Tolerante Intoleranz

Kommentare (1)

Rüdiger Eduard Böhle

Hierzu einige Anmerkungen:
Mit moralischen Werturteilen erheben wir Ansprüche, die für alle gelten und auf die alle verpflichtet werden können.
 Woher begründen sich diese Ansprüche moralischer Werturteile auf allgemeine Gültigkeit und Verpflichtung?
 Moral und Werte zeichnen sich – vor der Folie der Geschichte – charakteristisch dadurch aus, ziemlich volatil zu sein; so volatil, daß jeder Moral und jedem Wert eine Kontra-Moral und ein Kontra-Wert entgegengesetzt werden kann, ohne einen stringenten Beleg für die Präferenz des Einen vor dem Anderen ausweisen zu können. Ebenso widerspricht eine aktuell geltende Moral, ein aktuell geltender Wert einer Variation ihrer selbst davor wie einer folgenden Mutation ihrer selbst.
 Frage: worauf begründen die volatile Moral und deren ebenso volatilen Werte ihren Anspruch auf allgemeine Gültigkeit? Volatil und verbindlich klappt nicht so richtig!
Werturteile, die sich nur auf mich oder bestimmte gleichgesinnte Personen beziehen, sind allenfalls Bekundungen eigener Wertschätzungen, nicht aber Urteile über etwas, das unabhängig von meinen Empfindungen verpflichtende Gültigkeit hat.
 Das ist die Krux: Moral und Werte sind nicht etwas „das unabhängig von meinen Empfindungen verpflichtende Gültigkeit hat.“ Wären sie derart unabhängig und verpflichtend, würde deren volatile Vielfältigkeit, die uns die Geschichte in epischer Breite erzählt, von Außerirdischen bewirkt und je nach deren Laune mal so, mal so, mal ganz anders über uns verhängt. – Wie die Geschichte in epischer Breite erzählt haben all die vielen Außerirdischen, die in den Religionen „Götter“ genannt werden, mit ihren Geboten, Moralen, Werten samt volatilen Updates hinreichend Schiffbruch erlitten.
o Konkrete Frage: möchten Sie unter den verpflichtenden Verdikten des Mittelalters leben? des 17., 18., 19. Jh.?
Jedenfalls ist die verpflichtende Gültigkeit von Werturteilen Grundlage für Toleranz.
 Solche Volatilitäten sind Grundlage für Toleranz?
o Moral und Werte sind so volatil vielfärbig, daß ein Chamäleon neidisch werden könnte.

Werturteile treten im Plural auf. Nicht nur, dass Andere andere Werturteile fällen, jeder fällt selbst eine Vielfalt von Werturteilen, die aufeinander aufbauen, sie begrenzen oder ausschließen: wir finden Fußball gut, aber „Bayern“ schlecht, lehnen Diebstahl ab, überlegen aber die Enteignung von Schlüsselindustrien oder die Vergesellschaftung von Wohnraum. Man kann „Legalize Cannabies“ unterstützen, den Genuss durch die eigene Tochter aber entschieden ablehnen.
 Diese Hinweise wären mal zu bedenken! Die Variabilität der Moral und der Werte fundiert sich, wie die Hinweise anzeigen, in der Volatilität des Meinens, des Empfindens …: Moral und Werte sind von Fall zu Fall ein ziemlich beliebiger Spielball der Subjektivität; wie Sie es ja auch beschreiben. – d’accord!
Rüdiger E. Böhle

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