditionierten Denkresistenzen – prädeterminiert ist. Auf der Stufe dieses Bewußtseinsstatus hat die Borniertheit, ähnlich wie bei der Sinnfrage, alle Ehre; weder das ‚handfeste‘ Kriterium der Pragmatik noch das subtile Kriterium der Vernunft hat hier einen Ort: die absolute Position der Dummheit erweist sich ab ovo ad datum elementar als unerschütterlich.
    Das Vorurteil in der Sphäre der Sinnfrage schädigt das einzelne, individuelle Leben – und traktiert mal mehr, mal weniger den näheren sozialen Kontext. Das Vorurteil in der Sphäre der Ideologie schädigt die Sozialität in toto.

    Vor dieser Folie zeigen die Ausführungen von Husserl, Gadamer und Heidegger auf einen etwas anderen logischen Horizont. Insbesondere die Genesis eines Vorurteiles für das Gelingen einer Intentionseinlösung in der Sphäre des Alltages differenziert sich fundamental von der Genesis eines Vorurteiles für ein Gelingen von Sozialität in der Spannweite von allgemein bis hin zum individuellen Leben.
    Das Vorurteil im Alltage resultiert aus dem Kriterium des funktionalen oder effektiven Gelingens und Scheiterns; weshalb auch die Aufhebung eines solchen Vorurteiles auf wenig bis gar keinen Widerstand stößt: dafür sorgt die List der Vernunft! Doch das Vorurteil in der Sphäre der Sozialität bestimmt sich – im Bedenken in kritischer Distanz – stets verbunden mit dem Anspruche von heilig und Humanität; wie borniert und denkresistent auch immer konditioniert!

    Wiederum ein anderer logischer Status bestimmt sich in der Sphäre von Erkenntnis überhaupt; primär auf der Stufe von Wissenschaft. Auf der Stufe wissenschaftlicher Erkenntnis bestimmt / prädeterminiert die zweckorientierte Axiomatik die ‚Produktion‘ von Erkenntnisaussagen. (s.o.) Kant nennt diese Aussagen nicht umsonst Erkenntnisse über „Erscheinungen“ und hält ‚das Ding an sich‘, das Wirkliche und Lebendige, streng davon ab. Im opus postumum führt er die Differenz zwischen wissenschaftlicher Aussage und Wirklichem oder Leben in radikale Kritik der Sache in subtiler logischer Stringenz aus.
    Popper zeigt, im Kriterium der Falsifikation feinstens ausgeführt, auf, daß die wissenschaftliche Aussage niemals falsch werden kann, wenn sie in sich widerspruchslos terminiert ist, sondern aktuelle Problemlösungsintentionen nicht mehr zu leisten vermag, – weil aktuell andere Problematiken in der Frage stehen, die aus dem Antworthorizont der bis dato relevanten Wissenschaft herausfallen!

    z.B.: Die perfekte Wissenschaft und Technik der Glühbirne scheitert vor vor den wissenschaftlich-technischen Frage von LED.

    Der Fortgang vom vergangenen zum aktuellen Status resultiert aus der Aufhebung des Scheiterns des ‚vergangenen‘ Status vor den Forderungen des aktuellen Fragenhorizontes – in der Arbeit des Geistes, das Bedenken der Sache in kritischer Distanz zu leisten.
    Vor dieser Folie erweist sich Gadamer stärker als Husserl.

    p.s.: die Definitionen von „Vorurteil“ à la Bundeszentrale für politische Bildung etc. sind mir zu kompliziert, zu abstrakt, zu viel hin-und-her mit wenn und aber …!
    Ganz pragmatisch von Leibniz her: wenn’s kompliziert wird, ist’s falsch!
    Friedrich d.Gr. hat wohl Leibniz gelesen und auf das Gesetz angewandt: „wenn ein Gesetz länger ist als eine halbe (Quart)Seite, dann ist dieses Gesetz eine Einladung zum Betruge am Staate!“ – Im Anblicke der modernen Gesetzgebung: quod erat demonstrantum!

    Mit freundlichen Grüßen
    Rüdiger E. Böhle

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  • Lara Hitzmann

    Lieber Herr Böhle,

    vielen Dank für Ihren ausführlichen und interessanten Kommentar! Sie haben einen anderen und durchaus betrachtenswerten Blickwinkel auf die "Vorurteile" und die Frage nach Objektivität geworfen.

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